{"id":5345,"date":"2003-03-01T00:00:49","date_gmt":"2003-02-28T22:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5345"},"modified":"2022-07-26T13:56:54","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:54","slug":"um-die-erinnerung-kampfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/03\/um-die-erinnerung-kampfen\/","title":{"rendered":"Um die Erinnerung k\u00e4mpfen"},"content":{"rendered":"<p>Beim Gro\u00dfschriftsteller Grass grassiert der Nationalismus. Er beschreibt die Deutschen als Opfer im Zweiten Weltkrieg bei der Versenkung des Fl\u00fcchtlingsschiffes &#8222;Wilhelm Gustloff&#8220;, das ihm als Vorlage f\u00fcr seinen j\u00fcngsten Roman diente. HistorikerInnen d\u00fcrfen neuerdings unbefangen und &#8222;unverkrampft&#8220; das Leid der deutschen Soldaten im Kessel von Stalingrad beschreiben. Und man\/frau emp\u00f6rt sich \u00fcber die alliierten Bombenangriffe auf zivile deutsche St\u00e4dte und beschreibt den &#8222;Brand&#8220;, die Feuersbrunst, der wiederum Deutsche zum Opfer fielen. Der &#8222;Spiegel&#8220; macht daraus einen Titel oder eine Serie. Um nicht missverstanden zu werden: in jedem Fall gibt es neben den Ursachen von Krieg und Nationalsozialismus auch eine Tragik und eine Problematik der alliierten Kriegsf\u00fchrung, wie es sie in jedem Krieg gibt, und sicher sind ihr auch viele Menschen aus Deutschland zum Opfer gefallen, derer in entsprechendem Rahmen und in gebotener Relation zu den deutschen Verbrechen zu gedenken w\u00e4re. Aber: eine solche Ballung von publizistischen Kampagnen zur Opfergeschichte der Deutschen innerhalb weniger Monate &#8211; das kann kein Zufall sein.<\/p>\n<p>Hier geht es auch nicht um eine sensible Erinnerung an vergessene Individuen. Es ist Erinnerungs- und Geschichtspolitik in Zeiten nationaler Rehabilitierung, Tenor: die alliierten Bomben wollten die Moral der Deutschen brechen &#8211; und scheiterten gerade damit! Welche Moral denn? Diejenige, zur nationalsozialistischen Herrschaft zu halten? Erstens w\u00e4re eine solche Moral \u00fcberhaupt keine (moralische Kategorien greifen erst bei einer Abkehr von der NS-Herrschaft), zweitens verdr\u00e4ngt die Darstellungsweise die Tatsache, dass es gar nicht so war, dass der Zusammenhalt &#8222;Volk-Herrschaft&#8220; keineswegs durchg\u00e4ngig war, sondern zuweilen auch br\u00fcchig. Aber davon will niemand wissen.<\/p>\n<p>Es geht darum, um die Erinnerung, um die Geschichtsdarstellungen zu k\u00e4mpfen, sie nicht den NationalistInnen, ob HistorikerInnen, SchriftstellerInnen oder JournalistInnen zu \u00fcberlassen. Und deswegen wird es hier in der <em>Graswurzelrevolution<\/em> zum wiederholten Mal ((1)) nicht unterbleiben, dass an etwas anderes erinnert wird denn an Deutsche als Opfer: an den \u00fcber eine Woche (vom 27.2.-7.3.1943), Tag und Nacht dauernden Widerstand der mit j\u00fcdischen M\u00e4nnern verheirateter Frauen in der Berliner Rosenstra\u00dfe.<\/p>\n<p>Eine Woche \u00fcber waren mal 100-200 Protestierende, mal bis zu 1000 auf der Stra\u00dfe, oft in wechselnder Zusammensetzung.<\/p>\n<p>60 Jahre &#8211; ein rundes Jubil\u00e4um, doch wie wird daran erinnert? Wo sind die neuen Romane von Gro\u00dfschriftstellern, die zum Thema erscheinen? Wann wird der 27.2., der Beginn der Widerstandswoche von 1943, zum Gedenktag oder Feiertag ausgerufen? Oder der 4.3., der Tag, an dem die Frauen den Maschinengewehren der Nazis trotzten?<\/p>\n<p>Wo ist der <em>Spiegel<\/em>-Titel dazu, wo die <em>Spiegel<\/em>-Serie \u00fcber mehrere Ausgaben hinweg? Wo sind die Sonderausgaben aller linken, marxistischen und antideutschen Bl\u00e4tter zu diesem Thema, wo ihre Detailstudien \u00fcber alle Aspekte, die damit zusammenh\u00e4ngen? Fehlanzeige!<\/p>\n<p>Wenn bisher \u00fcberhaupt an die Rosenstra\u00dfe erinnert wurde, dann waren es meist j\u00fcdische Forscher wie Nathan Stoltzfus oder Forscher aus der gewaltfreien Szene wie Gernot Jochheim, die mit umfangreichen Buchver\u00f6ffentlichungen viel an Material gesichtet und zug\u00e4nglich gemacht haben. ((2)) Es waren dann weitere Initiativen von unten, aus der Kunst und aus der Frauenbewegung, die mit einem Denkmal sowie einer Litfasss\u00e4ule in der heutigen Rosenstra\u00dfe in Berlin \u00f6ffentlich sichtbar an diesen Widerstand erinnerten. ((3)) Auf alternativen Geschichtsrundg\u00e4ngen in Berlin wird an der Rosenstra\u00dfe halt gemacht, und auf &#8222;Arte&#8220; lief einmal eine Dokumentation dar\u00fcber. Das war&#8217;s dann wohl &#8211; zu h\u00f6ren ist, dass Margarethe von Trotta einen Kinofilm \u00fcber die Rosenstra\u00dfe plant und dazu seit Jahren Gespr\u00e4che mit \u00dcberlebenden f\u00fchrt, das w\u00e4re ja mal was dem Ereignis Angemessenes.<\/p>\n<p>Dieser Widerstand h\u00e4tte es verdient, den b\u00fcrgerlichen Medien und ihrer erm\u00fcdenden Wiederholung des viel zu sp\u00e4ten und halbherzigen Widerstands der Milit\u00e4rs und ihrer HelferInnen vom 20. Juli 1944, die bis dahin vielfach alle vier Kriegsjahre an vorderster Front bei der verbrecherischen Kriegsf\u00fchrung der Nazis mitgemacht hatten, entgegen gehalten zu werden! Und er h\u00e4tte es verdient, dass er den heutigen &#8222;antideutschen&#8220; (real sehr &#8222;prodeutschen&#8220;, weil sie ihren Frieden mit den System gemacht haben) Gruppen wie ein Spiegel vorgehalten wird, als ein Beispiel daf\u00fcr, wie nichtj\u00fcdische und j\u00fcdische Deutsche vereint Widerstand geleistet haben, und zwar erfolgreich: die Nazis brachen die Deportationen ab, gaben dem unbewaffneten Widerstand nach, um einen bef\u00fcrchteten Fl\u00e4chenbrand und eine Ausweitung des Widerstands zu vermeiden. Ca. 1700 Juden\/J\u00fcdinnen in der Rosenstra\u00dfe 2-4 und einige weitere Hundert in anderen Sammellagern wie z.B. der Gro\u00dfen Hamburger Str. 26 konnten so vor der Deportation nach Auschwitz gerettet werden, ein Transport wurde sogar zur\u00fcckgeholt, viele von den Befreiten \u00fcberlebten bis zum Ende des Krieges in einem illegalen Fluchthilfenetzwerk in der Stadt, das ebenfalls sowohl von nichtj\u00fcdischen wie j\u00fcdischen Deutschen gebildet wurde. Aber nein, Widerstand in Deutschland, von unten, bei der Rettung von Menschen unmittelbar erfolgreich, mit der denkbaren Perspektive einer m\u00f6glichen Ausweitung zum Sturz der Naziherrschaft &#8211; das kann es f\u00fcr die antideutsche Kriegsf\u00fchrungslinke von heute nicht gegeben haben! Und deshalb wird der Widerstand der Frauen in der Rosenstra\u00dfe verschwiegen, marginalisiert, bestenfalls kleingehalten und als Randgeschehen abgetan, oder gar denunziert als Tat von Menschen mit falschem Bewusstsein, in Rassekategorien gefangen und daher nicht wirklich als Widerstandshandlung z\u00e4hlend.<\/p>\n<p>Gro\u00df ist das Geschrei dieser Linken gegen die herrschende Form der Erinnerungspolitik, aber mit der Marginalisierung und Verdr\u00e4ngung dieses spontanen, radikalen, unbewaffneten Widerstands von Frauen in der Rosenstra\u00dfe tragen sie selbst zur Durchsetzung einer nationalistischen Erinnerungspolitik bei, in der Deutsche prim\u00e4r als Opfer betrachtet werden und en bloc den Nazis zugewandt dargestellt werden. Risse, Abweichungen, gar wirklichen Widerstand kann es da sowohl f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Geschichtsschreibung als auch f\u00fcr die antideutsche Linke nicht gegeben haben. Das ist eines der schlimmsten Verbrechen, das in der Erinnerungspolitik begangen werden kann: es ist eine bewusste Unterlassung gerade von Geschichtsinteressierten, eine Schreibtischtat, die Ausl\u00f6schung dieses Widerstands aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis. Wer das tut, wer dazu beitr\u00e4gt, braucht sich \u00fcber die Folgen nicht zu beschweren. Und so sind sie sich einig, die herrschenden Medien wie die Antideutschen: Die Deutschen sahen und sehen sich als ein Volk von Opfern, durchg\u00e4ngig. Und sie waren zum Widerstand nicht f\u00e4hig &#8211; niemand, nirgendwo.<\/p>\n<h3>Die Ausb\u00fcrgerung der j\u00fcdischen Deutschen in der Erinnerungspolitik und die Rosenstra\u00dfe als Gegenbeispiel<\/h3>\n<p>Die 1939 in die USA emigrierte j\u00fcdisch-feministische Historikerin Gerda Lerner beschreibt in ihrem j\u00fcngsten Buch zur Erinnerungspolitik ((4)), wie sie nach langen Jahren der Verfolgung erstmals wieder in Berlin war und an einem solchen Stadtrundgang teilgenommen hatte:<\/p>\n<p>&#8222;Weiter zur Rosenstra\u00dfe. Eine Litfasss\u00e4ule als Erinnerungsmal mit Photos und Texten. Dies sei, so unser F\u00fchrer, die Stelle, an der die einzige bekannte erfolgreiche Widerstandsaktion in Berlin stattgefunden habe. Gegen Ende des Krieges, nach der Schlacht um Stalingrad, ordnete die Gestapo an, dass einige Tausend Juden &#8211; bisher vom Tode verschont, weil sie mit nichtj\u00fcdischen Frauen verheiratet waren &#8211; aus der Zwangsarbeit in der R\u00fcstungsindustrie entlassen und in das neue Sammellager in der Rosenstra\u00dfe gebracht werden sollten. Einige Lastwagentransporte dieser M\u00e4nner waren bereits nach Auschwitz unterwegs, als die Ehefrauen der M\u00e4nner sich vor dem Geb\u00e4ude versammelten, Tag und Nacht dort blieben und die Freilassung ihrer M\u00e4nner forderten. Polizei und SS bedrohten die Frauen mit Maschinengewehren, doch sie lie\u00dfen sich nicht einsch\u00fcchtern. Nach einigen Tagen konnten die verbliebenen M\u00e4nner das Sammellager verlassen, und die anderen wurden aus Auschwitz zur\u00fcckgebracht. Ein beeindruckendes Geschehen.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Kurz darauf kritisiert Lerner, dass heute nur der Widerstandsaktionen nichtj\u00fcdischer Deutscher gedacht wird und deutsche Juden\/J\u00fcdinnen nur als Opfer auftauchen. Dadurch w\u00fcrde die damalige Nazibegrifflichkeit \u00fcbernommen, nach welcher es keine j\u00fcdischen Deutschen mehr gab, und es w\u00fcrden deutsche Juden\/J\u00fcdinnen in der Erinnerung noch einmal aus Deutschland ausgeb\u00fcrgert. Es l\u00e4sst sich mit guten Gr\u00fcnden darstellen, dass gerade eine solche Aufteilung beim Widerstand in der Rosenstra\u00dfe \u00fcberwunden wurde, wenngleich es unmittelbar darum ging, gefangene j\u00fcdische M\u00e4nner, einige wenige j\u00fcdische Frauen und viele j\u00fcdische Kinder zu befreien. Wie bei keiner anderen Widerstandsaktion arbeiteten hier deutsche Juden\/J\u00fcdinnen und nichtj\u00fcdische Deutsche Hand in Hand, und zwar vor, w\u00e4hrend und nach den Aktionen in der Rosenstra\u00dfe. Nach der Freilassung der festgenommenen j\u00fcdischen M\u00e4nner und Kinder aus Mischehen fand die vereinte Widerstandsarbeit vor allem in der illegalen Versteck- und Fluchthilfe f\u00fcr j\u00fcdische Deutsche statt, hier waren sowohl deutsche Juden\/J\u00fcdinnen wie nichtj\u00fcdische Deutsche Agierende und nicht mehr nur Opfer.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Zeit vor den Rosenstra\u00dfe-Aktionen nennt Gewaltfreiheitsforscher Gernot Jochheim in seinen B\u00fcchern explizit die j\u00fcdische Widerstandsgruppe Herbert und Marianne Baum als Beispiel f\u00fcr Widerstand von j\u00fcdischen Deutschen, die unter den j\u00fcdischen ZwangsarbeiterInnen Berlins agitierten und Flugbl\u00e4tter verteilten, vor allem in den Siemens-Werken. Die Gruppe Baum bestand eher aus KommunistInnen und plante klandestine gewaltsame Aktionen. Nach einem Anschlag der Gruppe auf die NS-Propagandaausstellung &#8222;Das Sowjetparadies&#8220; am 18. Mai 1942, wo eine Brandbombe Sachschaden anrichtete und elf Menschen leicht verletzte, gab es am 27. Mai 1942 eine Razzia unter j\u00fcdischen deutschen M\u00e4nnern, bei der 154 Juden festgenommen und die meisten von ihnen sofort erschossen, ihre Angeh\u00f6rigen nach Theresienstadt deportiert wurden. Die Frauen, die sp\u00e4ter in der Rosenstra\u00dfe Widerstand leisteten, hatten all das hautnah miterlebt und wussten also, was ihnen bl\u00fchen konnte. Trotzdem leisteten sie in der ersten M\u00e4rzwoche 1943 offen unbewaffneten Widerstand. Warum?<\/p>\n<p>Juden\/J\u00fcdinnen galten den Nazis nicht als Menschen, f\u00fcr sie h\u00e4tte eine unbewaffnete Widerstandshandlung nahezu sicher mit ihrer Ermordung geendet, Juden\/J\u00fcdinnen blieb deshalb fast immer nur der bewaffnete Widerstand. Die deutschen nichtj\u00fcdischen Frauen dagegen, die in einfacher Mischehe (&#8222;arisch versippt&#8220; im Nazijargon) innerhalb j\u00fcdisch-deutscher Familien lebten, konnten unbewaffnet Widerstand leisten. H\u00e4tten in der Rosenstra\u00dfe vornehmlich Juden\/J\u00fcdinnen Widerstand geleistet, w\u00e4ren sie sicher schnell niedergeschossen oder deportiert worden. Besonders Nathan Stoltzfus, der in dieser Hinsicht Hitlers Machttheorie genau untersucht hat, hat darauf hingewiesen, dass Hitler durchaus auf Unterst\u00fctzung der von ihm so definierten &#8222;arischen&#8220; deutschen Bev\u00f6lkerung angewiesen war und nichts so sehr f\u00fcrchtete wie offenen Widerstand im Hinterland der Front, von Frauen durchgef\u00fchrt &#8211; das erinnerte ihn an den &#8222;Dolchsto\u00df&#8220;, den er selbst im Ersten Weltkrieg durch die Friedensdemonstrationen der deutschen Frauen von 1918 erlebt hatte. ((6)) Deswegen war es bedeutsam, dass sich die deutschen Frauen selbstbewu\u00dft, unbewaffnet und in aller \u00d6ffentlichkeit wehrten. Trotzdem war es eine Zusammenarbeit mit j\u00fcdischen Deutschen, weil die j\u00fcdischen Familienangeh\u00f6rigen mit den Widerstandsfrauen, die mehrheitlich in j\u00fcdische Familien eingeheiratet hatten, beratschlagten, weitere Strategien \u00fcberlegten oder ihnen Nachrichten \u00fcber den &#8222;Mundfunk&#8220; (das H\u00f6rensagen in den Stadtvierteln) usw. zukommen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Zwar war die Aktion der Rosenstra\u00dfe-Frauen vorwiegend spontan und keineswegs bewusst als gewaltfreie Aktion geplant, doch sie waren nicht durchweg naiv oder politisch unerfahren. Auch hier ist interessant, worauf Stoltzfus in Einzelf\u00e4llen von am Widerstand beteiligten Frauen hinweist, wie zum Beispiel: &#8222;Frau Weigert hatte schon von \u00f6ffentlichem Protest als Mittel der Einflu\u00dfnahme auf die Politik geh\u00f6rt; sie hatte von Mahatma Gandhi gelesen und davon, wie er die Massen seines Landes mobilisiert hatte.&#8220; ((7)) Die nichtj\u00fcdischen Frauen in der Rosenstra\u00dfe nutzten auch ihre deutschen Verwandtschaftsbeziehungen, so dass auf der Demonstration an einigen Tagen pl\u00f6tzlich auch deutsche Uniformierte, meist Soldaten auf Heimaturlaub, mitmachten, um die Legitimation der demonstrierenden Frauen zu erh\u00f6hen. Charlotte Rosenthal berichtete gegen\u00fcber Gernot Jochheim: &#8222;Es haben sich unglaubliche Szenen abgespielt. Ich erinnere mich noch eines Auftritts: In meiner n\u00e4chsten N\u00e4he stand eine Frau mit ihrem Bruder, der in Uniform und gerade auf Urlaub war &#8211; im \u00fcbrigen waren mehrere Wehrmachtsangeh\u00f6rige unter uns &#8211; (und der) auf einen SS-Mann zuging und sagte: &#8218;Wenn mein Schwager nicht freigelassen wird, gehe ich nicht wieder an die Front.&#8216; Der SS-Mann dr\u00e4ngte ihn zur\u00fcck und drohte mit Abf\u00fchrung.&#8220; ((8))<\/p>\n<h3>Starrheit oder Dynamik der Aktion?<\/h3>\n<p>Als ich vor einiger Zeit eine Veranstaltung \u00fcber die Rosenstra\u00dfe durchf\u00fchrte und dabei auch die <em>Arte<\/em>-Dokumentation auf Video gezeigt habe, wurde mir von antideutschen DiskussionsteilnehmerInnen vorgehalten, das sei keine wirkliche Widerstandshandlung gewesen, weil die Frauen noch ganz im NS-Rassedenken gefangen gewesen seien und ihre Aktion geradezu davon abhing, dass sie als &#8222;arische&#8220; Frauen gegolten haben.<\/p>\n<p>Dieser Einwand zeigt die Beschr\u00e4nktheit, die Ahnungslosigkeit derjenigen, die es nicht ertragen k\u00f6nnen, dass es diese Form des Widerstands gegeben hat. Der Einwand ist in doppelter Hinsicht falsch.<\/p>\n<p>Erstens hatten sich antisemitische Rassekategorien der NS-Herrschaft tats\u00e4chlich in den K\u00f6pfen und Handlungen fast aller Deutscher festgesetzt, sie wurden fl\u00e4chendeckend internalisiert. Doch das ist nur der Ausgangszustand, entscheidend aber ist die Frage, ob eine solche Internalisierung auch wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden kann. Antideutsche halten nun diese Situation Anfang 1943 in der Rosenstra\u00dfe fest, blicken nur noch starr auf diese Tatsache des falschen Bewusstseins und verurteilen dadurch die Beteiligten. Wer sich aber ausf\u00fchrlich mit unbewaffneten oder gewaltfreien Aktionen besch\u00e4ftigt hat, wei\u00df, dass durch die direkte Aktion eine Dynamik in Gang gesetzt wird. Durch die Aktion werden Erfahrungen gemacht, einerseits mit der Macht der Herrschenden, andererseits aber auch unter den Unterdr\u00fcckten. Es entsteht die Erfahrung der Solidarit\u00e4t, das Bewusstsein des Aufeinanderangewiesenseins.<\/p>\n<p>Durch diese Dynamik der Solidarit\u00e4t, die aus der Aktion heraus entsteht, \u00e4ndert sich schlie\u00dflich auch das Bewusstsein. Und deshalb war f\u00fcr viele Frauen, die sich anfangs ganz spontan mit ihrem falschen &#8222;Rassebewusstsein&#8220; an den Protesten beteiligt haben &#8211; und wenn es in dem Gedanken war, &#8222;ich bin eine arische Frau, ich habe ein Recht zu bestimmten Forderungen, das andere nicht haben&#8220; &#8211; nach der Aktion die Welt nicht mehr wie zuvor. Die Dynamik der Aktion hat einen Bewusstseinswandel in Gang gesetzt, der in eine emanzipatorische Richtung ging. Die Frauen aus der Rosenstra\u00dfe haben sich von ihren selbst internalisierten Rassekategorien durch die Dynamik der Aktion verabschiedet, oft nur St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck, aber die Tendenz war deutlich. Die hohe Beteiligung der Rosenstra\u00dfe-Frauen an den nach dem M\u00e4rz 1943 gebildeten Fluchthilfe- und Verstecknetzwerken f\u00fcr j\u00fcdische Illegale und \u00dcberlebende in Berlin spricht eine deutliche Sprache. Dieser emanzipatorische, dynamische Prozess, der durch diese Aktion ausgel\u00f6st wurde, entgeht naturgem\u00e4\u00df der Starrheit des Blickes jener, die die Aktion als auf &#8222;falschem&#8220; Bewusstsein basierend verurteilen.<\/p>\n<p>Und zweitens hatten es die Frauen in j\u00fcdischen Mischehen nicht einfach, auch wenn sie keinen Judenstern tragen mussten. Es war ein Ph\u00e4nomen der zwanziger Jahre, dass ungef\u00e4hr doppelt so viele deutsche nichtj\u00fcdische Frauen deutsch-j\u00fcdische M\u00e4nner geheiratet hatten als umgekehrt deutsche nichtj\u00fcdische M\u00e4nner deutsch-j\u00fcdische Frauen ehelichten. Die nichtj\u00fcdischen Frauen zogen nach der Heirat in die j\u00fcdischen Familien, hatten nach Herrschaftsbeginn der Nazis oft Schwierigkeiten mit ihren nun &#8222;arisch&#8220; genannten Ausgangsfamilien und wurden von diesen sogar oft genug als Verr\u00e4terinnen beschimpft, die der Familie &#8222;Blutschande&#8220; machten. Die &#8222;arischen&#8220; M\u00e4nner dagegen setzten meist (aus Karrieregr\u00fcnden) ihre deutsch-j\u00fcdischen Frauen nach 1933 sehr schnell auf die Stra\u00dfe, die ja in die &#8222;arische&#8220; Familie eingezogen und dort in der Regel \u00e4u\u00dferst isoliert waren.<\/p>\n<p>Die Frauen der Rosenstra\u00dfe waren todesmutig, als sie sich am 5.3.1943 den Maschinengewehren der Nazis entgegen stellten, die an diesem Tag vor ihnen aufgefahren worden waren. Charlotte Rosenthal:<\/p>\n<p>&#8222;Ich stand genau vor einem Maschinengewehr. Ich sah, wie sie solche Gurte in das Maschinengewehr einzogen. Ich kannte das ja alles nicht. Nun war uns alles egal. Wir br\u00fcllten: &#8218;Ihr M\u00f6rder! Ihr Feiglinge!&#8216; In der Hauptsache habe ich an meinen Mann gedacht. &#8218;Jetzt kann ich ihn \u00fcberhaupt nicht mehr retten&#8216;, hab&#8216; ich gedacht. &#8218;Jetzt ist alles aus.&#8216; Wir haben laut geschrieen, wir haben gebr\u00fcllt: &#8218;Ihr M\u00f6rder!&#8216; Da schrie ein SS-Mann was. Aber ich konnte das nicht verstehen, weil wir so geschrieen haben. Dann geschah etwas Unerwartetes: Die Maschinengewehre wurden abger\u00e4umt. Vor dem Lager herrschte jetzt Schweigen, nur noch vereinzeltes Schluchzen war zu h\u00f6ren. Das war der schlimmste Tag.&#8220; ((9)) Und der erfolgreichste: am n\u00e4chsten Tag begannen die Entlassungen in der Rosenstra\u00dfe und der Gro\u00dfen Hamburger Stra\u00dfe. Am 6.3.1943 trug Goebbels, der in seiner Funktion als Gauleiter Berlin &#8222;judenfrei&#8220; machen wollte, in sein Tagebuch ein, es h\u00e4tten sich da &#8222;leider etwas unliebsame Szenen&#8220; abgespielt, es habe sich &#8222;die Bev\u00f6lkerung in gr\u00f6\u00dferer Menge&#8220; angesammelt &#8222;und zum Teil sogar f\u00fcr die Juden etwas Partei&#8220; ergriffen. &#8222;Ich gebe dem SD den Auftrag, die Judenevakuierung nicht ausgerechnet in so einer so kritischen Zeit fortzusetzen.&#8220; ((10)) Im M\u00e4rz 1943 k\u00fcndigt das Berliner &#8222;Zentralamt&#8220; in Auschwitz die Ankunft von 15000 Juden\/J\u00fcdinnen aus Berlin an. Real werden im M\u00e4rz aus Berlin 8000 Juden\/J\u00fcdinnen nach Auschwitz deportiert. Die anderen &#8211; nicht nur die Menschen aus Mischehen &#8211; sind durch den Widerstand gerettet worden. Rund 4000 von ihnen konnten untertauchen und in Berlin versteckt \u00fcberleben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Gro\u00dfschriftsteller Grass grassiert der Nationalismus. Er beschreibt die Deutschen als Opfer im Zweiten Weltkrieg bei der Versenkung des Fl\u00fcchtlingsschiffes &#8222;Wilhelm Gustloff&#8220;, das ihm als Vorlage f\u00fcr seinen j\u00fcngsten Roman diente. HistorikerInnen d\u00fcrfen neuerdings unbefangen und &#8222;unverkrampft&#8220; das Leid der deutschen Soldaten im Kessel von Stalingrad beschreiben. 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