{"id":5264,"date":"2003-01-04T00:00:53","date_gmt":"2003-01-03T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5264"},"modified":"2022-07-26T14:15:13","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:13","slug":"das-konzept-des-friedensjournalismus-nach-galtung-umgesetzt-in-der-monatszeitschrift-graswurzelrevolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/01\/das-konzept-des-friedensjournalismus-nach-galtung-umgesetzt-in-der-monatszeitschrift-graswurzelrevolution\/","title":{"rendered":"Das Konzept des Friedensjournalismus nach Galtung &#8211; Umgesetzt in der Monatszeitschrift &#8222;Graswurzelrevolution&#8220;?"},"content":{"rendered":"<p>Verfasserin: Cornelia Oed<br \/>\nReflexionskurs: Kriegsberichterstattung<br \/>\nDozent: Dr. Armin Scholl<br \/>\nDatum: 11.11.2002<\/p>\n<h3>Vorwort<\/h3>\n<p>Wenn man die Fernsehnachrichten einschaltet, scheint die Welt nur aus Kriegen, Krisen und Konflikten zu bestehen. &#8222;Heute wurden in Israel wieder sechs Pal\u00e4stinenser get\u00f6tet, darunter zwei Kinder&#8220;, &#8222;Saddam r\u00fcstet zum Endkampf&#8220; oder &#8222;Vier Verletzte bei gewaltsamen Demonstrationen in Argentinien&#8220;, das sind die Schlagzeilen, die unser Weltbild mitpr\u00e4gen. Verschiedene Studien haben nachgewiesen, dass sich bis zu einem Viertel der Auslandsberichterstattung auf Kriege und Krisen beziehen (L\u00f6ffelholz 1993: 18). Besonders wenn das eigene Land oder Elite-Nationen wie die USA beteiligt sind, wird sehr viel berichtet, bis hin zum &#8222;Krieg in Echtzeit&#8220; mit Live-Aufnahmen von der Front. \u00dcber die Auswirkung dieser intensiven Berichterstattung gibt es verschiedene Thesen. Einige Wissenschaftler sehen die Medien als Friedensstifter. (vgl. L\u00f6ffelholz 1993: 25)<\/p>\n<p>&#8222;Auf der anderen Seite wird jedoch auch vermutet, dass Medien in internationalen Krisen keineswegs friedenserhaltend, sondern wegen ihrer festen Verankerung in ein kybernetisches System der politischen und \u00f6konomischen Machterhaltung eher als Verst\u00e4rker zwischenstaatlicher Konflikte wirken&#8220; (vgl. L\u00f6ffelholz 1993: 25)<\/p>\n<p>Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung hat ein Konzept entwickelt, wie Journalisten arbeiten und berichten m\u00fcssten, damit Medien friedensf\u00f6rdernd und erhaltend wirken k\u00f6nnen. Dieses Konzept will ich im ersten Teil dieser Hausarbeit vorstellen.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfen Fernsehstationen, Radiosender und Zeitungen setzen dieses Konzept offensichtlich aber nicht um. Beispielsweise haben die Medien angesichts der Bilder der einst\u00fcrzenden T\u00fcrme des World Trade Centers den Feldzug gegen Afghanistan aktiv unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Alternative Medien versuchen oft, eine Gegen\u00f6ffentlichkeit zu schaffen und andere Sichtweisen ins Gespr\u00e4ch zu bringen. Im Kriegsfall bedeutet dass auch, deutlich zu machen, dass es neben der Unterst\u00fctzung einer der Kriegsparteien einen dritten Standpunkt gibt, n\u00e4mlich die grunds\u00e4tzliche Ablehnung von Krieg als politisches Instrument (vgl. Scholl\/Bobbenkamp 1993: 235). Diesen Standpunkt vertritt auch die monatlich erscheinende Zeitung &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; (kurz: GWR). Das Ziel dieses Mediums ist eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft. Ob ihre Berichterstattung den Kriterien des Friedensjournalismus nach Galtung entspricht, will ich im zweiten Teil der Hausarbeit untersuchen. Dazu analysiere ich die Berichterstattung nach dem 11. September 2001. Besonderes gehe ich dabei auf die Reaktionen der GWR auf den Afghanistan-Krieg der USA ein.<\/p>\n<h3>1 Das Konzept des Friedensjournalimus nach Galtung<\/h3>\n<h4>1.1 Aufbau<\/h4>\n<p>Als Professor f\u00fcr Friedensstudien an der Universit\u00e4t von Hawaii hat sich Johan Galtung mit den verschiedensten Themen rund um Friede, Sicherheit, Umwelt, Wirtschaftspolitik, Entwicklung und den dazu geh\u00f6rigen Forschungsmethoden besch\u00e4ftigt (vgl. Galtung\/Vincent 1992: xi). Dabei hat er sich zusammen mit dem Kommunikationswissenschaftler Richard Vincent auch Gedanken dar\u00fcber gemacht, was durch Information und Kommunikation erreichbar ist. In dem Buch &#8222;Global Glasnost. Toward a New World Information and Communication Order&#8220; machen sie zu verschiedenen Themen jeweils zehn konkrete Vorschl\u00e4ge, wie die Medien berichten sollten. Aus der Inhaltsangabe:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ten Proposals for a Peace-Oriented News Media<br \/>\nTen Proposals for a Development-Oriented News Media<br \/>\nTen Proposals for a Enviroment-Oriented News Media<br \/>\nTen Proposals for a War Coverage by the News Media&#8220;<br \/>\n(vgl. Galtung\/Vincent 1992: vi\/vii)<\/p><\/blockquote>\n<p>Aus dem letzten Ansatz heraus entwickelte er meiner Meinung nach das Konzept des Friedensjournalismus, denn die zehn Vorschl\u00e4ge finden sich fast alle in dem Konzept wieder.<\/p>\n<p>Galtung unterscheidet in diesem zwei M\u00f6glichkeiten, \u00fcber Konflikte zu berichten: Die niedere und die h\u00f6here Stra\u00dfe der Berichterstattung. Die niedere Stra\u00dfe ist die, die in den Medien dominiert. Der Konflikt wird als ein Kampf gesehen, normalerweise mit nur zwei Gegnern, von denen einer gewinnen und einer verlieren wird:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;The reporting model is that of a military command; who advances, who capitulates short of their goals; losses are counted in terms of numbers killed or wounded and material damage&#8220; (Galtung, epd-Entwicklungspolitik 6\/99: 29)<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese &#8222;Nullsummenspiel-Perspektive&#8220; erinnert an den Sportjournalismus.<\/p>\n<p>Die hohe Stra\u00dfe der Konfliktberichterstattung fokussiert dagegen den Konflikt als solchen. 2000 verschiedene Nationen leben in weniger als 200 L\u00e4ndern und scheinen sich gegenseitig im Weg zu stehen. Darin liegt f\u00fcr Galtung der wahre Hintergrund der Konflikte, hier liegt auch die Gewaltgefahr.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;But in conflict there is also a clear opportunity for human progress, using the conflict to find new ways, transforming the conflict creatively so that the opportunities take the upper hand &#8211; without violence&#8220; (Galtung, epd-Entwicklungspolitik 6\/99: 29)<\/p><\/blockquote>\n<p>Bei einem Konflikt k\u00f6nnen so beide Seiten gewinnen, die Anwendung von Gewalt ist nicht mehr vorprogrammiert.<\/p>\n<p>Wahrheit ist f\u00fcr Galtung nicht das erste Opfer eines Krieges, sondern erst das zweite &#8211; nach dem Frieden. Alle Journalisten sollten bei der Wahrheit bleiben. Dies ist auch m\u00f6glich, wenn man auf der niederen Stra\u00dfe der Berichterstattung bleibt, aber absolut n\u00f6tig, wenn man der h\u00f6heren Stra\u00dfe folgen will. (vgl. Galtung, epd-Entwicklungspolitik 6\/99: 29) Die urspr\u00fcnglichen &#8222;Ten Proposals for a War Coverage by the News Media&#8220; fasst er in vier gro\u00dfe Forderungen an einen Friedensjournalismus zusammen.<\/p>\n<h4>1.2 Forderungen<\/h4>\n<h4>1.2.1 Friedens- bzw. Konfliktorientierung<\/h4>\n<p>Um die gewaltsame L\u00f6sung eines Konfliktes verhindern zu k\u00f6nnen, muss dieser erst einmal komplett verstanden werden. Im Normalfall gibt es nicht nur zwei Parteien, die solange k\u00e4mpfen, bis eine gewinnt. Genauso selten sind die Ursachen der Auseinandersetzungen im Krieg selbst zu finden. Ein friedensorientierter Journalismus muss den Konflikt hinterfragen.<\/p>\n<blockquote><p>1) What is the conflict about? Who are the parties and what are their real goals, including the parties beyond the immediate arena of violence?<\/p>\n<p>2) What are the deeper roots of the conflict, structural and cultural, including the history of both? (Galtung, epd-Entwicklungspolitik 6\/99: 29)<\/p><\/blockquote>\n<p>Durch die Ver\u00f6ffentlichung solcher Hintergrundberichte soll versucht werden, den Konflikt transparent und verst\u00e4ndlich zu machen.<\/p>\n<p>Dabei sollten sich die Journalisten immer bewusst machen, dass sich auf beiden Seiten Menschen gegen\u00fcber stehen, die gute und schlechte Eigenschaften haben. Die Kriegsberichterstattung neigt dazu, den Gegner zu d\u00e4monisieren, ihm unmenschliche Charakterz\u00fcge zuzuschreiben, um die eigenen Taten zu rechtfertigen. Damit wird vom eigentlich Konflikt abgelenkt, &#8222;sie&#8220;, die B\u00f6sen, werden zum Haupt-Problem. (vgl. Galtung, epd-Entwicklungspolitik 6\/99: 32)<\/p>\n<p>Am Ende hinterlassen gewaltsam ausgetragene Konflikte nicht nur Schaden, den man z\u00e4hlen kann, wie die Zahl der Get\u00f6teten, sondern auch unz\u00e4hlbaren, unsichtbaren, wie die Zerst\u00f6rung von Kulturen. Auch diese Kriegsfolgen sollten thematisiert werden. (vgl. Galtung, epd-Entwicklungspolitik 6\/99: 32)<\/p>\n<p>Idealerweise setzt Friedensjournalismus aber nicht erst ein, wenn etwas geschehen ist, wenn die Gewalt angefangen hat, sondern schon vorher. Pr\u00e4ventive Berichterstattung kann vielleicht schon im Vorfeld bei der L\u00f6sung des Konflikts helfen, so dass ein Krieg vermieden werden kann. Durch die gewaltfreie L\u00f6sung eines Konflikts k\u00f6nnen alle gewinnen (&#8222;Win-Win-Orientierung&#8220;). (vgl. Galtung, epd-Entwicklungspolitik 6\/99: 32)<\/p>\n<h4>1.2.2 Wahrheitsorientierung<\/h4>\n<p>Im Krieg ist die Wahrheit eines der Opfer. &#8222;Die Medien m\u00fcssen sich bewusst sein, dass &#8218;Nachrichtenmacher&#8216; versuchen, sie zu manipulieren.&#8220; (Galtung 1993: 202) Jede Partei versucht, die \u00d6ffentlichkeit mit Hilfe der Medien zu beeinflussen und auf die eigene Seite zu ziehen. Im Kriegsjournalismus werden solche Versuche nur aufgedeckt, wenn sie vom Gegner kommen. Die eigene Propaganda wird unreflektiert \u00fcbernommen. Friedensjournalismus dagegen sollte alle Unwahrheiten aufdecken und keine Partei durch Verbreitung von L\u00fcgen unterst\u00fctzen. (vgl. Galtung, epd-Entwicklungspolitik 6\/99: 32)<\/p>\n<h4>1.2.3 Menschenorientierung<\/h4>\n<p>Die Medien sollten nicht das Sprachrohr der Eliten sein, sondern den Stimmlosen eine Stimme geben. Nicht Soldaten und Politiker sind die, die am meisten leiden, sondern Kinder, Frauen und \u00e4ltere Menschen, gerade auch auf der Seite des Gegners. Und nicht nur die Eliten versuchen, in Verhandlungen zu treten um den Frieden wiederherstellen zu k\u00f6nnen, oft sind es auch kleine Initiativen aus dem Volk, die vielleicht dem Nachbarn von der gegnerischen Seite helfen oder einfache Soldaten, die Befehle verweigern. Auch das ist einen Bericht wert. (vgl. Galtung, epd-Entwicklungspolitik 6\/99: 32)<\/p>\n<p>Es gibt nicht nur auf der Seite der &#8222;anderen&#8220; Leute, die Unrecht tun, das friedensjournalistische Medien anprangern sollten, sondern auch die eigenen K\u00e4mpfer handeln mitunter unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig brutal oder nehmen sich Dinge, die ihnen auch im Krieg nicht zustehen. (vgl. Galtung, epd-Entwicklungspolitik 6\/99: 32)<\/p>\n<h4>1.2.4 L\u00f6sungsorientierung<\/h4>\n<p>Nach Galtung sollte Frieden aus Gewaltverzicht und Kreativit\u00e4t bestehen und nicht aus einem Sieg und einem Waffenstillstand. Der Kriegsjournalismus konzentriert sich auf Vertr\u00e4ge und Institutionen und nicht auf die eigentlich friedliche Gesellschaft und ihre Kultur und Konfliktl\u00f6sungsstrategien. \u00dcber Friedensinitiativen wird nicht berichtet, solange der Konflikt nicht (am besten zugunsten der eigenen Seite) entschieden ist. Der Bericht \u00fcber Friedensinitiativen spielt in dem von Galtung geforderten Journalismus aber eine besondere Rolle, denn diese k\u00f6nnten weitere Kriege verhindern.<\/p>\n<p>Wenn der Krieg vorbei ist, sollten die Medien sich nicht sofort abwenden und auf die n\u00e4chste gewaltsame Auseinandersetzung konzentrieren, sondern vor Ort bleiben und den Wiederaufbau, die Auss\u00f6hnung und die gefundenen L\u00f6sungen thematisieren. (vgl. Galtung, epd-Entwicklungspolitik 6\/99:32)<\/p>\n<h3>2 Berichterstattung der Graswurzelrevolution (GWR)<\/h3>\n<h4>2.1 Prinzipien und Zielsetzung der Berichterstattung<\/h4>\n<p>Die GWR, Untertitel &#8222;f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft&#8220;, hat im Juni dieses Jahres ihr drei\u00dfigj\u00e4hriges Bestehen gefeiert, damit ist sie das \u00e4lteste linke Alternativ-Medium. Gegr\u00fcndet wurde sie von Wolfgang Hertle und anderen gewaltfreien Anarchisten im Sommer 1972, inspiriert unter anderem durch die Vorg\u00e4ngerzeitschrift &#8222;Direkte Aktion&#8220; und \u00e4hnlich orientierten Publikationen im europ\u00e4ischen Ausland. Anfangs erschien sie alle zwei bis drei Monate, nach 1981 dann monatlich mit einer Sommerpause (Dr\u00fccke 1998: 166ff). Zur Zeit hat sie eine Auflage von 3.500 bis 6.500, die meisten Leser haben die Zeitschrift abonniert und sind in der Friedens- und der Anti-AKW-Bewegung engagiert. (vgl. Dr\u00fccke, Zivilcourage 2\/2002: 9)<\/p>\n<p>Die Ziele haben sich seit der Anfangszeit nicht ge\u00e4ndert und werden in jeder Ausgabe abgedruckt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Graswurzelrevolution bezeichnet eine tiefgreifende gesellschaftliche Umw\u00e4lzung, in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschafft werden sollen. Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr eine Welt, in der die Menschen nicht l\u00e4nger wegen ihres Geschlechts oder ihrer geschlechtlichen Orientierung, ihrer Sprache, Herkunft, \u00dcberzeugung, wegen einer Behinderung, aufgrund rassistischer oder antisemitischer Vorurteile diskriminiert und benachteiligt werden. Wir streben an, dass Hierarchie und Kapitalismus durch eine selbstorganisierte, sozialistische Wirtschaftsordnung und der Staat durch eine f\u00f6deralistische, basisdemokratische Gesellschaft ersetzt werden. Schwerpunkte unserer Arbeit lagen bisher im Bereich Antimilitarismus und \u00d6kologie. (&#8230;)&#8220; (z.B. GWR 261: 3)<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Graswurzelrevolution\u00e4re versuchen, diese Ziele auch jetzt schon im kleinen zu verwirklichen. Die Redaktion ist strikt basisdemokratisch organisiert: Ein Herausgeberkreis von 20 bis 30 Leuten entscheidet gemeinsam \u00fcber die Inhalte, wenn auch nur einer gegen die Ver\u00f6ffentlichung eines Artikels stimmt, wird diskutiert. Entweder erscheint der Artikel dann nicht, oder die unterschiedlichen Meinungen zu einem Thema werden unter dem Stichpunkt &#8222;Diskussion&#8220; gegen\u00fcbergestellt, wie zum Beispiel beim Thema &#8222;Gr\u00fcndung eines Pal\u00e4stinenserstaates&#8220;. (Ridder, Frankfurter Rundschau Nr. 157\/02: 19). Alle drei bis vier Jahre wird der einzige hauptamtliche Koordinationsredakteur neu gew\u00e4hlt, zur Zeit ist dies Bernd Dr\u00fccke, Doktor der Soziologie aus M\u00fcnster. Alle anderen Redakteure arbeiten ehrenamtlich und ver\u00f6ffentlichen meist unter Pseudonym, nicht der Autor, sonder die Inhalte sollen im Vordergrund stehen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Prominenz, und sei es nur die in der Szene der Gewaltfreien und Anarchisten, steht eben im Widerspruch zur Abschaffung jeder Herrschaft&#8220; (Voges, taz Nr.4737\/95: 5)<\/p><\/blockquote>\n<p>Auf dem Weg zur Abschaffung von Gewalt und Herrschaft versuchen die Graswurzelrevolution\u00e4re, auf Gewalt zu verzichten. &#8222;Direkte Aktionen&#8220; sehen sie als die Alternative. Darunter verstehen sie Demonstrationen, Besetzungen, Hungerstreiks, Boykotts, zivilen Ungehorsam und auch Sabotage, denn &#8222;Sachen erleiden keine Gewalt&#8220;. (vgl. Dr\u00fccke 1998: 174) Der Aufruf zur Desertion w\u00e4hrend des Jugoslawienkriegs f\u00fchrte zu Ermittlungen des Staatschutzes, das Verfahren wurde aber eingestellt (vgl. Pfl\u00fcger, GWR 262: 5).<\/p>\n<p>Die Berichterstattung ist strikt gegen jeden Krieg, Krieg wird nicht als Mittel zur L\u00f6sung von Konflikten akzeptiert. Nach Aussage des Koordinationsredakteurs Bernd Dr\u00fccke kennen sie das Konzept des Friedensjournalismus nach Galtung allerdings nicht (unbedingt).<\/p>\n<h4>2.2 \u00dcberpr\u00fcfung anhand der Faktoren von Galtung<\/h4>\n<h4>2.2.1 Friedensorientierung<\/h4>\n<p>Nach den Anschl\u00e4gen vom 11.September 2001 waren auch die Graswurzelrevolution\u00e4re erst einmal fassungslos \u00fcber das Ausma\u00df der Anschl\u00e4ge &#8222;Die Trauer \u00fcber diesen Wahnsinnsakt \u00fcberwog tagelang alles andere&#8220;. Quasi im gleichen Atemzug wird die Reaktion auf diese Anschl\u00e4ge kritisiert. &#8222;Doch dann mischt sich in diese Trauer St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck Wut und Fassungslosigkeit \u00fcber die Aktionen in den USA, in der NATO und in Deutschland.&#8220; (Pfl\u00fcger, GWR 262: 1) Der &#8222;Rachekrieg&#8220; gegen Afghanistan als Mittel zur Bek\u00e4mpfung des Terrorismus wird sofort abgelehnt.<\/p>\n<p>In langen Hintergrundberichten \u00fcber die Geschichte Afghanistans, den Islam, aber auch die Politik der USA in der Vergangenheit versuchen die Autoren der GWR, den Konflikt hinter den Anschl\u00e4gen zu verstehen und deutlich zu machen, dass am 11.09.02 die Flugzeuge nicht zuf\u00e4llig in Symbole amerikanischer Macht geflogen sind.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;In wie vielen L\u00e4ndern haben die Vertreter unserer Regierung F\u00fchrer, die von der Bev\u00f6lkerung gew\u00e4hlt waren, abgesetzt und durch Milit\u00e4rdiktatoren ausgetauscht, die nichts anderes als Marionetten und bereit waren, ihre eigenen B\u00fcrger an amerikanische Gro\u00dfkonzerne zu verkaufen? (&#8230;) In einem Land nach dem anderen hat unsere Regierung Demokratie vereitelt, Freiheit unterdr\u00fcckt und ist auf den Menschenrechten herumgetrampelt. Deswegen wird sie rund um die Welt gehasst. Und deswegen sind wir das Ziel von Terroristen.&#8220; (Bowman, GWR 262: 4)<\/p><\/blockquote>\n<p>Ganz wichtig ist den Graswurzelrevolution\u00e4ren, immer wieder darauf hinzu weisen, dass der Aufstieg von Osama bin Laden zu einem der f\u00fchrenden Terroristenchefs nicht in der Form m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, wenn die USA nicht die Macht\u00fcbernahme der Taliban unterst\u00fctzt h\u00e4tte. Insgesamt versuchen die Autoren aller Artikel deutlich zu machen, dass die F\u00fchrung der USA zu einem guten Teil selbst Schuld an den Anschl\u00e4gen hat und das in vielen armen L\u00e4ndern verbreitete Unbehagen \u00fcber die Ungerechtigkeit der Welt durch einen Angriff auf Afghanistan noch verst\u00e4rken w\u00fcrde. (Fisk, GWR 263: 13) Das ein Krieg also keinen Konflikt l\u00f6sen, sondern die Spirale der Gewalt anheizen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die der Oktoberausgabe beigelegte Aktionszeitung gegen den Krieg ist \u00fcbertitelt mit &#8222;Kampf der Armut &#8211; nicht den Armen&#8220;. Afghanistan ist eines der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Erde, letzten Winter waren auch ohne die US-Angriffe schon 1,5 Millionen Kinder vom Hungertod bedroht. (Dr\u00fccke, GWR 263: A2). Die revolution\u00e4re afghanische Frauengruppe RAWA betont, dass die Menschen in ihrem Land nichts mit Osama bin Laden und seinen Komplizen zu tun h\u00e4tten (RAWA, GWR 263: A2). Au\u00dferdem wird aufgezeigt, das der Koran auch auf eine andere, libert\u00e4re und gewaltablehnende Weise interpretiert werden kann und damit in keiner Weise mit dem Leitfaden der NSDAP, Hitlers &#8222;Mein Kampf&#8220; verglichen werden kann (Fang, GWR 263: A3). Die Autoren der Texte versuchen somit, sowohl einer D\u00e4monisierung der Afghanen als auch des Islams als Religion entgegenzuwirken.<\/p>\n<p>Der pr\u00e4ventive Charakter der GWR-Berichterstattung wird nicht nur im &#8222;Aufruf zu Verweigerung des Kriegsdienstes und von Kriegsvorbereitung&#8220; in der Oktober 2001-Ausgabe deutlich (WIR, GWR 263: 1), sondern noch mehr, wenn man die aktuelleren Ausgaben liest. Schon im April 2002 gab es vier Sonderseiten zum Thema &#8222;Ist ein US-Feldzug gegen den Irak noch vermeidbar?&#8220;. Am Ende des Artikels stehen verschiedenen Anregungen, was man selbst unternehmen kann (beim Bush-Besuch in Berlin demonstrieren etc.) und was international unternommen werden k\u00f6nnte um den Krieg im Irak zu verhindern und langfristig auch dem Terrorismus vorzubeugen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Bei einem mittelfristigen Abzug der US-Pr\u00e4senz aus der Region, einer Einstellung der Waffenlieferungen und einer Schuldenstreichung f\u00fcr die verarmten L\u00e4nder der arabischen Liga k\u00f6nnte auch dem Terrorismus im Zuge aller genannten Ma\u00dfnahmen der N\u00e4hrboden entzogen werden.&#8220; (Ronnefeld, GWR 268: 12)<\/p><\/blockquote>\n<p>Was die GWR im Sinne der Friedensorientierung nicht leistet und auch nur schwer leisten kann ist eine Berichterstattung \u00fcber die &#8222;nicht-z\u00e4hlbaren&#8220; Kriegsfolgen. Da die M\u00f6glichkeit zur Entsendung von Korrespondenten nicht besteht, ist es zum Beispiel die Zerst\u00f6rung einer Kultur zu beschreiben. Ansonsten kommt sie dem Ziel, den Konflikt als solchen zu erfassen, zu verstehen und auf andere Weise als durch Gewalt l\u00f6sen zu wollen, sehr nahe.<\/p>\n<h4>2.2.2 Wahrheitsorientierung<\/h4>\n<p>Die Politik versucht vor allem in Kriegszeiten, die Medien zu instrumentalisieren. Das ist den Autoren der GWR bewusst und sie versuchen, dagegen zu arbeiten, in dem sie dies in Erinnerung rufen und versuchen, sich davon bewusst nicht beeinflussen zu lassen. So leitet Ronnefeldt den Artikel &#8222;Ist ein US-Feldzug gegen den Irak noch vermeidbar?&#8220; mit folgender Bemerkung ein:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Recherchen in Zeiten des Krieges werden immer schwieriger, besonders in der Vorphase eines angek\u00fcndigten Angriffs wie im Falle Irak: Welchen Quellen ist zu trauen? Wer \u00fcbertreibt, untertreibt, testet aus oder manipuliert mit welchen Absichten? Ich habe im folgenden GWR-Beitrag versucht, ein breites Spektrum von Pressemeldungen und Artikeln auszuwerten. Weil die Herkunft von Aussagen entscheidend ist, mache ich meine Informationsquellen ausgiebig transparent.&#8220; (Ronnefeldt, GWR 268)<\/p><\/blockquote>\n<p>In vielen Artikeln wird darauf hingewiesen, dass die Medien im Sinne der Kriegsbef\u00fcrworter schreiben, dass immer nur die Bilder vom 11.09.01 wiederholt, aber nie die Opfer des Afghanistan-Krieges gezeigt werden, dass die Kriegsmotive der USA nicht wirklich benannt werden und das die Beweislast gegen Osama bin Laden extrem d\u00fcnn ist (z.B. Chomsky, GWR 263:A3).<\/p>\n<p>An einem Beispiel der dpa zeigt Ralf Landmesser, wie und in welcher Form gelogen wird. Die Zahl an Demonstrationsteilnehmern wird in einer Meldung vom 13.10.01 mit &#8222;\u00fcber 5000 Menschen&#8220; angegeben, der Veranstalter wird mit der Aussage zitiert, dass es 10.000 Teilnehmer gewesen w\u00e4ren, obwohl er in Wahrheit von 50.000 Menschen gesprochen hatte. Sogar die Polizei hatte 20.000 Teilnehmer gesprochen. Landmesser sieht hier einen Versuch der dpa, die Bedeutung der Demonstration herunterzuspielen. (vgl. Landmesser, GWR 263: A4)<\/p>\n<p>Im &#8222;Aufruf zur Verweigerung des Kriegsdienstes und der Kriegsvorbereitung&#8220; werden JournalistInnen auch direkt aufgefordert, nur die Wahrheit zu schreiben und sich keinem Druck, f\u00fcr den Krieg zu schreiben, zu beugen. (vgl. War Resisters&#8216; International, GWR 263: 1)<\/p>\n<p>Allerdings hat die GWR kaum M\u00f6glichkeiten, die Medien der &#8222;Gegenseite&#8220; genauso kritisch unter die Lupe zu nehmen. Dadurch werden immer nur die eigenen Medien kritisiert und es kann der Eindruck einer leichten Einseitigkeit entstehen. Dieser wird durch den teilweise meiner Meinung nach zu aggressive Ton gegen linke Medien, die den Krieg trotzdem bef\u00fcrworten, unterst\u00fctzt. Besonders die Position der Wochenzeitung &#8222;Jungle World&#8220; wird unter Beschuss genommen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wo AutorInnen der Jungle Word publizistischen Kriegsdienst leisten, bleiben bei der Lekt\u00fcre Effekte eines d\u00e9j\u00e0 vu nicht aus. Da lastet die Geschichte vergangener Geschlechter wie ein Alp auf der Gegenwart, manches historische Ereignis wiederholt sich als Farce oder auch nur als polemischer Furz von Autoren, deren Analysef\u00e4higkeit kaum der Komplexit\u00e4t von Latrinenparolen gewachsen ist &#8211; alles in allem ein gespenstisches Treiben.&#8220; (Schobert, GWR 266: 1)<\/p><\/blockquote>\n<p>Meiner Meinung nach mindern solche Beschimpfungen teilweise die Qualit\u00e4t der Analyse der Massenmedien und des eigenen Wahrheitsanspruches.<\/p>\n<h4>2.2.3 Menschenorientierung<\/h4>\n<p>Um wirklich menschenorientiert berichten zu k\u00f6nnen und den Stimmlosen eine Stimme zu geben, muss man vor Ort mit den Betroffenen reden und die dadurch gewonnen Ergebnisse publizieren. In weit entfernten Regionen ist dies f\u00fcr eine nicht professionelle Zeitschrift wie die GWR nur selten m\u00f6glich. Grunds\u00e4tzlich ist dieser Ansatz vorhanden, ausf\u00fchrliche Artikel beschreiben zum Beispiel das Leben in einem deutschen Asylantenlager (SAGA, GWR 269: 10\/11) oder die Situation in der ehemaligen deutschen Kolonie Namibia (Michel, GWR 266: 7). Auch das Schicksal von totalen Kriegsdienstverweigerern (fast alle Ausgaben) oder des zum Tode Verurteilten Mumia Abu-Jamal wird genau verfolgt (Schiffmann, GWR 266: 1\/8).<\/p>\n<p>In Afghanistan ist dies offensichtlich nicht m\u00f6glich, deswegen greifen die Autoren auf Zahlen zur\u00fcck, die von Hilfsorganisationen wie dem UNHCR ver\u00f6ffentlicht werden, um z.B. das Ausma\u00df der Hungersnot zu beschreiben (Dr\u00fccke, GWR 263: A2). Auch die Appelle der afghanischen Frauenorganisation RAWA, die vor den Gr\u00e4uel der Nordallianz warnen und auf die Situation im Land thematisieren, werden in der GWR abgedruckt (GWR 263: A2, GWR 264: 5). Ansonsten werden die eher die Handlungen der Eliten dargestellt und kommentiert.<\/p>\n<p>Die Beschreibung der eigenen Situation als Kriegsgegner nimmt ebenfalls einen relativ gro\u00dfen Raum ein. Der wegen seiner kriegskritischen \u00c4u\u00dferungen vom Dienst suspendierte Lehrer Bernhard Nolz wurde im Dezember von der GWR interviewt (Dr\u00fccke, GWR 265: 1\/3). \u00dcber Demonstrationen wird &#8222;aus der Mitte&#8220; heraus berichtet, Teilnehmer beschreiben ihre pers\u00f6nlichen Eindr\u00fccke (z.B. Julia, GWR 263: 5). Verschiedenste Leute bekommen die M\u00f6glichkeit, ihre eigene Meinung zu den Folgen der Anschl\u00e4ge vom 11.09.01 zu publizieren, seien es prominente Theoretiker wie Noam Chomsky (GWR 263: A3) oder Artikel wie &#8222;Der Krieg in Afghanistan aus Sicht eines Kommunarden&#8220;, der das schlechte Ansehen von aktuellen Friedensinitiativen anspricht. &#8222;Momentan brauche ich viel Mut, um mich als Kriegsgegner zu outen.&#8220; (Kurzbein, GWR 265: 7) F\u00fcr Gruppen innerhalb Deutschlands, die von den etablierten Medien ignoriert werden, ist die GWR durchaus ein Forum, um die eigenen Anliegen vorzubringen.<\/p>\n<h4>2.2.4 L\u00f6sungsorientierung<\/h4>\n<p>Das Konflikte nicht durch Krieg, sondern besser durch Gewaltfreiheit und Kreativit\u00e4t gel\u00f6st werden k\u00f6nnen, betonen verschieden Autoren der GWR immer wieder.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Anstatt unsere S\u00f6hne und T\u00f6chter um die Welt zu schicken, um Araber zu t\u00f6ten, damit wir das \u00d6l, das unter deren Sand liegt, haben k\u00f6nnen, sollten wir sie senden, um deren Infrastruktur wieder in Stand zu setzen, reines Wasser zu liefern und hungernde Kinder zu f\u00fcttern. (&#8230;) Anstatt Aufstand, Zerr\u00fcttung, Mord und Terror weltweit zu unterst\u00fctzen, sollten wir den CIA abschaffen und das Geld Hilfsorganisationen geben. Kurzum, wir sollten Gutes tun anstelle von B\u00f6sem. (&#8230;) Wer w\u00fcrde uns hassen? Wer w\u00fcrde uns bombardieren wollen?&#8220; (Bowman, GWR 262: 4)<\/p><\/blockquote>\n<p>Nicht nur abstrakte L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten werden vorgestellt, sondern es wird auch ganz konkret beschrieben, was ein einzelner versuchen kann, um einen kleinen Schritt in Richtung Frieden zu tun. Dazu wird beispielsweise die Adresse der US-Botschaft abgedruckt, an die Protestschreiben gegen den Irak-Feldzug geschickt werden k\u00f6nnen (Ronnefeldt, GWR 268: 12).<\/p>\n<p>Friedens-, aber auch Umweltinitiativen werden durch die Zeitschrift aktiv unterst\u00fctzt. Auf der letzten Seite wird immer eine konkrete Initiative vorgestellt und zum mitmachen aufgerufen. Auf der vorletzten Seite stehen Termine f\u00fcr Veranstaltungen aller Art, seien es Demonstrationen, Seminare, Vortr\u00e4ge oder andere Aktionen. Daneben stehen Kontaktadressen verschiedenster Gruppen, vom Friedensmuseum \u00fcber die &#8222;Hessische AG zur Babymilchkampagne&#8220; bis hin zu den &#8222;Schwulen Kriegsdienstgegnern&#8220;.<\/p>\n<p>Die Kriegsdienstverweigerer-Bewegung in der T\u00fcrkei wurde mit der halb deutsch, halb t\u00fcrkisch geschriebenen Sonderbeilage &#8222;\u00f6tk\u00fck\u00fc&#8220; (Graswurzel auf T\u00fcrkisch) gef\u00f6rdert. Diese wurden von der t\u00fcrkischen Polizei allerdings sofort beschlagnahmt, die Autoren dort k\u00f6nnten verhaftet werden. Deswegen erscheint \u00f6tk\u00fck\u00fc nicht mehr regelm\u00e4\u00dfig und wird nur noch an Abonnenten verschickt. Auch ein Redakteur der GWR, Tobias Pfl\u00fcger, wurde strafrechtlich verfolgt, da er w\u00e4hrend des Jugoslawienkriegs zur Desertion aufgerufen hat. Er wurde aber freigesprochen. (Pfl\u00fcger, GWR 262: 5)<\/p>\n<p>&#8222;Beendete&#8220; Auseinandersetzungen werden nicht aus den Augen verloren, sondern auch nach Abzug der milit\u00e4rischen Truppen weiter verfolgt. Die Konflikte der indigenen Bev\u00f6lkerung in Chiapas mit der mexikanischen Armee, der Polizei und paramilit\u00e4rischen Gruppen, die von den etablierten Medien quasi ignoriert werden, werden in der GWR immer wieder thematisiert.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Diese methodische Mischung der staatlichen Taktik aus gewaltsamer Repression, Terror, Bestechung und gezielten Sozialmassnahmen wird als &#8222;Kriegsf\u00fchrung niederer Intensit\u00e4t&#8220; bezeichnet, die in den US-orientierten Schulen der Aufstandsbek\u00e4mpfung gelehrt wird.&#8220; (Resistencia, GWR 268: 16)<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Forderungen an einen l\u00f6sungsorientierten Journalismus werden in der GWR so gut wie komplett umgesetzt.<\/p>\n<h3>2.3 Probleme der Umsetzung des Friedensjournalismus in der Graswurzelrevolution<\/h3>\n<h4>2.3.1 Ideologieorientierung<\/h4>\n<p>Die GWR ist eine Bewegungszeitung und als solche eng an der Ideologie der gewaltfreien, libert\u00e4r-anarchistischen Gruppen ausgerichtet.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Von Anfang an bem\u00fchte sich die Graswurzelrevolution, Theorie und Praxis der gewaltfreien Revolution zu verbreiten und weiterzuentwickeln. Dabei wurde versucht, neben der Kritik an den bestehenden Verh\u00e4ltnissen, sich &#8222;heute zumindest schon in Ans\u00e4tzen so zu organisieren, wie sp\u00e4ter die Gesellschaft insgesamt sein soll.&#8220; (Dr\u00fccke 1998: 167)<\/p><\/blockquote>\n<p>Sie gilt als einflussreichste anarchistische Zeitung im deutschsprachigen Raum (vgl. Dr\u00fccke 1998:181)<\/p>\n<p>Doch schon allein innerhalb der Bewegung ist sie nicht unumstritten. Kritisiert wurde sie unter anderem daf\u00fcr, dass sie oft &#8222;Vorbilder hochhalte&#8220; und &#8222;dogmatisch gewaltfrei&#8220; sei. (vgl. Dr\u00fccke 1998:180)<\/p>\n<p>Die GWR ist ebenfalls sehr kritikfreudig nicht nur gegen\u00fcber anderen Grundeinstellungen, sondern auch gegen\u00fcber anderen alternativen Bewegungen, die sich nicht an der gleichen Ideologie orientieren. Den bisweilen sogar aggressiven Ton, der in diesem Zusammenhang zum Vorschein kommt, habe ich bereits im Kapitel &#8222;Wahrheitsorientierung&#8220; kritisiert. Auch das unabh\u00e4ngige Mediennetzwerk &#8222;indymedia&#8220; (Schulz, GWR 269: 12) oder die Gruppe Attac (Fang, GWR 267: 1f) wurden auseinandergenommen. Auf den zweiten Artikel folgten Leserbriefe, die denen der GWR unter anderem vorgeworfen wird, &#8222;Hasstiraden anonym agierender Personen in einem Text unterzubringen, bei dem es eigentlich um Attac geht&#8220; (Bergstedt, GWR 268: 18). Bei Lesern aus anderen Milieus k\u00f6nnen solche &#8222;Grenzk\u00e4mpfe&#8220; meiner Meinung nach den Eindruck entstehen lassen, dass der wahre Feind manchmal eher der Nachbar ist als der Gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Die L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge f\u00fcr die Probleme unserer Gesellschaft k\u00f6nnen Bewegungsfremde nicht immer nachvollziehen oder bef\u00fcrworten, sie erscheinen bisweilen zu realit\u00e4tsfremd. Beispielsweise wird ein Konzept aus dem Jahr 1920 vorgestellt, in dem die optimale Gesellschaft so aussieht, dass die Leute in autarken Gro\u00dfd\u00f6rfern mit sozialistischer Organisation direkt von der Landwirtschaft leben, die Industrie sollte nur der &#8222;Erg\u00e4nzungsbehelf der Agrikultur&#8220; sein. Im Anschluss daran wird von einer Diskussion berichtet, bei der es darum geht, wie dieses Konzept heute umgesetzt werden k\u00f6nnte. (Fischer, GWR 271: 2)<\/p>\n<p>Diese Ideologieorientierung macht es f\u00fcr die GWR schwierig, Gruppen au\u00dferhalb der eigenen Bewegung zu erreichen und dadurch die Position &#8222;Ablehnung jedes Krieges&#8220; als Alternative zur Unterst\u00fctzung einer der Parteien weiter zu verbreiten. Die im Sinne des Friedensjournalismus gr\u00f6\u00dftenteils gute und sinnvolle Berichterstattung erreicht dadurch fast nur Menschen, die diese Position bereits vertreten.<\/p>\n<h4>2.3.2 Fehlende Professionalit\u00e4t<\/h4>\n<p>Die GWR wird zwar manchmal als &#8222;Bleiw\u00fcste&#8220; bezeichnet, da der Text nur selten durch Bilder oder Karikaturen unterbrochen wird, aber allgemein wirkt das Layout der Zeitschrift professionell und macht sie gut lesbar, vor allem im Vergleich zu anderen Alternativmedien. Inhaltlich f\u00e4llt aber teilweise auf, dass die Autoren der Texte ehrenamtlich arbeiten. Die Emotionalit\u00e4t vieler Artikel ist relativ gro\u00df, dadurch kommt es zu radikalerer Wortwahl (siehe &#8222;Ideologieorientierung). Recherchen vor Ort sind oft nicht m\u00f6glich, die Verfasser der Artikel sind auf andere Quellen angewiesen. Mitunter schleichen sich auch kleine Fehler ein, die dann in der n\u00e4chsten Zeitung korrigiert werden (z.B. Sigrist, GWR 264: 7).<\/p>\n<p>Durch den Abdruck der Appelle verschiedener Friedensbewegungen und die Stellungnahme verschiedener Autoren zum gleichen Thema kann der Eindruck entstehen, dass immer das gleiche wiederholt wird. Dieser Eindruck entstand nach dem 11.09.02 aber auch in den etablierten Medien.<\/p>\n<p>Das Hauptproblem liegt meiner Meinung nach auch hier an dem Punkt, dass es mit wenig Personal ebenfalls schwierig ist, den Leserkreis auszubauen. Dies zeigt sich auch dadurch, dass die Auflage die 5000 in der Regel nicht \u00fcberschreitet (Dr\u00fccke 1998:168).<\/p>\n<h3>3 Fazit<\/h3>\n<p>Obwohl die Redakteure das GWR das Konzept des Friedensjournalismus von Galtung nicht kennen, haben sie es in den meisten Punkten umgesetzt. Die Forderungen des Konzepts an eine Berichterstattung, die gewaltsame Auseinandersetzungen verhindern will, scheinen fast schon selbstverst\u00e4ndlich zu sein f\u00fcr Autoren, die das gleiche Ziel verfolgen. Es wird aber auch klar, dass das Konzept von Galtung hohe Anspr\u00fcche stellt, die nicht einfach zu erf\u00fcllen sind. Gerade die intensive Recherche, am besten vor Ort, ist f\u00fcr ein kleines Medium wie die GWR fast nicht zu machen.<\/p>\n<p>Alle Zusammenh\u00e4nge richtig zu sehen, einzuordnen und zu beschreiben ist eine anspruchsvolle Herausforderung. Die GWR behilft sich hier der Ideologie des gewaltfreien Anarchismus. Gerade diese Ideologieorientierung ist aber meiner Meinung nach nicht unproblematisch. Zum einen besteht die Gefahr von Grabenk\u00e4mpfen mit Gruppen, die zwar \u00e4hnliche Ziele haben, diese aber aus einer anderen Ideologie heraus verfolgen. Zum anderen erschwert sie den Zugang zu den Inhalten f\u00fcr Leute, die von dieser Ideologie nicht \u00fcberzeugt sind. Die Ideologie selbst wird von den Autoren nicht in Frage gestellt.<\/p>\n<p>Deswegen w\u00fcrde ich den Journalismus der GWR zwar als Friedensjournalismus nach Galtung bezeichnen, die Zeitschrift aber nicht als Vorzeigemedium f\u00fcr diese Art der Berichterstattung ansehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verfasserin: Cornelia Oed Reflexionskurs: Kriegsberichterstattung Dozent: Dr. Armin Scholl Datum: 11.11.2002 Vorwort Wenn man die Fernsehnachrichten einschaltet, scheint die Welt nur aus Kriegen, Krisen und Konflikten zu bestehen. &#8222;Heute wurden in Israel wieder sechs Pal\u00e4stinenser get\u00f6tet, darunter zwei Kinder&#8220;, &#8222;Saddam r\u00fcstet zum Endkampf&#8220; oder &#8222;Vier Verletzte bei gewaltsamen Demonstrationen in Argentinien&#8220;, das sind die Schlagzeilen, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/01\/das-konzept-des-friedensjournalismus-nach-galtung-umgesetzt-in-der-monatszeitschrift-graswurzelrevolution\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Das Konzept des Friedensjournalismus nach Galtung - Umgesetzt in der Monatszeitschrift \"Graswurzelrevolution\"? - graswurzelrevolution","description":"Verfasserin: Cornelia Oed Reflexionskurs: Kriegsberichterstattung Dozent: Dr. Armin Scholl Datum: 11.11.2002 Vorwort Wenn man die Fernsehnachrichten einschaltet"},"footnotes":""},"categories":[59,12,1042,16],"tags":[766],"class_list":["post-5264","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-graswurzelrevolution","category-news","category-ohne-chef-und-staat","category-ueberuns","tag-ueber-uns-arbeiten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5264","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5264"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5264\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5264"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5264"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5264"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}