{"id":5236,"date":"2003-01-01T00:00:59","date_gmt":"2002-12-31T22:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5236"},"modified":"2022-07-26T14:15:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:14","slug":"foderalismus-und-autonomie-in-der-anarchistischen-bewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/01\/foderalismus-und-autonomie-in-der-anarchistischen-bewegung\/","title":{"rendered":"F\u00f6deralismus und Autonomie in der anarchistischen Bewegung"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend verschiedener Interviews, die ein franz\u00f6sischer Student mit alten spanischen AnarchistInnen sechzig Jahre nach der Revolution von 1936 machte, fiel ihm auf, wie oft sie die Werte &#8222;Solidarit\u00e4t&#8220;, &#8222;F\u00f6deralismus&#8220; oder &#8222;Herrschaft&#8220; benutzten. Nachdem er die spanische Bewegung von ihren Anf\u00e4ngen bis 1939 studiert hatte, glaubte er abschlie\u00dfend bemerken zu k\u00f6nnen, dass &#8222;die Solidarit\u00e4t nicht ein spezifischer Wert nur der anarchistischen Bewegung ist, auch nicht der F\u00f6deralismus oder die Abschaffung der Herrschaft. Das Spezifische am Anarchismus, das ist die Gleichzeitigkeit, die Interaktion dieser drei Werte.&#8220; Erst diese Interaktion erlaube es, &#8222;bis ins Detail zu beschreiben, was es bedeutet, wenn sie von der Gleichwertigkeit von Zielen und Mitteln sprechen.&#8220; ((1)) Die Struktur dieser drei Werte ist gut dazu geeignet, die libert\u00e4re Weltanschauung zusammen zu fassen, und als ich diese Zeilen las, stach mir eine Parallele ins Auge, die ich mit den drei klassischen Aspekten des proudhonistischen Denkens ((2)) in Verbindung bringe: Mutualismus (Gegenseitigkeit), F\u00f6deralismus, Anarchismus.<\/p>\n<p>In ihrem Artikel in der franz\u00f6sischsprachigen Theoriezeitschrift <em>R\u00e9fractions<\/em> hat Fawzia Tabgui ((3)) &#8222;eine Evolution der Ideen Proudhons&#8220; festgestellt, &#8222;die ihn von einer anarchistischen Position der totalen Staatsablehnung zu einer f\u00f6deralistischen gef\u00fchrt haben, bei der die Staatsautorit\u00e4t zu den notwendigen Bedingungen des Gesellschaftslebens z\u00e4hlt.&#8220; F\u00fcr Bernard Voyenne ((4)) &#8222;f\u00fchrt das richtige Verst\u00e4ndnis des proudhonistischen F\u00f6deralismus zur \u00dcberbr\u00fcckung der Kluft, die die Lehre von der Trennung des Politischen vom Sozialen, des Rechts von der \u00d6konomie, des Pers\u00f6nlichen vom Kollektiven, des Inneren vom \u00c4u\u00dferen etabliert hat. Die Freiheit soll nicht dem Recht geopfert werden, die Spontaneit\u00e4t nicht der Organisation &#8211; das genau ist die Grundlage seiner Philosophie.&#8220; F\u00fcr Voyenne gibt es also keine zwei Proudhons, sondern aufeinander folgende Diskontinuit\u00e4ten und Konvergenzen in der Entwicklung seines Denkens.<\/p>\n<p>Voyenne weist auf die Neuartigkeit des F\u00f6deralismus Proudhons hin. Ich werde hier versuchen zu untersuchen, wie sich dieses Konzept in der anarchistischen Bewegung und beeinflusst durch ihre Erfahrungen weiter entwickelt hat. Man\/frau kann wirklich sagen, dass der F\u00f6deralismus seit der Zeit der I. ArbeiterInnen-Internationale (1864-72) f\u00fcr den Anarchismus konstitutiv war und dass er durch die anarchistische Bewegung gest\u00e4rkt wurde, besonders durch deren Kritik des Zentralismus und ihrer Bef\u00fcrwortung der Autonomie.<\/p>\n<h3>Die Organisation<\/h3>\n<p>Die drei wichtigsten Begriffe Bakunins stehen im Titel seiner Schrift <em>Die revolution\u00e4re Frage.<\/em> <em>F\u00f6deralismus, Sozialismus und Antitheologie<\/em>. ((5)) In diesem Werk entwickelt er das Programm, das er auf dem Kongress der &#8222;Friedens- und Freiheitsliga&#8220; 1867 pr\u00e4sentieren sollte und dessen Ablehnung den Autor schlie\u00dflich in die Reihen der I. Internationale trieb. In diesem Programm schlug Bakunin den definitiven Bruch mit den alten M\u00e4chten vor und die Organisation der Gesellschaft von unten: &#8222;die freie F\u00f6deration der Individuen in den Gemeinden, der Gemeinden in den Regionen, der Regionen in den Nationen, schlie\u00dflich dieser in den Vereinigten Staaten von Europa zuerst, und sp\u00e4ter der ganzen Welt.&#8220; ((6)) An anderer Stelle formulierte er dieselbe Idee mit dem Begriff der &#8222;freien Assoziation freier Produzenten.&#8220;<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Leistung der AnarchistInnen und der AnarchosyndikalistInnen (anarchistische GewerkschafterInnen) war es, dieses soziale Organisationsprinzip bei den eigenen Organisationen des Proletariats umgesetzt zu haben. Die fr\u00fche Gewerkschaft CGT (Allgemeine ArbeiterInnen-Konf\u00f6deration) in Frankreich, die FORA (Regionale ArbeiterInnen-F\u00f6deration Argentiniens) in Argentinien, die CNT (Nationale ArbeiterInnen-Konf\u00f6deration) in Spanien wurden nach diesen Prinzipien des F\u00f6deralismus und der Autonomie gegr\u00fcndet: wenn eines der beiden fehlte, war das andere inhaltslos geworden.<\/p>\n<p>&#8222;Der syndikalistische Organismus&#8220;, schrieb Emile Pouget im Jahre 1908 ((7)), &#8222;ist im wesentlichen f\u00f6deralistisch. An der Basis steht die Gewerkschaftsgruppe, das Syndikat, das eine Ansammlung von Arbeitern ist; auf der zweiten Ebene gibt es die F\u00f6deration der Syndikate und die Branchengewerkschaft der Syndikate, beides Ansammlungen von Syndikaten; dann, auf der dritten und letzten Ebene schlie\u00dflich gibt es die Allgemeine Arbeiter-Konf\u00f6deration, die eine Ansammlung von F\u00f6derationen und Branchengewerkschaften der Syndikate ist. Auf jeder Ebene ist die Autonomie des Organismus verwirklicht: Die F\u00f6derationen und Branchengewerkschaften sind autonom innerhalb der Konf\u00f6deration; die Syndikate sind autonom innerhalb der F\u00f6deration und der Branchengewerkschaft; und die einzelnen Syndikalisten sind autonom innerhalb der Syndikate.&#8220;<\/p>\n<p>Die Federaci\u00f3n Obrera Regional Argentina (FORA) hat in seinem f\u00f6derativen Abkommen von 1904 nichts anderes ausgedr\u00fcckt: &#8222;Die Arbeiter-Vereinigung ist frei und autonom im Rahmen der lokalen F\u00f6deration, frei und autonom im Rahmen der Bezirksf\u00f6deration, frei und autonom im Rahmen der Regionalf\u00f6deration.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Die AktivistInnen der spanischen CNT dr\u00fccken es lyrischer aus: &#8222;Die wahren Prinzipien leben in der f\u00f6deralistischen Praxis. Das bedeutet die Autonomie in allen Bereichen: beim Individuum ist sie das konkrete soziale und biologische Prinzip; ebenso in der Gruppe, in der lokalen F\u00f6deration, in der Gemeinschaft. Sie ist das Prinzip der Freiheit, das auf Gegenseitigkeit basiert und in alle Richtungen kreist, nicht nur in eine einzige. Sie ist die Toleranz und der Geist des Altruismus&#8230;&#8220; ((9))<\/p>\n<p>Schon in der I. Internationale hatte der Konflikt zwischen den Anh\u00e4ngerInnen von Marx und denen von Bakunin, zwischen &#8222;Zentralisten&#8220; und &#8222;F\u00f6deralisten&#8220; Auswirkungen auf die Gesellschaft (Emanzipation des Proletariats durch politische Machteroberung f\u00fcr die einen, durch die Abschaffung aller politischen Macht durch die anderen), aber auch auf die Organisation der Internationale selbst. F\u00fcr die F\u00f6deralistInnen war der &#8222;Generalrat der I. Internationale&#8220; kein diktatorisches Organ, sondern ein einfaches Koordinierungsgremium: &#8222;Die Autonomie und die Unabh\u00e4ngigkeit der F\u00f6derationen und Arbeitersektionen sind die erste Bedingung der Emanzipation der Arbeiter.&#8220; ((10))<\/p>\n<p>Nach der Spaltung von 1872 wurde der Generalrat folgerichtig in ein f\u00f6derales B\u00fcro umgewandelt, ein einfaches Kommunikationsb\u00fcro im Dienste der Sektionen und der F\u00f6derationen, und nicht mehr der Ort, wo die Politik der Organisation geschmiedet und entschieden wurde, wie noch zu Zeiten von Marx und dem Generalrat in London. ((11)) Was die Kritik einiger Zentralisten am Einfluss und der Rolle der Jura-F\u00f6deration anbetrifft, kann gesagt werden, dass letztere immer mit offenen Karten gespielt hat, w\u00e4hrend sie mit dem f\u00f6derativen B\u00fcro der Internationale betraut war. Sie hat sich darauf beschr\u00e4nkt, als Briefkasten und Kassenstelle f\u00fcr die verschiedenen Sektionen zu fungieren.<\/p>\n<p>&#8222;Hierauf gr\u00fcndet&#8220;, so schrieb Claude Parisse, wobei er sich auf eine weniger weit zur\u00fcck liegende Zeit berief, &#8222;die Originalit\u00e4t und das Paradox des libert\u00e4ren Denkens: die Einigkeit der Anarchisten beruht darauf, gemeinsam die Autonomie jedes einzelnen anzuerkennen, sei es ein Individuum oder eine Gruppe. Und es geht dabei nicht zuerst um ihre ideologische Autonomie, sondern viel tief greifender und in gewisser Weise auch viel realistischer: die Autonomie, die sich aus ihrer sozialen Wirklichkeit ergibt, aus den besonderen Bedingungen des Ortes und den sozialen Handlungen, die sie konstituieren.&#8220; ((12))<\/p>\n<h3>Zentralismus und F\u00f6deralismus<\/h3>\n<p>Die dauerhaften Prinzipien haben sich in der Geschichte der anarchistischen und syndikalistisch-revolution\u00e4ren Bewegung durch viele Debatten, Spannungen, Konfrontationen und gl\u00fcckliche oder weniger gl\u00fcckliche Erfahrungen hindurch bew\u00e4hrt. In bestimmten Perioden wurden sie auf eine Weise propagiert, in der das geschriebene Wort der Propaganda der Tat in nichts nachstand.<\/p>\n<p>&#8222;Der F\u00f6deralismus ist eine Lebensweise&#8220;, erkl\u00e4rten die Schweizer SyndikalistInnen im Jahre 1910 stolz. ((13)) &#8222;F\u00fcr uns, die wir an unsere Erfahrungen glauben, degradiert jede Zentralisation die Menschen, nimmt ihnen den Schwung, schr\u00e4nkt ihr Potential, ihre Initiative ein, und etabliert schlie\u00dflich die Machtlosigkeit und Unterw\u00fcrfigkeit der Massen. (&#8230;) <em>Der F\u00f6deralismus sichert dagegen die Welt der Zukunft.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p>Es ist der F\u00f6deralismus &#8211; verstanden als &#8222;Vereinigung, freier Zusammenschluss; er kennt keine Unterordnung der Individuen oder der Gruppen -, der den Gegensatz zur Zentralisation bildet; und nicht die Dezentralisation.<\/p>\n<p>Die Erfahrungen, auf die sich diese SyndikalistInnen bezogen, stammen ohne Zweifel von den franz\u00f6sischen Arbeiterb\u00f6rsen, diesen &#8222;Institutionen des Kampfes und der Regeneration, in denen Fernand Pelloutier sowohl ein Mittel der Gesellschaftsver\u00e4nderung als auch eine Keimzelle der zuk\u00fcnftigen \u00d6konomie erblickte&#8220;, wie es Bernard Voyenne so sch\u00f6n ausgedr\u00fcckt hat. ((14)) Mit ihren B\u00fcros der Arbeitsvermittlung und Arbeitsstatistik, ihrer Arbeitslosenhilfe und ihren Lebensversicherungen, ihren Debatten und Konferenzen waren sie ein Modell des praktischen F\u00f6deralismus, sowohl was ihren Geist als auch ihre t\u00e4gliche Arbeit anbetraf: ein Modell, &#8222;das zugleich orts- und berufsbezogen ist, wo Jugendliche, B\u00fcroangestellte, Buchdrucker, Musikgesellschaften, die verschiedensten Vereine (Esperantisten, Antimilitaristen, Vegetarier usw.) sich treffen und ihre unterschiedlichen Ans\u00e4tze diskutieren konnten, um das gemeinsame Projekt zu bereichern, das in gro\u00dfen Teilen der Arbeiterschaft verwurzelt war.&#8220; ((15)) Gegen\u00fcber dem Staat und dem Lohnsystem haben die Arbeiterb\u00f6rsen lange Zeit ihre Autonomie und ihre auf Gegenseitigkeit gr\u00fcndende Selbstverwaltung aufrecht erhalten k\u00f6nnen, bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Institutionalisierung des Syndikalismus nicht mehr den Prinzipien der ArbeiterInnen-Konf\u00f6derationen entsprochen hat, sie ihres Sinnes entleert hat.<\/p>\n<p>Innerhalb des dominanten Systems tauchen wiederholt Freir\u00e4ume auf, Zonen des Widerstands und der Utopie, wo sich immer wieder \u00e4hnliche Sehns\u00fcchte nach Autonomie, gegenseitiger Hilfe und des F\u00f6deralismus verwirklichen. Wir wissen gut, dass das keine &#8222;tempor\u00e4ren autonomen Zonen&#8220; oder &#8222;bolo bolos&#8220; ((16)) sind, die die politische Macht durch ihre blo\u00dfe Existenz abschaffen, aber wir k\u00f6nnten davon tr\u00e4umen, in ihnen eine zeitgen\u00f6ssische, moderne Form des Projekts der Arbeiterb\u00f6rsen zu sehen. Die kulturellen, \u00f6konomischen und politischen Austauschbeziehungen, die au\u00dferhalb der etablierten Kreise bei Hausbesetzungen, Tauschb\u00f6rsen, Musikgruppen, \u00fcber die Kommunikation im Internet oder bei den Demonstrantionen von Genua oder anderswo entstehen, zum Beispiel auch bei sich selbst verwaltenden Gewerkschaftsgruppen im franz\u00f6sischen Sprachraum, dokumentieren den beredten Wunsch nach einer libert\u00e4ren Form des F\u00f6deralismus. Dieser soll autonom und solidarisch sein, und gegen die Zentralisation des Geldes und der Macht gerichtet, welche sich mit dem Namen der Globalisierung schm\u00fcckt.<\/p>\n<h3>Die Gemeinden und der Staat<\/h3>\n<p>Zur\u00fcck in die Geschichte. Als Alexis de Tocqueville 1832 aus Amerika zur\u00fcck kehrte, berichtete er von der US-amerikanischen Demokratie und betonte dabei das Prinzip der &#8222;Souver\u00e4nit\u00e4t des Volkes&#8220; und das kommunale System, das daraus entstanden war. Er wies dabei auf die Widerspr\u00fcche hin ((17)): &#8222;Unter allen Freiheiten&#8220;, so schrieb er, &#8222;ist die Gemeindefreiheit, die sich unter so schwierigen Bedingungen heraus gebildet hat, auch diejenige, die am st\u00e4rksten der Intervention der Herrschenden ausgesetzt ist. Sich selbst \u00fcberlassen k\u00f6nnen die kommunalen Institutionen kaum erfolgreich gegen eine schlaue und starke Regierung bestehen.&#8220;<\/p>\n<p>Ca. vierzig Jahre sp\u00e4ter hat die kurze und leuchtende Geschichte der Pariser Kommune (1871) und kleinerer Kommunen in der Provinz die Hypothese von Tocqueville best\u00e4tigt, aber ebenso aufgezeigt, welches Potential der Revolte und des Aufstands in den Gemeinden liegt, welche emotionalen und vision\u00e4ren Kr\u00e4fte in ihnen schlummern. Trotz des Scheiterns und der nachfolgenden Repression haben die zehn Wochen zwischen der Proklamation der Pariser Kommune am 18. M\u00e4rz 1871 und dem Triumph des Reaktion\u00e4rs Thiers am 26. Mai f\u00fcr immer die politische Kultur der Arbeiterbewegung gepr\u00e4gt, mehr als jedes Ereignis davor.<\/p>\n<p>Wie die publizierten Schriften von Marx und Bakunin zeigen, standen die Beziehungen zwischen der Kommune, dem Staat und der Revolution sehr schnell im Mittelpunkt der Diskussionen. Auf dem Kongress der Jura-F\u00f6deration von 1878 lehnte Peter Kropotkin die Idee der politischen Beteiligung, von der andere Delegierte tr\u00e4umten, ab und sch\u00e4tzte die Gemeindeebene als ein besonderes Terrain f\u00fcr die Aktivit\u00e4t von Revolution\u00e4rInnen ein ((18)): &#8222;Die Staaten schreiten auf ihren Abgrund zu, um den freien und frei f\u00f6derierten Gemeinden Platz zu machen. Es ist in der Gemeinde und bei den vielf\u00e4ltigen Fragen des kommunalen Interesses, wo wir das Feld f\u00fcr die theoretische Propaganda und die revolution\u00e4re Verwirklichung unserer kollektivistischen und anarchistischen Ideen vorfinden.&#8220;<\/p>\n<p>Erinnern wir uns, dass diese Diskussion in der Schweiz statt fand, und dass die Bemerkungen Tocquevilles die USA betrafen: das hat eine besondere Bedeutung, die w\u00e4hrend der aktuellen Diskussionen um Kommunalismus (oder Munizipalismus) in der anarchistischen Bewegung oft vergessen wird.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich haben die Gemeinden in f\u00f6derierten Staatenb\u00fcnden wie den Vereinigten Staaten oder der Schweizer Eidgenossenschaft einen von zentralistischen Staaten stark verschiedenen Status. Im Staat Bolivien gibt es heute 311 Gemeinden auf einem Gebiet von einer Million Quadratkilometer, weniger als im Schweizer Kanton Waadt, wo es 320 Gemeinden auf einem Gebiet von 3200 Quadratkilometern gibt. Und es ist nur ein Jahrzehnt her, seit die bolivianischen Gemeinden \u00fcber einen eigenen Finanzhaushalt verf\u00fcgen. In der Schweiz dagegen soll die Gemeinde eigentlich die Basiseinheit des f\u00f6derativen Aufbaus bilden, aber ihre finanzielle, wirtschaftliche, politische und kulturelle Autonomie wird immer mehr zugunsten von Kontrollm\u00f6glichkeiten der \u00fcbergeordneten Ebenen, der Kantone und der Konf\u00f6deration, eingeschr\u00e4nkt, wodurch das Gemeinschaftsleben immer mehr erschwert wird. In Frankreich h\u00e4ngen die finanziellen M\u00f6glichkeiten der Gemeinden zum gro\u00dfen Teil von den Zuteilungen ab, die sie vom Zentralstaat bekommen. ((19)) Der Staat selbst hat dort jetzt Gesetze erlassen, die die Dezentralisation verst\u00e4rken sollen.<\/p>\n<p>In den heutigen Diskussionen \u00fcber Dezentralisierung, die oft nur ein anderes Wort f\u00fcr die Mitverwaltung des Staatsapparates oder der gro\u00dfen Konzerne ist, bedeuten die &#8222;Autonomie&#8220;-Statuten, die den Regionen von den Nationalstaaten zugestanden werden, oftmals das Ende der Solidarit\u00e4t unter einander und die Ausweitung der Trennungen. Die ProletarierInnen sehen sich nunmehr als &#8222;Flamen&#8220; oder &#8222;Wallonen&#8220;, &#8222;Katalanen&#8220; oder &#8222;Basken&#8220;, tappen leider in die Falle des Rassismus, die ihnen die PolitikerInnen legen. Das sind die j\u00fcngsten Ergebnisse aus L\u00e4ndern, in denen &#8222;von oben&#8220; eine angeblich f\u00f6deralistische Struktur eingef\u00fchrt wurde. Vor dem Referendum vom Oktober 2001, das einen begrenzten F\u00f6deralismus in die italienische Verfassung verankern sollte, hat die Federazione dei Communisti Anarchici (F\u00f6deration kommunistischer AnarchistInnen) den tr\u00fcgerischen Charakter solcher Ma\u00dfnahmen offen gelegt: ((20))<\/p>\n<p>&#8222;Der vorgeschlagene F\u00f6deralismus ist unsolidarisch: er fu\u00dft auf der Delegation von Aufgaben an die lokalen Institutionen, um die lokalen Ressourcen abzusch\u00f6pfen, Ungleichheit zu subventionieren, eine bessere Herrschaft des Kapitals \u00fcber die Arbeit zu etablieren und die Solidarit\u00e4t unter den Ausgebeuteten zu brechen. In einem libert\u00e4ren Gesellschaftsentwurf w\u00e4re der F\u00f6deralismus solidarisch und w\u00fcrde die Verteilung der Ressourcen zwischen reichen und armen Regionen erm\u00f6glichen. Das neue Verfassungprinzip der vertikalen Subsidiarit\u00e4t (Hilfe) unter den Institutionen st\u00e4rkt nur die Struktur der Regierung. In ihrer libert\u00e4ren Bedeutung dagegen w\u00fcrde die Subsidiarit\u00e4t auf der institutionellen Ebene mit verschiedenen sozialen Ebenen kooperieren, vor allem mit den Versammlungen an der Basis und der Beteiligung aller an der politischen Verwaltung, mit auf Selbstverwaltung basierenden Strukturen und der Abneigung gegen gew\u00e4hlte Delegierte. Das neue Verfassungsprinzip der horizontalen Subsidiarit\u00e4t dient nur der Zerst\u00f6rung der \u00f6ffentlichen Dienstleistungen und der Schaffung neuer Profitm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Unternehmen. In ihrer libert\u00e4ren Version w\u00e4re sie ein Instrument der Selbstverwaltung und der Partizipation.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn sich eine Bev\u00f6lkerung organisiert, um eine Krise abzuwehren, entstehen f\u00f6deralistische Gremien auf spontane Weise. Die Viertelversammlungen in Argentinien, die Organisation der D\u00f6rfer in Chiapas haben erst vor kurzer Zeit die libert\u00e4ren Entscheidungsmodelle wieder belebt: die Entscheidungen werden von allen Gemeindemitgliedern getroffen, es gibt imperatives Mandat, r\u00fcckrufbare Delegierte, interne Demokratie. Im Gegensatz zur Herrschaft des Staates und des Geldes, im Gegensatz zur politischen Macht, die davon tr\u00e4umt die Repr\u00e4sentation zu okkupieren, n\u00e4hrt sich diese Macht von unten aus ihrem sozialen Projekt und aus ihrer horizontalen Kooperation, aus der Hoffnung und dem Mut, den die Menschen zeigen, wie auch immer ihre Erfolgschancen aussehen. Niemals kann eine von oben dekretierte Dezentralisierung eine solche Autonomie der Versammlungen, Gemeinden und Regionen verwirklichen.<\/p>\n<h3>Vereinigen wir unsere Energien!<\/h3>\n<p>Wie wir gesehen haben, umfasst der Begriff des F\u00f6deralismus sehr unterschiedliche Realit\u00e4ten, selbst wenn man\/frau ihm das Adjektiv &#8222;libert\u00e4r&#8220; hinzuf\u00fcgt. Ich wollte hier trotz einiger Umwege die positiven Werte, die die anarchistische Tradition mit ihm verbindet, wieder aufsuchen.<\/p>\n<p>Der Grund ist nicht nur ein historischer oder theoretischer.<\/p>\n<p>Seit einigen Jahren haben die AnarchistInnen in vielen Regionen der Welt wieder eine \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit bekommen, die sie zumindest in ihrer letzten Generation nicht mehr hatten. Das liegt nicht nur an der Anziehungskraft, die der Anarchismus angesichts des Betrugs des Bolschewismus oder des Betrugs der Globalisierung aus\u00fcbt.<\/p>\n<p>Je mehr sich die Organisationen und die Abk\u00fcrzungsformeln von Gruppen vervielfachen, desto lauter werden auch die Vorschl\u00e4ge und Versuche zu ihrer Vereinigung, zur Zusammenarbeit, zur Neugruppierung der Libert\u00e4ren, sei es w\u00e4hrend der gro\u00dfen Versammlungen in den St\u00e4dten, in denen sich gleichzeitig die selbst ernannten M\u00e4chtigen der Welt treffen, sei es w\u00e4hrend weniger lauter Treffen von einzelnen und Gruppen in Herbergen auf dem Lande, sei es inmitten der ungez\u00e4hlten Netzwerke der sogenannten Affinit\u00e4tsgruppen (Bezugsgruppen).<\/p>\n<p>Wie kann diese f\u00f6derative Vereinigung aussehen, die sich so viele AnarchistInnen w\u00fcnschen? Nach Claude Parisse ((21)) &#8222;besteht sie genau darin, die Vielf\u00e4ltigkeit und Autonomie der Kampfformen, der Gruppen und der individuellen Aktionen anzuerkennen und sie zum Leben zu erwecken; kurz in der Vielfalt des wirklichen Lebens im Gegensatz zur k\u00fcnstlichen Einheit der Parteien, des Staates, der Kirchen, der Sekten oder des Spektakels der Massenmedien.&#8220; Als sich die anarchistische Bewegung franz\u00f6sischer Sprache nach dem Zweiten Weltkrieg selbst marginalisiert hat, &#8222;weit entfernt von jedem sozialen Einfluss, wurde &#8218;Affinit\u00e4t&#8216; nur noch ideologisch verstanden und ist der &#8218;F\u00f6deralismus&#8216; vom weit ausgreifenden sozialen Prozess, der er w\u00e4hrend des Syndikalismus und in den Anfangszeiten der libert\u00e4ren Bewegung war, zu einem ebenso heiligen wie obskuren Organisationsbegriff geworden &#8211; ein Objekt endloser Debatten, die sich nur darum drehten, die Beziehungen von etwas \u00fcber zehn anarchistischen Gruppen, die man noch im Lande z\u00e4hlte, zu regeln: ein F\u00f6deralismus der Armseligkeit.&#8220;<\/p>\n<p>Das kann man\/frau heute eindeutig nicht mehr sagen. Wenn eine andere Welt m\u00f6glich werden soll, braucht sie subversive, unversch\u00e4mte, radikale, Aufsehen erregende Vorschl\u00e4ge, die von allen anarchistischen Gruppen vorgebracht werden k\u00f6nnen. Es sind solche Vorschl\u00e4ge, unsere Leidenschaft und unsere Energien, die wir f\u00f6derieren m\u00fcssen, wenn wir zum Hebel der sozialen Transformation und eine Keimzelle der wirtschaftlichen Zukunft werden wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend verschiedener Interviews, die ein franz\u00f6sischer Student mit alten spanischen AnarchistInnen sechzig Jahre nach der Revolution von 1936 machte, fiel ihm auf, wie oft sie die Werte &#8222;Solidarit\u00e4t&#8220;, &#8222;F\u00f6deralismus&#8220; oder &#8222;Herrschaft&#8220; benutzten. Nachdem er die spanische Bewegung von ihren Anf\u00e4ngen bis 1939 studiert hatte, glaubte er abschlie\u00dfend bemerken zu k\u00f6nnen, dass &#8222;die Solidarit\u00e4t nicht ein &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/01\/foderalismus-und-autonomie-in-der-anarchistischen-bewegung\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"F\u00f6deralismus und Autonomie in der anarchistischen Bewegung - graswurzelrevolution","description":"W\u00e4hrend verschiedener Interviews, die ein franz\u00f6sischer Student mit alten spanischen AnarchistInnen sechzig Jahre nach der Revolution von 1936 machte, fiel ihm"},"footnotes":""},"categories":[334,1042],"tags":[],"class_list":["post-5236","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-275-januar-2003","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5236","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5236"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5236\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5236"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5236"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5236"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}