{"id":5463,"date":"2003-04-01T00:00:29","date_gmt":"2003-03-31T22:00:29","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5463"},"modified":"2022-07-26T14:24:40","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:40","slug":"das-schweigen-ist-gebrochen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/04\/das-schweigen-ist-gebrochen\/","title":{"rendered":"&#8222;Das Schweigen ist gebrochen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die Apartheid, das brutale System der Rassentrennung in S\u00fcdafrika, stand nach 40 Jahren &#8211; im Februar 1990 &#8211; vor ihrem Ende. Die unumst\u00f6\u00dflich wirkenden Mauern, welche die Apartheid zwischen den Menschen geschaffen hatte war zwar nicht aus Beton gemacht, sondern aus Gesetzen, Verachtung und Gewalt. Sie ruhte auf einem Fundament von Angst, \u00dcberheblichkeit und einem unvorstellbarem Hass. Viel Blut ist unter den Apartheidregimen geflossen, und die Reihen der Gr\u00e4ber in Soweto, in Sharpville und den vielen Schaupl\u00e4tzen des Terrors sind lang. Dennoch entstand das neue S\u00fcdafrika nicht aus einem grausamen B\u00fcrgerkrieg. Dass dieses verhindert werden konnte, ist auf den langwierigen Kampf derjenigen Menschen zur\u00fcckzuf\u00fchren, welche innerhalb der Schwarzen Befreiungsbewegungen die Impulse des gewaltlosen Widerstandes tradierten bzw. lebten.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 2003 beendete die s\u00fcdafrikanische Wahrheits- und Vers\u00f6hnungskommission (WVK) die Arbeit ihrer Recherchen sowie die Erstellung der dokumentarischen Berichte, zu den Menschenrechtsverletzungen innerhalb der Apartheid\u00e4ra. In dem Gesamtbericht der WVK sind die Verbrechen der Apartheidzeit, von 1960 bis zu den ersten demokratischen Wahlen 1994 dokumentiert. Transparent werden die Produktion von Terror durch den Apartheidstaat und die Verstrickungen der politischen Parteien in das Gewaltregime. Die Dokumentationen \u00fcber die Amnestie-Anh\u00f6rungen geben Einblick in die Abgr\u00fcnde der T\u00e4terInnenseite sowie die ausge\u00fcbten Praktiken von Entf\u00fchrung, Folter und Mord unter der Apartheid. Im Mittelpunkt der Gesamt-Dokumentation stehen die Reportagen \u00fcber diejenigen Menschen, die Opfer der Repressionen, der Gewalt- und Todesspirale des Apartheidstaates waren. Ihre vor der Kommission erz\u00e4hlten Geschichten sind zentraler Bestandteil des WVK-Berichtes.<\/p>\n<h3>Die Wahrheit tut weh, aber Schweigen t\u00f6tet.<\/h3>\n<p>So lautete, der auf Postern zu lesende Slogan, mit dem die Wahrheits- und Vers\u00f6hnungskommission in allen Landesteilen S\u00fcdafrikas zu den \u00f6ffentlichen Anh\u00f6rungen einlud. Diese zwischen 1996 und 1998 veranstalteten \u00f6ffentlichen Anh\u00f6rungen waren zentral-bedeutsamer Bestandteil des gesamten Prozesses der Reconcilation (Vers\u00f6hnung). Begleitet wurden die unter gro\u00dfer \u00d6ffentlichkeit (Presse, Radio, Fernsehen&#8230;) stattgefundenen Anh\u00f6rungen von weiteren Aktivit\u00e4ten: die Kommission lie\u00df Aussagen sammeln, Untersuchungen durchf\u00fchren, Nachforschungen anstellen. Denn zielgerichtet ging es au\u00dferdem darum, das Schicksal oder den Aufenthalt von &#8222;Opfern zu kl\u00e4ren und jene Personen oder Organisationen zu identifizieren, die f\u00fcr die Menschenrechtsverletzungen verantwortlich waren.&#8220; ((1))<\/p>\n<p>Am 21. M\u00e4rz 2003, dem nationalen &#8222;Tag der Menschenrechte&#8220; in S\u00fcdafrika, \u00fcberreichte der Vorsitzende der Kommission, Desmond Tuto, Kapstadts fr\u00fcherer anglikanischer Erzbischof, dem Pr\u00e4sidenten des s\u00fcdafrikanischen Parlaments, Thabo Mbeki, die letzten beiden B\u00e4nde des Dokumentationsberichtes der WVK. Darin finden sich Zusammenfassungen der rund 22.000 F\u00e4lle, die sich die Kommission zwischen 1996 und 1998 angeh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p>Die WVK erhofft, speziell mit diesem Abschluss des Berichtes das politisch-umstrittene Thema der Entsch\u00e4digungen f\u00fcr die Opfer der Apartheid mit konkreten Schritten vorantreiben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bislang sind von staatlicher Seite statt der von der Kommission empfohlenen drei Milliarden Rand (280 Millionen Euro) nur etwa 50 Millionen Rand gezahlt worden. Ein umfassender Entsch\u00e4digungsplan soll nun nach dem Abschlussbericht der WVK im s\u00fcdafrikanischen Parlament diskutiert sowie ausgearbeitet werden.<\/p>\n<p>Doch nicht nur die vom Unrecht und den Menschenrechtsverletzungen Betroffenen, die Opfer des Apartheidstaates; auch die T\u00e4terInnen verbinden hoffende Erwartungen mit der Beendigung der Arbeit der WVK. Denn die Mehrzahl von ihnen nahm das Angebot nicht wahr, durch Preisgabe ihrer Verbrechen, von der WVK, Amnestie zu erhalten. Sie hoffen jetzt auf eine Generalamnestie durch den Pr\u00e4sidenten Thabo Mbeki. Ende des vergangenen Jahres hatte dieser in einem umstrittenen Schritt 33 ehemalige Widerstandsk\u00e4mpferInnen gegen die Apartheid begnadigt, deren Amnestieantr\u00e4ge zum Teil von der WVK abgelehnt worden waren.<\/p>\n<p>Schon bei der \u00dcbergabe der ersten f\u00fcnf B\u00e4nde des WVK-Berichtes an den damaligen Pr\u00e4sidenten Nelson Mandela 1998, bekam die Kommission von allen Seiten Unwillen zu sp\u00fcren. Der letzte Pr\u00e4sident des Apartheidstaates, Frederik Willem de Klerk, lie\u00df in letzter Minute Passagen schw\u00e4rzen, in denen sein Name fiel. ((2))<\/p>\n<p>Heftige Kritiken hagelte es jedoch nicht nur aus den Reihen ehemaliger Bef\u00fcrworterInnen des Apartheidstaates. Gruppierungen des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), der jetzigen Regierungspartei im Parlament (seit 1994), kritisieren, dass die Wahrheits- und Vers\u00f6hnungskommission Widerstandsk\u00e4mpferInnen &#8222;kriminalisiere&#8220;. Besonders heftige Kritik kam au\u00dferdem von der Zulu-Partei Inkhata. Diese hatte monatelang vor Gericht die Ver\u00f6ffentlichung des Abschlussberichtes der Kommission herausgez\u00f6gert. Die Zulu Partei Inkhata ist nach Meinung der WVK, f\u00fcr ein Drittel der politisch motivierten Verbrechen verantwortlich gewesen. Die Zulu-Partei Inkhata darf nun in einem (zus\u00e4tzlichen) Anhang des Abschlussberichtes ihre Position darlegen.<\/p>\n<p>Diese Einblicke verdeutlichen, dass es sich bei dem Gesamt-Prozess der Reconcilation keineswegs um ein idealtypisch, konstruiertes Modell handelte. Die InitiatorInnen sowie die siebzehn AktivistInnen der WVK beurteilten den Entwicklungsverlauf ihrer Arbeiten verantwortungsbewusst, selbstkritisch und waren bzw. sind sich der Grenzen und Defizite bewusst. Insbesondere hinsichtlich der noch ausstehenden Entsch\u00e4digungszahlungen und Wiedergutmachungs-Leistungen.<\/p>\n<p>In der von der WVK eigens herausgegebenen <em>popul\u00e4ren Fassung<\/em>, spezifisch geschrieben f\u00fcr das s\u00fcdafrikanische Volk, schreibt Desmond Tuto: &#8222;Unser Bericht geh\u00f6rt all den Menschen S\u00fcdafrikas, die etwas versucht haben, f\u00fcr das es nur in wenigen L\u00e4ndern Vorbilder gibt: sie haben sich darum bem\u00fcht, ihre oft bedr\u00fcckende und schmerzvolle Vergangenheit zu verstehen. Wir haben diesen Versuch unternommen, um uns der Vergangenheit gemeinsam erinnern zu k\u00f6nnen. Diese Erinnerung soll dazu beitragen, dass sich die Schrecken der Vergangenheit niemals wiederholen &#8211; die Bannungen, die Zwangsumsiedlungen, die minderwertige Ausbildung, die Verhaftungen ohne gerichtliches Urteil, die Entf\u00fchrungen, das Verschwinden von Leichen, die Bomben in den Wimpy-Restaurants, in Kirchen, in Clubs und auf den Strassen, die unschuldige Kinder, Frauen und M\u00e4nner t\u00f6teten; die Landminen, die unbewaffnete Zivilisten verst\u00fcmmelten und t\u00f6teten, die &#8222;Halskrause&#8220;, die Massaker. Angesichts dieser Vergangenheit sagen wir: Nie wieder!&#8220; ((3))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Apartheid, das brutale System der Rassentrennung in S\u00fcdafrika, stand nach 40 Jahren &#8211; im Februar 1990 &#8211; vor ihrem Ende. Die unumst\u00f6\u00dflich wirkenden Mauern, welche die Apartheid zwischen den Menschen geschaffen hatte war zwar nicht aus Beton gemacht, sondern aus Gesetzen, Verachtung und Gewalt. 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