{"id":5246,"date":"2003-01-01T00:00:54","date_gmt":"2002-12-31T22:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5246"},"modified":"2022-07-26T14:26:09","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:09","slug":"irisches-totenbuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/01\/irisches-totenbuch\/","title":{"rendered":"Irisches Totenbuch"},"content":{"rendered":"<p>Mal Hand aufs Herz: wer h\u00e4tte Lust, einmal mit einem echten Terroristen zu sprechen? Mit einem ganz richtig echten Terroristen. Nicht mit einem sechsj\u00e4hrigen Pal\u00e4stinenserjungen, der m\u00fchsam versucht, einen israelischen Panzer mit Steinen zu treffen; nicht mit einer terroristisch gewaltlosen Castorblockiererin, eingebacken in ebenso terroristischen Beton; und nicht mit einem Heinrich Breloer, Gerd Conradt oder sonstigen Verantwortlichen der gegenw\u00e4rtigen RAF- Filmschwemme, die die neue Dimension des Terrors (vor allem f\u00fcr Nerven, Geschichtsbewu\u00dftsein und Geldbeutel) auf der Kinoleinwand sp\u00fcrbar macht.<em> \u00dcber<\/em> Terroristen wird st\u00e4ndig geredet&#8230;<\/p>\n<p>Dabei ist kein Begriff so drastischen konjunkturellen Schwankungen ausgesetzt wie der des &#8222;Terrorismus&#8220;: staatlich verordnetem Entsetzen vor furchtbaren Mordtaten steht staatlich verordnetes Schweigen vor den Greueln des &#8222;Terrors der \u00d6konomie&#8220; gegen\u00fcber. Mancher &#8222;Terrorist&#8220; ist inzwischen zum geachteten Staatsmann oder zahlungskr\u00e4ftigen B\u00fcndnispartner geworden &#8211; selbst mit der Familie Osama Bin Ladens lie\u00dfen sich bis vor kurzem in den USA ja noch blendend Gesch\u00e4fte abwickeln -, dieweil sich manch blutgierig autokratischer Schl\u00e4chter jahrelang im Wohlwollen westlicher Linker sonnen konnte, weil er den Kampf f\u00fcr &#8222;Freiheit&#8220; und gegen &#8222;Kapital&#8220; auf seine Banner gemalt hatte. Nein, nein, ganz so einfach, wie es sich heute anh\u00f6rt, ist das nicht mit dem &#8222;Terrorismus&#8220;. Wie sangen <em>Macca B and the Robotics<\/em> so sch\u00f6n: <em>&#8222;Who are the terrorists? \/ Who are the heroes? \/ Come tell me!&#8220;<\/em>. Da mu\u00df man doch miteinander reden! Also nochmal: wer m\u00f6chte?<\/p>\n<h3>Republican Voices<\/h3>\n<p>Das im Oktober diesen Jahres beim Unrast Verlag erschienene Buch <em>&#8222;Republican Voices. Stimmen aus der irisch-republikanischen Bewegung&#8220;<\/em> l\u00e4\u00dft jedem Freund des irischen Nordens, jedem politisch orientierten Historiker, Psycholinguisten oder sonstwie Interessierten die H\u00e4nde feucht werden: es geht ans Quellenstudium. Kevin Bean und Mark Hayes, ersterer Historiker an der University of Liverpool, letzterer Dozent am Southhampton Institute, und beide seit langem mit dem &#8222;Nordirland-Konflikt&#8220; besch\u00e4ftigt, haben mit insgesamt sechs ehemaligen und gar nicht so ehemaligen Mitgliedern der <em>Provisional IRA<\/em> ausf\u00fchrliche Gespr\u00e4che gef\u00fchrt. Ihre Gegen\u00fcber, Eamonn MacDermott, Brendan Hughes, Tommy McKearney, Mickey McMullen, Thomas Gorma und Anthony McIntyre, sind zwar zum Teil alte Bekannte, keiner von ihnen aber geh\u00f6rte &#8211; oder geh\u00f6rt &#8211; zur F\u00fchrungsriege von IRA oder Sinn Fein. Es spricht das Fu\u00dfvolk, und es spricht klar, deutlich, schlicht, bitter, witzig, mitunter selbstironisch und verbl\u00fcffend kritisch. Die von Bean und Hayes zwischen den Kapiteln eingef\u00fcgten Glossen sind das (bei aller Kenntnis) Uninteressanteste des ganzen Buches. Und selbst das hervorragende <em>&#8222;Nachwort zur deutschen Ausgabe&#8220;<\/em> vermag nichts gegen die im Stile eines guten Dokumentarfilms unkommentiert aneinandergereihten m\u00fcndlichen Zeugnisse der vergangenen vierzig Jahre (nord)irischer Geschichte. Je nach Orientierung und Geschmack lassen sich beim Lesen eigene kleine Forschungen betreiben: wer sprachwissenschaftlich interessiert ist, wird mit Staunen die leidenschaftliche verbale Detailversessenheit bemerken, mit der alte Kempen der IRA etwa \u00fcber interne politische Auseinandersetzungen berichten. Morde und Gewalttaten, ganz gleich, ob sie von der eigenen Seite oder von den britischen Besatzern ver\u00fcbt wurden, sind und bleiben dagegen <em>&#8222;Aktionen&#8220;<\/em> oder <em>&#8222;Operationen&#8220;<\/em> &#8211; Worth\u00fclsen, in denen das vergossene Blut verrinnt oder hinter denen ein nur m\u00fchsam kaschiertes mannhaftes Kriegerego die Muskeln schwellen l\u00e4\u00dft. Soziologisch Bewanderte d\u00fcrfen sich wundern, mit welch vehementer Beharrlichkeit irische Republikaner, die Fahne an der Wand, jeglichen &#8222;Nationalismus&#8220; von sich weisen. Und wer von der IRA als von einem Sto\u00dftrupp zur Befreiung der unterdr\u00fcckten Menschheit getr\u00e4umt hat, wird von MacDermott, Hughes &amp; Co. ebenso unsanft auf den Boden der Tatsachen zur\u00fcckgeholt wie jene, die hartn\u00e4ckig darauf bestehen, Terroristen als bedauerlichen Missgriff der Natur zu sehen; als blutsabbernde Zombies, die Worte wie &#8222;gesellschaftliche und politische Faktoren der Entstehung von Gewalt&#8220; oder &#8222;Ursachen&#8220; nicht einmal buchstabieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>&#8222;Keine Katholiken&#8220;<\/h3>\n<p>Denn Ursachen f\u00fcr Gewalt gab es in den fr\u00fchen sechziger Jahren in Irlands Norden wahrhaftig genug. Man darf sich fragen, was in der Zeit der fr\u00fchen B\u00fcrgerrechtsbewegung John Humes und der st\u00e4ndigen \u00dcberf\u00e4lle protestantischer Schl\u00e4germilizen auf H\u00e4user von Katholiken in Derry und Belfast eigentlich <em>nicht<\/em> Gewalt war: <em>&#8222;Kulturell wurden Katholiken ausgegrenzt [&#8230;] Es war verboten, die irische Flagge zu hissen, und sogar wenn Anwohner ein Fleadh (Festival) organisieren wollten, wurde es verboten, weil es den Stra\u00dfenverkehr behindern k\u00f6nnte. Die Ornanier und Apprentice Boys konnten trotzdem marschieren, und den Verkehr bis zum Erbrechen lahmlegen&#8220;<\/em> (McKearney, S.34). St\u00e4ndige Schikanen, Erniedrigungen bei der Arbeitssuche (&#8222;Keine Katholiken!&#8220;) und alln\u00e4chtlicher Terror f\u00fchrten zur Gr\u00fcndung erster Selbstschutzorganisationen, die katholische Stra\u00dfenz\u00fcge vor den bierstinkenden Rowdies aus den protestantischen Viertel absichern sollten. F\u00fcr die Generation der damals 15- bis 16j\u00e4hrigen war der auf den Stra\u00dfen tobende Hass ohne Zweifel ein Widersinn: &#8222;[&#8230;] <em>mein Freund Gerry McDonald war Protestant. Wei\u00dft Du, ich erinnere mich daran, eines Tages Gerrys Vater kennengelernt zu haben und zu realisieren, da\u00df er ein &#8218;Peeler&#8216; <\/em>[ein Polizist, Anm. JS] <em>ist. Ich sagte zu meiner Mutter: &#8218;Wu\u00dftest Du, da\u00df Gerrys Vater ein Peeler ist?&#8216;. Sie antwortete: &#8218;Nein, er ist bei den B-Specials&#8216; <\/em>[gef\u00fcrchtete Spezialbrigade der nordirisch-protestantischen Polizei, Anm. JS].<em> Er war auch im &#8218;Orange Order&#8216;, aber f\u00fcr mich waren sie eine anst\u00e4ndige Familie&#8220;<\/em> (Mcintyre, S.26). Das in den folgenden Jahren immer wieder betonte Credo der <em>Provisional IRA<\/em>, nicht in einen separatistischen Krieg hineinschlittern zu wollen, war angesichts der Gr\u00fcnde ihres Entstehens kaum mehr als frommes Wunschdenken: <em>&#8222;Es gibt eine alte Anekdote \u00fcber einen Belfaster Republikaner: er steht einem Briten, einem &#8218;Orangeman&#8216; und einem Bullen gegen\u00fcber &#8211; er w\u00fcrde den &#8218;Orangeman&#8216; zuerst erschie\u00dfen&#8220;<\/em> (MacDermott, S.51).<\/p>\n<h3>Ein richtiger Feind<\/h3>\n<p>Der Einmarsch britischer Truppen in Nordirland und das blutige Massaker des &#8222;Bloody Sunday&#8220; wurden zur eigentlichen Geburtsstunde der <em>Provisional IRA<\/em>:<em> &#8222;Ich erinnere mich, da\u00df zu Hause und in der Community der Zorn<\/em> [&#8230;] <em>sp\u00fcrbar war. Am deutlichsten erinnere ich mich aber daran, da\u00df ein Freund, der auf mein fr\u00fcheres Gymnasium ging, mir sp\u00e4ter erz\u00e4hlte, da\u00df ein Erdkundelehrer aus Protest eine Karte von Britannien in der Klasse angez\u00fcndet hatte&#8220;<\/em> (McIntyre, S.38). Von nun an, so schien es, war alles in der kleinen politischen Welt des Nordens \u00fcbersichtlich, einfach und geordnet: <em>&#8222;Die Briten mittels bewaffneten Widerstands vertreiben, sie in den bewaffneten Kampf verwickeln und sie mitsamt ihren Panzern und Gewehren zur\u00fcck \u00fcber das Meer schicken: das war das republikanische Ziel.<\/em> [&#8230;] <em>Wir mu\u00dften nur die Briten vom Rest der Insel vertreiben. Dann w\u00fcrden wir alle wieder eine gro\u00dfe gl\u00fcckliche Familie sein&#8220;<\/em> (Hughes, S.47\/49). Da\u00df sich die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der nordirischen Protestanten mit gr\u00f6\u00dfter Selbstverst\u00e4ndlichkeit als Briten begriff, h\u00e4tte den wild entschlossenen <em>young volunteers<\/em> schon Ende der sechziger Jahre zu denken geben k\u00f6nnen. Tat es aber nicht: <em>&#8222;Als ich der IRA beitrat, war das Durchschnittsalter ungef\u00e4hr 16.<\/em> [&#8230;] <em>Um ehrlich zu sein, wir hatten nicht sehr viel Einflu\u00df<\/em> [&#8230;] <em>und waren eine Bande gro\u00dfspuriger kleiner Schwachk\u00f6pfe&#8220;<\/em> (MacDermott, S.48\/33). Katholische Jugendliche zogen nach Schulschlu\u00df los, um britische Soldaten zu t\u00f6ten, und dann p\u00fcnktlich zum Abendessen zuhause zu sein, um keinen \u00c4rger zu bekommen: ein blutigernstes Kinderspiel. Die britische Staatsgewalt antwortete mit Kriminalisierungen, <em>Diplock-courts<\/em> und <em>H-Blocks<\/em>, Folter und gezielten Mordaktionen gegen republikanische Kader. Auch innerhalb der republikanischen Bewegung ging es blutig zu: Mitglieder der in die Jahre gekommenen <em>Official IRA<\/em> (<em>&#8218;Officials&#8216;<\/em>) wollten den jungen Kadern der <em>Provisionals<\/em> ans Leben und umgekehrt. Der Teufelskreis schlo\u00df sich, und die in die Klandestinit\u00e4t gedr\u00e4ngten <em>Provisionals<\/em> wurden zu der IRA, wie man sie heute kennt: zu einer Untergrundarmee mit starrer Befehlsstruktur; zur &#8222;Speerspitze&#8220; in einem ungefragten Stellvertreterkrieg; und zu einer Organisation mit nur geringer Begeisterung f\u00fcr Abweichler und Kritikaster in den eigenen Reihen: <em>&#8222;Es gab eine Ja-sager-Mentalit\u00e4t unter denen, die mit Kritik an der IRA nicht umgehen konnten&#8220;<\/em> (McIntyre, S.67). Wer im Krieg ist, stellt nicht dumme Fragen.<\/p>\n<h3>&#8222;War is over. If you want it&#8220;<\/h3>\n<p>Wer den <em>&#8222;Republican Voices&#8220;<\/em> lauscht, erlebt ein interessantes, anregendes und mitunter bewegendes St\u00fcck Zeitgeschichte.<\/p>\n<p>Bean und Hayes ist es gelungen, die ganze Lebendigkeit des Gesagten, die durchaus kontroversen Ansichten ihrer Gespr\u00e4chspartner und deren gelegentlich ruppigen Sprachduktus einzufangen und ungesch\u00f6nt, ungeb\u00fcrstet, in all seiner Unmittelbarkeit wiederzugeben. Keiner der alten <em>Volunteers<\/em> schwatzt klug daher, und keiner nimmt sich von Schuld oder Kritik aus. Ebensowenig aber wird einer lauwarmen Distanzierung das Wort geredet, die sich in den neuen Zustand der Gesellschaft einzukuscheln versucht und die Gr\u00fcnde vergessen macht, die auf den Weg oder Irrweg der Gewalt gef\u00fchrt haben. <em>&#8222;Republican Voices&#8220;<\/em> ist ein (zuzeiten unabsichtlich) erfreulich offener Blick in eine blutige Geschichte.<\/p>\n<p>Es empfiehlt sich, zumindest ein Weniges \u00fcber die &#8222;Troubles&#8220; im Norden Irlands zu wissen, ehe man das Buch aufschl\u00e4gt. Gleichzeitig aber leistet <em>&#8222;Republican Voices&#8220;<\/em> auch unsch\u00e4tzbare Hilfe zum Verst\u00e4ndnis der gegenw\u00e4rtigen Situation; einem Verst\u00e4ndnis jenseits soziologischer Fernanalysen oder politischer Gro\u00dffanfaren, wie sie zur nun gl\u00fccklich durchgef\u00fchrten <em>vierten<\/em> Suspendierung der &#8222;autonomen&#8220; Regierung von Stormont durch die britische Regierung in London geschmettert wurden. Das Ende des Krieges war f\u00fcr die Mitglieder der IRA keineswegs das Ende vom Lied &#8211; und die letzten Strophen klingen bitter: <em>&#8222;Als ein Volunteer, der bereit war, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen und anderen das Leben zu nehmen, best\u00e4tigt mir das sch\u00e4bige Debakel von Stormont, da\u00df alles nicht einen einzigen Tropfen Blut <\/em>[&#8230;] <em>wert war&#8220;<\/em> (McIntyre, S.107). <em>&#8222;Als ich 1986, nach \u00fcber 12 Jahren, aus dem Knast rauskam, bekam ich Arbeit auf einer Baustelle in der Falls Road. Einige der Leute, f\u00fcr die ich geglaubt hatte zu k\u00e4mpfen, versuchten nun, mich auszubeuten&#8220;<\/em> (Hughes, S.125).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mal Hand aufs Herz: wer h\u00e4tte Lust, einmal mit einem echten Terroristen zu sprechen? Mit einem ganz richtig echten Terroristen. 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