{"id":5467,"date":"2003-04-01T00:00:48","date_gmt":"2003-03-31T22:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5467"},"modified":"2022-07-26T14:15:13","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:13","slug":"wirklich-filmreif-die-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/04\/wirklich-filmreif-die-geschichte\/","title":{"rendered":"&#8222;Wirklich filmreif, die Geschichte&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution: Pit, was denkst Du \u00fcber Deinen Auftritt beim Graswurzelfest?<\/strong><\/p>\n<p>Pit Budde: Das war klasse, es hat gro\u00dfen Spa\u00df gemacht. Die Lieder sind nat\u00fcrlich immer noch mit der alten Zeit verbunden.<\/p>\n<p>Deswegen h\u00e4tte ich auch meine Probleme z.B. wieder mit <em>Cochise<\/em> auf Tour zu gehen. Aber bei dem Fest, da war das o.k. Da waren Leute, die das angeht. Es kam ein wenig mein journalistischer Eifer durch. Ich habe mein Programm anhand einer historischen Linie zusammengestellt und jeweils Anekdoten zu den Liedern erz\u00e4hlt, um einen Rahmen zu schaffen, damit die Lieder nicht einfach so im Raum h\u00e4ngen. Denn sie sind in bestimmten Situationen, unter bestimmten Bedingungen entstanden, die man kennen sollte.<\/p>\n<p><strong>GWR: Erz\u00e4hl doch mal aus Deiner Lebensgeschichte. Wie verlief Deine politische Sozialisation?<\/strong><\/p>\n<p>Pit: Gro\u00df geworden bin ich im Ruhrgebiet, in L\u00fcnen, in einer Arbeiterfamilie. Mein Vater hat in einer Metallfabrik gearbeitet, meine Mutter in einer Lederfabrik. Da war das sozialdemokratische Elternhaus vorgegeben.<\/p>\n<p>Mitte der 60er Jahre habe ich mitbekommen wie die Hippiebewegung entstand und die Osterm\u00e4rsche in Dortmund losgingen. Ernsthafter wurde es 1968, da war ich von allen Schulen geflogen, war unterwegs, in Amsterdam, London und dann in Paris. Zuf\u00e4llig bin ich dort in die Studentenrevolte geraten.<\/p>\n<p>Ich hatte mein eigenes Zimmer in der von Studenten besetzten Medizinischen Fakult\u00e4t mitten im Zentrum von Paris. Ich habe als 16j\u00e4hriger viele Leute dort kennen gelernt, bin mitten im Geschehen gewesen, ohne so richtig zu realisieren, was da gerade passierte. Es war beeindruckend, die ersten Stra\u00dfenschlachten zu sehen und auch, wie eine Besetzung ablief oder wie Molotowcocktails in Autos von Rechten flogen, die im offenen Wagen auf dem Boulevard St. Michele fuhren. Als dann die Polizei Paris von all den Hippies und Polit-Freaks s\u00e4uberte wurde ich eingeknastet, ausgewiesen und nach Deutschland abgeschoben. Das war im Sommer 1968, ich wurde mit vielen anderen einkassiert. Als fl\u00fcchtiger Jugendlicher stand ich auf der Fahndungsliste von Interpol und kam f\u00fcr ein paar Tage in den Knast. Das waren sehr intensive Erlebnisse, die sicher viel bei mir ausgel\u00f6st haben. Nachdem ich von der Schule geflogen war, begann ich mich f\u00fcr alles m\u00f6gliche zu interessieren, was man mir vorher vergebens versucht hatte beizubringen. Ich habe viel gelesen und diskutiert, bin auf Bakunin, Kropotkin, Proudhon und andere anarchistische Klassiker gesto\u00dfen.<\/p>\n<p>Es gab Anfang der Siebziger anarchistische Zirkel in Dortmund, in denen wir uns mit Anarcholiteratur besch\u00e4ftigt haben. Parallel lief meine musikalische Entwicklung. Ich habe schon mit 16, als ich von zu hause weg war, in London und Paris von der Stra\u00dfenmusik gelebt, sonst h\u00e4tte ich diese Zeit gar nicht durchhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Als ich zur\u00fcck war, musste ich zwar arbeiten gehen, hab aber weiter intensiv Musik gemacht. Ab Anfang der 70er war ich dann wieder unterwegs, teilweise in Amsterdam, teilweise in Berlin und irgendwann wieder in Dortmund. Dort bin ich dann in die Polit-Bewegung reingewachsen. Ich war aktiv in der Initiative f\u00fcr ein freies selbstverwaltetes Jugendzentrum. Nach einigen fruchtlosen Verhandlungen mit der Stadt haben wir 1973 das erste Haus in Dortmund besetzt und es nach einem von der Polizei in Dortmund erschossenen Jugendlichen genannt: Erich Dobhardt-Haus.<\/p>\n<p>Das Haus hatten wir etwa zehn Tage lang besetzt, bis wir von der Polizei ger\u00e4umt wurden. Am gleichen Abend haben wir das n\u00e4chste Haus besetzt, sind aber noch in der Nacht ger\u00e4umt worden. Die Musik war immer dabei. Wir hatten damals einige Musikgruppen &#8211; also eher Folkszene, Folkrock usw., &#8211; zu der Zeit habe ich noch keine deutschen Texte gesungen. Zwar gab es die <em>Scherben<\/em>, aber wir haben im Gegensatz zu ihnen noch keine deutschen Texte geschrieben. Wir haben englisch gesungen, wie viele andere Bands auch.<\/p>\n<p>Erst als sich die politische Situation versch\u00e4rfte, hab ich angefangen \u00fcber meine Erlebnisse und Gedanken deutsche Texte zu schreiben. Unser Treffpunkt und Zentrum war Mitte der siebziger ein freies Kulturzentrum, das K\u00fcnstler und andere Kreativleute ein paar Jahre zuvor von der VHS \u00fcbernommen hatten. Jetzt sollte an gleicher Stelle ein Revierpark entstehen, die H\u00e4user ger\u00e4umt und abgerissen werden. Daraufhin haben wir ein halbes Jahr lang das ganze Gel\u00e4nde inklusive der H\u00e4user besetzt und in einem Zeltcamp gelebt. Als das Camp ger\u00e4umt und die H\u00e4user abgerissen waren, wurde die politische Diskussion entschiedener und h\u00e4rter. Die Musikszene war weniger radikal als die politische Szene, in der ich mich immer parallel bewegte. Irgendwann gab es die \u00fcberf\u00e4llige Spaltung. Ich spielte damals in der Gruppe <em>Manderley<\/em>. Wir sangen jetzt deutsche, politisch angehauchte Texte, die entsprachen aber nicht mehr meiner Realit\u00e4t nach der Eskalation bei den R\u00e4umungen, Demos, Verhaftungen etc. Ich habe gemeinsam mit Klara, die auch bei <em>Manderley<\/em> spielte, die Band gekippt und <em>Cochise<\/em> gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p><strong>Du hast gerade gesagt, ihr hattet vorher keine deutschen Texte. Was habt ihr da f\u00fcr Texte gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben uns anfangs an Folkmusikern wie z.B. Bob Dylan orientiert. Das war w\u00e4hrend des beginnenden Folk-Revivals in Deutschland. Der n\u00e4chste logische Schritt war es, eigene Texte zu schreiben und nach guten deutschen Texten zu suchen. Wir haben in alten B\u00fcchern gew\u00e4lzt, die es meist nur in der DDR gab, B\u00fccher in denen Arbeiterliteratur, Arbeiterlieder und auch andere \u00e4ltere linke Lieder abgedruckt waren. Diese politischen eigenen Lieder und vertonten Fremdtexte haben wir mit unseren Konzerten in die Szene gebracht. Wir waren ein Teil des Folk Revivals, genauso wie <em>Elster Silberflug<\/em> oder auch <em>Fidel Michel<\/em> hier in M\u00fcnster. Wir waren sozusagen die Linksau\u00dfen der Szene. Aus diesem Gedanken ist <em>Cochise<\/em> entstanden. <strong><\/strong><\/p>\n<p>Es gab zwei Str\u00e4nge in meinen Aktivit\u00e4ten, die viele Jahre parallel gelaufen sind, und stark miteinander verwoben waren: einerseits die Musik, andererseits die Politik. <em>Cochise<\/em> hat sich gebildet, als die K\u00e4mpfe und auch die Diskussion h\u00e4rter wurden. Die alte Band hatte keine Antworten auf das Leben, das wir f\u00fchrten. Das galt f\u00fcr die Texte genauso wie f\u00fcr die Musik. Die Band war zu brav, zu sehr in die musikalischen Arrangements verliebt. &#8222;Manderley&#8220; war gut und hat sch\u00f6ne Musik gemacht, interessante musikalische Experimente in der letzten Phase, aber das alles entsprach nicht mehr den Anforderungen an eine politische Band wie ich sie mir vorstellte.<\/p>\n<p><em>Wischlingen<\/em>, das besetzte Kulturzentrum, war ein Kristallisationspunkt, ein freundliches, kreatives Zentrum mit einer sehr positiven Ausstrahlung. Die Leute im Viertel waren auf unserer Seite. Wesentlicher Punkt war die gelebte Selbstverwaltung. Niemand sollte uns reinreden, denn es war uns klar, dass wir f\u00e4higer waren als die B\u00fcrokraten der Verwaltung. F\u00fcr unser Zentrum haben wir damals eine unglaublich breite Unterst\u00fctzung bekommen, auch w\u00e4hrend der Besetzung. Als wir es dann geschafft hatten, die <em>SPD<\/em> in Dortmund zu spalten, eine Quadratur des Kreises im Ruhrgebiet, haben sie uns ganz schnell die H\u00e4user unter dem Hintern abgerissen. W\u00e4hrend der laufenden Verhandlungen und rechtlichen Geschichten wurden vollendete Tatsachen geschaffen. Das Ding war einfach weg! F\u00fcr alle die dabei waren war klar, dass jetzt h\u00e4rtere Zeiten anbrechen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>In Dortmund versammelte sich zu der Zeit ein gro\u00dfer Teil der Szene im Norden oder in Dortmund-Dorstfeld. Zuerst habe ich da anderthalb Jahre in einer besetzten Wohnung in Dorstfeld gewohnt. Danach haben wir in der gleichen Stra\u00dfe ein Haus mieten k\u00f6nnen. Dort ist <em>Cochise<\/em> entstanden, in einem Viertel mit besetzten H\u00e4usern, und einer Stammkneipe, in der sich schon in der Weimarer Republik die alten Anarchisten getroffen hatten.<\/p>\n<p><strong>Du hast gerade erz\u00e4hlt, Du warst eine Zeit lang in Amsterdam und Berlin. Was hat dich dann wieder nach Dortmund zur\u00fcckgetrieben<\/strong>?<\/p>\n<p>Eine Beziehung. (Er lacht) Eines dieser ganz normalen Dinge.<\/p>\n<p>Ich habe in Amsterdam und Berlin von der Musik gelebt und das war nicht einfach. In Dortmund bekam ich die Gelegenheit als Gitarrenlehrer zu arbeiten. Ich hatte angefangen eine Gitarrenschule zu schreiben, und die von mir entwickelte Methode konnte ich dort in die Praxis umsetzen. Da hatte ich so ein bisschen sicheren Boden unter den F\u00fc\u00dfen. Allerdings wurde ich nach einer Hausbesetzung und dem anschlie\u00dfenden Prozess gegen mich von der Stadt aus dem Job geschmissen. Nachdem alle, die den Job h\u00e4tten machen k\u00f6nnen sich solidarisch geweigert hatten, mussten die B\u00fcrokraten mich nach nem halben Jahr wieder einstellen.<\/p>\n<p>Die Urbesetzung von <em>Cochise<\/em> bestand aus vier Leuten: <em>Klara Brandi<\/em>. Wir kannten uns aus einer alten Beziehung und hatten schon vorher in anderen Gruppen zusammen gespielt. <em>Michael Hager<\/em>, ein Klassiker, der im Zentrum &#8222;Wischlingen&#8220; dabei war. <em>G\u00fcnter Holtmann<\/em>, der einzige richtige Rocker, der in allen m\u00f6glichen Rockbands gespielt hatte.<\/p>\n<p>Und so haben wir die ersten Gigs gemacht, die ersten St\u00fccke komponiert f\u00fcr die Band. Ich bekam schnell vom Dortmunder Kinder- und Jugendtheater das Angebot f\u00fcr ein Theaterst\u00fcck \u00fcber Heimjugendliche die Musik zu machen und mit <em>Cochise<\/em> auf der B\u00fchne dabei zu sein. Das St\u00fcck hie\u00df &#8222;Rolltreppe abw\u00e4rts&#8220;. Es lief in Dortmund und wurde zum gro\u00dfen Teil von Heimjugendlichen gespielt. F\u00fcr das Theaterst\u00fcck brauchten wir einen Schlagzeuger:<em> Peter Freiberg<\/em>. Den kannte ich von fr\u00fcher aus den Anarcho-Zirkeln.<\/p>\n<p>So haben wir die Band aufgebaut, die ersten Gigs, Auftritte im Theater und noch im gleichen Jahr die erste Platte eingespielt. Das ging schnell, weil wir bereits \u00fcber ein relativ gro\u00dfes Repertoire verf\u00fcgten. Wir haben eine damals in der Folkszene bekannte Firma gefunden, die unsere Platte ver\u00f6ffentlichen wollte. Wir hatten Freunde in Heidelberg, die f\u00fcr uns das Booking gemacht haben und uns schon im ersten Jahr durch ganz Deutschland schickten. Dadurch war die Band nach einem Jahr bundesweit bekannt. Viele der Lieder wurden kurze Zeit danach schon richtige Szene-Hits. Das war eine sehr spannende und witzige Zeit.<\/p>\n<p><strong>Zu der Zeit habe ich Euch zum erstenmal gesehen.<\/strong><\/p>\n<p>Pit: (lacht) Ja, wo denn?<\/p>\n<p><strong>In Unna. Anfang der achtziger Jahre hab ich Euch oft gesehen, bei den Osterm\u00e4rschen, in Dortmund, in Bonn,&#8230; Zu der Zeit seit ihr viel getourt. Ihr habt \u00fcber tausend Konzerte gemacht.<\/strong><\/p>\n<p>Das ging von vornherein so los. Auch schon mit diesen Folk-Bands. Als das erste Haus in Dortmund besetzt wurde, da haben wir eine Fete f\u00fcr ein freies Jugendzentrum veranstaltet. Wir haben die Musik gemacht und im Anschluss daran mit allen anderen das erste Haus besetzt. Die Verbindung von Politik und Musik gab es bei uns von Anfang an. Mit <em>Cochise <\/em>und den bundesweiten Auftritten wurde es intensiver. Wir wurden von allen angebaggert, die etwas politisches gemacht haben und sollten eigentlich immer und \u00fcberall und noch am besten umsonst spielen. Jeden Tag spielen, das geht nicht. Wir mussten uns genau aussuchen, wo wir Soli-Konzerte machen und wo nicht. Es gab f\u00fcr uns relativ schnell klare Vorgaben, wir haben gesagt &#8222;OK, wenn es in Dortmund ist, dort wo wir leben, sind wir bei Soli Veranstaltungen immer dabei.&#8220; Ausnahme waren Veranstaltungen die wir zwar wichtig aber gleichzeitig so b\u00fcrgerlich fanden, dass viele andere Gruppen daf\u00fcr ansprechbar waren. So etwas wie <em>Amnesty International<\/em> oder <em>GfbV<\/em>. F\u00fcr uns war klar, da kann jeder spielen, das m\u00fcssen wir nicht machen. Wenn es Konzerte au\u00dferhalb waren, hatten wir auch klare Vorstellungen, wo wir hingehen und wohin nicht. Wir sind davon ausgegangen, bei &#8222;normalen&#8220; Veranstaltungen sollen die lokalen Bands auftreten, so wie wir in Dortmund. Aber es gab nat\u00fcrlich Ausnahmen f\u00fcr uns und Orte, die uns besonders wichtig waren. Die Startbahn West war f\u00fcr uns so etwas wie eine zweite Heimat. Da waren wir andauernd. Aber wir waren auch z.B. in <em>Wackersdorf<\/em>, <em>Mutlangen<\/em>, oder im <em>KOMM<\/em> in N\u00fcrnberg und an vielen anderen politischen Brennpunkten.<\/p>\n<p><strong>Wie kam es zur Aufl\u00f6sung von <em>Cochise<\/em>?<\/strong><\/p>\n<p>Die Band hatte bis zu ihrer Aufl\u00f6sung acht Jahre existiert. In jedem Jahr unz\u00e4hlige Konzerte, dazu die Studiozeiten, die Zeiten in denen wir f\u00fcr alles m\u00f6gliche politikm\u00e4\u00dfig unterwegs war. Wir hatten einen hohen Verschlei\u00df an Musikern, die das nicht durchgehalten haben oder nicht durchhalten wollten. Das ging schon relativ fr\u00fch los. <em>Michael<\/em> ist ziemlich schnell ausgestiegen, weil es ihm zu viel wurde und er sich auf sein Musikstudium konzentrieren wollte. <em>Peter Freiberg<\/em> ist raus, weil es ihm zu politisch wurde. <em>Tom<\/em>, der Schlagzeuger, ist in Passau bei einem Festival mit nem Magendurchbruch zusammengeklappt, weil das Tourleben zu stressig war. <em>Martin Buschmann<\/em> ist auch auf einer B\u00fchne zusammengeklappt. Das hei\u00dft: es war richtig anstrengend, es war richtig Rock&#8217;n&#8217;Roll. Wir waren andauernd unterwegs. Und wer schon morgens auf der Fahrt von Dortmund zum Bodensee mit einem Joint und einer Flasche Sekt den Tag beginnt, der wird dieses Leben nicht lange durchhalten. Meist endete so ein Tag dann irgendwann in der Nacht in irgendeiner WG K\u00fcche oder einem popligen Hotelzimmer mit Dope und Alk.<\/p>\n<p>Dazu kamen dann die politischen K\u00e4mpfe. Man hat uns unser Haus, das sch\u00f6n bunt bemalte <em>Cochise<\/em> Haus, mit einem gewaltigen Polizeieinsatz unterm Hintern weggerissen. Wir wurden verpr\u00fcgelt und verhaftet. Wir wurden bei Demos gezielt rausgepickt, teilweise festgehalten, so dass wir nicht zu unseren Konzerten kommen konnten.<\/p>\n<p>Wir wurden direkt von den SEKs bedroht. Die kannten uns alle und sprachen uns auf den Demos mit dem Vornamen an.<\/p>\n<p>Viel ist in der Zeit passiert. Es war toll, aber auch anstrengend.<\/p>\n<p>Mitte der Achtziger ist es dann mit der Politbewegung zu Ende gegangen. Damit war auch unser geistiges Zuhause futsch. Es wurde immer lahmer und irgendwann hatte ich das Gef\u00fchl, wir k\u00f6nnen noch ewig so weiter spielen, aber wir machen hier eine reine Nostalgie-Veranstaltung. Es kamen die Leute, die sich das gute Gef\u00fchl von der fr\u00fcheren Zeit besorgen wollten.<\/p>\n<p>Das fand ich unertr\u00e4glich. Dazu kam eine inhaltliche und musikalische Perspektivlosigkeit. Ich hatte in und aus dieser Szene heraus gelebt und die war jetzt weg. Ich wusste ehrlich gesagt nicht mehr, was ich schreiben sollte. Auch musikalisch wurde mir klar, dass es innerhalb dieser Band nicht mehr weiter ging. Der ganze Stil und die Texte h\u00e4tten sich komplett \u00e4ndern m\u00fcssen. Es w\u00e4re nicht mehr <em>Cochise<\/em> gewesen. Ich habe dann gegen den Widerstand der anderen gesagt: &#8222;<em>Jetzt ist Schlu\u00df<\/em>&#8222;. Alle wollten eigentlich weiter spielen, aber ich hatte keine Lust mehr.<\/p>\n<p>Politisch kam mit den gro\u00dfen Demos das eigentliche Ende.<\/p>\n<p>Die Geschichte in Bonn, wo wir vor 300.000 Leuten gespielt haben, war f\u00fcr uns so etwas wie ein vorweggenommener Schlusspunkt der Bewegung.<\/p>\n<p>Alles war so gro\u00df und so verw\u00e4ssert. Wir haben Dinge mitgekriegt, die andere nicht gesehen haben. Es war f\u00fcr uns klar, &#8222;<em>das geht nach Hinten los<\/em>&#8222;. Auf diesem Fest durften wir \u00fcberhaupt nur noch spielen, weil sich ein paar Frauen aus Berlin sehr intensiv darum gek\u00fcmmert hatten. Eigentlich waren die Auftrittszeiten bei diesen Festivals schon von der Industrie diktiert. Das war zwar eine gro\u00dfe Friedensdemo, es steckten allerdings beim B\u00fchnenprogramm schon knallharte industrielle Interessen dahinter. Es hie\u00df bei der Industrie, wer vor 300.000 Leuten spielt, der verkauft dadurch so und so viel Platten. Eigentlich war von vornherein klar, wer bei solchen Gro\u00dfereignissen spielt. Es bildeten sich Zusammenschl\u00fcsse von Kulturleuten, die andauernd angefragt wurden, auf Soli-Veranstaltungen zu spielen. Wir haben zusammen gesessen mit Leuten wie <em>Ulla Meinecke<\/em>, <em>Klaus Lage<\/em> und <em>BAP<\/em>. Die <em>Scherben <\/em>waren die einzigen die sich nicht blicken lie\u00dfen. Aber Claudia Roth, die damalige Managerin, die ich schon aus ihrer Dortmunder Zeit mit dem Hoffmanns Comic Theater kannte, war dort und hat ihre Kontakte zu den Gr\u00fcnen aufgebaut.<\/p>\n<p>Da waren Typen die f\u00fcr die Industrie gearbeitet haben, wie z.B. <em>Dieter Dehm<\/em> (eine wichtige Figur, die viel mit dem Niedergang der linken Kulturbewegung zu tun hat), die dann angefangen haben, die linken Gruppen f\u00fcr sich einzukaufen und viel Geld damit zu machen. So kaufte sich die Musikindustrie \u00fcber solche Kommerzfiguren nach und nach die Bands aus den alternativen Strukturen. Die wiederum wurden, kaum dass sie eine gewisse Gr\u00f6\u00dfe hatten, schnell wieder zerst\u00f6rt. Im Prinzip waren wir von <em>Cochise <\/em>hinterher so was wie ein H\u00e4uflein der &#8222;letzten Aufrechten&#8220;, die so etwas nicht mitmachen wollten und sich nicht kaufen lie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Ich wei\u00df von den <em>Scherben<\/em>, dass sie sich dann irgendwann benutzt gef\u00fchlt haben. Es galt als selbstverst\u00e4ndlich, dass sie kommen und ohne Gage auftreten um hinterher mit einem Arschtritt wieder verabschiedet zu werden. Das war dann auch der Grund, warum die da auch keinen Bock mehr darauf hatten. Habt ihr auch diese Erfahrung gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>Na klar! Ich meine, das ging noch viel weiter. Die <em>Scherben<\/em> hatten sich abgesetzt, waren raus aus dem Blickfeld. Wir haben keine begrenzten Tourneen gemacht wie die <em>Scherben<\/em>, sondern waren das ganze Jahr unterwegs. Da wurden wir mit den verr\u00fccktesten Sachen konfrontiert, mit den verr\u00fccktesten Vorstellungen. Einige Leute haben ihre moralischen Wunschvorstellungen in uns reininterpretiert. Wir galten teilweise als die Obergurus, die alles so hundertprozentig machen mussten, wie die, die uns als Gurus sahen, es selbst nicht schaffen konnten. Wir wurden z.B. ganz abstrus angemacht, warum wir elektrische Gitarren spielen oder warum wir Auto fahren. Sind nat\u00fcrlich alles berechtigte Fragen, die man diskutieren kann, aber damit einfach moralisch konfrontiert zu werden ist l\u00e4cherlich.<\/p>\n<p>Oder die Vorstellung, dass du auf Tour 24 Stunden f\u00fcr alle die was von dir wollen da sein musst. Wir sollten die ganze Nacht durchmachen und am n\u00e4chsten Morgen direkt weiterfahren. Das geht nicht, du brauchst deine Ruhepausen. Aber selbst das war f\u00fcr einige nicht vorstellbar. Aber wirklich &#8222;<em>aufgesogen<\/em>&#8220; oder &#8222;<em>benutzt<\/em>&#8220; w\u00fcrde ich nicht sagen, weil wir unsere Grenzen gesetzt haben, klare Vorstellungen hatten: &#8222;<em>So weit und weiter geht&#8217;s nicht<\/em>&#8222;.<\/p>\n<p><strong>Das finde ich interessant, dass es zu Beginn der achtziger Jahre solche Machenschaften der Industrie gab, das ist mir neu.<\/strong><\/p>\n<p>Es gab eine Institution, die hie\u00df &#8222;<em>K\u00fcnstler in Aktion<\/em>&#8222;, die wurde von den Plattenfirmen &#8211; eigentlich von den K\u00fcnstlern ins Leben gerufen, aber es gab bereits Querverbindungen zur Industrie. Und da Leute wie BAP usw. viele Platten verkauft hatten, wir und einige andere eigentlich auch, kam <em>Dieter Dehm<\/em>, den ich schon l\u00e4nger kannte, auf die Idee als Kontaktmann f\u00fcr die Industrie ein Label mit linker Musik f\u00fcr die EMI-Elektrola zu machen. Er ist dann im Prinzip mit dem gro\u00dfen K\u00e4scher und Geld rum gerannt und hat alle eingekauft. Und fast alle sind da hingegangen.<\/p>\n<p><strong>Weil man gemeint hat, man k\u00f6nne mit alternativer Musik viel Geld verdienen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, da war ein Markt. Es war ein Zeichen der Zeit. Es gab eine gro\u00dfe Bewegung, sehr viele Leute, die sich in irgendeiner Form da zugeh\u00f6rig f\u00fchlten. Und die brauchten eine musikalische, eine kulturell verbindende Ebene. Die Musik war wichtig, ein verbindendes Element f\u00fcr Szenen, die eigentlich nicht so gut zusammen passten, aber trotzdem zusammengearbeitet haben. Was wiederum anfangs sehr gut f\u00fcr alle Seiten war.<\/p>\n<p>Wir merkten irgendwann, dass die Industrie begriffen hatte, dass mit dieser Szene ne Menge Geld zu machen war. Also bedienten sie sich und kauften die <em>Bots<\/em>, <em>BAP<\/em>, <em>Klaus Lage<\/em>, <em>Schr\u00f6der Roadshow<\/em> und einige andere mehr als Einstiegsdroge f\u00fcr die ganze Szene.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was meinst Du mit Einstiegsdroge?<\/strong><\/p>\n<p>Das war eine sehr lohnenswerte Angelegenheit f\u00fcr <em>Dieter Dehm<\/em>. Er hat die Texte f\u00fcr einige Gruppen geschrieben, sie produziert und sie verkauft. Das ging so weit, dass die meisten Bands, die zu <em>Dehm<\/em> gegangen sind, Lieder von ihm spielen mussten oder Vertr\u00e4ge hatten, auf jeder LP Lieder von ihm aufzunehmen. <em>BAP<\/em> hatten so was nicht n\u00f6tig. Aber andere haben seine Lieder gespielt, und er hat doppelt und dreifach kassiert. Das Perverse dabei ist, dass er auch Wolf Biermann in die offenen Arme genommen hat. Sp\u00e4ter kam heraus, dass <em>Dehm<\/em> f\u00fcr die STASI gespitzelt hatte. <em>Er <\/em>hat f\u00fcr die STASI gearbeitet und war erster Ansprechpartner f\u00fcr Biermann. Wirklich filmreif, die Geschichte.<\/p>\n<p>Ich kann mich gut erinnern: <em>Dehm<\/em> bei einem gro\u00dfen Konzert in Frankfurt. <em>Cochise <\/em>war bei einigen Veranstaltern nicht gerade beliebt, weil jeder wusste, dass wir w\u00e4hrend unseres Auftritts Leute oder Inis, die etwas dringendes zu sagen hatten, auf die B\u00fchne und an die Mikros gelassen haben. Damals war in Frankfurt immer etwas los. Bei diesem Gig kamen auch wieder Leute aus der Szene auf die B\u00fchne und es gab lange Diskussionen. <em>Dehm<\/em> war Veranstalter, <em>Cohn-Bendit<\/em> und alle m\u00f6glichen Leute gingen an die Mikros, erz\u00e4hlten wie verr\u00fcckt herum. Es entstand ein Chaos, bei dem <em>Dehm<\/em> dann verpr\u00fcgelt wurde.<\/p>\n<p><strong>Warum?<\/strong><\/p>\n<p><em>Dehm<\/em>, der eigentlich schon immer in den Institutionen gearbeitet hatte, geh\u00f6rte zu den Halblinken. Er vertrat sozialdemokratische Positionen, die teilweise kontr\u00e4r zu dem standen, was die meisten Leute dort wollten. Er hat die Leute von der B\u00fchne herab abgekanzelt. Das hat einigen nicht gefallen.<\/p>\n<p>Wir wollten eine eigene linke Infrastruktur im Musikbereich aufbauen. <em>BAP<\/em> waren Superstars, selbst auf der Ebene darunter, bei Leuten wie den <em>Schr\u00f6ders<\/em>, bei <em>Cochise<\/em> und auch bei ein paar anderen, die jetzt nicht speziell Linke waren (<em>Ren\u00e9 Bard\u00e9t<\/em> oder <em>Kolbe-Illenberger<\/em>), die aber auch zur Szene geh\u00f6rten, liefen die Platten Verk\u00e4ufe und Tourneen sehr gut. In der Literatur gab es l\u00e4ngst linke Verlage, warum sollte das in der Musik nicht m\u00f6glich sein? Das h\u00e4tte uns l\u00e4ngerfristig bessere Perspektiven geboten, kreativ und unkontrolliert zu produzieren, und st\u00e4rkeren kulturellen Einfluss zu bekommen. Das wurde von Typen wie <em>Dehm<\/em> zu Nichte gemacht. Der hat dem Kommerz die T\u00fcren ge\u00f6ffnet. Alle haben sich kaufen lassen und die linke Musik-Szene wurde harmlos und verw\u00e4ssert.<\/p>\n<p><strong>Wie siehst Du die Situation heute, sich politisch-musikalisch zu engagieren? Es gibt ja durchaus soziale Bewegungen.<\/strong><\/p>\n<p>In der heutigen Situation eine politische Band auf die Beine zu stellen? Das ist so n\u00f6tig, wie nie zuvor. Aber ich finde es ist schwer. Wir hatten es da in den Siebzigern und Achtzigern eigentlich leicht. Alle Themen der Lieder kamen aus unserem Leben, reflektierten oder beschrieben was wir gemacht und erlebt haben. Alles war real und entwickelte sich jeden Tag aufs Neue.<\/p>\n<p>Nur war ab einem bestimmten Punkt unsere Realit\u00e4t nicht mehr die der Mehrheit der Bewegung. Wir waren immer auf Tour, immer an Brennpunkten wo wirklich gek\u00e4mpft wurde. Wir haben dadurch eine rot-schwarze Brille aufgehabt, die Realit\u00e4t radikaler gesehen, als sie f\u00fcr die meisten wirklich war. Irgendwann hatten wir den gr\u00f6\u00dften Teil der Bewegung quasi \u00fcberholt und wussten nicht mehr wo die geblieben waren. Da standen wir pl\u00f6tzlich fast alleine und fragten &#8222;und was ist jetzt los?&#8220;. Einfach voran gerannt und keiner ist hinter her gekommen. In den Zeitungen stand dann, unsere Liedtexte w\u00e4ren so etwas wie eine &#8222;Frontberichterstattung&#8220;.<\/p>\n<p>Aber so haben wir gelebt und uns gef\u00fchlt.<\/p>\n<p>Jetzt ist die Situation \u00e4hnlich, denke ich. Man kann nicht aus kleinen Zirkeln heraus arbeiten, wenn das Resultat eine gro\u00dfe Wirkung haben soll. Du bedienst im Prinzip nur deine eigene kleine Szene. Die gro\u00dfe Kunst ist es aus den Zirkeln heraus zu arbeiten und gleichzeitig eine kulturelle Ebene zu treffen, die eine gr\u00f6\u00dfere Menge von Leuten, die nicht unbedingt deiner Meinung sind, erreichen kann. Die Ebene, in der wir gearbeitet haben, erm\u00f6glichte das, wir waren immer nah bei den Leuten, denn wir waren wie sie. Wir sind nicht in intellektuelle Elfenbeint\u00fcrme geklettert, haben nicht gro\u00dfartig theoretisiert. So konnten wir sehr viele Menschen erreichen. Aber die Basis ist heute schwach. Vielleicht ist bei jungen Musikern auch das Bewusstsein vorhanden<em> &#8222;es sei nicht m\u00f6glich ohne industrielle Unterst\u00fctzung von der Musik zu leben<\/em>&#8222;. Die Musiker haben heute diese m\u00e4chtige Plattenindustrie vor der Nase, die nicht wei\u00df, was sie will, sie haben diese Castings, die alles zunebeln und zus\u00e4tzlich eine schw\u00e4chere Live-Szene. Es herrschen schwierigere Bedingungen von der Musik zu leben. Wir hatten damals das Bewusstsein &#8222;<em>wir machen das was wir wollen &#8211; wir machen es richtig &#8211; wir machen das gut &#8211; wir werden davon leben k\u00f6nnen<\/em>&#8222;. Das stand f\u00fcr uns fest, daran habe ich nie gezweifelt. Wir sind da vielleicht naiv ran gegangen, hatten aber auch diesen Schub (Impetus) der Bewegung. Das stelle ich mir heute schwieriger vor.<\/p>\n<p><strong>War es auch der Glaube mit der Musik etwas ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, was hei\u00dft das schon, &#8222;mit der Musik etwas ver\u00e4ndern&#8220;? Eigentlich ist die Musik etwas verbindendes, best\u00e4rkendes. Du ver\u00e4nderst nicht unbedingt etwas mit der Musik, aber Du stiftest Verwandtschaften. Die Leute treffen sich, finden sich, ihre Gef\u00fchle, ihre Tr\u00e4ume in den Liedern wieder. Das gibt Kraft und die Gewissheit nicht alleine da zu stehen. Du bekommst die Gewissheit Teil eine Menge von Menschen zu sein, die mit dem Leben wie es hier abl\u00e4uft nicht einverstanden sind. Und das gibt dir die Kraft gemeinsam mit den anderen zu handeln.<\/p>\n<p><strong>Wir danken Dir f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Pit, was denkst Du \u00fcber Deinen Auftritt beim Graswurzelfest? Pit Budde: Das war klasse, es hat gro\u00dfen Spa\u00df gemacht. Die Lieder sind nat\u00fcrlich immer noch mit der alten Zeit verbunden. Deswegen h\u00e4tte ich auch meine Probleme z.B. wieder mit Cochise auf Tour zu gehen. Aber bei dem Fest, da war das o.k. 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