{"id":5269,"date":"2003-02-01T00:00:34","date_gmt":"2003-01-31T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5269"},"modified":"2022-07-26T14:26:08","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:08","slug":"die-us-friedensbewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/02\/die-us-friedensbewegung\/","title":{"rendered":"Die US-Friedensbewegung"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_5270\" aria-describedby=\"caption-attachment-5270\" style=\"width: 315px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-5270\" title=\"H\u00f6chste Zeit zu desertieren!\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/tot.jpg\" alt=\"\" width=\"315\" height=\"207\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/tot.jpg 315w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/tot-300x197.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 315px) 100vw, 315px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5270\" class=\"wp-caption-text\">Washingtoner Friedhof von in Vietnam get\u00f6teten US-Soldaten (Foto &amp; Collage: ckstar)<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: left;\">Die F\u00fclle von Friedensdemonstrationen und Protesten in den USA l\u00e4sst sich kaum mehr \u00fcberblicken. Ich m\u00f6chte mich deswegen auf einige Beispiele der letzten Monate beschr\u00e4nken.<\/p>\n<h3>1. Protestwelle im Oktober 2002<\/h3>\n<p><strong><\/strong>Allein in den ersten beiden Wochen des Oktober 2002 z\u00e4hlte das unabh\u00e4ngige Institut f\u00fcr politische Studien in Washington landesweit 400 verschiedene Anti-Kriegsveranstaltungen.<\/p>\n<p>Noch vor der Entscheidung im US-Kongress, der Pr\u00e4sident Bush am 10.10.02 mit einer breiten Mehrheit freie Hand f\u00fcr einen Krieg gegen Irak gab, demonstrierten Mitglieder der US-Friedensbewegung in vielen St\u00e4dten der USA.<\/p>\n<p>Als George Bush z.B. am 7.10.02 in Cincinnati sprach, versammelten sich rund 1000 KriegsgegnerInnen vor dem Geb\u00e4ude. Sie trugen Transparente mit der Aufschrift &#8222;Krieg ist das Versagen der Politik&#8220; und blockierten nach der Bush-Veranstaltung den Verkehr in der Stadt.<\/p>\n<p>Am Wochenende zuvor waren in New York etliche tausend Menschen dem Aufruf der Kampagne &#8222;Not in our name&#8220; gefolgt.<\/p>\n<p>Am 15.10.02 erschien eine ganzseitige Anzeige gegen den Irak-Krieg in mehreren gro\u00dfen US-Tageszeitungen. Sie war unterzeichnet von 200 UnternehmerInnen, darunter dem CNN-Gr\u00fcnder Ted Turner sowie dem Schauspieler und Unternehmer Paul Newman.<\/p>\n<p>Die InitiatorInnen der Organisation &#8222;Truemajority.com&#8220; &#8211; die wahre Mehrheit &#8211; konnten bereits bis Oktober 2002 mehr als 35.000 Mitglieder z\u00e4hlen, darunter 400 f\u00fchrende Gesch\u00e4ftsleute, die sich ebenfalls \u00f6ffentlich gegen den Krieg aussprechen.<\/p>\n<p>Einzelaktionen wie die des Hollywood-Schauspielers Sean Wood, der allein f\u00fcr eine Annonce in der <em>Washington Post<\/em> mit heftiger Kritik an der US-Regierung 56 000 US-Dollar bezahlt hatte, fanden ein lebhaftes Echo.<\/p>\n<p>In US-Gro\u00dfst\u00e4dten fanden Ende Oktober 2002 zahlreiche Kundgebungen unter dem Motto &#8222;Den Krieg verhindern, bevor er beginnt&#8220;, statt, die von einem breiten B\u00fcndnis mit dem Namen &#8222;Answer&#8220; (Act now to Stop War and End Racism) vorbereitet und durchgef\u00fchrt wurden.<\/p>\n<p>In Washington sagte vor &#8211; von den Veranstaltern gesch\u00e4tzten &#8211; 200.000 DemonstrantInnen der fr\u00fchere US-Justizminister Ramsey Clark, es sei &#8222;Zeit, das Regime zu wechseln &#8211; aber hier, in Amerika&#8220; (zit. nach junge Welt, 28.10.02). Neben Clark geh\u00f6rte der schwarze B\u00fcrgerrechtler Jesse Jackson zu den prominentesten RednerInnen, ebenso die Schauspielerin Susan Sarandon.<\/p>\n<p>Transparente zeigten Slogans wie &#8222;Stoppt den Krieg, bevor er beginnt&#8220;, Lasst Bush fallen statt Bomben&#8220; oder &#8222;Geld f\u00fcr Arbeit, nicht f\u00fcr Krieg&#8220;.<\/p>\n<p>Nachdem einige US-Medien die TeilnehmerInnenzahlen der Demos eher untertrieben hatten, intervenierte die medienkritische Gruppe FAIR (Fairness and Accurancy in Reporting). Es gelang ihr, dass z.B. die <em>New York Times<\/em> die St\u00e4rke der US-Friedensbewegung &#8222;nach oben hin&#8220; korrigierte: &#8222;Nach zahlreichen Leserbriefen, Anrufen und E-mails an die Redaktion musste die Zeitung am vergangenen Mittwoch ihre Berichterstattung korrigieren und eingestehen, dass die Proteste Ausdruck einer gest\u00e4rkten Anti-Kriegsbewegung sind&#8220;, berichtete die <em>junge Welt<\/em> am 2\/3.11.02.<\/p>\n<h3>2. Protestwelle im Januar 2003<\/h3>\n<p><strong><\/strong>Die Einsch\u00e4tzungen \u00fcber die Gro\u00dfdemonstration in Washington am 18.1.2003 gingen weit auseinander: Die Polizei sprach in ihrer offiziellen Sch\u00e4tzung von 30.000 bis 50.000 TeilnehmerInnen, die <em>junge Welt<\/em> \u00fcbernahm die Zahl etlicher Nachrichtenagenturen, die sich auf Veranstaltersch\u00e4tzungen st\u00fctzte, von 500.000.<\/p>\n<p>Die <em>taz<\/em> wollte sich nicht festlegen und begann ihren Beitrag mit der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Spannbreite: &#8222;Am Samstag haben in der US-Hauptstadt rund 30.000 bis 500.000 Menschen vor allem gegen einen drohenden Irak-Krieg und die Au\u00dfenpolitik von Pr\u00e4sident George W. Bush demonstriert. Die Wahrheit d\u00fcrfte irgendwo dazwischen gelegen haben. Der Streit \u00fcber die H\u00f6he der TeilnehmerInnenzahlen \u00fcberschattete teilweise das eigentliche Anliegen der Antikriegsbewegung.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die <em>junge Welt<\/em> auf der Titelseite mit dem Aufmacher erschien: &#8222;Friedensbewegung in USA so stark wie nie&#8220;, \u00fcberschrieb die <em>taz<\/em> ihren Beitrag: Kriegsproteste in Washington. An der Demonstration am Samstag nahmen weniger Menschen als erhofft teil&#8220;.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu den Demonstrationen im Fr\u00fchjahr und Herbst 2002 hielt im Januar 2003 m\u00f6glicherweise auch eisige K\u00e4lte viele DemonstrantInnen vom Marsch nach Washington ab.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llige Transparente trugen Slogans wie &#8222;Give Inspectors a Chance&#8220;, &#8222;UN-Action not US over reaction&#8220; oder &#8222;money for jobs not war&#8220;.<\/p>\n<p>Die Januar-Demonstration war von einem breiten politischen B\u00fcndnis getragen, das &#8211; im Gegensatz zu den Gro\u00dfkundgebungen 2002 &#8211; weit in die b\u00fcrgerliche Mitte reichte. Waren es 2002 vor allem linke FriedensaktivistInnen, kamen zum Martin-Luther-King Gedenktag am 18.1.03 &#8222;neben Spartakisten, Gewerkschaftler, christliche Friedensgruppen und viele Familien mit Kindern&#8220; (taz, 20.1.03). Auff\u00e4llig war die Abwesenheit der demokratischen Opposition.<\/p>\n<p>Aufgerufen hatte, wie schon im Oktober 2002, das B\u00fcndnis &#8222;answer&#8220;, das sich als Aktionsnetzwerk nach dem 11.9.01 gegr\u00fcndet hatte.<\/p>\n<h3>3. Proteste von St\u00e4dten und Friedensb\u00fcndnissen in den USA<\/h3>\n<p><strong><\/strong>&#8222;Stadtrat von Chicago h\u00e4lt Pr\u00e4ventivkrieg f\u00fcr falsch&#8220; titelte die <em>FR<\/em> am 18.1.03. Der Stadtrat von Chicago hatte sich in einer Resolution gegen einen &#8218;vorbeugenden Milit\u00e4rangriff&#8216; auf Irak ohne den Beweis ausgesprochen, dass von Bagdad wirklich eine Bedrohung f\u00fcr die USA ausgehe. Damit folgte der Magistrat der drittgr\u00f6\u00dften US-Stadt \u00e4hnlichen Resolutionen von St\u00e4dten wie San Francisco, Seattle, Ithaca (Bundesstaat New York) und Kalamazoo (Michigan). &#8218;Wir wollen nicht, dass unsere Jungen und M\u00e4dchen in den Krieg ziehen&#8216;, sagte die Ratsvorsitzende Dorohy Tillman.<\/p>\n<p>&#8222;Iraq Peace Pledge&#8220; (<a href=\"http:\/\/www.peacepledge.org\">www.peacepledge.org<\/a>) nennt sich ein breites B\u00fcndnis der Qu\u00e4ker-Organisation American Friends Service Committe, Educaton for Peace in Iraq Center, Fellowship of Reconciliation (US- Zweig des Vers\u00f6hnungsbundes), Lutheran Peace Fellowship, National Network to End the War Against Iraq, Pax Christi USA, Peace Action sowie &#8222;Voices in the Wilderness&#8220;. In einer Selbstverpflichtung mit dem Namen &#8222;Iraq pledge of resistance&#8220; verpflichten sich alle UnterzeichnerInnen der Erkl\u00e4rung, im Falle einer Kampftruppenverlegung US-amerikanischer Einheiten und anderer offensichtlicher Schritte hin zu einer Eskalation, sich an Aktionen zivilen Ungehorsams vor US-Milit\u00e4reinrichtungen zu beteiligen.<\/p>\n<p>Einer der wichtigsten Motoren der US-Friedensbewegung ist das Internationale Aktions Zentrum (IAC) (<a href=\"http:\/\/www.iacenter.org\">www.iacenter.org<\/a>) in Washington. Der Direktor des Zentrums, Brian Becker, verbreitete bereits im Sommer 2002 einen Aufruf mit dem Inhalt, es sei ein &#8222;Muss f\u00fcr alle fortschrittlichen Arbeiter- und Antikriegsorganisationen, den angek\u00fcndigten Krieg zu stoppen&#8220;.<\/p>\n<h3>4. Kirchen gegen den Krieg<\/h3>\n<p><strong><\/strong>Neben den Gewerkschaften stellen die Kirchen in den USA eine erheblich gesellschaftliche Kraft dar. Einerseits sind es gerade religi\u00f6se Fundamentalisten, &#8211; zu denen der US-Pr\u00e4sident selbst geh\u00f6rt &#8211; die in einem Gut-B\u00f6se-Schema die Welt aufgeteilt haben, andererseits melden sich fast t\u00e4glich neue Stimmen offizieller Kirchengremien gegen den Irak-Krieg.<\/p>\n<p>Zu Ihnen geh\u00f6ren die Mennonitische Kirche, die Lutherische Kirche Amerikas (<a href=\"http:\/\/www.elca.org\">www.elca.org<\/a>), der Nationale Rat der Kirchen Christi in den USA (<a href=\"http:\/\/www.nccusa.org\">www.nccusa.org<\/a>), die Presbyterianische Kirche der USA (<a href=\"http:\/\/www.pcusa.org\">www.pcusa.org<\/a>), die Vereinigte Kirche Christi in den USA &#8211; z.B.l mit ihrer Erkl\u00e4rung &#8222;20 Wege, den Krieg im Irak zu beenden&#8220; (<a href=\"http:\/\/www.ucc.org\">www.ucc.org<\/a>) &#8211; und die Katholische Bischofskonferenz (<a href=\"http:\/\/www.usccb\/org\">www.usccb\/org<\/a>). Gerade M\u00f6nche und Nonnen sowie andere engagierte Christen sind derzeit an Aktionen zivilen Ungehorsams vor US-Milit\u00e4rst\u00fctzpunkten an vorderster Stelle im Einsatz.<\/p>\n<h3>5. US-Friedensdelegationen im Irak<\/h3>\n<p>Der Ex-US-Marine Ken Nichols O&#8217;Keefe (Kontakt: <a href=\"http:\/\/www.uksociety.org\">www.uksociety.org<\/a>), der noch 1991 im Golfkrieg auf Seiten der Alliierten gegen Irak gek\u00e4mpft hatte, startete von London aus zun\u00e4chst eine Reise durch mehrere europ\u00e4ische L\u00e4nder, bevor er sich auf den Weg in den Irak machte, wo er Krankenh\u00e4user besuchte, in irakischen Familien wohnte und mit seinem Einsatz einen Beitrag zur Verhinderung des Krieges zu leisten suchte.<\/p>\n<p>&#8222;Angeh\u00f6rige von Opfern der Terroranschl\u00e4ge vom 11.9. sind nach Bagdad gereist, um f\u00fcr eine friedliche Beilegung der Irak-Krise einzutreten. Die vier US-B\u00fcrger seien &#8218;in dieser Zeit gro\u00dfer Bedrohung&#8216; nach Irak gereist, &#8218;um ihrer Hoffnung Ausdruck zu geben, dass Krieg und Gewalt ein Ende nehmen&#8216;, erkl\u00e4rte der Verband &#8218;Familien des 11. September f\u00fcr ein friedliches Morgen&#8216; am Mittwoch (8.1.03). Als Ort f\u00fcr ihre Pressekonferenz w\u00e4hlte die Gruppe die Ruinen eines Luftschutzbunkers, in dem beim Golf-Krieg 1991 fast 400 Zivilisten durch US-Bomben get\u00f6tet worden waren&#8220;, berichtete die <em>FR<\/em> am 9.1.03.<\/p>\n<p>Die US-Friedensgruppe &#8222;Voices in the wilderness&#8220; (<a href=\"http:\/\/www.nonviolence.org\/vitw\">www.nonviolence.org\/vitw<\/a>), die seit vielen Jahren Reisen in den Irak durchf\u00fchrt und z.B. eine Strafanzeige \u00fcber 120.000 Dollar bekam, weil ihre Mitglieder Kinderspielzeug und Medikamente nach Bagdad brachte und damit angeblich gegen das Embargo verstie\u00df, gr\u00fcndete das &#8222;Iraq Peace Team&#8220; (<a href=\"http:\/\/www.iraqpeaceteam.org\/index.html\">www.iraqpeaceteam.org\/index.html<\/a>). Seit Herbst halten sich MitarbeiterInnen dieses Teams im Irak auf, um eine Eskalation des bereits begonnenen Krieges zu verhindern. Mit ihrem Einsatz wollen sich die Mitglieder sowohl die Bev\u00f6lkerung als auch lebenswichtige Einrichtungen sch\u00fctzen und auch im Falle eines massiven US-Bombardements im Lande ausharren.<\/p>\n<p>Zur Gruppe geh\u00f6ren auch die &#8222;Veterans for Peace&#8220; wie z.B. Ted Sexauer, Hubschraubernotarzt im Vietnamkrieg.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Engagement von Voices in the wilderness und ihrer Sprecherin Kathy Kelly weltweit auf Respekt und Anerkennung zum Teil auch bei politischen Gegnern st\u00f6\u00dft, portr\u00e4tierte der deutsche &#8222;Spiegel&#8220; sie und ihre Gruppe in einer \u00dcberschrift als &#8222;Schlachtenbummler&#8220; (&#8222;Der Spiegel, 9.12.02).<\/p>\n<p>\u00dcber Internet fordern Mitglieder verschiedener US-Friedensorganisationen ihre Mitglieder auf, den drei st\u00e4ndigen Mitgliedern im Weltsicherheitsrat Frankreich, Russland und China E-Mails oder Faxe zu senden mit der Botschaft: &#8222;Bitte stimmen Sie keiner UN-Resolution zu, die zu milit\u00e4rischer Gewalt erm\u00e4chtigt&#8220;.<\/p>\n<p>Das eingangs des Artikels erw\u00e4hnte ganzseitige Portr\u00e4t der US-Friedensbewegung im Magazin der FR schloss mit dem Satz: &#8222;Ganz allein kann die amerikanische Friedensbewegung ihren Pr\u00e4sidenten wahrscheinlich eben doch nicht stoppen&#8220;. Deswegen ist ihre Unterst\u00fctzung gerade aus Europa &#8211; und insbesondere aus Deutschland &#8211; extrem wichtig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die F\u00fclle von Friedensdemonstrationen und Protesten in den USA l\u00e4sst sich kaum mehr \u00fcberblicken. Ich m\u00f6chte mich deswegen auf einige Beispiele der letzten Monate beschr\u00e4nken. 1. Protestwelle im Oktober 2002 Allein in den ersten beiden Wochen des Oktober 2002 z\u00e4hlte das unabh\u00e4ngige Institut f\u00fcr politische Studien in Washington landesweit 400 verschiedene Anti-Kriegsveranstaltungen. 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