{"id":5398,"date":"2003-03-01T00:00:29","date_gmt":"2003-02-28T22:00:29","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5398"},"modified":"2022-07-26T12:59:05","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:05","slug":"das-madchen-mit-dem-mannlichen-verstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/03\/das-madchen-mit-dem-mannlichen-verstand\/","title":{"rendered":"Das &#8222;M\u00e4dchen&#8220; mit dem &#8222;m\u00e4nnlichen&#8220; Verstand"},"content":{"rendered":"<p>Dieses Jahr w\u00e4re sie 95 Jahre alt geworden: Simone-Ernestine-Lucie-Marie Bertrand de Beauvoir. F\u00fcr die einen ist sie heute nicht mehr als die &#8222;Grande Sartreuse&#8220;, die &#8222;altj\u00fcngferliche Am\u00fcsierdame&#8220; von Jean-Paul Sartre. F\u00fcr die anderen ist sie DIE Oberemanze schlechthin, die Wegbereiterin des Feminismus der 60er Jahre und geistige Mutter von Alice Schwarzer. F\u00fcr ihren Vater war sie &#8222;weder K\u00f6rper noch Seele, sondern einzig Geist&#8220;, und f\u00fcr Sartre selbst war sie zeitlebens schlicht &#8222;der Biber&#8220;.<\/p>\n<p>So sehr diese Titulierungen einander auch widersprechen: sie sind alle wahr, denn sie beschreiben alle einen jeweils anderen Aspekt von Simone. Denn sie war zweifellos eine schillernde Pers\u00f6nlichkeit, vielseitig und interessant und widerspr\u00fcchlich, &#8222;eine der kl\u00fcgsten Frauen des Jahrhunderts&#8220;.<\/p>\n<p>Aufgewachsen ist sie im Paris der Belle Epoque als &#8222;fille rang\u00e9e&#8220;, als &#8222;h\u00f6here Tochter&#8220;. Ihr Vater Georges war Beamter und obendrein ein ziemlicher Lebefroh, und ihre Mutter Francoise war &#8211; was wohl? &#8211; Hausfrau. Die Beauvoirs waren nicht so reich, wie sie gern gewesen w\u00e4ren, aber da ihr Name einen gewissen Rang suggerierte, galt es, den Schein zu wahren. Simone und ihre kleine Schwester Poupette wurden so erzogen, wie es sich f\u00fcr Frauen in ihrer Schicht ziemt: sie besuchten die katholische M\u00e4dchenprivatschule Cours D\u00e9sir, in der man nicht viel mehr lernte als Sch\u00f6nschreiben, Handarbeiten und H\u00fcbschsein. Was nat\u00fcrlich einer intelligenten Leseratte wie Simone nie gen\u00fcgte. Lesen war, seit sie es sich mit 4 Jahren beigebracht hatte, ihr Ein und Alles. Ihre Mutter versuchte anfangs noch, Simones Lekt\u00fcre unter Kontrolle zu halten, indem sie die schmutzigen Stellen mit Haarnadeln zusammenpinnte. Ihr Vater begr\u00fc\u00dfte ihren Lesehunger zun\u00e4chst; doch die Aussicht, eine &#8222;Intellektuelle&#8220; zur Tochter zu haben, lehnte er zunehmend ab. So sehr er auch Literatur liebte, so konservativ war er doch in seinen Ansichten \u00fcber die Rolle der Frau. Einer seiner Lieblingsspr\u00fcche war: &#8222;Eine Frau ist, was ihr Mann aus ihr macht.&#8220; Und \u00fcber Simone meinte er: &#8222;Simone hat das Gehirn eines Mannes, Simone ist ein Mann.&#8220; Aber behandelt wurde sie eben doch als M\u00e4dchen. Als ihr Vater sie als &#8222;laide&#8220;, als h\u00e4\u00dflich bezeichnete und mit der viel h\u00fcbscheren Poupette ausging, vergrub sich Simone gekr\u00e4nkt hinter ihren B\u00fcchern. Wenn man es so sieht, war ihre Emanzipation eigentlich nur eine Trotzreaktion: wenn sie schon \u00e4u\u00dferlich nichts zu bieten hatte, dann wollte sie wenigstens geistig gl\u00e4nzen! Wenn sich die M\u00e4nner schon nicht in sie verlieben w\u00fcrden, dann wollte sie wenigstens von ihnen akzeptiert und gesch\u00e4tzt werden, und zwar nicht als Eheweibchen, sondern als ebenb\u00fcrtige Diskussionspartnerin! Mit dieser Attit\u00fcde, mit einem entschlossenen &#8222;Jetzt erst recht!&#8220; schrieb sie sich 1927 an der Sorbonne ein und studierte mit Feuereifer.<\/p>\n<p>1929 war ein entscheidendes Jahr f\u00fcr Simone: ihre beste Freundin Zaza starb, 21j\u00e4hrig, erw\u00fcrgt von dem H\u00f6here-T\u00f6chter-Korsett, in das sie gepre\u00dft worden war; Simone lernte Jean-Paul Sartre kennen und schlo\u00df als j\u00fcngste und brillanteste Studentin in der Geschichte der Sorbonne ihre Ausbildung ab.<\/p>\n<p>Simones &#8222;Traummann&#8220; in ihren Backfischjahren war stets vor allem eins: intelligent. Das Aussehen war unwichtig. Sie w\u00fcrde, beschrieb sie Poupette, mit ihrem Mann in einem sonnendurchfluteten gro\u00dfen Zimmer sitzen, jeder an einem Schreibtisch, und stillvergn\u00fcgt und in vollkommener Eintracht und Harmonie gemeinsam lesen und schreiben. Es scheint fast, als w\u00e4re diese Gl\u00fccksvision eine Vorahnung ihres Lebens mit Sartre gewesen. Mit Sartre konnte sie jetzt alle ihre Vorstellungen verwirklichen, und das Leben, das sie mit ihm f\u00fchrte, mag zwar den jetzigen Feministinnen nicht sehr emanzipatorisch erscheinen, war aber f\u00fcr die damalige Zeit unglaublich revolution\u00e4r.<\/p>\n<p>Ihr gemeinsamer &#8222;Pakt f\u00fcrs Leben&#8220; definierte sich nicht, wie die Ehe, durch sexuelle, sondern durch geistige Treue. Sartre hatte einen starken Frauenverbrauch, aber die sexuelle Befriedigung hatte f\u00fcr ihn nichts zu tun mit den Frauen, von denen er sie bekam; die einzige Frau, die er wirklich brauchte, war Simone, und zwar weniger als Beischl\u00e4ferin, sondern als Diskussionspartnerin, als Kritikerin, als geistige Stimulanz. Die Basis ihres Paktes war: Wahrheit und Ehrlichkeit. Jeder sagte dem anderen alles, nichts wurde verheimlicht. Simone war der Fels in der Brandung von Sartres Leben, gemeinsam gingen sie durch dick und d\u00fcnn.<\/p>\n<p>Was nun einige Feministinnen ans\u00e4uert, ist die Tatsache, da\u00df sich Simone zeitlebens (oder besser: zeit Sartres Leben) als Sartres rechte Hand ansah, da\u00df sie sich stets durch ihn definierte und nie sich selbst in den Vordergrund stellte. \u00c4hnelt das nicht fatal dem Gebaren der spie\u00dfigen Eheweibchen? Wo war da das Revolution\u00e4re? Wie kann man sich so binden an jemanden, an den man durch keinerlei Vertrag gebunden ist?<\/p>\n<p>Antwort: dadurch, da\u00df man ihn wirklich liebt, d.h. ein wirkliches Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl f\u00fcreinander entwickelt! Es war auch nicht so, da\u00df Simone (wie es ihre Biographin Deirdre Bair gern darstellt) nicht mehr war als Sartres Krankenschwester, Tr\u00f6sterin und Mutterersatz. Diese Aufgaben \u00fcbernahm Simone nat\u00fcrlich auch, aber es w\u00fcrde wohl kaum ausreichen, sie als Grund f\u00fcr ein 57j\u00e4hriges gemeinsames Leben anzusehen.<\/p>\n<p>Sartre war zuallererst der gro\u00dfe Philosoph und Schriftsteller.<\/p>\n<p>Und Simone, die selbst erst in den 40er Jahren als Schriftstellerin Ruhm erlangte, war zuallererst die Kritikerin und Lektorin von Sartres Werken. Sie bekam sie als erste zu lesen, korrigierte sie und sprach sie mit ihm durch. Um dies tun zu k\u00f6nnen, brauchte sie wirklich eine geh\u00f6rige Portion Intellekt. Auch dies wird gern unterschlagen; wer Simone nur als besch\u00e4ftigte Person darstellt, d.h. alle ihre Aktivit\u00e4ten aufz\u00e4hlt, verfehlt ihre Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p>In ihrem Roman <em>Die Mandarins von Paris<\/em> gibt es eine Stelle, in der Henri, ein erfolgreicher Journalist, seine fr\u00fchere Liebe Paule, von der er sich entfremdet hat, fragt:<\/p>\n<p>&#8222;Was wirst du heute unternehmen?&#8220;<br \/>\n&#8222;Oh! Ich habe immer irgend etwas zu tun!&#8220; sagte sie munter.<br \/>\n&#8222;Mit anderen Worten: du tust nichts&#8220;, sagte Henri.<\/p>\n<p>Genau das war es, was Simone an den Klischeefrauen um sie herum nicht ausstehen konnte: sie waren st\u00e4ndig besch\u00e4ftigt, ohne etwas zu tun. Sie wirbelten mit Staubwedeln durch die Wohnung, sie h\u00e4kelten, sie stickten, sie kochten, sie f\u00fchrten charmante Konversation, sie repr\u00e4sentierten &#8211; aber sie TATEN nichts! Es bewegte sich nichts! Alles, was sie taten, war, \u00c4u\u00dferlichkeiten zu ver\u00e4ndern, bzw. neu zu gruppieren. Simone wollte auf keinen Fall besch\u00e4ftigt sein, sie wollte etwas TUN, sie wollte Schriftstellerin sein und am geistigen Leben teilhaben. Denn nur hierin, im geistigen Leben, liegt die Keimzelle zur Ver\u00e4nderung! Alles andere ist Affirmation des Bestehenden.<\/p>\n<p>Frauen redeten \u00fcber Frisuren, Gatten und Desserts &#8211; Simone redete \u00fcber Kant, Nietzsche und Descartes. Und das war das &#8222;Emanzipatorische&#8220; an Simone de Beauvoir: sie sprengte ihr Korsett, indem sie f\u00fcr sich immer systematisch genau das Gegenteil davon tat, was &#8222;man&#8220; als Frau tat. Sie heiratete nicht, sie bekam keine Kinder, sie war Sartre genausowenig sexuell treu wie er ihr, sie k\u00fcmmerte sich nicht um \u00c4u\u00dferlichkeiten wie Kleidung und Frisur (fast zeitlebens hatte sie zwei Z\u00f6pfe, die sie um den Kopf legte, mit einer Art Turban verh\u00fcllte und nur am Wochenende auftrennte und durchk\u00e4mmte), und um keinen Haushalt f\u00fchren zu m\u00fcssen, besa\u00df sie gar nicht erst einen &#8211; bis 1955 wohnte sie haupts\u00e4chlich in Hotelzimmern (\u00fcbrigens wohnte sie auch nie mit Sartre zusammen, der erst in eigenen Hotelzimmern und dann in einer eigenen Wohnung logierte). Sie kochte selten bis nie selbst, sie ging allein auf lange Bergwandertouren, wenn ihre Freunde keine Lust oder keine Zeit zum Mitkommen hatten, sie trank und rauchte in enormen Mengen und schlug sich oft &#8211; besonders in den Kriegsjahren &#8211; die N\u00e4chte um die Ohren.<\/p>\n<p>1947-51 hatte sie eine leidenschaftliche Liebesbeziehung mit dem amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren, der es aber auch nicht verstehen konnte, da\u00df sie beim kleinsten Mucks, den Sartre in Paris von sich gab, sofort wieder zu ihm zur\u00fcckrannte &#8211; entweder ganz oder gar nicht, polterte Algren, entweder er oder ich! Simone konterte dann, da\u00df sie Algren zwar liebe &#8211; aber eben zu Sartre geh\u00f6re.<\/p>\n<p>Auch als sie selbst als Schriftstellerin und Vertreterin des Existentialismus ber\u00fchmt war, blieb Sartre nach wie vor die Nr. 1. Wenn er ein Manuskript beendet hatte, legte sie ihres beiseite und las erst seines. Als Sartre 1980 starb, war sie ein paar Jahre lang vor Schmerz und Valium und Alkohol wie bet\u00e4ubt, bis sie auf den Tag genau 6 Jahre nach ihm und an nahezu denselben Ursachen starb wie er.<\/p>\n<p>Von ihren B\u00fcchern ist wohl <em>Das andere Geschlecht<\/em> (<em>La deuxi\u00e8me sexe<\/em>) das bekannteste, in dem sie sich &#8222;mit Sitte und Sexus der Frau&#8220; auseinandersetzt.<\/p>\n<p>Ihr Roman <em>Die Mandarins von Paris<\/em> wurde 1955 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, ein fabelhafter Roman, der sich wie alle ihre Werke um ihre unmittelbare Umgebung dreht: es geht um Frauen, es geht um Beziehungen und Partnerschaften, und es spielt sich ab in Paris apr\u00e8s la guerre in der Intellektuellen-Existentialisten-Clique.<\/p>\n<p>Ihre restlichen Romane sind alle sehr autobiographisch. &#8222;Mein Leben &#8211; dieses seltsame Ph\u00e4nomen&#8220;, das war es, was sie am besten kannte und das ihr immer wieder Inspirationen lieferte.<\/p>\n<p>Deshalb ist ihre vierteilige Autobiographie, besonders der erste Band <em>Memoiren einer Tochter aus gutem Hause <\/em>(<em>M\u00e9moires d&#8217;une jeune fille rang\u00e9e<\/em>) sehr zu empfehlen. Simone beschreibt darin die Jahre bis 1929 mit einer unglaublichen Ehrlichkeit und minuti\u00f6sen Genauigkeit; die Hochs und Tiefs, die Gedanken und Gef\u00fchle und W\u00fcnsche &#8211; ich hatte w\u00e4hrend der gesamten Lekt\u00fcre das Gef\u00fchl, sie schriebe \u00fcber mich, so zeitlos und eindringlich ist das Buch.<\/p>\n<p>Die k\u00fcrzlich erschienene Biographie von Deirdre Bair (Goldmann Verlag) empfehle ich hingegen weniger, da Bair Simone nur oberfl\u00e4chlich beschreibt, ihre Aktivit\u00e4ten und Engagements und Reisen und Romane und Beziehungen und Krimskrams herunterbetet und ihren brillanten Intellekt dabei v\u00f6llig ignoriert und au\u00dfer acht l\u00e4\u00dft. Simone erscheint bei Bair eher als &#8222;Karrierefrau&#8220;, als &#8222;Emanze in action&#8220; &#8211; und damit wird sie, was die medien- und konsumkapitalismusorientierten Assoziationen einer solchen Darstellung betreffen (die ja ihrer revolution\u00e4ren und philosophischen Rebellion und Emanzipation komplett zuwiderlaufen), ganz klar v\u00f6llig falsch interpretiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Jahr w\u00e4re sie 95 Jahre alt geworden: Simone-Ernestine-Lucie-Marie Bertrand de Beauvoir. F\u00fcr die einen ist sie heute nicht mehr als die &#8222;Grande Sartreuse&#8220;, die &#8222;altj\u00fcngferliche Am\u00fcsierdame&#8220; von Jean-Paul Sartre. F\u00fcr die anderen ist sie DIE Oberemanze schlechthin, die Wegbereiterin des Feminismus der 60er Jahre und geistige Mutter von Alice Schwarzer. 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