{"id":5389,"date":"2003-03-01T00:00:55","date_gmt":"2003-02-28T22:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5389"},"modified":"2022-07-26T14:24:40","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:40","slug":"europa-russland-und-das-ol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/03\/europa-russland-und-das-ol\/","title":{"rendered":"Europa, Russland und das \u00d6l"},"content":{"rendered":"<p>Es ist wahrscheinlich, da\u00df zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Artikels bereits ein dritter blutiger Krieg im Mittleren Osten tobt, der m\u00f6glicherweise folgenreicher sein wird als alle vorherigen Kriege in dieser Region. Durch die Politik der Bundesregierung ermutigt, haben die sogenannten &#8222;b\u00fcrgerlichen&#8220; Medien diesmal (im Gegensatz zum II. Golfkrieg) viel Zeit und M\u00fchen darauf verwandt, die \u00f6konomischen Beweggr\u00fcnde hinter der forcierten Kriegspolitik der US- Administration und des neo-konservativen &#8222;Bunkers&#8220; um Pr\u00e4sident Bush zu durchleuchten. Die griffige Parole vom <em>&#8222;Krieg um \u00d6l&#8220;<\/em> hat in der weltweiten Friedensbewegung Konjunktur. <em>&#8222;Viele Experten&#8220;<\/em>, schreibt der ehemalige Direktor des <em>Office of Regional and Political Analysis<\/em> der CIA, Bill Christison, <em>&#8222;und andere gebildete Leute halten dieser Tage Vortr\u00e4ge oder ver\u00f6ffentlichen Texte dar\u00fcber, um was es bei diesem Krieg gegen den Irak eigentlich gehe, und allzu viele sagen oder suggerieren meiner Ansicht nach, da\u00df \u00d6l der einzige Grund f\u00fcr die Politik der US-Regierung in diesem Krieg sei.&#8220; <\/em>((1))<\/p>\n<p>Dem gro\u00dfen medialen Interesse an wirtschaftlichen Verflechtungen politischer Entscheidungstr\u00e4ger und multinationaler \u00d6lkartelle in den USA steht ein augenf\u00e4lliges Desinteresse an den Pl\u00e4nen europ\u00e4ischer und russischer Firmen am Golf gegen\u00fcber. In seiner Ausgabe vom 17. Februar 2003 stimmt <em>Der Spiegel<\/em> sich traulich ein auf die neu erwachte Friedensliebe der Bundesregierung und feiert das <em>&#8222;neue Europa&#8220;<\/em>, das dem m\u00e4chtigen Nachbarn jenseits des Atlantik die Stirn biete: <em>&#8222;Mit unbewegtem Gesicht stand der russische Pr\u00e4sident Putin, eben aus Berlin eingeschwebt, neben dem Friedensherold Chirac. So machte allein schon die dramatische Inszenierung aus einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung das politische Manifest eines Dreierbundes&#8220;<\/em>. ((2))<\/p>\n<p>Ziel dieses Artikels ist nicht, zu einer verk\u00fcrzten Sichtweise auf die Gr\u00fcnde des drohenden Krieges bzw. dessen (vorl\u00e4ufige) Ablehnung durch die Regierungen Frankreichs, Russlands und der Bundesrepublik beizutragen.<\/p>\n<p>Eine Beschr\u00e4nkung auf rein wirtschaftliche Verstrickungen und Interessen vermag die gegenw\u00e4rtige politische Lage nicht zureichend zu erkl\u00e4ren. Der Blick auf die wirtschaftlichen Beziehungen Europas und Russlands zum Irak kann allerdings helfen, gegen plumpe Anbiederungsversuche politisch Verantwortlicher besser gewappnet zu sein, die sich &#8211; zumal in der Bundesrepublik &#8211; nur zu gern als &#8222;Friedensengel&#8220; aufspielen. Es geht auch f\u00fcr Europa nicht nur um \u00d6l. Aber es geht <em>auch<\/em> um \u00d6l.<\/p>\n<h3>Globalisierungskrieg<\/h3>\n<p>Der drohende Krieg im Irak ist Folge und Fortsetzung eines Wirtschaftskrieges, der 1991 begann und mit der Lockerung des UN- Embargos (<em>&#8222;Oil for food&#8220;<\/em>) versch\u00e4rft wurde. Zynisch k\u00f6nnte man formulieren, da\u00df die US- amerikanischen und britischen Pl\u00e4ne, sich die Kontrolle der irakischen \u00d6lvorr\u00e4te mit Hilfe eines milit\u00e4rischen Protektorats am Golf zu sichern, in europ\u00e4ischen Wirtschaftskreisen wohl eher als unzul\u00e4ssige &#8222;Wettbewerbsverzerrung&#8220; wahrgenommen werden d\u00fcrften denn als V\u00f6lkerrechtsbruch. Krieg als Frage f\u00fcrs Kartellamt&#8230;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich haben die USA, um ihren enorm hohen Bedarf an \u00d6l zu decken (20 Barrel am Tag) \u00f6konomisch gesprochen keinen Grund zum Krieg.<em> &#8222;Wir k\u00f6nnen vom Irak alles \u00d6l bekommen, das wir wollen&#8220;<\/em>, sagt Scott Ritter, ehemaliger UN-Waffeninspekteur im Irak und Parteifreund George W. Bushs. <em>&#8222;Der irakische \u00d6l- Minister hat klargestellt, da\u00df nach Aufhebung der Sanktionen der Irak alles in seiner Macht stehende tun wird, damit der strategische Energiebedarf der Vereinigten Staaten gedeckt ist. Es stimmt nicht, da\u00df der Irak uns den Zugang zum \u00d6l verwehren w\u00fcrde&#8220;<\/em>. ((3)) Selbst ohne Aufhebung der Sanktionen l\u00e4uft der Transfer bereits reibungslos. Nach dem gescheiterten Putsch gegen den Pr\u00e4sidenten Venezuelas Hugo Chavez, der blutige Unruhen und b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Zust\u00e4nde zur Folge hatte ((4)), gingen der US-amerikanischen \u00d6lindustrie im Jahre 2002 1,5 Millionen Barrel venezolanischen \u00d6ls t\u00e4glich verloren. Die \u00d6lgiganten ExxonMobile, Chevron, BP und Shell verdoppelten im Januar 2003 kurzerhand die Importe irakischen \u00d6ls (von 0,5 Millionen auf 1 Million Barrel am Tag), um den Mangel auszugleichen, und das, w\u00e4hrend die Kriegsvorbereitung gegen den Irak in vollem Gange war und ein internes Strategiepapier des Pentagon f\u00fcr die Mission <em>&#8222;Shock and Awe&#8220;<\/em> 300 Cruise Missiles t\u00e4glich auf Bagdad ank\u00fcndigte. ((5))<\/p>\n<p>Das Regime Saddam Husseins ist auf die Einnahmen der staatlichen F\u00f6rdergesellschaft <em>Iraq Petroleum Company <\/em>(IPC) angewiesen, um die vollkommen zerst\u00f6rte Infrastruktur des Landes aufzubauen und sich an der Macht zu halten. Gleichzeitig aber hat der Irak l\u00e4ngst, sp\u00e4testens seit der Lockerung des Embargos, lukrative Gesch\u00e4fte f\u00fcr die Erschlie\u00dfung enormer ungenutzter \u00d6lreserven abgeschlossen, die im S\u00fcden des Landes vermutet werden. Zu solchen Verhandlungen waren &#8211; wenig verwunderlich &#8211; britische und US- amerikanische Firmen nicht zugelassen: <em>&#8222;Nur die in England und den USA &#8211; zur Zeit die f\u00fchrenden milit\u00e4rischen Falken &#8211; ans\u00e4ssigen \u00d6lmultis haben keinen laufenden Zugang zu irakischen Vertr\u00e4gen&#8220;<\/em>. ((6)) Schaut man sich die Liste der L\u00e4nder und Firmen an, die Zuschl\u00e4ge f\u00fcr eine verst\u00e4rkte \u00d6lf\u00f6rderung erhalten haben, findet man zumindest zwei der Mitglieder des vom <em>Spiegel<\/em> beschworenen <em>&#8222;Dreierbundes&#8220;<\/em>:<em> &#8222;Die franz\u00f6sische Total, die italienische Eni und eine Reihe Unternehmen aus Russland, China und Indien haben bereits Vertr\u00e4ge f\u00fcr die Erschlie\u00dfung der gewaltigen irakischen \u00d6lfelder in der Tasche, sobald die UNO ihre Sanktionen aufhebt&#8220;<\/em>. ((7)) Da\u00df die Bundesrepublik in dieser Liste noch fehlt, hat andere Gr\u00fcnde, die erl\u00e4utert werden sollen.<\/p>\n<h3>Russische Interessen am Golf<\/h3>\n<p>Russlands Wirtschaft hat kein Interesse an einem Krieg am Golf. Aber sie hat auch kein Interesse an einer Aufhebung der Sanktionen, auf die deutsche und franz\u00f6sische Firmen hoffen. Nach Sch\u00e4tzungen des Wirtschaftsberaters des Wei\u00dfen Hauses, Lawrence Lindsey, w\u00fcrden ein rascher Sieg am Golf oder eine Aufhebung des Embargos einen betr\u00e4chtlichen Anstieg der \u00d6lf\u00f6rdermenge und damit eine Verringerung des \u00d6lpreises zur Folge haben. ((8)) Irakisches \u00d6l ist \u00e4u\u00dferst g\u00fcnstig zu f\u00f6rdern. Statistisch gesehen kostet die F\u00f6rderung von einem Barrel irakischen \u00d6ls weniger als 1 Dollar, im Gegensatz zu 6 Dollar F\u00f6rderkosten bei russischem \u00d6l.<\/p>\n<p>Das s\u00fcdlich von Basra gef\u00f6rderte Erd\u00f6l gilt als <em>&#8222;sweet crudes&#8220;<\/em>, also als \u00d6l, das sich besonders leicht weiterverarbeiten l\u00e4\u00dft. ((9)) Der drastische R\u00fcckgang der \u00d6lf\u00f6rdermenge im Irak nach dem zweiten Golfkrieg in Folge des UN-Embargos und der Zerst\u00f6rung eines Gro\u00dfteils der industriellen Infrastruktur des Landes machte Russland zum Hauptlieferanten f\u00fcr \u00d6l in Europa und einer Reihe anderer Staaten. Die Bundesrepublik bezieht praktisch ihr gesamtes \u00d6l aus Russland &#8211; zum gegenw\u00e4rtigen Marktpreis von 18 Dollar pro Barrel. Die daniederliegende russische Wirtschaft ist von den Einnahmen des \u00d6lexportes ebenso abh\u00e4ngig wie die Regierung Putin. Ein Sinken des \u00d6lpreises oder der Verlust gro\u00dfer Absatzm\u00e4rkte durch Konkurrenz billigen und besseren \u00d6ls aus dem Irak h\u00e4tte katastrophale Folgen. Russland bem\u00fchte sich daher von Anfang an um Vertr\u00e4ge mit dem Irak, die diesen wirtschaftlich st\u00fctzen, gleichzeitig aber den Interessen russischer \u00d6lfirmen zuarbeiten sollten. <em>&#8222;Letztes Wochenende&#8220;<\/em>, schreiben die Journalisten Faisal Islam und Nick Paton Walsh von der englischen Tageszeitung <em>The Observer<\/em> am 26. Januar 2003 in einer detailreichen Reportage, <em>&#8222;flog eine russische Delegation nach Bagdad, um die Wogen zu gl\u00e4tten, nachdem der Irak einen f\u00fcnf Jahre alten Vertrag \u00fcber F\u00f6rderrechte im gro\u00dfen West Quarna-\u00d6lfeld (im Wert von bis zu 600 Billionen Dollar nach heutigem Preis) gek\u00fcndigt hatte. Lukoil <\/em>[Russische \u00d6lfirma, Anm. JS]<em> wurde von Bagdad abgestraft, weil die Firma mit den USA und Exil-Irakern verhandelt hatte, um ihre Konzessionen auch in einem &#8218;Irak nach Saddam&#8216; zu behalten. Die Delegation, bestehend aus Ministern und Verantwortlichen der \u00d6lindustrie, kehrte nach Moskau zur\u00fcck &#8211; mit drei unterzeichneten Vertr\u00e4gen in der Tasche&#8220;<\/em>. ((10))<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus erh\u00e4lt Russland seit Jahren irakisches \u00d6l zu einem erheblich verbilligten Preis, um die eigene Exportmenge (teuren \u00d6ls) zu erh\u00f6hen. In den Vereinigten Staaten ist man sich \u00fcber die Sorgen Russlands angesichts eines Krieges im Irak im klaren.<em> &#8222;Eine Aufhebung der Sanktionen k\u00f6nnte f\u00fcr Russland unvorteilhaft sein&#8220;<\/em>, hei\u00dft es in einem Bericht des <em>James E. Baker III Institute for Public Policy<\/em>, der unter Mitarbeit von Vizepr\u00e4sident Dick Cheney und Ex-Au\u00dfenminister Kissinger erstellt wurde (<em>&#8222;Strategic Energy Policy. Challenges for the 21st Century&#8220;<\/em>, kurz <em>Baker-Report<\/em>),<em> &#8222;denn russische Firmen profitieren gegenw\u00e4rtig von exklusiven Vertr\u00e4gen und die Exportkapazit\u00e4t des Irak ist gebremst. Dies erh\u00f6ht den \u00d6lpreis und st\u00fctzt den Wert des russischen \u00d6lexports.<\/em>[&#8230;]<em> Wenn die Sanktionen f\u00fcr den irakischen \u00d6lsektor gelockert w\u00fcrden und die Infrastruktur des Irak verbessert w\u00fcrde, k\u00f6nnte Russland seine vorteilhafte Position im Irak verlieren, und der \u00d6lpreis w\u00fcrde langfristig fallen, zum Schaden der russischen Wirtschaft&#8220;<\/em>. ((11)) Es verwundert wenig, da\u00df die USA, trotz manch markiger T\u00f6ne, sich m\u00fchen, die Sorgen der russischen Wirtschaft zu zerstreuen, um einen wichtigen Verb\u00fcndeten im postulierten <em>&#8222;Krieg gegen den Terror&#8220;<\/em> nicht zu verlieren: <em>&#8222;Eine Delegation \u00e4lterer Republikaner war letzten Dienstag <\/em>[21. Januar 2003, Anm. JS] <em>in Moskau und versuchte, Verantwortliche des Kreml und der \u00d6lindustrie zu \u00fcberzeugen, da\u00df ein Krieg im Irak ihre Konzessionen nicht gef\u00e4hrden werde&#8220;. <\/em>((12))<\/p>\n<h3>Franz\u00f6sische Wirtschaftsinteressen<\/h3>\n<p>Die wirtschaftlichen Interessen Frankreichs stehen denen Russlands diametral entgegen. Die franz\u00f6sische Industrie, allen voran der \u00d6lgigant TotalFinaElf, rechnen auf eine Aufhebung der Sanktionen, um das in ihren Vertr\u00e4gen ungenutzt schlummernde Kapital baldm\u00f6glichst zu realisieren. Frankreich unterhielt bereits vor dem II. Golfkrieg &#8211; \u00e4hnlich wie die Bundesrepublik &#8211; beste Beziehungen zum Regime Saddam Husseins. Der irakische Diktator, der w\u00e4hrend des Kalten Krieges geschickt Ost und West gegeneinander ausspielte und mit beiden Seiten gewinntr\u00e4chtige Gesch\u00e4fte machen konnte ((13)), war gerngesehener Gast im Elys\u00e9e-Palast. Scott Ritter legt nahe, da\u00df gegenw\u00e4rtig eine gro\u00dfe Anzahl <em>&#8222;Scheinfirmen&#8220;<\/em>, mit deren Hilfe sich das Hussein-Regime technische G\u00fcter, konventionelle Waffen und Ausr\u00fcstung trotz des UN-Embargos zu verschaffen sucht, ihren Sitz in Frankreich haben und meist von Franzosen geleitet w\u00fcrden. ((14)) Angesichts der politischen Orientierung des franz\u00f6sischen Staates, dessen Verantwortliche selten gro\u00dfe Sympathien f\u00fcr die Vereinigten Staaten hegten und dessen Au\u00dfenpolitik (vor allem was Afrika betrifft) gelegentlich der Kolonialpolitik des 19. Jahrhunderts verbl\u00fcffend \u00e4hnlich sieht ((15)), w\u00e4re dies kaum \u00fcberraschend. <em>&#8222;Der sozialistische Verteidigungsminister Jean-Pierre Chev\u00e8nement trat 1991 aus Protest gegen die franz\u00f6sische Teilnahme am Golfkrieg zur\u00fcck, und bis heute bringen die franz\u00f6sischen Rechten vom Front National unter Leitung von Jean-Marie Le Pens Ehefrau Jany mehrmals j\u00e4hrlich Hilfsg\u00fcter in den Irak.&#8220; <\/em>((16))<\/p>\n<p>Seit dem II. Golfkrieg hat Frankreich kontinuierlich an der Verbesserung und Ausweitung seiner Wirtschaftsbeziehungen zum Irak gearbeitet. Das Land bezieht ca. 10% seines \u00d6lbedarfs vom Golf, auch wenn die Menge j\u00fcngst gesunken sein d\u00fcrfte. Die Au\u00dfenhandelsbilanz Frankreichs mit dem Irak verzeichnet, vor allem, was den Import angeht, eine betr\u00e4chtliche Steigerung. Hatte das Importvolumen der franz\u00f6sischen \u00d6lindustrie 1999 noch 761 Millionen Euro betragen, so wuchsen die Investitionen im Jahr 2000 auf sage und schreibe 1455 Millionen Euro an! Als im Jahr 2001 das Importvolumen zu sinken begann, stieg daf\u00fcr das Exportvolumen. ((17)) <em>&#8222;Nach dem totalen Zusammenbruch des Irak-Handels 1991 im Gefolge der Kuwait-Invasion und des UN-Embargos haben sich die franz\u00f6sischen Ausfuhren 2001 wieder auf 660 Millionen Euro gesteigert&#8220;<\/em>, sagt Serge Boidevaix, Pr\u00e4sident der<em> Chambre de Commerce Franco-Arabe<\/em> im 16. Arrondissement von Paris, das den L\u00f6wenanteil des Au\u00dfenhandels mit der Arabischen Liga abwickelt. <em>&#8222;Damit<\/em> [ist] <em>Frankreich zwar in Europa die Nummer eins beim Gesch\u00e4ft mit dem Irak, doch, weltweit gesehen, wegen des Vordringens der arabischen Nachbarn und vor allem Russlands auf den irakischen Markt vom ersten auf den achten Platz abgerutscht &#8211; was Frankreichs Industrie nicht l\u00e4nger hinnehmen will&#8220;<\/em>. ((18))<\/p>\n<h3>Die Bundesrepublik und der Irak<\/h3>\n<p>Deutsche Wirtschaftsinteressen am Golf sind erheblich weniger griffig und durchschaubar als die Frankreichs oder Russland &#8211; vielleicht, weil es nicht oder kaum unmittelbar um \u00d6l geht. Die Versorgung der bundesrepublikanischen \u00d6lbranche wird, wie bereits erw\u00e4hnt, durch russische \u00d6lexporte gew\u00e4hrleistet. Von m\u00f6glichen Konzessionen deutscher Firmen auf F\u00f6rderrechte im Irak ist dem Verfasser dieses Artikels nichts bekannt. Nichts desto trotz stieg das deutsche Exportvolumen in den Irak allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2002 um 46,6%! ((19)) Wirtschaftliche Beziehungen der Bundesrepublik mit dem Irak waren selten solche der Petrochemie. Bundesrepublikanische Firmen lieferten vor allem technisches Know-how und teure Pr\u00e4zisionsinstrumente in das Land am Golf, mit denen Saddam Hussein w\u00e4hrend des I. Golfkrieges \u00fcberhaupt in die Lage versetzt wurde, sich biologische und chemische Kampfstoffe zu verschaffen, die gegen die <em>&#8222;Gotteskrieger&#8220;<\/em> des Iran auch skrupellos und grausam eingesetzt wurden (man denke etwa an die Essener Firma Ferrostahl, die den irakischen Diktator mit Laborteilen und Tr\u00e4germaterial versorgte). Die Interessen deutscher Firmen d\u00fcrften sich daher auf den Wiederaufbau der industriellen Infrastruktur des Irak richten &#8211; ein Bet\u00e4tigungsfeld, in dem ebenfalls viel Geld zu holen ist, allein wenn man die bereits geplante (und vertraglich festgelegte) Ausweitung der \u00d6lf\u00f6rderung durch europ\u00e4ische und asiatische Firmen bedenkt.<\/p>\n<p>In einer von der Forschungsstelle der Deutschen Bank (<em>Deutsche Bank Research<\/em>) erstellten Studie spielen US-amerikanische und deutsche Experten verschiedene Szenarien durch und analysieren deren Folgen f\u00fcr wirtschaftliche Entwicklung und globale Finanzm\u00e4rkte. Pikanterweise wird ein &#8222;friedliches&#8220; Szenario (<em>&#8222;no war scenario&#8220;<\/em>) in der Studien nicht ernsthaft in Erw\u00e4gung gezogen: <em>&#8222;Die Wahrscheinlichkeit einer nichtkriegerischen Entwicklung wurde nicht explizit aufgef\u00fchrt; nach Sch\u00e4tzungen der Experten liege sie bei 10-20%&#8220;<\/em>. ((20)) Ergebnis der Studie ist, da\u00df ein schneller Sieg der Vereinigten Staaten f\u00fcr die weltweite \u00f6konomische Entwicklung das Beste sei. Missmutig vermerkt das Protokoll, <em>&#8222;alle Teilnehmer der Arbeitsgruppen zu politischen und milit\u00e4rischen Fragen <\/em>[seien] <em>B\u00fcrger der Vereinigten Staaten<\/em> [gewesen].<em> Den europ\u00e4ischen Beobachtern kam es manchmal vor, als ob diese Experten Schwierigkeiten h\u00e4tten, ihre Rolle als Beobachter von der des Betroffenen klar zu trennen&#8220;<\/em>. ((21)) Die Verstimmung der deutschen TeilnehmerInnen an der Konferenz vom 12. November 2002 in Washington scheint betr\u00e4chtlich gewesen zu sein. Entgegen der <em>&#8222;optimistischen Sicht&#8220; <\/em>((22)) ihrer US-amerikanischen Kollegen moniert ein internes Papier die unverhohlenen Pl\u00e4ne der USA und Gro\u00dfbritanniens, den wirtschaftlichen &#8222;R\u00fcckstand&#8220; (nicht nur) ihrer \u00d6lfirmen auf Europa am Golf mittels eines Krieges &#8222;aufzuholen&#8220;. Erw\u00e4hntem Bericht zufolge befinde sich gegenw\u00e4rtig die US-Firma ExxonMobil in der <em>&#8222;pole position&#8220;<\/em>. ((23))<\/p>\n<h3>Ein m\u00f6rderischer Schacher<\/h3>\n<p>Die z\u00f6gernde bis ablehnende Politik der Regierungen Frankreichs, Russlands und der Bundesrepublik hat mit pl\u00f6tzlich erwachter Liebe zum Frieden oder dem Schutz Tausender von Menschenleben, die durch einen Krieg gef\u00e4hrdet w\u00fcrden, wenig zu tun. Alle Mitglieder des <em>&#8222;Dreierbundes&#8220;<\/em> haben handfeste \u00f6konomische Interessen in der Golfregion, die sich zum Teil sogar gegenseitig ausschlie\u00dfen. Es ist unwahrscheinlich, da\u00df diese Allianz Bestand hat.<\/p>\n<p>Beschr\u00e4nkt man sich auf rein \u00f6konomische Aspekte des drohenden Blutvergie\u00dfens, so offenbart sich ein skrupelloser wirtschaftlicher Schacher. Europa und Russland behaupten starke Positionen im Handel mit dem Irak, britische und US-amerikanische Firmen versuchen, im Gefolge des Krieges ihren R\u00fcckstand zu verringern und Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen. Es geht dabei weniger um den Besitz des \u00d6ls als um die Kontrolle des \u00d6lmarktes, und damit praktisch des gesamten industriellen Sektors im Irak. Der drohende Krieg ist damit nicht zuletzt ein &#8222;Globalisierungskrieg&#8220;, mit dem das neoliberale Wirtschaftsmodell auch am Golf gewaltsam durchgesetzt werden soll. Diskutiert wird bereits die Privatisierung der staatlichen irakischen F\u00f6rdergesellschaft durch protegierte US-amerikanische \u00d6lfirmen. ((24)) Der Vorsitzende des Komitees f\u00fcr Ausw\u00e4rtige Angelegenheiten im US- Senat, Richard Lugar, ein besonders entschlossener &#8222;Falke&#8220;, fand j\u00fcngst deutliche Worte, um die Verweigerungshaltung Frankreichs und Russlands zu gei\u00dfeln:<em> &#8222;Ein Sprecher<\/em> [von Richard Lugar, Anm. JS] <em>erkl\u00e4rte, da\u00df, sollten Russland und Frankreich nachher noch Interesse an \u00d6lgewinnung, Konzessionen oder sonst etwas haben, sie auch an den Bem\u00fchungen, Saddam zu entfernen, beteiligt sein m\u00fc\u00dften&#8220;<\/em>. ((25)) Die US- Regierung unter George W. Bush erhofft sich vom Zugriff auf irakisches \u00d6l ein Ankurbeln der zerr\u00fctteten US-Wirtschaft und damit bessere Chancen auf eine Wiederwahl im Jahr 2004. Sollte es gleichzeitig gelingen, die europ\u00e4ischen Gegner im \u00f6konomischen Armdr\u00fccken auf den Tisch zu zwingen, w\u00e4re dies nur n\u00fctzlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist wahrscheinlich, da\u00df zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Artikels bereits ein dritter blutiger Krieg im Mittleren Osten tobt, der m\u00f6glicherweise folgenreicher sein wird als alle vorherigen Kriege in dieser Region. Durch die Politik der Bundesregierung ermutigt, haben die sogenannten &#8222;b\u00fcrgerlichen&#8220; Medien diesmal (im Gegensatz zum II. Golfkrieg) viel Zeit und M\u00fchen darauf verwandt, die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/03\/europa-russland-und-das-ol\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Europa, Russland und das \u00d6l - graswurzelrevolution","description":"Es ist wahrscheinlich, da\u00df zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Artikels bereits ein dritter blutiger Krieg im Mittleren Osten tobt, der m\u00f6glicherweise folgenre"},"footnotes":""},"categories":[341,1025,1026],"tags":[],"class_list":["post-5389","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-277-marz-2003","category-die-waffen-nieder","category-geld-oder-leben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5389","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5389"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5389\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5389"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5389"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5389"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}