{"id":5332,"date":"2003-02-01T00:00:38","date_gmt":"2003-01-31T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5332"},"modified":"2022-07-26T14:15:13","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:13","slug":"das-ende-der-polarnacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/02\/das-ende-der-polarnacht\/","title":{"rendered":"Das Ende der Polarnacht"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Wer Kitsch erzeugt&#8220;<\/em>, wetterte 1950 der gro\u00dfe, alte Romancier Hermann Broch, <em>&#8222;ist nicht einer, der minderwertige Kunst erzeugt, er ist kein Nichts &#8211; oder Wenigk\u00f6nner,<\/em> [&#8230;] <em>er ist kurzerhand ein schlechter Mensch, er ist ein ethisch Verworfener, ein Verbrecher, der das radikal B\u00f6se will. Oder etwas weniger pathetisch gesagt: er ist ein Schwein&#8220;<\/em>. ((1))<\/p>\n<p>Tja, wirklich schrecklich, diese Sache mit der Trivialliteratur (auf die Broch im wesentlichen Bezug nimmt, wenn er von <em>&#8222;Kitsch&#8220;<\/em> redet). Wohl jeder und jede, der oder die sich auf Bildung und Belesenheit etwas zugute tut, wird bereitwillig die Nase r\u00fcmpfen, wenn Worte wie &#8222;Trivial-&#8222;, &#8222;Groschen-&#8220; oder &#8222;Unterhaltung&#8220; sich verunzierend vor die altehrw\u00fcrdige Vokabel &#8222;Roman&#8220; gedr\u00e4ngelt haben. Trivialliteratur zu lesen hat bis heute etwas Heimliches, Verborgenes, Unanst\u00e4ndiges: ein halbweltliches Treiben an wie zuf\u00e4llig herumgedrehten B\u00fccherst\u00e4ndern am Bahnhofskiosk, voller <em>&#8222;John Sinclair&#8220;<\/em>, <em>&#8222;Dr. Andrea Bergen&#8220;<\/em>, <em>&#8222;Der Bergdoktor&#8220;<\/em> oder <em>&#8222;Legenden der Leidenschaft&#8220;<\/em>; ein Bastei-L\u00fcbbe-Strich, zu dem man sich nur mit dunkler Brille und hochgeklapptem Kragen wagt.<\/p>\n<p>Jahrzehntelang schwebte auch der literaturwissenschaftliche Bannfluch \u00fcber so unterschiedlichen Genres wie dem Science Fiction, dem Liebes-, Abenteuer-, Grusel &#8211; oder Kriminalroman. Man versteifte sich auf wohlbegr\u00fcndete Verachtung, der Erfolg manch seichten Machwerks machte seine &#8222;k\u00fcnstlerischen&#8220; Absichten nur noch verd\u00e4chtiger, und seufzend nahm man die Existenz der sogenannten <em>Popul\u00e4rlitertur<\/em> hin wie das schlechte Wetter. Niemanden schien es zu beunruhigen, da\u00df es nicht selten die popul\u00e4ren Genres und Geschm\u00e4cker sind, die weit genaueren Aufschlu\u00df \u00fcber den Zustand bestimmter Epochen und Gesellschaften geben als deren sogenannte &#8222;hohe&#8220; Literatur. Und niemand machte viel Aufhebens um die ihrerseits triviale Erkenntnis, da\u00df die Ein &#8211; bzw. Abstufung eines fiktionalen Textes nach &#8222;U&#8220; &#8211; und &#8222;E&#8220;- Literatur eine h\u00f6chst zeitgebundene und relative Angelegenheit sei.<\/p>\n<p>Denn mal Hand auf&#8217;s Herz: Wer w\u00fcrde wohl auf seinen Winnetou verzichten? Wer auf seinen Hexer oder Zinker? Wer auf seinen Graf von Monte-Christo? Kapit\u00e4n Nemo? Albus Dumbledore? Scarlett O&#8217;Hara? Gestalten hochtrivialer Literatur geh\u00f6ren untrennbar zum kulturellen Kollektivbewu\u00dftsein, und ihre &#8222;verderbte Herkunft&#8220; f\u00e4llt kaum jemandem mehr auf. Manche gefeierten Romane und Erz\u00e4hlungen entpuppen sich bei n\u00e4herem Hinsehen als zum Heulen sentimental (Man denke nur an Rilkes <em>&#8222;Kornett Malte Laurids Brigge&#8220;<\/em>, bei dem man passagenweise den Eindruck hat, als handele es sich um ein Libretto f\u00fcr Udo J\u00fcrgens grausigste Schnulzen: <em>&#8222;<\/em>[&#8230;] <em>wo traurige Frauen von uns wissen&#8220;<\/em>). Manche ausgewiesenen Trivialtexte dagegen, wie der zu Unrecht vergessene Roman der verbrannten Dichterin Adrienne Thomas: <em>&#8222;Reisen Sie ab, Mademoiselle&#8220;<\/em>, geh\u00f6ren zum Spannendsten und Aufschlu\u00dfreichsten, was etwa \u00fcber die Jahre des Exils zur Zeit des Dritten Reiches geschrieben wurde. Romanciers wie G\u00fcnther Grass oder Siegfried Lenz bedienen sich ganz selbstverst\u00e4ndlich trivialer Strukturelemente zur Bereicherung ihrer Erz\u00e4hlkunst, und manch ehemaliger Groschenromanschreiber (etwa Georges Simenon) ist aus den Literaturgeschichten l\u00e4ngst nicht mehr wegzudenken. Der zu Lebzeiten st\u00e4ndig angefeindete Feuilletonromancier Alexandre Dumas p\u00e8re, der zeitweise ein ganzes Heer von &#8222;Ghostwritern&#8220; in den Kellern seines Hauses an den <em>&#8222;Drei Musketieren&#8220;<\/em> arbeiten lie\u00df &#8211; jeden zu bestimmten Details &#8211; hat es mittlerweile sogar bis in die franz\u00f6sische Ehrenhalle historischer Unverg\u00e4nglichkeit geschafft: ins Pariser Pantheon. Literarische &#8222;Verbrecher&#8220; mit den Abzeichen der <em>L\u00e9gion d&#8217;Honneur<\/em> &#8211; wer soll sich da noch auskennen&#8230;<\/p>\n<h3>Ein postmoderner Krimi<\/h3>\n<p><strong><\/strong>In Frankreich macht gegenw\u00e4rtig ein (popul\u00e4r)literarisches Ph\u00e4nomen Furore, das es in dieser Form noch nicht gegeben hat. Es hei\u00dft <em>Le Poulpe<\/em> (dt. <em>&#8218;die Krake&#8216;<\/em>) und scheint alle Regeln des Literaturmarktes \u00fcber den Haufen werfen zu wollen. <em>Le Poulpe<\/em> ist zun\u00e4chst einmal nicht mehr und nicht weniger als eine Serie von Kriminalromanen.<\/p>\n<p>Mittlerweile sind 203 <em>Poulpes<\/em> erschienen (bei Drucklegung dieses Artikels d\u00fcrften es mehr sein). Es geht um Mord und Heimt\u00fccke, R\u00e4tsel und Verwicklung, Verbrechen und deren Aufkl\u00e4rung. Im Verkauf sind die Romane schmuddelig und kosteng\u00fcnstig; echte Groschenhefte f\u00fcr&#8217;s Klo oder f\u00fcr lange Zugreisen. Nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches also. Nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches?<\/p>\n<p>Kaum je zwei <em>Poulpe<\/em>-Romane wurden von ein &#8211; und demselben Autor bzw. ein &#8211; und derselben Autorin geschrieben. Es gibt einen <em>Poulpe,<\/em> den eine Schulklasse in gemeinsamer Arbeit verfa\u00dft hat und der passenderweise an besagter (und, wie&#8217;s scheint, hochkrimineller) Schule spielt. Ein anderer <em>Poulpe<\/em> stammt aus der Feder von franz\u00f6sischen Strafgefangenen, und es ist nicht einzusehen, warum in Zukunft nicht M\u00fcllm\u00e4nner, Skatspieler, PolizistInnen, Obdachlose oder Universit\u00e4tslektorinnen ihr Gl\u00fcck einmal mit einem <em>Poulpe<\/em> versuchen sollten. Einen<em> Poulpe<\/em> k\u00f6nnen alle schreiben &#8211; das geh\u00f6rt zum Konzept.<\/p>\n<p>Werden einige wenige biographische Daten beibehalten und strukturelle Vorgaben ber\u00fccksichtigt, steht einem schreibenden Spaziergang durch die Welt des <em>Poulpe<\/em> nichts im Wege.<\/p>\n<p>Denn hinter der Maske des Trivialromans verbirgt sich ein postmodernes Genrehopping.<\/p>\n<p>Der programmgem\u00e4\u00dfe Mord ist nichts als ein Vorwand, ein Panorama der zeitgen\u00f6ssischen franz\u00f6sischen Gesellschaft auszubreiten, das in seiner literarischen Umsetzung nat\u00fcrlich h\u00e4ufig h\u00f6chst wechselnder Qualit\u00e4t ist, aber immer die M\u00f6glichkeit bietet, die Verdorbenheit und Ungerechtigkeit des eigenen sozialen Umfeldes vorzuf\u00fchren, ohne zu langweilen oder moralinsauer daherzutropfen: ein Groschenheft als Narrenkappe! Die <em>Poulpe<\/em>&#8211; Romane sind n\u00e4mlich echte Krimis, und gelegentlich nicht einmal schlechte: es wird geschlagen, geschoben, bestochen, beleidigt und vertuscht, da\u00df es eine Freude ist. Gleichzeitig stecken die Romane voller intertextueller Anspielungen und ironischer Querverweise, Doppeldeutigkeiten und Wortspiele. Zu einer der erw\u00e4hnten strukturellen Vorgaben geh\u00f6rt beispielsweise der spielerisch-ironische Titel, in dem bekannte Werke der Literatur oder franz\u00f6sische Redensarten (mehr oder weniger) kunstvoll abgewandelt werden. So hei\u00dft ein <em>Poulpe<\/em> z.B. <em>&#8222;Nazis dans le m\u00e9tro&#8220; <\/em>(dt: <em>&#8218;Nazis in der Metro&#8216;<\/em>) nach dem Titel des ber\u00fchmten Romans von Raymond Queneau, <em>&#8222;Zazi dans le m\u00e9tro&#8220;<\/em>. Ein anderer wandelt herrlich geschmacklos das altbekannte franz\u00f6sische <em>Proverbe<\/em> <em>&#8222;La c\u00e9rise sur le gateau&#8220;<\/em> (dt. in etwa <em>&#8218;Das Sahneh\u00e4ubchen auf dem Kuchen\/ das i &#8211; T\u00fcpfelchen\/ die Kr\u00f6nung&#8216;<\/em>) zu <em>&#8222;La c\u00e9rise sur le gateux&#8220;<\/em> (dt.:<em>&#8218;Die Kirsche auf dem alten Sack&#8216;<\/em>) ab. Manch kryptisches Titelkupfer der <em>Poulpe<\/em>&#8211; Romane ist (vor allem f\u00fcr NichtmuttersprachlerInnen) fast \u00fcberhaupt nicht zu entschl\u00fcsseln.<\/p>\n<p>Die intellektuelle Angriffslust und Spielfreude der Serie kennt kaum Grenzen: es wird dem nationalen Bildungsd\u00fcnkel der Franzosen auf der Nase herumgetanzt, es werden Film &#8211; und Fernsehfiguren zweckentfremdet, die extreme Rechte wie die Linke kommen (in den gelungeneren <em>Poulpe<\/em>&#8211; Romanen) selten mit weniger als einem blauen Auge davon, und die Kritik an Staat, Wirtschaft und Gesellschaft ist zuzeiten nachgerade haarstr\u00e4ubend grob und ruppig.<\/p>\n<p>Diese Art, den Kriminalroman als strukturelle Folie zu benutzen und dabei ganz andere literarische Ziele zu verfolgen, ist nicht neu. Manuel V\u00e1squez Montalb\u00e1n hat sie im postfranquistischen Spanien mit seinen Pepe Carvalho &#8211; Romanen in die Welt gesetzt, und sein Kollege Leo Malet schlug jahrelang mit seinen <em>&#8222;Nouveaux Myst\u00e8res de Paris&#8220;<\/em> und deren Held Nestor Burma der etablierten Literaturkritik ein Schnippchen, die in seinen B\u00fcchern nichts weiter sehen wollte als eben ziemlich miese Krimis. Mit <em>Le Poulpe<\/em> ist der postmoderne Kriminalroman endg\u00fcltig zum Massenph\u00e4nomen geworden &#8211; in jeder Hinsicht, wie es scheint.<\/p>\n<h3>Vater, Sohn, unheiliger Geist<\/h3>\n<p>Es wird Zeit, ein wenig Vorstellung nachzutragen, ein paar Daten und Fakten. <em>Le Poulpe<\/em> hei\u00dft mit b\u00fcrgerlichem Namen Gabriel Levasseur und arbeitet als Privatdetektiv. Seine enorm langen Arme haben ihm den Spitznamen &#8222;Krake&#8220; eingebracht. Im Gegensatz zu seinen Kollegen Carvalho oder Burma, die zwar eine Reihe von Eigenschaften (man denke an die vornehme Fre\u00dfsucht Carvalhos, der dem genervten Leser zuzeiten seitenweise Kochrezepte mitteilen zu m\u00fcssen meint), aber keinen eigentlichen Charakter haben, darf Gabriel Levasseur in den besseren <em>Poulpes<\/em> zweifeln, hadern, seine Meinung \u00e4ndern und ist \u00fcberhaupt eine gelungenere, dreidimensionale Figur. Das eigentlich verbl\u00fcffende aber ist: Gabriel Levasseur ist franz\u00f6sischer Anarchist. Ein desillusionierter, einsamer Anarchist freilich: <em>&#8222;Der Bl\u00f6dmann hatte lange Zeit geglaubt, das Menschengeschlecht solle sich sorgen um Wahrheit und Anst\u00e4ndigkeit.<\/em> [&#8230;] <em>Jetzt trudelte Gabriel ziellos an der Peripherie der menschlichen Kom\u00f6die herum, eine Art Vorortbewohner, der aus den Augenwinkeln den Schuften bei der Arbeit zusah. Nur hin und wieder mischte er sich ein. Um eine Kopfnu\u00df auszuteilen, wenn sie ihre Macht ein bi\u00dfchen zu sehr missbrauchten. Oder ganz einfach, wenn ihm die Sache wirklich auf die Nerven ging&#8220;<\/em>. ((2)) Gabriels Ziehvater ist katalanischer Anarchosyndikalist: Pedro, ehemaliger K\u00e4mpfer des Spanienkrieges, gegenw\u00e4rtiger Wohnsitz &#8211; wie sollte es anders sein &#8211; Barcelona. Pedro f\u00e4llt die Aufgabe zu, Gabriel mit falschen Papieren zu versorgen. Er tut dies nicht nur kunstvoll und direkt, sondern sogar politisch keimfrei. In jeden falschen Pass tr\u00e4gt Pedro als Name den eines ber\u00fchmten historischen anarchistischen Aktivisten oder Attent\u00e4ters ein, als dessen Wiederg\u00e4nger <em>Le Poulpe<\/em> fortan durch den Roman spaziert: <em>&#8222;Er nahm sich also ein Zimmer im &#8218;Sauvage&#8216;, unter dem Namen Simon Biscuit. Der Patron wollte seinen Ausweis sehen. Kein Problem.<\/em><\/p>\n<p><em>Pedro hatte gute Arbeit geleistet. Dieses mal zog der Katalane den Hut vor dem Rotzl\u00f6ffel, der mit Ravachol und seiner wilden Horde umhergezogen war. In seinem Proze\u00df antwortete Simon, genannt Biscuit, auf alle Fragen des Gerichtes unersch\u00fctterlich: &#8218;Ganz recht&#8216;. &#8218;Sie haben am Dardare-Proze\u00df teilgenommen?&#8216;.- &#8218;Ganz recht&#8216;.- &#8218;Sie haben die Verurteilten r\u00e4chen wollen?&#8216;.- &#8218;Ganz recht&#8216;.- &#8218;Sie haben die Bombe gelegt, ohne im geringsten zu z\u00f6gern!&#8216;.- &#8218;Ganz recht&#8216;. Sp\u00e4ter, auf den Iles du Salut<\/em> [Strafgefangeneninseln vor Franz\u00f6sisch-Guayana, Anm. JS]<em>, als er auf einen Baum geklettert war, um die Soldateska an der Nase herumzuf\u00fchren, hatte ihn einer der J\u00e4ger wie einen Spatz heruntergeschossen&#8220;. <\/em>((3))<\/p>\n<p>Der Widerpart Levasseurs, sein Intimfeind und st\u00e4ndiger Verfolger ist Inspektor Jaques Vergeat. Schon der Name ist f\u00fcr literatur &#8211; und krimifeste Frankophile eine Gemeinheit. Vergeat, das ist zun\u00e4chst einmal Vautrin, der verbiesterte, sture und unmenschliche Polizeib\u00fcttel aus Victor Hugos <em>&#8222;Les mis\u00e9rables&#8220;<\/em>. Zum anderen aber ist Vergeat einer der beliebtesten Kinohelden Frankreichs: eben Jaques Vergeat, der Bulle mit dem gewissen r\u00fcden Charme, den Lino Ventura in einer Reihe von Filmen gro\u00dfartig verk\u00f6rpert hat (darunter <em>&#8222;Adieu Poulet!&#8220;<\/em>). Von <em>Poulpe<\/em> zu <em>Poulpe<\/em> wird Vergeats Biographie widerlicher: Fallschirmj\u00e4ger im Algerienkrieg, Verbindungen zur rechtsradikalen Terrororganisation OAS, \u00fcberzeugter Front-National-W\u00e4hler&#8230;dieser Mann hat einfach alles, was einen Anarchisten wie Gabriel vor Ekel sch\u00fctteln mu\u00df. Vergeat repr\u00e4sentiert im Universum der <em>Poulpe<\/em>-Romane unmissverst\u00e4ndlich die franz\u00f6sische Staatsgewalt &#8211; in Form ihrer vorz\u00fcglichsten Vertreterin, der Polizei. Sam Spades ewiger \u00c4rger mit <em>&#8222;den Bullen&#8220;<\/em> ((4)) wird bei <em>Le Poulpe<\/em> ins Politische gewendet.<\/p>\n<h3>Der triviale Charme der Anarchie<\/h3>\n<p>Weltanschaulich wetterfeste Genossinnen und Genossen werden mit einigem Recht zu schimpfen anfangen: in den <em>Poulpe<\/em>-Romanen werde am Anarchismus lediglich <em>&#8222;der individualistische Aspekt gesehen, und nicht der eines Werkzeugs zur Befreiung&#8220;<\/em>. ((5)) Auch, was auf den ersten Blick wie ein Schritt zur Verwirklichung alter libert\u00e4rer Literaturtr\u00e4ume aussieht &#8211; das allen Klassen und Schichten zug\u00e4ngliche Produktionskonzept der <em>Poulpe<\/em>-Serie &#8211; k\u00f6nnte mit gleichem Recht als das erste erfolgreiche Franchisingunternehmen der popul\u00e4ren Literatur bezeichnet werden. Zumal, wenn man bedenkt, da\u00df mittlerweile der franz\u00f6sische Verlagsgigant Seuil die Rechte \u00fcbernommen hat. Um all das soll es aber gar nicht gehen.<\/p>\n<p>Es geht um die doch bemerkenswerte Tatsache, da\u00df der <em>anarchistische Au\u00dfenseiter<\/em>, in Zolas <em>&#8222;Germinal&#8220;<\/em> noch ein d\u00e4monisch-getriebener Menschenschl\u00e4chter, mittlerweile in einer bestimmten, \u00fcberaus popul\u00e4ren und verbreiteten Literatur nicht nur salonf\u00e4hig, sondern zu einer positiven Identifikationsfigur geworden ist. Ein Wandel, den zu konstatieren und zu analysieren vielleicht interessanter w\u00e4re, als ihn von vorneherein besserwisserisch beiseite zu schieben. Nicht zuletzt, um zu kl\u00e4ren, welche Vorstellung von Anarchismus transportiert wird.<\/p>\n<p>Gabriel Levasseur ist ohne Zweifel literarisch traditionsgebunden. Aber gleichzeitig ist er eine durch und durch zeitgen\u00f6ssische, <em>zeitgem\u00e4\u00dfe<\/em> Figur, in der sich die sozialen und politischen Umbr\u00fcche der letzten zwei Jahrzehnte spiegeln. Die <em>&#8222;transzendentale Heimatlosigkeit&#8220; <\/em>(Luk\u00e1cs) der Romanhelden des 19. Jahrhunderts ist in den <em>Poulpe<\/em>-Romanen zur v\u00f6lligen Losl\u00f6sung des Individuums aus allen g\u00e4ngigen Welterkl\u00e4rungsmustern geworden. Gabriel Levasseur geh\u00f6rt keiner philosophischen oder ideologischen Schule mehr an. Er betritt Kirchen nur zu konspirativen Zwecken oder auf Leichensuche. Und er macht sein Kreuzchen hinter keiner Partei. Es gibt f\u00fcr ihn einfach keine fremdgesetzten Wegweiser mehr, nach denen er sich richten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Levasseur ist ein moderner &#8222;<em>P\u00edcaro&#8220;<\/em>, ein zynischer, verbitterter, desillusionierter <em>Schelm<\/em>, der in alle Nischen der Gesellschaft eindringen kann, um sie zu entlarven. Er folgt dabei einzig und allein seinem Gerechtigkeitsempfinden, dem Bewu\u00dftsein, da\u00df im etablierten Wertekanon reichlich schief gesungen wird und da\u00df, wer Macht besitzt, sie auch missbrachen wird. Statt \u00fcber den Verlust an &#8222;Werten&#8220; und ideologischem R\u00fcstzeug zu klagen, erscheint der krasse Individualismus Levasseurs in den <em>Poulpe<\/em>-Romanen als etwas durchaus positives, w\u00fcnschenswertes. Ausgerechnet der Anarchist wird somit im zeitgen\u00f6ssischen Unterhaltungsroman zum prototypischen Tr\u00e4ger eines Weltverstehens, da\u00df sich gewisserma\u00dfen auf&#8217;s Neue beim Unrechtsempfinden des Einzelnen &#8222;erdet&#8220;. Und es ist der Anarchist, der freigiebig nach allen Seiten der Gesellschaft hin austeilen kann, da im Rahmen seines eigenen Weltbildes keine Wanzen mehr nisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>All dies mag eine grobschl\u00e4chtige, klischeebehaftete, zweifellos triviale Vereinfachung des Anarchismus und seiner Ideen sein, gewi\u00df. Bleibt festzuhalten, da\u00df diese unterhaltsame, zutiefst postmoderne Neulekt\u00fcre des Anarchismus ihren k\u00fcnstlerischen Charme hat. Und Charme ist etwas, das politische Ideologien (leider) nur h\u00f6chst selten besitzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wer Kitsch erzeugt&#8220;, wetterte 1950 der gro\u00dfe, alte Romancier Hermann Broch, &#8222;ist nicht einer, der minderwertige Kunst erzeugt, er ist kein Nichts &#8211; oder Wenigk\u00f6nner, [&#8230;] er ist kurzerhand ein schlechter Mensch, er ist ein ethisch Verworfener, ein Verbrecher, der das radikal B\u00f6se will. Oder etwas weniger pathetisch gesagt: er ist ein Schwein&#8220;. ((1)) Tja, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/02\/das-ende-der-polarnacht\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Das Ende der Polarnacht - graswurzelrevolution","description":"\"Wer Kitsch erzeugt\" , wetterte 1950 der gro\u00dfe, alte Romancier Hermann Broch, \"ist nicht einer, der minderwertige Kunst erzeugt, er ist kein Nichts - oder Wenig"},"footnotes":""},"categories":[339,44,1042],"tags":[],"class_list":["post-5332","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-276-februar-2003","category-bucher","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5332","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5332"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5332\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5332"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5332"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5332"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}