{"id":5412,"date":"2003-04-01T00:00:43","date_gmt":"2003-03-31T22:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5412"},"modified":"2022-07-26T14:24:40","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:40","slug":"so-einen-irrsinn-mache-ich-nicht-mit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/04\/so-einen-irrsinn-mache-ich-nicht-mit\/","title":{"rendered":"&#8222;So einen Irrsinn mache ich nicht mit!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>1986 unterschrieb Carson einen Drei-Jahres-Vertrag bei den US-Streitkr\u00e4ften. Nach abgebrochenem Musikstudium und Drogenproblemen sah er im Dienst bei der US-Army seine einzige Perspektive. Sie bot ihm sicheres Geld und eine Krankenversicherung. &#8222;Das war eine Flucht aus dem Leben&#8220;, sagt er heute.<\/p>\n<p>Nach Beendigung der Grundausbildung wurde er mit 22 Jahren nach Augsburg versetzt. Es galt den schon zur Routine gewordenen Schutz vor der damaligen Sowjetunion zu erhalten.<\/p>\n<p>1990, zu Beginn des 2. Golfkrieges \u00e4nderte sich die Situation allerdings grundlegend. Die Gefahr, in einem Krieg k\u00e4mpfen zu m\u00fcssen wurde konkret, da eine Gro\u00dfzahl der in Deutschland stationierten US-SoldatInnen in die Golfregion beordert wurde. &#8222;Das war ein Schock f\u00fcr mich.&#8220;<\/p>\n<p>Nicht nur f\u00fcr ihn. Etwa 100 in Deutschland stationierte GIs konnten dem Einsatz nur dadurch entgehen, dass sie sich von der Truppe entfernten. Juristisch betrachtet gibt es zwar f\u00fcr GIs die M\u00f6glichkeit, den Kriegsdienst mit der Waffe zu verweigern, um nach einem Pr\u00fcfungsverfahren den Armeedienst vorzeitig beenden zu k\u00f6nnen. Allerdings ist dieses Recht im Krisen- und Konfliktfall eingeschr\u00e4nkt; die AntragstellerInnen m\u00fcssen bei ihren Einheiten bleiben.<\/p>\n<p>Aufgrund dieser Rechtslage besteht keine legale M\u00f6glichkeit, sich dem befohlenen Abmarsch in den Krieg zu entziehen. Ein Soldat, der trotzdem seine Einheit verl\u00e4sst, ist &#8222;absent without leave&#8220; (AWOL), eigenm\u00e4chtig abwesend. Ein gro\u00dfer Teil der etwa 100 AWOL gegangenen GIs wurde am Ende zu Haftstrafen von bis zu f\u00fcnf Jahren verurteilt und unehrenhaft entlassen.<\/p>\n<p>Dave Carson versuchte, den Kriegsdienst zu verweigern. Obwohl ihm der Gegenwind von Vorgesetzten und Kollegen stark ins Gesicht blies, trieb er seine Bestrebung, den Milit\u00e4rdienst niederzulegen, stetig voran. Er wusste, dass man bei der Army nicht einfach k\u00fcndigen kann.<\/p>\n<p>Trotz des laufenden Verfahrens wurde der damals 37-j\u00e4hrige in den Krieg geschickt. Seine eigenen &#8222;Kumpels&#8220; zerrten ihn in den Bus nach Zeppelinheim und schmissen ihn in die Milit\u00e4rmaschine nach Saudi-Arabien.<\/p>\n<p>Carson lie\u00df sich nicht einsch\u00fcchtern und beschwerte sich nach der Ankunft offiziell \u00fcber die brutale Vorgehensweise seiner Vorgesetzten und Kollegen. &#8222;Ich hatte mehr Angst vor meinen eigenen Leuten als vor den Irakis.&#8220;<\/p>\n<p>Jedoch es n\u00fctzte nichts. \u00dcber ein Jahr k\u00e4mpfte Carson mit seiner Division im Irak. Er sah Bilder und erlebte Situationen, die ihn t\u00e4glich in seiner Einstellung bekr\u00e4ftigten.<\/p>\n<p>Nach Angaben der US-amerikanischen Organisation Central Committee for Conscientious Objection verweigerten w\u00e4hrend des zweiten Golfkrieges insgesamt ca. 2.500 SoldatInnen den Kriegseinsatz. 315 AntragstellerInnen wurden vom amerikanischen Verteidigungsministerium anerkannt.<\/p>\n<p>In Deutschland arbeitete zur Unterst\u00fctzung der hier stationierten GIs das Military Counseling Network (MCN), ein Beratungsnetzwerk f\u00fcr US-SoldatInnen, das Beratung, Unterst\u00fctzung und juristische Hilfe leistet. ((1))<\/p>\n<p>Etwa 1000 GIs wandten sich w\u00e4hrend des zweiten Golfkrieges an das MCN. Dieses stellte w\u00e4hrend der 90er Jahre seine Arbeit ein.<\/p>\n<p>Aber angesichts der Lage eines nun begonnen 3. Golfkrieges, ist das MCN wieder aktiv geworden. Unter der Adresse <a href=\"http:\/\/www.Connection-eV.de\">www.Connection-eV.de<\/a> kann Mensch sich informieren.<\/p>\n<p>Einen Tag nach dem Waffenstillstand wurde Dave Carson von seinem Vorgesetzten gefragt, ob er noch immer verweigern wolle. F\u00fcr ihn stand fest: &#8222;So einen Irrsinn mache ich nicht noch mal mit.&#8220;<\/p>\n<p>Im September 1991 erhielt er seine offizielle Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer. Seitdem lebt Dave Carson in Deutschland. T\u00e4glich kann er nun in den Medien verfolgen, wie die amerikanische Armee erneut den Irak angreift.<\/p>\n<p>Er war so freundlich, mir ein paar Fragen zu beantworten.<\/p>\n<p><strong>Graswurzelrevolution: Wann und aus welchen Motiven haben Sie sich damals daf\u00fcr entschieden, in die US-Armee einzutreten? Hat Ihr Vater gedient?<\/strong><\/p>\n<p>Dave Carson: Ich bin 1986 in die US Army eingetreten, nachdem ich mein Studium abgebrochen hatte. Ich hoffte, bei der Armee studieren zu k\u00f6nnen und daf\u00fcr Geld zu bekommen, einen festen Lohn zu erhalten und nicht drogens\u00fcchtig zu werden. Auch mein Vater war bei der US-Army, 27 Jahre lang. Er ist Veteran des Korea- und auch des Vietnamkrieges. Da er nie wirklich dar\u00fcber gesprochen hat, was er im Krieg erlebte, hatte ich nur ein abstraktes Bild davon. Zugleich vermittelte er mir, dass er ein stolzer Soldat sei.<\/p>\n<p><strong>GWR: In einem Interview sagten Sie: &#8222;An Krieg habe ich nicht gedacht.&#8220; Wie ist es m\u00f6glich, t\u00e4glich theoretisch und praktisch f\u00fcr kriegerische Auseinandersetzungen trainiert zu werden, und trotzdem das Ph\u00e4nomen Krieg auszublendenden?<\/strong><\/p>\n<p>In der milit\u00e4rischen Ausbildung wird alles als ein gro\u00dfes Spiel angesehen. Man schie\u00dft auf Plastik- oder Holzziele und erh\u00e4lt eine Anerkennung, wenn man gute Leistungen bringt. Das spornte uns an, wo wir als junge Menschen viel zu selten durch die Familie oder die Gesellschaft Anerkennung erhielten.<\/p>\n<p>Zu meiner Zeit gab es noch den Kalten Krieg. Seit dem Vietnamkrieg war das US-Milit\u00e4r nicht mehr in einer gro\u00dfen Auseinandersetzung eingesetzt worden.<\/p>\n<p>Seit Desert Storm, dem letzten Golfkrieg, sind 12 Jahre vergangen. Die meisten der heutigen SoldatInnen waren damals Kinder, vielleicht wurden auch ihre Eltern als Helden des letzten Krieges gefeiert.<\/p>\n<p><strong>Was gab den Ansto\u00df, die Armee zu verlassen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich sah, dass es Aufgabe der Army ist, internationale Verbrechen gegen die Menschenrechte zu unterst\u00fctzen. Also war dies als Soldat auch meine Aufgabe. Das konnte ich nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie sich mit anderen Soldaten \u00fcber ihre Pl\u00e4ne unterhalten k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, aber es gab st\u00e4ndige Bedrohungen durch meine Vorgesetzten und von anderen Soldaten. Sprach ich mit jemandem dar\u00fcber, so wurde auch ihm angeraten, nicht mehr mit mir \u00fcber das Thema zu reden.<\/p>\n<p><strong>Gibt es M\u00f6glichkeiten, als Deserteur ein &#8222;normales&#8220; Leben in der US-amerikanischen Zivilgesellschaft zu f\u00fchren?<\/strong><\/p>\n<p>Meiner Meinung nach nicht. Ein Deserteur w\u00fcrde nach einer strafrechtlichen Verfolgung unehrenhaft aus der Armee entlassen werden. Das wird in den Entlassungspapieren des Milit\u00e4rs vermerkt, die in der Regel von den Unternehmen bei der Arbeitssuche eingesehen werden. Bei dem in den USA vorherrschenden Patriotismus gibt es wohl nur sehr wenige Betriebe, denen das dann egal ist.<\/p>\n<p><strong>Wie sehen Sie Ihre eigene Zukunft?<\/strong><\/p>\n<p>Ich lebe seit meiner Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer, nach dem letzten Golfkrieg, in Deutschland. Hier stellt das kein Hindernis f\u00fcr mich und meine Lebensperspektive dar.<\/p>\n<p><strong>Wer oder welche Organisation unterst\u00fctzt Sie bei Ihrem Weg in Deutschland? Welche Unterst\u00fctzung w\u00fcnschen Sie sich?<\/strong><\/p>\n<p>Als ich meinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung stellte, hatte ich noch keinen Kontakt zu deutschen Organisationen. Ich wurde dann trotz meines Antrages nach Saudi-Arabien verlegt, gemeinsam mit meiner Einheit. Erst dort erhielt ich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck Infos \u00fcber das Verfahren. Ein gro\u00dfer Teil der Post erreichte mich nicht. Die Post wurde vom Milit\u00e4r kontrolliert. Die entscheidendsten Informationen erhielt ich \u00fcber einen Kriegsdienstverweigerer, der im Hauptquartier der 3. Infanteriedivision stationiert war. Er schickte mir Brief durch die interne Milit\u00e4rpost, die nicht kontrolliert wurde.<\/p>\n<p><strong>Die Frankfurter Rundschau berichtete \u00fcber US-amerikanische Soldaten, die an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gefesselt nach Saudi Arabien geflogen worden waren, weil sie die Armee verlassen wollten. F\u00fchlen Sie sich verfolgt vom US-amerikanischen Staat?<\/strong><\/p>\n<p>Ich selbst wurde nicht in Handschellen abgef\u00fchrt. Stattdessen trugen mich 5 Soldaten in das Flugzeug.<\/p>\n<p><strong>Wie f\u00fchlen Sie sich, wenn jetzt ihre alten &#8222;Kollegen&#8220; in den Krieg geschickt werden?<\/strong><\/p>\n<p>Ich empfinde Mitleid f\u00fcr die, die eigentlich nicht in den Krieg gehen wollen. Den anderen bringe ich Verachtung entgegen. Sie wollen &#8222;ein paar Irakis t\u00f6ten&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Was denken Sie, worin die imperiale Politik der Vereinigten Staaten m\u00fcnden wird?<\/strong><\/p>\n<p>Das Ziel der imperialistischen Politik der USA ist die Weltherrschaft. Insofern ist der Krieg gegen den Irak als ein Schritt auf diesem Wege zu verstehen. Praktisch wird das so aussehen: Alle trinken Coca-Cola und schwenken die US-Fahne.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen die Leserinnen und Leser unserer Zeitung (Graswurzelrevolution) Sie und andere Deserteure unterst\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist wichtig, Ihnen Unterk\u00fcnfte anzubieten. Aber es ist auch wichtig, die deutsche Regierung aufzufordern, ihre Gewissensentscheidung zu unterst\u00fctzen und ihnen z.B. Asyl zu gew\u00e4hren.<\/p>\n<p><strong>Mr. Carson, ich danken Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1986 unterschrieb Carson einen Drei-Jahres-Vertrag bei den US-Streitkr\u00e4ften. 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