{"id":5488,"date":"2003-05-01T00:00:45","date_gmt":"2003-04-30T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5488"},"modified":"2022-07-26T14:24:40","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:40","slug":"freiheit-fur-jonathan-ben-artzi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/05\/freiheit-fur-jonathan-ben-artzi\/","title":{"rendered":"Freiheit f\u00fcr Jonathan Ben-Artzi!"},"content":{"rendered":"<h3>Pr\u00e4sident des H\u00f6chsten Gerichtes, Aharon Barak,<\/h3>\n<p>mein Sohn, Jonathan (Yoni) Ben-Artzi, ist ein Pazifist. Er weigerte sich, den Grundwehrdienst anzutreten und forderte einen alternativen Zivildienst. Als Student der Physik und Mathematik war er \u00fcberzeugt, er k\u00f6nne der israelischen Gesellschaft am besten dienen, wenn er zum Beispiel Sch\u00fclern in benachteiligten Schulen Nachhilfe geben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Yonis Ersuchen wurde von der israelischen Armee abgewiesen. Er wurde am 8. August 2002 zum Milit\u00e4rdienst einberufen. Er kam zum Einberufungs-Zentrum, weigerte sich eine Uniform zu tragen und wurde sofort f\u00fcr einen Monat im Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis 4 inhaftiert. Im Folgenden die Aussage, die er gegen\u00fcber dem Offizier machte, der ihn an diesem Tag verurteilte:<\/p>\n<p>&#8222;Ich, Jonathan Ben-Artzi, weigere mich aus pazifistischen Gr\u00fcnden in die Armee einzutreten. Mein tiefer Glaube an Gewaltfreiheit begann, als ich noch ein kleines Kind war und entwickelte sich \u00fcber die Jahre zu einer breiten politischen und philosophischen Wahrnehmung. Aufgrund meiner \u00dcberzeugung wird mein Land mich inhaftieren &#8211; unter Missachtung internationaler Gesetze grundlegender Moralvorstellungen und fundamentaler Menschenrechte. Ich werde stolz in das Gef\u00e4ngnis gehen, \u00fcberzeugt, dass dies das Wenigste ist, was ich tun kann um mein Land zu verbessern.&#8220;<\/p>\n<p>Yoni wurde nacheinander sieben Mal f\u00fcr die gleiche Straftat verurteilt und verbrachte \u00fcber 200 (zweihundert) Tage im Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis 4. Ich bin sicher, dass Sie in Ihrer Funktion als Pr\u00e4sident des H\u00f6chsten Gerichts bereits vom harten Ruf dieses Gef\u00e4ngnisses geh\u00f6rt haben. Jedoch vermute ich, dass Sie diesen Ort weder w\u00e4hrend der gl\u00fchenden<em> <\/em>Tage im August noch w\u00e4hrend der frostigen N\u00e4chte im Januar besucht haben. Ich werde Ihnen Details \u00fcber das Gef\u00e4ngnisleben ersparen und mich darauf beschr\u00e4nken, Ihnen zu sagen, dass die Armee es weder geschafft hat, Yonis Willen zu brechen noch ihn dazu gebracht hat, seine Meinung zu \u00e4ndern. Ganz im Gegenteil: er wurde ermutigt, wissend, dass die Insassenliste dieses Gef\u00e4ngnis seither um die Namen weiterer 17 gewissenhafter junger M\u00e4nner erweitert wurde, die in Ablehnung der sinnlosen Gewalt des israelischen Milit\u00e4rs einen alternativen Zivildienst eingefordert haben.<\/p>\n<p>Alarmiert durch die wachsende Anzahl solcher mutigen Jungs entschied die Armee das zu tun, was sie am besten kann: mehr Gewalt anzuwenden. Am 19. Februar 2003 wurde Yoni ein Prozess vor einem Milit\u00e4rgericht angek\u00fcndigt. Die Logik hinter der Entscheidung der Armee war einfach: Das Milit\u00e4rgericht ist nur befugt, sich mit Soldaten zu befassen und da Yoni bereits ein Soldat ist, der sich weigert die Unterlagen zu unterschreiben die ihn zum Soldaten machen&#8230; Nach so vielen Monaten willk\u00fcrlicher Haft war Yoni bereit diese Herausforderung anzunehmen. Er hatte nur eine Bedingung: Er wollte wirkliche Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>Deshalb wendete er sich an Sie, den Pr\u00e4sidenten des H\u00f6chsten Gerichts, mit dem Gesuch seinen Fall zur Verhandlung an ein Ziviles Gericht zu verlegen. Dieser Einspruch wurde von Adv. Avigdor Feldmann, einem prominenten Menschenrechtsanwalt, und Adv. Michael Sfard, einem jungen Anwalt spezialisiert auf internationales Recht, formuliert.<\/p>\n<p>Sie werden mir sicher zustimmen, dass das in Yonis Namen eingereichte Dokument ein gelehrtes Werk ist, welches seinen Autoren und vielmehr noch dem angeblichen Geist unserer Gesellschaft w\u00fcrdig ist. Es erinnerte Sie daran, dass kein Milit\u00e4rgericht die Macht hat zu entscheiden, ob eine Person ein Soldat oder ein Zivilist ist; dass Fragen des Gewissens aufgrund ihrer ureigenen Beschaffenheit in einem Rahmen der zivilen Gesellschaft diskutiert werden sollten; dass alle Aspekte eines zivilen Dienstes einer zivilen Gerichtsbarkeit unterliegen. Es berief sich auf ausl\u00e4ndische Rechtsprechung (die Ihnen so vertraut ist), um aufzuzeigen, dass diese Prinzipien in allen demokratischen L\u00e4ndern seit vielen Jahrzehnten allgemein anerkannt werden.<\/p>\n<p>Die Anh\u00f6rung dieses Falls war f\u00fcr den 8. April 2003 angesetzt. Es war eine fr\u00fchmorgendliche Sitzung und die zwei Sie begleitenden Richter schienen recht verschlafen und \u00e4u\u00dferten sich mit keinem Wort. Sie, wiederum, waren sehr aktiv. Tats\u00e4chlich so sehr, dass der Anwalt in Vertretung der Armee nicht viel zu tun hatte. Erst schlossen Sie sich der Armee darin an, dass Yoni bereits ein Soldat sei. Dann argumentierten Sie, die Milit\u00e4rrichter seien vollst\u00e4ndig qualifiziert, sich fair und gewissenhaft mit Fragen des Pazifismus zu befassen. Vielleicht wissen Sie nicht, dass zwei der drei Richter in Yonis Tribunal keinen Hochschulabschluss haben und nie einen Jura- oder Philosophiekurs besucht haben. Schlie\u00dflich, als Yonis Anwalt darauf hinwies, dass Kriegsdienstverweigerer immer vor zivile Gerichte gestellt wurden, erwiderten Sie mit der Erw\u00e4hnung von Dreyfus (!), der von einem Milit\u00e4rgericht verurteilt wurde (und dann am Ende von einem zivilen Gericht freigesprochen wurde &#8230;). Yoni hatte keine Chance. Sie \u00fcbergaben ihn an die Armee, die ihn bereits sieben Mal verurteilt hat.<\/p>\n<p>Yoni sa\u00df w\u00e4hrend der Verhandlung direkt vor Ihnen, doch Sie schienen ihn nicht bemerkt zu haben. Lassen Sie mich ein paar Dinge \u00fcber ihn erz\u00e4hlen. Seinem Gro\u00dfvater m\u00fctterlicherseits, Moshe, gelang es Nazi-Europa zu entfliehen und genau rechtzeitig in Pal\u00e4stina anzukommen, um in Israels Unabh\u00e4ngigkeitskrieg zu k\u00e4mpfen. Er wurde verletzt und verbrachte sechs Monate im Krankenhaus. W\u00e4hrend dieses Krankenhausaufenthalts kam sein Sohn Zvi auf die Welt. Zwei Jahre sp\u00e4ter wurde Ofra, Yonis Mutter, geboren. Zwanzig Jahre sp\u00e4ter fiel Zvi, ein Fallschirmj\u00e4ger, im Kampf. Yonis \u00e4lterer Bruder wurde nach ihm benannt. Auch er diente in der Armee. Als Yoni an die Reihe kam, zog er die Linie die er nicht \u00fcbertreten w\u00fcrde. Keine weiteren sinnlosen Kriege, kein weiteres Blutvergie\u00dfen.<\/p>\n<p>Es mag ironisch klingen, dass Yoni und Sie die gleiche prestigevolle Hebrew University School besucht haben. Als Sie an die Schule kamen, um eine Rede \u00fcber Menschenrechte zu halten war er tief beeindruckt. Leider half genau dieses Erlebnis ihm darin einen Weg einzuschlagen, der ihn letzte Woche vor Ihr Gericht f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Sie scheinen Ihr Image als ein Richter, der die zentralen Menschenrechte repr\u00e4sentiert zu m\u00f6gen. Es macht sich f\u00fcr Sie unter Ihresgleichen hier und im Ausland gut. Sie verpassen keine Konferenz die diesem Thema gewidmet ist. W\u00e4hrend der letzten, vor einer Woche an der Hebrew University, predigten Sie vor unserem Parlament (und ich \u00fcbersetze aus Ihrem hebr\u00e4ischen Text):<\/p>\n<p>&#8222;Die Knesset sollte laut und mit klarer Stimme die Prinzipien der Gleichheit, Freiheit des Ausdrucks, Rechte von Angeklagten und alle anderen Menschenrechte &#8211; zivil, politisch und sozial &#8211; etablieren. Ich bedauere die Tatsache sehr, dass die Knesset dies nicht tut.&#8220;<\/p>\n<p>Die Chronik<em> <\/em>unseres H\u00f6chsten Gerichts erz\u00e4hlt eine andere Geschichte. W\u00e4hrend ihrer Amtszeit als Richter (und seit 1995 Pr\u00e4sident) wurden Menschenrechte in diesem Land stark erodiert.<\/p>\n<p>Ihr Gericht erlag sch\u00e4ndlich jeder Laune des Milit\u00e4rs. Unschuldige Jugendliche wurden im Libanon entf\u00fchrt, um als Mittel in Verhandlungen<em> <\/em>benutzt zu werden und Ihr Gericht billigte dies. Administrativer Arrest [ohne Gerichtsbeschluss, d.Red.] wurde tausendfach auferlegt &#8211; doch alle Gesuche an Sie wurden abgelehnt. Gezielte T\u00f6tungen, die die Leben hunderter unschuldiger Umstehender kosteten, schreckliche Ausgangssperren die zu Verw\u00fcstungen zwischen Millionen von Pal\u00e4stinensern f\u00fchrten (damit j\u00fcdische Fanatiker in ihren Festlichkeiten ungest\u00f6rt blieben), unmenschliche Zerst\u00f6rung der Lebensgrundlage zehntausender Familien &#8211; all dies wurde wiederholt von Ihrem Gericht legitimiert.<\/p>\n<p>Unter dem Deckmantel der Aufgekl\u00e4rtheit gaben Sie den Armeegener\u00e4len freie Hand. Und als ein paar Jungs es wagten, Ihren &#8211; durch ihr Gewissen begr\u00fcndeten &#8211; Widerspruch gegen diese S\u00fcnden auszudr\u00fccken, verweigerten Sie ihnen eine faire Verhandlung, ihr Grundrecht auf juristische Verteidigung. Yoni und seine Freunde haben, in ihrem jungen Alter, Menschlichkeit demonstriert. Sie, Herr Pr\u00e4sident, hielten es nicht f\u00fcr n\u00f6tig, deren Rechte zu sichern. Mit geb\u00fchrendem Respekt,<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pr\u00e4sident des H\u00f6chsten Gerichtes, Aharon Barak, mein Sohn, Jonathan (Yoni) Ben-Artzi, ist ein Pazifist. Er weigerte sich, den Grundwehrdienst anzutreten und forderte einen alternativen Zivildienst. Als Student der Physik und Mathematik war er \u00fcberzeugt, er k\u00f6nne der israelischen Gesellschaft am besten dienen, wenn er zum Beispiel Sch\u00fclern in benachteiligten Schulen Nachhilfe geben w\u00fcrde. 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