{"id":5267,"date":"2003-02-01T00:00:19","date_gmt":"2003-01-31T22:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5267"},"modified":"2022-07-26T14:26:08","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:08","slug":"ol-staat-und-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/02\/ol-staat-und-krieg\/","title":{"rendered":"\u00d6l, Staat und Krieg"},"content":{"rendered":"<h3>Die \u00d6l-Doktrinen der westlich-kapitalistischen Industrienationen<\/h3>\n<p>Als gegen Ende des Zweiten Weltkrieges der Nahe Osten zum neuen weltweiten Zentrum der \u00d6lproduktion und des \u00d6lexports werden sollte, sagte US-Pr\u00e4sident Roosevelt dem englischen Botschafter in Washington, Halifax, am 18.2.1944 unverbl\u00fcmt: &#8222;Das persische \u00d6l geh\u00f6rt Ihnen. Das \u00d6l im Irak und in Kuwait teilen wir uns. Und was das saudische \u00d6l betrifft, das geh\u00f6rt uns.&#8220; (Yergin, S. 508, siehe ((1)))<\/p>\n<p>Churchills Au\u00dfenminister, Anthony Eden, sagte noch 1956, kurz vor der britisch-franz\u00f6sisch-israelischen Milit\u00e4raktion zur Besetzung des Suez-Kanals, dem sowjetischen Stalin-Nachfolger Chruschtschow ins Gesicht: &#8222;Was das \u00d6l betrifft, so muss ich Ihnen ganz unverbl\u00fcmt meine Meinung sagen &#8211; wir w\u00fcrden daf\u00fcr k\u00e4mpfen. Wir k\u00f6nnen ohne \u00d6l nicht leben.&#8220; (S. 608). Und der jetzt von allen so geh\u00e4tschelte Friedensnobelpreistr\u00e4ger Jimmy Carter gab als US-Pr\u00e4sident 1980 sogar eine Carter-Doktrin heraus: &#8222;Jeder Versuch einer fremden Macht, die Kontrolle \u00fcber den Persischen Golf zu erlangen, wird als Angriff auf die lebenswichtigen Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika angesehen und mit allen erforderlichen Mitteln, einschlie\u00dflich milit\u00e4rischen, abgewehrt werden.&#8220; (S. 865) \u00c4hnliche Doktrinen stellte US-Pr\u00e4sident Truman 1950 gegen\u00fcber Ibn Saud zum Schutze Saudi-Arabiens auf, oder schon der Brite Landsdowne 1903 als Warnung an Deutschland und Russland, dem Persischen Golf fernzubleiben.<\/p>\n<h3>Die Geschichte des \u00d6ls und des Kolonialismus<\/h3>\n<p><strong><\/strong>Die Geschichte des Aufstiegs moderner industrieller Nationalstaaten ist ohne das \u00d6l nicht denkbar. Als Edwin Drake 1859 in Titusville, Pennsylvania, erstmals \u00d6l fand, schien darauf noch nichts hinzudeuten.<\/p>\n<p>Zuerst wurde \u00d6l nur f\u00fcr Petroleumlampen benutzt, ab ca. 1900 dann als Brennstoff f\u00fcr Autos, die ihren Siegeszug erst in den 20er Jahren antraten. Und erst in den 40er und 50er Jahren l\u00f6ste \u00d6l in gro\u00dfem Rahmen die Kohle als Brennstoff f\u00fcr Schiffe ab und wurde als Treibstoff f\u00fcr Flugzeuge bedeutend.<\/p>\n<p>Bis zu seiner Zerschlagung 1911 dominierte der US-Trust Standard Oil den US-\u00d6lmarkt, so genannt wegen der Standardqualit\u00e4t seines Petroleums (andere Sorten f\u00fchrten h\u00e4ufig zu Br\u00e4nden, explodierten und z\u00fcndeten das Haus an, wenn man eigentlich nur Licht machen wollte). Standard und ihr Chef, Rockefeller, produzierten anfangs kein \u00d6l und hielten sich aus den unglaublich chaotischen K\u00e4mpfen der \u00d6lpioniere heraus, die \u00d6lfunde wie Goldfunde bejubelten. Standard konzentrierte sich ganz auf Raffinerie, also die Herstellung verwertbarer Produkte aus Roh\u00f6l, sowie auf den Vertrieb. Damit dominierte Standard zeitweise 90 Prozent des US-\u00d6lmarktes, weil jeder kleine Produzent auf Standard f\u00fcr den Vertrieb angewiesen war. Standard diktierte durch sein Monopol die Preise oder f\u00fchrte brutale Preiskriege, wenn jemand sein eigenes regionales Vertriebsnetz aufbauen wollte. Standards Methoden waren oft illegal, von Geheimhaltung umwittert, Konkurrenten wurden von eingeschleusten Standard-Agenten hintergangen usw. Gegen 1902 deckte eine der gro\u00dfen kritischen US-JournalistInnen, Ida Minerva Tarbell, eine sogenannte &#8222;Muckracker&#8220; (Morastw\u00fchlerin), durch eine Serie in der Zeitschrift <em>McClure&#8217;s<\/em> diese Machenschaften auf und legte damit den Grundstein f\u00fcr Gerichtsurteile und den juristisch angeordneten Zwang zur Entflechtung dieses alles dominierenden Trusts. Die Standard wurde auf die US-Bundesstaaten aufgeteilt, aus der gr\u00f6\u00dften Einzelfirma, der Standard of New Jersey, wurde schlie\u00dflich Exxon\/Esso; aus Standard New York wurde Mobil Oil; aus Standard California Chevron usw.<\/p>\n<p>Zur Diversifizierung des Marktes der Produktions- und Vertreiberfirmen trugen auch neue \u00d6lfunde bei, zun\u00e4chst in Texas, Oklahoma, Kalifornien, wieder in Ost-Texas, dann im Golf von Mexiko, woraus u.a. die Firmen Gulf Oil und Texaco hervor gingen.<\/p>\n<p>In Europa wurde zun\u00e4chst russisches \u00d6l aus Baku vertrieben, ausgebeutet von Firmen der reichen Familien Rothschild aus Frankreich und Nobel aus Schweden, die sich vom Zaren Konzessionen ausstellen lie\u00dfen. Ihr Siegeszug wurde durch die russischen Revolutionen von 1905 und 1917 und der darauf folgenden ersten Verstaatlichung der \u00d6lindustrie beendet. So war in Europa der Weg frei f\u00fcr die Shell, die vom Briten Marcus Samuel gegr\u00fcndet wurde, dessen Vater mit Muscheln gehandelt hatte (daher der Name Shell). Marcus Samuel war im Kolonialhandel aktiv, als er 1897 in Borneo \u00d6l fand. Er baute auf dem Seeweg nach Fernost \u00fcberall Handelsstationen auf, verb\u00fcndete sich mit den Rothschilds und sp\u00e4ter mit der holl\u00e4ndischen Firma Royal Dutch, die in Sumatra \u00d6l gefunden hatte. Aufgrund der weiten Entfernungen waren die zusammen gelegten Firmen Royal Dutch\/Shell zu Erfindungsreichtum gezwungen, auf sie gehen die Entwicklung moderner \u00d6ltanks sowie gro\u00dfer Seetankerschiffe zur\u00fcck. Die Vereinigung war jedoch aufgrund der gro\u00dfen Finanzschwierigkeiten Samuels mit 60:40 vom Holl\u00e4nder Wilhelm Deterding dominiert, der lange Jahre Aufsichtsratschef wurde. Deterding baute sich zwar ein Haus in England, verliebte sich aber in den drei\u00dfiger Jahren in hohem Alter in seine deutsche Sekret\u00e4rin und lief Gefahr, den Konzern den Nazis auszuliefern.<\/p>\n<p>Die Royal Dutch\/Shell war der britischen Admiralit\u00e4t also zu unsicher, als in den beiden Weltkriegen \u00d6l immer wichtiger wurde: im ersten Weltkrieg \u00fcberwanden die von \u00d6lprodukten betriebenen Tanks den klassischen Stellungskrieg, der gesamte Zweite Weltkrieg war dann ein &#8222;Bewegungskrieg&#8220;, der von der Treibstoffversorgung abhing.<\/p>\n<p>Ganze Armeen, wie etwa die des Nazis Rommel in Afrika, blieben liegen, weil sie keinen Treibstoff mehr hatten.<\/p>\n<p>1901 erhandelte der Brite D&#8217;Arcy vom persischen Schah eine \u00d6lf\u00f6rderkonzession f\u00fcr 60 Jahre und fand 1908 \u00d6l. Da sein Konsortium fast pleite war, sprang die britische Admiralit\u00e4t ein und \u00fcbernahm die Anglo-Persian Oil zu 51 Prozent in staatlichen Besitz, aus der sp\u00e4ter die British Petroleum wurde. Damit hatte die britische Kolonialmacht neben dem unsicheren Kantonisten Shell eine staatlich kontrollierte und f\u00fcr nationale Interessen einsetzbare \u00d6lgesellschaft. Frankreich und Italien sollten mit Elf, Total sowie Agip ebenfalls staatliche kontrollierte Gesellschaften gr\u00fcnden. \u00d6l war f\u00fcr die Industrienationen zu wichtig geworden, um einfach der kapitalistischen Privatwirtschaft \u00fcberlassen zu werden.<\/p>\n<p>Selbst in den USA setzte sich diese Einsicht durch: nach der Weltwirtschaftskrise integrierte der US-Staat die \u00d6lgesellschaften in seine New Deal-Politik durch staatliche Auflagen und Festlegungen von F\u00f6rderquoten, um chaotische Preisschwankungen zu bek\u00e4mpfen. In den Weltkriegen und auch den nachfolgenden Kriegen setzten die USA regelm\u00e4\u00dfig ihre Antitrustgesetzgebungen aus, um die \u00d6lgesellschaften zur Kooperation zu zwingen und in die geplanten Kriegf\u00fchrungspl\u00e4ne zu integrieren. Im zweiten Weltkrieg war das entscheidend, um Englands Kriegsindustrie mit den Geleitz\u00fcgen \u00fcber den Atlantik mit \u00d6l zu versorgen. So konnten die Alliierten den zweiten Weltkrieg gegen das nationalsozialistische Deutschland gewinnen, welches in ganz Europa nur Zugriff auf die rum\u00e4nischen \u00d6lfelder hatte, welche von den Briten zudem noch zerst\u00f6rt worden waren. Die Nazis behalfen sich mit hydriertem, chemisch hergestellten Benzin, das aus Kohle gewonnen wurde. Doch das war eine Notl\u00f6sung, Ziel der NS-Kriegsf\u00fchrung war zun\u00e4chst in einer Zangenbewegung mit Rommel aus Nordafrika ostw\u00e4rts dr\u00e4ngend und den Nazi-Armeen in der Sowjetunion s\u00fcdw\u00e4rts dr\u00e4ngend das iranische \u00d6lfeld der Anglo-Persian, und als Rommel geschlagen war (El Alamein) und die Nazis die Kaukasus-P\u00e4sse nicht \u00fcberqueren konnten, schlie\u00dflich der Angriff auf die \u00d6lfelder von Baku \u00fcber Stalingrad. Die Nazi-Kriegsmaschinerie brauchte \u00d6l und bekam es nicht &#8211; in den letzten Kriegsjahren klagten die Nazi-Offiziere best\u00e4ndig \u00fcber Treibstoffmangel.<\/p>\n<p>Aufgrund kurzfristiger Engp\u00e4sse (Rationierungen von Benzin, erste Autostaus vor den in den 20er Jahren fl\u00e4chendeckend eingef\u00fchrten Tankstellen) in den USA in den letzten Kriegsjahren entstand dort eine lang anhaltende, ganz absurde Panik vor \u00d6l- und Treibstoffmangel, obwohl generell bis heute immer zuviel \u00d6l gef\u00f6rdert wird und besonders nach dem zweiten Weltkrieg neue riesige Vorkommen entdeckt wurden (sogenannte Elefanten\u00f6lfelder im Nahen Osten, aber auch in Mexico, Venezuela, Nigeria, Libyen, Alaska, Offshore im Golf von Mexico oder der Nordsee) und immer neue Gesellschaften entstanden (durch eine der vielen Konzessionen in Libyen etwa Occidental Oil\/Jet). Erst in den 70er und 80er Jahren entstand im Zuge der \u00d6kologiediskussion ein neuer Diskurs \u00fcber die Endlichkeit fossiler Brennstoffe, wodurch jene vermuteten \u00d6lreservoirs im Irak erst diese Bedeutung bekommen, die sie heute haben.<\/p>\n<p>Deutsche Bank und Shell gr\u00fcndeten zusammen mit der osmanischen Turkish National Bank und dem armenischen Million\u00e4r Calouste Gulbenkian 1912 die Turkish Petroleum Company. Nach dem ersten Weltkrieg und der Niederlage des Osmanischen Reiches wurden die Deutschen ausgebootet, die franz\u00f6sische \u00d6lgesellschaft stieg ein. Die Turkish hatte sich vor dem Krieg \u00d6lf\u00f6rderkonzessionen in Mesopotamien gesichert, GB und Frankreich best\u00e4tigten sich das im Abkommen von San Remo 1920, aber der neue t\u00fcrkische Nationalstaat Atat\u00fcrks machte dem von beiden Kolonialm\u00e4chten festgelegten Irak Gebiete streitig und sprach der TPC die legale Grundlage ab. Den Kolonialm\u00e4chten wurde die best\u00e4ndige Gefahr der Nationalisierung bewusst und sie wandelten die Turkish um in die Iraq Petroleum Company. Wie die Kolonialm\u00e4chte damals mit den von ihnen verwalteten Territorien umgingen, verdeutlicht das Schicksal des K\u00f6nigs Feisal: er wurde von den Briten zuerst auf den syrischen Thron verfrachtet. Da Syrien jedoch Frankreich zufiel, setzten ihn die Briten wieder ab, und weil sie nun einen Monarchen f\u00fcr den Irak brauchten, setzten sie ihn kurz darauf als K\u00f6nig von Irak ein. Dass solche Marionettenregime, von denen wir nach dem kommenden Irak-Krieg vielleicht wieder eines erleben werden, keinen Bestand hatten, l\u00e4sst sich denken. Sie wurden in allen arabischen L\u00e4ndern bald von nationalistisch-militaristischen Regimen hinweg gefegt, die zugleich antibritisch wie sp\u00e4ter auch durchweg antiisraelisch waren und deren Galionsfigur der \u00c4gypter Nasser wurde. Im Irak wurde die Iraq Petroleum Company von den nationalistischen Offizieren verstaatlicht, aus denen schlie\u00dflich in den 70er Jahren das diktatorische Milit\u00e4rregime Saddam Husseins hervor ging.<\/p>\n<h3>Staatliche Politik der Westm\u00e4chte und die Angst vor Verstaatlichung der \u00d6lindustrie<\/h3>\n<p><strong><\/strong>Als Mexico 1938 seine \u00d6lindustrie verstaatlichte, beachtete das noch kaum jemand. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einen allgemeinen Trend zur Verstaatlichung. Die \u00d6lgesellschaften wollten zwar eigenst\u00e4ndige Konzerne bleiben, aber die Verstaatlichungen bedrohten ihre Profite und so warfen sie sich immer wieder in die Arme ihrer Entstehungs- oder Herkunftsstaaten, weil nur Staaten in der Lage waren, Kriege zu f\u00fchren und ihnen den Zugang zu den \u00d6lquellen wieder zu er\u00f6ffnen. Es waren die \u00d6lgesellschaften der alten Kolonialm\u00e4chte Gro\u00dfbritannien und Frankreich, gegen die sich die neuen Nationalstaaten im Nahen Osten zun\u00e4chst richteten. Der iranische \u00d6lminister Mossadeq verstaatlichte 1951-53 die iranische \u00d6lindustrie und warf die BP aus dem Lande. Als Schah-treue Gener\u00e4le Mossadeq mit Hilfe des CIA wieder absetzen konnten, bedeutete das gleichzeitig den Zugang von US-\u00d6lfirmen in den Iran. Gro\u00dfbritannien zog sich als Milit\u00e4rmacht erst 1970 ganz aus dem Nahen Osten zur\u00fcck. Die US-\u00d6lgesellschaften hatten zun\u00e4chst einen guten Ruf als Alternative, weil die USA die antikolonialen nationalistischen Bewegungen zun\u00e4chst noch unterst\u00fctzt hatten und im Nahen Osten selbst als urspr\u00fcnglich antikoloniale Macht empfunden wurden.<\/p>\n<p>Selbst bei Nassers Sieg in der Suez-Krise 1956 hatten die USA noch England und Frankreich zum R\u00fcckzug aus der Suez-Kanalzone gezwungen.<\/p>\n<p>So waren es die US-\u00d6lgesellschaften, die schlie\u00dflich das Gros der Konzessionen im Nahen Osten absahnten. Sie wurden dabei von der US-Regierung wiederum zur Kooperation gezwungen. Aramco (Arabian-am-erican Oil) beutete saudi-arabisches \u00d6l aus und setzte sich aus Esso, Mobil, Chevron und Texaco zusammen; Gulf, Shell und BP waren in Kuwait t\u00e4tig. Bis in die 70er Jahre gelang es den Gesellschaften dabei, eine 50:50-Regelung aufrecht zu erhalten, d.h. grob: 50 Prozent des Profits an die Nationalstaaten, 50 Prozent an die Gesellschaften. Mit zunehmendem Nationalismus und durch die Anlehnung an die Sowjetunion im Kalten Krieg als Alternative (\u00c4gypten, zeitweise Irak usw.) trieben die Staaten die Gesellschaften vor sich her, d.h. sie verlangten immer mehr, schlie\u00dflich deklarierten sie durchweg die Konzessionen als ung\u00fcltig und dekretierten das \u00d6l zum nationalen Eigentum, das an die Gesellschaften nur verkauft werde.<\/p>\n<p>Mit der 1960 gegr\u00fcndeten OPEC (im wesentlichen von den arabischen Staaten und Venezuela gebildet) wurde \u00d6l zur Waffe und erstmals gegen die USA eingesetzt, die Israel im Krieg von 1973 unterst\u00fctzten (\u00d6l-Embargo gegen USA und erste weltweite \u00d6lkrise). Die Drosselung der F\u00f6rdermenge lie\u00df die Preise in die H\u00f6he schnellen, es kam auch in der BRD zu Energiekrise und autofreien Sonntagen. \u00c4hnliches wiederholte sich 1979 nach dem Sturz des Schah, der gerade erst auf die Seite der Moderaten (zusammen mit Saudi-Arabien) innerhalb der OPEC gewechselt war. Die \u00d6lgesellschaften wurden aus dem Land getrieben, die iranische \u00d6lindustrie verstaatlicht, die F\u00f6rderung zeitweise eingestellt, die Preise stiegen, ebenso wie der iranische Hass auf die USA. Und schlie\u00dflich vollzog sich diese Tendenz 1991 noch einmal, als der Irak Kuwait \u00fcberfiel und damit das kuwaitische \u00d6l den westlichen \u00d6lgesellschaften entzogen zu werden drohte. Der hoch schnellende \u00d6lpreis wurde durch die Kuwait-Invasion jedoch schnell von den westlichen Nationalstaaten wieder herunter geholt.<\/p>\n<p>Dass die Verstaatlichungspolitik der antikolonialen Nationalbewegungen unter F\u00fchrung Nassers auf der arabischen Halbinsel aus libert\u00e4r-gewaltfreier Sicht zu keiner Zeit eine emanzipatorische Perspektive darstellte, hat der Anarchist Rudolf Rocker fr\u00fch erkannt. Um 1952 bereits schrieb er zum arabischen Nationalismus:<\/p>\n<p>&#8222;Der ganze arabische Nationalismus war von Anfang an ein k\u00fcnstliches Gebilde, dessen Entstehung viel mehr der ausw\u00e4rtigen Politik rivalisierender europ\u00e4ischer Gro\u00dfm\u00e4chte zu verdanken ist als den eigentlichen Bestrebungen der zahlreichen arabischen V\u00f6lkerschaften. Den Beduinenst\u00e4mmen, die in manchen arabischen Staaten einen betr\u00e4chtlichen Teil der Bev\u00f6lkerung bilden, war der Begriff des Nationalismus schon deshalb fremd, weil sie als Nomaden \u00fcberhaupt keine festen Wohnst\u00e4tten besitzen. (&#8230;) Man darf \u00fcberhaupt nie vergessen, dass der gesamte arabische Nationalismus seine ganze Existenz nur einer kleinen intellektuellen Schicht zu verdanken hatte und von den kleinen arabischen Machthabern unterst\u00fctzt wurde, weil sie glaubten, ihre dynastischen Interessen damit f\u00f6rdern zu k\u00f6nnen, wobei die gr\u00f6\u00dferen von ihnen stets von dem Wunsch besessen waren, die neue Idee von der &#8218;Arabischen Bruderschaft&#8216; fr\u00fcher oder sp\u00e4ter dazu benutzen zu k\u00f6nnen, um die Hegemonie \u00fcber die arabische Welt zu erringen. Die V\u00f6lker spielten dabei \u00fcberhaupt keine Rolle.&#8220; (Rudolf Rocker: Der Nationalismus &#8211; eine Gefahrenquelle!, in &#8222;Die freie Gesellschaft&#8220;, 1952)<\/p>\n<h3>\u00d6l, Staat und Krieg nach dem 11. September<\/h3>\n<p><strong><\/strong>Der Zusammenhang zwischen \u00d6l, Staat und Krieg ist ein g\u00e4nzlich antiliberalistischer: ohne \u00d6l funktioniert in den westlich-kapitalistischen Industrienationen gar nichts. \u00d6l wird deshalb nicht der Privatwirtschaft \u00fcberlassen, oder sozusagen nur in nichtkriegerischen Sonnenzeiten, in denen alles gut l\u00e4uft. Industrielle Schl\u00fcsselindustrien (v.a. die Autoindustrie) sowie die staatliche Milit\u00e4rmaschinerie ist um ihrer Selbstbehauptung willen auf \u00d6l angewiesen. Ohne \u00d6l kann der moderne Nationalstaat gleich abdanken. Die Industriestaaten werden deshalb immer wieder Kriege ums \u00d6l f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die weltweite \u00f6kologische Bewegung, an der wir beteiligt waren, hat mit ihrem Angriff auf die Atomenergie eine lange Zeit eine von den Industrienationen als Alternative zum \u00d6l gehandelte Energieform bek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Das war auch dann richtig, wenn der ins Stocken geratene Ausbau der Atomenergie die Industrienationen heute wieder aufs \u00d6l zur\u00fcck wirft. Aus einem Three Mile Island und einem Tschernobyl w\u00e4ren Hunderte Katastrophen dieser Art geworden, auch in der &#8222;Dritten Welt&#8220;. Mit der Beteiligung an den Antikriegsbewegungen wie am zweiten Golfkrieg 1991 haben wir auch diese R\u00fcckkehr zum Krieg ums \u00d6l angegriffen. Die feministische Bewegung hat die Konstruktion einer gewaltsamen m\u00e4nnlichen Identit\u00e4t, die Kritik der Armeen als M\u00e4nnerb\u00fcnde sowie die gesellschaftliche Bedeutung von Massenvergewaltigungen in Kriegen in den Mittelpunkt ihrer Kritik gestellt (etwa bei Susan Brownmiller: Gegen unseren Willen). Diese sozialen Bewegungen erg\u00e4nzen sich und zeigen: der Energieverbrauch in den Industriel\u00e4ndern muss deutlich zur\u00fcck gefahren werden, wenn er den Menschen in anderen L\u00e4ndern nicht als Ausbeutung oder Bedr\u00fcckung erscheinen soll, regenerative Energiequellen m\u00fcssen zur Basis einer nicht auf Ausbeutung gegr\u00fcndeten Gesellschaft werden; Staat und Armeen m\u00fcssen abgeschafft werden; M\u00e4nner m\u00fcssen ihre gewaltsame Identit\u00e4t \u00fcberwinden oder sich ihr verweigern.<\/p>\n<p>Diese sozialen Bewegungen erg\u00e4nzen sich und zeigen: \u00d6l kann nicht durch einen mindestens ebenso problematischen Energiegewinnungsprozess wie den der Kernspaltung ersetzt werden. Die gesellschaftliche Perspektive muss hei\u00dfen: gerechte Verteilung des Energieverbrauchs weltweit, geregelter R\u00fcckgang des Energieverbrauchs in den Industrienationen, \u00f6kologische Energiegewinnung aus alternativen nat\u00fcrlichen Energiequellen. Innerhalb des Kapitalismus ist das nicht m\u00f6glich. Es braucht daf\u00fcr eine andere gesellschaftliche, egalit\u00e4re Grundlage.<\/p>\n<p>\u00d6l schmiert den milit\u00e4risch-industriellen Komplex der heutigen modernen Industriestaaten. Besonders in den USA mit ihrer Riesenarmee ist dieser Komplex zu einem \u00f6konomischen Schl\u00fcsselsegment angeschwollen, der interne Wirtschaftskrisen mit Staats- und R\u00fcstungsauftr\u00e4gen zu regeln wei\u00df. Die Autoindustrie und die Armee sind ein Moloch, der immer noch mehr \u00d6l verbraucht. Nach dem 11.9. hat sich diese Gesellschaft in einen Staat im permanenten Kriegszustand verwandelt: die ebenso unbestimmte und gegen jeden anwendbaren Formel des &#8222;Krieges gegen den Terrorismus&#8220; liefert die Ideologie daf\u00fcr. Der milit\u00e4risch-industrielle Komplex dr\u00e4ngt aus sich selbst, aus seinen eigenen Imperativen heraus jedes Jahr zu einem neuen Krieg, besonders, wenn es darum geht, die eigenen Ressourcen sicher zu stellen: das \u00d6l aus dem Golf. Europa hat daran trotz aller Kritik und einzelner Phasen innerimperialer Konkurrenz ein lebenswichtiges Interesse, solange es sein \u00d6l ebenfalls \u00fcberwiegend aus dem Golf bezieht. Darum werden die US-Kriege ums \u00d6l von den europ\u00e4ischen M\u00e4chten entweder gedeckt (Scheckbuchdiplomatie der BRD 1991) oder aktiv mitgef\u00fchrt (Gro\u00dfbritannien, Frankreich).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00d6l-Doktrinen der westlich-kapitalistischen Industrienationen Als gegen Ende des Zweiten Weltkrieges der Nahe Osten zum neuen weltweiten Zentrum der \u00d6lproduktion und des \u00d6lexports werden sollte, sagte US-Pr\u00e4sident Roosevelt dem englischen Botschafter in Washington, Halifax, am 18.2.1944 unverbl\u00fcmt: &#8222;Das persische \u00d6l geh\u00f6rt Ihnen. Das \u00d6l im Irak und in Kuwait teilen wir uns. 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