{"id":5240,"date":"2003-01-01T00:00:59","date_gmt":"2002-12-31T22:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5240"},"modified":"2022-07-26T14:15:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:14","slug":"die-aufsassige","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/01\/die-aufsassige\/","title":{"rendered":"Die Aufs\u00e4ssige"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt wohl wenige Aktive in der anarchistischen Bewegung Europas, die in ihrem Leben so unmittelbar den \u00dcbergang von den alten revolution\u00e4ren Bewegungen des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts zu den antimilitaristischen und \u00f6kologischen K\u00e4mpfen in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts gelebt und durchgehalten haben wie die franz\u00f6sische Anarchistin May Picqueray, die in der franz\u00f6sischen anarchistischen Bewegung auch den ehrenvollen Zusatznamen &#8222;La R\u00e9fractaire&#8220; (Die Dissidentin oder die Aufs\u00e4ssige, d.A.) angeh\u00e4ngt bekommen hat. 2003 j\u00e4hrt sich zum zwanzigsten Mal der Todestag dieser im deutschen Sprachraum g\u00e4nzlich unbekannten Anarchistin und R\u00e9sistance-Widerst\u00e4ndlerin.<\/p>\n<h3>May Picqueray in Paris<\/h3>\n<p>May wuchs in der kleinen bretonischen K\u00fcstenstadt Saint-Nazaire auf. Nach einigen Jahren in Kanada, wo sie Englisch lernte, kam sie als Achtzehnj\u00e4hrige am Ende des Ersten Weltkriegs und auf der Flucht vor ihren Eltern und einer bereits gescheiterten Ehe nach Paris. Im Quartier Latin \u00fcberschnitten sich die Milieus der aus der konservativen Bretagne fl\u00fcchtenden Jugendlichen und der AnarchistInnen. Sie h\u00f6rte Vortr\u00e4ge des damaligen anarchistischen Intellektuellen S\u00e9bastien Faure und f\u00fchlte sich von nun an f\u00fcr immer der anarchistischen Bewegung verbunden. Sie lernte 1921 den libert\u00e4ren Kriegsdienstverweigerer Louis Lecoin kennen, der die Zeit des Ersten &#8211; und auch die meiste Zeit des Zweiten &#8211; Weltkrieges im Gef\u00e4ngnis verbrachte, weil er nicht am Krieg beteiligt sein wollte. Mit ihm und anderen AnarchistInnen teilte May Picqueray ihren Abscheu vor dem Krieg und entwickelte jene typische Form des franz\u00f6sischen anarchistischen Antimilitarismus, der nicht frei von Widerspr\u00fcchen ist und auch nicht immer mit Gewaltfreiheit gleichzusetzen. Lecoin etwa lief im Paris der zwanziger Jahre meist bewaffnet herum und sammelte auch Waffen f\u00fcr die spanischen Revolution\u00e4rInnen von 1936. May Picqueray unternahm mit einigen Mitgliedern ihrer Pariser Gruppe eine Reise zu den Schlachtfeldern im Norden und an der Somme. Dort stellten sie aus Armeebest\u00e4nden eine Kiste Granaten sicher und versteckten sie in Paris f\u00fcr ihre seltsame Art der antimilitaristischen Aktion.<\/p>\n<p>Eine dieser Granaten kam auch schnell zur Anwendung, als sie Lecoin kennen gelernt hatte. Louis Lecoin hatte zusammen mit May und anderen AnarchistInnen ein Unterst\u00fctzungskomitee f\u00fcr Sacco und Vanzetti gegr\u00fcndet, jene zwei italienischen Anarchisten, die in den USA f\u00e4lschlicher Weise wegen Raubmordes zum Tode verurteilt worden waren. Weil die franz\u00f6sische b\u00fcrgerliche Presse zu diesem Skandal schwieg, wollte sie May Picqeray mit einer Granate noch im Jahr 1921 aufwecken, die sie per Geschenkpaket an die US-amerikanische Botschaft in Paris sandte. Das P\u00e4ckchen wurde schon im Vorzimmer des Botschafters ge\u00f6ffnet und die Granate konnte noch in die Ecke geworfen werden, bevor sie explodierte. Niemand kam um, doch sie richtete betr\u00e4chtlichen Sachschaden an. In ihrer 1979 erschienenen Autobiographie meint May, die Granate h\u00e4tte ihre Schuldigkeit getan, denn danach h\u00e4tten auch die gro\u00dfen franz\u00f6sischen Zeitungen regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber den US-Justizskandal berichtet. Nun ja&#8230;<\/p>\n<h3>Reise nach Moskau<\/h3>\n<p>Schnitt. Kurz darauf agierte May Picqueray allerdings weitaus mutiger und unter Einsatz ihres eigenen Lebens, und diesmal war ihre Aktion keineswegs widerspr\u00fcchlich: als Vertreterin der Metallarbeiterf\u00f6deration, wo sie eine Stelle als Sekret\u00e4rin angenommen hatte, reiste sie zusammen mit dem Delegierten Lucien Chevalier 1922 zum Kongress der &#8222;Roten Gewerkschafts-Internationale&#8220; nach Moskau. Die russische Revolution war auch in Frankreich viel diskutiert worden. Je mehr \u00fcber die Methoden des neuen bolschewistischen Regimes und die Unterdr\u00fcckung der AnarchistInnen, der libert\u00e4ren Machno-Bewegung und des Aufstandes der libert\u00e4ren Matrosen von Kronstadt bekannt wurde, je st\u00e4rker also die Kritik der AnarchistInnen wurde, desto geteilter die Meinungen unter den Arbeitenden. Lenin wollte auf dem Moskauer Kongress die Gewerkschaften aus aller Welt der Linie der Kommunistischen Partei unterwerfen. Dieses Ansinnen hatte in Frankreich bereits zur Spaltung der alt-ehrw\u00fcrdigen anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CGT (Conf\u00e9d\u00e9ration G\u00e9n\u00e9rale du Travail) gef\u00fchrt. Die Metallarbeiterf\u00f6deration geh\u00f6rte zur in Frankreich unterlegenen Minderheit und sollte in Moskau gegen Lenins Statut stimmen. May und Lucien reisten \u00fcber Berlin, wo gerade Emma Goldman und Alexander Berkman aus Russland eingetroffen waren. Sie waren desillusioniert \u00fcber Hunger, Repression und den Niedergang der russischen Revolution und erz\u00e4hlten den beiden brandhei\u00df ihre aktuelle Einsch\u00e4tzung. Dabei baten sie May, sich f\u00fcr die Freilassung der beiden US-amerikanischen AnarchistInnen Senya Flechin und Mollie Steimer einzusetzen, die im Knast der Tscheka (Geheimdienst der Bolschewiki) in Archangelsk schmachteten. May Picqueray lernte auf der Reise die grausamen Lebensbedingungen der Menschen im russischen Winter 1922 kennen, ihren Hunger und ihre Angst vor Repression. Sie besuchte illegal neben den Konferenzsitzungen im Untergrund lebende Anarchisten wie Nicolas Lazarevitch oder Ex-Anarchisten wie Victor Serge, die nun die Bolschewiki unterst\u00fctzten. Victor Serge&#8217;s damalige Ausrede, die Bolschewiki seien die einzige Kraft, die Ordnung in das Chaos der Revolution bringen konnten, lie\u00df May keine Sekunde gelten, meint in ihrer Autobiographie sp\u00e4ter aber gn\u00e4dig: &#8222;Er sollte seinen Fehler bald einsehen.&#8220; W\u00e4hrend und nach dieser Reise nahm May Picqueray kein Blatt vor den Mund und denunzierte gnadenlos den Scherbenhaufen der Revolution, den sie mitansehen musste &#8211; ganz im Gegensatz zu vielen Sowjetunion-Reisen so vieler Revolution\u00e4rInnen aus dem Westen. Bereits beim zweiten Gala-Diner zum Empfang der Kongressdelegierten im Kreml sprang sie w\u00fctend auf den Tisch und protestierte lauthals gegen die V\u00f6llerei der Delegierten, wo im Lande doch Hunger herrsche.<\/p>\n<p>Und nachdem die Minderheit, die das Leninsche Statut ablehnte, die Abstimmung &#8211; wie zu erwarten war &#8211; klar verloren hatte, der Kongress vorbei und bei einem letzten Abend sogar Trotzki und Sinovjew anwesend waren, wurde May Picqueray gebeten, ein franz\u00f6sisches Chanson zu singen. Sie tat das gerne und sang den Text ihres damaligen Lieblingschansonniers Charles d&#8217;Avray lauthals: &#8222;Auf, auf, ihr alten Revolution\u00e4re, die Anarchie wird endlich triumphieren!&#8220; In ihrer Autobiographie schreibt sie: &#8222;Oh war das sch\u00f6n, danach in die Gesichter der Kommunisten zu schauen! Wenn sie gekonnt h\u00e4tten, h\u00e4tten sie mich auf der Stelle hingerichtet.&#8220;<\/p>\n<p>Der Wagemut May Picquerays wird erst deutlich, wenn man\/frau weiss, dass ihr Delegiertenstatus keineswegs eine Lebensversicherung war. Einige Delegierte sind auf solchen Reisen umgekommen, May&#8217;s Genossen Lepetit und Vergeat waren mit demselben Status im vorher gehenden Jahr in der Sowjetunion f\u00fcr immer verschwunden. Und trotz diesem Affront gingen Lucien und May wenige Tage nach Konferenzende direkt zum B\u00fcro Leo Trotzkis, um die Freilassung von Senya Flechin und Mollie Steimer zu erbitten. Dabei gab May Trotzki weder zur Begr\u00fc\u00dfung noch zum Abschied die Hand, weil an ihr das Blut von Kronstadt und der Machno-Bewegung klebte, wie sie sp\u00e4ter schrieb. Mit W\u00fcrde, Selbstbewusstsein und Selbstachtung \u00fcbergab sie ihm das Gesuch, und wirklich: einige Wochen sp\u00e4ter kamen die beiden FreundInnen von Emma Goldman frei und alle trafen sich kurz darauf in Frankreich wieder!<\/p>\n<p>Der Kampf wurde auch nach Mays R\u00fcckkehr in Paris blutig ausgetragen: bei einem Gewerkschaftstreffen Anfang 1924 schie\u00dfen pl\u00f6tzlich die im Saal &#8222;Grange-aux-Belles&#8220; anwesenden KommunistInnen auf die AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen. Auf deren Seite bleiben zwei Tote und mehrere Verletzte.<\/p>\n<h3>Eine andere Art von R\u00e9sistance<\/h3>\n<p>In den zwanziger Jahren war May oft in Saint-Tropez an der s\u00fcdfranz\u00f6sischen K\u00fcste, wohin sich Emma Goldman und Alexander Berkman mit einem kleinen Haus (&#8222;Bon Esprit&#8220; genannt) zur\u00fcck gezogen hatten, um ihre Memoiren zu schreiben. May war ihre Sekret\u00e4rin und hat die Manuskripte von Goldmans mehrb\u00e4ndiger Autobiographie Korrektur gelesen und getippt.<\/p>\n<p>May bekam insgesamt drei Kinder, Sonia, Marie-May, Lucien &#8211; von drei verschiedenen M\u00e4nnern, die nat\u00fcrlich noch dazu alle recht schnell anderer Wege gingen. Vielleicht war es ihre Lebenserfahrung, die Kinder als allein erziehende Mutter und Aktivistin in schlimmen Zeiten \u00fcber Wasser halten zu m\u00fcssen, die sie f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingskinder aus der spanischen Revolution interessierte. Schon vorher hatte sie jahrelang in Paris Fl\u00fcchtlinge aufgenommen und an AnarchistInnen mit Wohnraum weiter vermittelt, darunter auch den aus Russland geflohenen Nestor Machno. Louis Lecoin hatte w\u00e4hrend der spanischen Revolution die SIA (Secours International Anarchiste) f\u00fcr franz\u00f6sische Spanienhilfe und zur Unterst\u00fctzung von Fl\u00fcchtlingen gegr\u00fcndet, doch May Picqueray konzentrierte sich bald auf das &#8222;Comit\u00e9 d&#8217;Aide aux Enfants Espagnols&#8220;. Die Kinder der Revolution\u00e4rInnen wurden oft im voraus nach Frankreich gesandt, w\u00e4hrend die Eltern noch k\u00e4mpften und hofften. May baute mit dem Comit\u00e9 Kinderkolonien auf und half den fl\u00fcchtenden Eltern, ihre Kinder nach ihrer Ankunft in Frankreich wieder zu finden. Als die Deutschen Paris besetzten und die ganze Stadt in heilloser Flucht (auch &#8222;der Exodus&#8220; genannt) gen S\u00fcden fl\u00fcchtete, wandte sich May in Toulouse der Hilfe f\u00fcr die politischen Gefangenen und die Exil-Lagerinsassen zu, wobei sie sich nicht scheute, als Anarchistin mit den Qu\u00e4kerInnen zusammen zu arbeiten. Obwohl es nicht zu ihrem Aufgabengebiet geh\u00f6rte, verschaffte sich May mit einem Qu\u00e4kerInnen-Hilfsausweis Zugang zum schlimmsten Lager Vernet, eine Zugstunde von Toulouse, dem Lager der politischen Gefangenen und \u00fcberredete den franz\u00f6sischen Lagerdirektor, jede Woche eine Lastwagenladung Medikamente und Nahrung ins Lager bringen zu k\u00f6nnen, den die Qu\u00e4kerInnen finanzierten. Ein ihr vertrauender Lageraufseher teilte ihr eines Tages mit, am n\u00e4chsten Tag w\u00fcrde eine Gestapo-Razzia im Lager deutsche politische Fl\u00fcchtlinge abholen. Noch in der Nacht verschwand May mit neun der bedrohten Fl\u00fcchtlinge, sie musste nun allerdings selbst fliehen und konnte ihre Qu\u00e4ker-Arbeit nicht mehr fortsetzen. Nach kurzem Versteck in Andorra ging sie zur\u00fcck nach Toulouse. Als sie erfuhr, dass der Anarchist Nicolas Lazarevitch in Vernet in kritischem Zustand war, gelang ihr noch ein Coup: sie ging mit ihrem Qu\u00e4ker-Ausweis direkt zu Pucheu, dem f\u00fcr die Lager Zust\u00e4ndigen in der faschistischen Vichy-Regierung. Er erkannte sie nicht als Fl\u00fcchtige, lobte die neutrale Hilfsarbeit der Qu\u00e4ker und h\u00f6rte sich ihre Bitte um Freilassung einer bestimmten Person an, und tats\u00e4chlich: Lazarevitch war der einzige politische Fl\u00fcchtling, der das Lager von Vernet kurz darauf legal verlassen durfte.<\/p>\n<p>May konnte im S\u00fcden nicht mehr arbeiten und ging nach Paris, wo sie mit libert\u00e4ren FreundInnen ein Fluchthilfenetz aufbaute und falsche Ausweise herstellte. Sie half mit den falschen P\u00e4ssen, Juden und J\u00fcdinnen, den Deportationen zu entkommen, und sp\u00e4ter franz\u00f6sischen ArbeiterInnen dem Zwangsarbeitsdienst zu entgehen. Die P\u00e4sse f\u00e4lschte sie mit Hilfe einer alten anarchistischen Freundin, die die deutsche Sprache konnte und im Zensurb\u00fcro der Nazis als Sekret\u00e4rin angestellt war. Bei ihr ging May ein und aus und f\u00e4lschte P\u00e4sse und Dokumente gleich vor Ort im B\u00fcro der Nazis selber. Bei all ihren R\u00e9sistance-Aktionen blieb May Picqueray organisatorisch immer unabh\u00e4ngig und schloss sich keiner der gro\u00dfen R\u00e9sistance-Organisationen Frankreichs an, wodurch sie zudem einigen Razzien entging. Au\u00dferdem verurteilte sie die Rache-Aktionen der R\u00e9sistancegruppen nach der Befreiung &#8211; vor allem an Frauen, die kollaboriert hatten (oder von denen das oft nur vermutet wurde) &#8211; auf das Sch\u00e4rfste und hielt sie f\u00fcr barbarisch. Irre, was May Picqueray w\u00e4hrend der Besatzung alles machte. In ihren verschiedenen Aktionen allein scheint eine andere Art R\u00e9sistance auf, die in ihrer Bedeutung bisher stark unterbewertet wurde. Auch Sonia, ihre Tochter, war in der R\u00e9sistance t\u00e4tig, sie allerdings als Verbindungsfrau verschiedener bewaffneter Gruppen auf dem Lande. ((1))<\/p>\n<h3>Kriegsdienstverweigerung, Larzac, Malville<\/h3>\n<p>Auch nach dem Krieg blieb May Picqueray der anarchistischen Bewegung verbunden. Ein wichtiger Ankn\u00fcpfungspunkt war f\u00fcr sie die Kampagne von Louis Lecoin f\u00fcr die in Frankreich zum Teil bereits jahrelang inhaftierten Kriegsdienstverweigerer und f\u00fcr die Etablierung eines Rechts auf Kriegsdienstverweigerung. Als Lecoin 1957 die Kampagne und seine Zeitung Libert\u00e9 (Freiheit) startete, beteiligte sich May bei einem jahrelangen Feldzug, der 1962 mit einem Hungerstreik des alten Lecoin und einem Kompromissgesetz endete, nach welchem Kriegsdienstverweigerer ein Jahr in der Forstwirtschaft, die zudem noch der Armee unterstand, als Ersatzdienst arbeiten konnten. Viele Kriegsdienstverweigerer zogen auch danach Haftstrafen von mehreren Monaten diesem Kompromiss vor. Doch Louis Lecoin, May Picqueray und ihre HelferInnen hatten das Milit\u00e4r heraus gefordert. Ihre Kampagne war besonders f\u00fcr die franz\u00f6sischen Kriegsdienstverweigerer im Algerienkrieg und sp\u00e4ter f\u00fcr die antimilitaristischen Aktionen der Bauern und B\u00e4uerinnen auf dem Larzac eine Ermutigung. 1971 starb Louis Lecoin, der politische Weggef\u00e4hrte May Picquerays f\u00fcr eine so lange Zeit: f\u00fcr sie war das eine gro\u00dfe Trag\u00f6die. Die Zeitung &#8222;Libert\u00e9&#8220; wurde zu Ehren von Lecoin und auf seinen Wunsch eingestellt, doch Picqueray redigierte von nun an bis kurz vor ihrem Tode eine Zeitung mit dem Titel Le R\u00e9fractaire (Der Dissident, der Aufs\u00e4ssige) in der Tradition des antimilitaristischen Anarchismus, den sie und Lecoin entwickelt hatten.<\/p>\n<p>May Picqueray unterst\u00fctzte auch die Larzac-Bewegung und die folgenden \u00f6kologischen Bewegungen der siebziger Jahre. Immer wieder nahm sie \u00f6ffentlich Stellung, unter anderem auch gegen die Ausweisung des deutschen RAF-Mitglieds Klaus Croissant, obwohl sie gegen die Praktiken der RAF einige Einw\u00e4nde hatte. Noch im Alter fand sie sich von der Nach-68er-Bewegung ermutigt und best\u00e4tigt und erhoffte sich von den jugendlichen AktivistInnen die Erf\u00fcllung ihrer alten Ideale. Als letzte Massenaktion, an der sie teilnahm, schildert sie in ihrer Autobiographie die internationale Demonstration von 60.000 Menschen gegen die Atomzentrale in Malville am 30.1.1977. ((2))<\/p>\n<p>Als May Picqueray 1983 starb, verlor die anarchistische Bewegung in Frankreich eine Aktivistin, der es wie kaum jemand sonst gelang, die Br\u00fccke zwischen den alten revolution\u00e4ren Bewegungen und den neuen sozialen Bewegungen am Ende des 20. Jahrhunderts zu schlagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt wohl wenige Aktive in der anarchistischen Bewegung Europas, die in ihrem Leben so unmittelbar den \u00dcbergang von den alten revolution\u00e4ren Bewegungen des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts zu den antimilitaristischen und \u00f6kologischen K\u00e4mpfen in der zweiten H\u00e4lfte des 20. 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