{"id":5291,"date":"2003-02-01T00:00:39","date_gmt":"2003-01-31T22:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5291"},"modified":"2022-07-26T14:26:08","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:08","slug":"the-show-goes-on","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/02\/the-show-goes-on\/","title":{"rendered":"The Show Goes On"},"content":{"rendered":"<p>Die Skrupellosigkeit der GeiselnehmerInnen machte es leicht zu behaupten, da\u00df eine Verhandlungsl\u00f6sung ohnehin nicht m\u00f6glich gewesen sei; jedenfalls wurde sie nicht einmal versucht. Die Rettung der Geiseln versank in dieser Aktion im Chaos: es ging nicht um ihr Leben, es ging um eine staatliche Machtdemonstration.<\/p>\n<p>Danach versch\u00e4rften sich die willk\u00fcrlichen Repressalien gegen Tschetschenen in Ru\u00dfland noch einmal. Der Krieg &#8211; nein, nat\u00fcrlich die antiterroristische Operation in Tschetschenien geht weiter; mittlerweile gab es den n\u00e4chsten Anschlag der tschetschenischen Separatisten, die das Regierungsgeb\u00e4ude in Groznyj in die Luft jagten; das mordet und brennt so vor sich hin, und kein Mensch hat die blasseste Vorstellung davon, was am Ende dabei herauskommen soll. Eine Reintegration Tschetscheniens in die Russische F\u00f6deration ist, nach allem was geschehen ist, kaum denkbar; ein unabh\u00e4ngiges Tschetschenien w\u00e4re nichts anderes als das Pl\u00fcnderungsobjekt einer einheimischen Gangsterherrschaft.<\/p>\n<p>Da\u00df Tschetschenien es nur in Ausnahmef\u00e4llen in die Schlagzeilen der westlichen Medien schafft, k\u00f6nnte auch mit dem ratlosen Entsetzen vor einem Musterbeispiel von Staatenzerfall und Milit\u00e4rpolitik zu tun haben. Wir beobachten ein Experiment: Was passiert, wenn zuwiderlaufende staatliche Interessen &#8211; den Laden zusammenhalten gegen den Widerstand derer, die einen eigenen aufmachen wollen &#8211; mit ihren ureigensten Mitteln, n\u00e4mlich milit\u00e4rischen, aufeinanderprallen: eine kleine Apokalypse.<\/p>\n<p>Nicht einmal mehr die Diplomatie hat die Chance, dem Krieg einen Rahmen zu setzen: es geht nicht mehr um irgendeinen Interessenausgleich (worunter man ja auch die Bedingungen einer Unterwerfung verstehen kann), es geht um alles oder nichts.<\/p>\n<h3>Sind die also alle vollends irrsinnig geworden?<\/h3>\n<p><strong><\/strong>Die tschetschenische Bev\u00f6lkerung h\u00e4tte allen Grund, die separatistischen Warlords zum Teufel zu schicken &#8211; unter ihrer Herrschaft ist das Land zum Menschenh\u00e4ndlerparadies geworden -, und sie tut es nicht, weil die russische Armee ihr keine Wahl l\u00e4\u00dft, als sich auf die Seite der Kidnapper zu stellen. Das Milit\u00e4r kann das Land nicht kontrollieren, nur mehr terrorisieren; was da mit Gewalt gehalten werden soll, ist keine staatliche oder wirtschaftliche Struktur mehr, nur noch ein weithin verw\u00fcstetes Territorium, durch das ein paar Pipelines laufen, die von verbunkerten Garnisonen bewacht werden.<\/p>\n<p>Wenn der ganze Rest vor die Hunde geht, mu\u00df das niemanden interessieren, die Region ist eh abgeschrieben; wertvoll allenfalls noch als Beispiel staatlichen Selbstbehauptungswillens: wir lassen uns in unseren Machtbereich nicht reinpfuschen!<\/p>\n<p>Im russisch-tschetschenischen Krieg spiegelt sich auch der Krieg des Westens gegen den Terrorismus, von dem man uns ja bereits gesagt hat, da\u00df er lange dauern werde. Es geht auch hier nicht mehr darum, Staaten in das eigene Ordnungsgef\u00fcge, in den Weltmarkt zu integrieren; dem Markt kann sich sowieso niemand mehr entziehen. Wir haben es gerade nicht mit einer Wiederauflage des klassischen Imperialismus zu tun: die Welt ist erobert, und es geht darum, das Eroberte &#8211; jedenfalls die verwertbaren Teile davon &#8211; zu behaupten; auch um den Preis der Zerst\u00f6rung der \u00fcberfl\u00fcssigen Best\u00e4nde.<\/p>\n<p>Das Hasardspiel, das die USA gegenw\u00e4rtig mit dem Krieg gegen den Irak betreiben, gibt ein sch\u00f6nes Beispiel daf\u00fcr. Nach den Ma\u00dfgaben jeder halbwegs verantwortungsbewu\u00dften Politik kann das nur schiefgehen, und die Frage ist blo\u00df, ob im Falle eines Krieges die Zerst\u00f6rung sich auf den Irak beschr\u00e4nken oder ob nicht doch der gesamte Nahe Osten in Brand geschossen wird.<\/p>\n<p>Genau so wenig wie der Staat der tschetschenischen Banden ist das Regime Saddam Husseins ein diskutables Modell; aber es gibt in keinem Fall eine milit\u00e4rische L\u00f6sung. So unertr\u00e4glich die Zust\u00e4nde im der &#8222;Tschetschenischen Republik Itschkerija&#8220; oder im Irak sein m\u00f6gen, die staatliche Milit\u00e4rpolitik hat eben keine Alternative zu bieten &#8211; die Vorstellung, Zivilisation und Menschenrecht mit Hilfe milit\u00e4rischer Macht verbreiten zu k\u00f6nnen, hat sich bereits blamiert. Vor weiteren Versuchen in der Richtung kann nicht laut genug gewarnt werden: der Weltgeist hat sich der technischen Entwicklung angepa\u00dft &#8211; er sitzt nicht mehr zu Pferde, er schwebt auf den Tragfl\u00e4chen eines Bombers ein. Das Ergebnis sieht danach aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Skrupellosigkeit der GeiselnehmerInnen machte es leicht zu behaupten, da\u00df eine Verhandlungsl\u00f6sung ohnehin nicht m\u00f6glich gewesen sei; jedenfalls wurde sie nicht einmal versucht. Die Rettung der Geiseln versank in dieser Aktion im Chaos: es ging nicht um ihr Leben, es ging um eine staatliche Machtdemonstration. 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