{"id":5514,"date":"2003-05-01T00:00:09","date_gmt":"2003-04-30T22:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5514"},"modified":"2022-07-26T14:15:13","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:13","slug":"die-freude-der-richtigen-seite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/05\/die-freude-der-richtigen-seite\/","title":{"rendered":"Die Freude der richtigen Seite"},"content":{"rendered":"<p>Anfang des Jahres auf einer Antifa-Demo im Ruhrgebiet: Zwei Bekannte werden vom Lautsprecherwagen aus angeraunzt, weil sie Pal\u00e4stinenser-T\u00fccher tragen. Das Palituch, traditionelles Assecoir linksradikaler Subkukltur seit der (ersten) Intifada 1987, insbesondere der autonomen und der Antifa-Bewegung, ist unbeliebt geworden. Zumindest bei einigen Leuten. Aber nicht nur der Bezug auf die kulturellen Zeichen hat sich ver\u00e4ndert. Auch die inhaltlichen Koordinaten linksradikaler Politik scheinen sich zu verschieben. Zumindest in Deutschland. F\u00fchrten die H\u00e4lse einer Antifa-Demo vor zehn Jahren noch, eingewickelt in die diversen Variationen der Arafatschen Kopfbedeckung, die &#8222;internationale Solidarit\u00e4t&#8220; mit sich, wird heute bei solchen Anl\u00e4ssen f\u00fcr die Staatsflagge Israels gestritten und das damals angemahnte &#8222;Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker&#8220; als Position der Gegenseite gebrandmarkt.<\/p>\n<p>Aber nicht nur auf der Stra\u00dfe vollzieht sich eine Ver\u00e4nderung, auch und vielleicht vor allem in den Schreibstuben scheinen sich die innerlinken Mehrheitsverh\u00e4ltnisse verschoben zu haben. In den gro\u00dfen linksradikalen Zeitungen wie <em>Jungle World <\/em>und <em>konkret <\/em>schreiben dieselben Leute (z.B. Oliver Tolmein), die vor zehn Jahren dem Antiimperialismus der RAF noch ein ziviles Sprachrohr boten heute gegen deren Antiamerikanismus. W\u00e4hrend in diesen Zeitschriften auch andere Positionen noch Platz finden, ist die Anfang der 90er Jahre von einigen Abtr\u00fcnnigen der linken Monatszeitung <em>ak<\/em> gegr\u00fcndete <em>Bahamas<\/em> heute das zentrale Organ derer, die sich im antideutschen Gestus sicher auf der Seite der aufkl\u00e4rerischen Vernunft w\u00e4hnen und gegen Poplinke, postmoderne, feministische und autonome Linke letztlich doch der Dominanzkultur (&#8222;Fanta statt Fatwah&#8220;) verbunden und dem Krieg nicht abgeneigt sind.<\/p>\n<p>Neben der Kritik am Antisemitismus sind es vor allem zwei Diskursstr\u00e4nge, die von den so genannten &#8222;Antideutschen&#8220; forciert und gegen andere, in letzter Zeitz vor allem globalisierungskritische und Antikriegs-Linke ins Feld der Auseinandersetzung gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<h3>Kritik am Antiamerikanismus<\/h3>\n<p>Die Kritik am Antiamerikanismus behauptet im wesentlichen, jede Kritik der US-amerikanischen Politik gehe auf einen urdeutschen Impuls zur\u00fcck, der die Befreiung vom Faschismus durch die von den USA gef\u00fchrten Alliierten nicht verkraftet und als nationale Schmach empfunden habe. So argumentiert z.B. immer Wolfgang Pohrt in <em>konkret<\/em>, der schon beim ersten Golfkrieg 1991 die Friedensbewegten in Deutschland deshalb am liebsten hinter Gittern gesehen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Der Kritik des Antiamerikanismus ist vor allem auf zwei Ebenen zu begegnen: Erstens wird eine Differenzierung geleugnet, die (auf Seiten der nicht-antideutschen Linken) sehr wohl unterscheidet zwischen den kulturellen Errungenschaften aus den USA einerseits und der US-amerikanischen Au\u00dfenpolitik andererseits. Unvorstellbar, ein Leben ohne Ketch-Up oder Popmusik, eines ohne 359 Milliarden Dollar-Milit\u00e4retat aber sehr wohl. Zudem wird von Antideutschen unterstellt, oberste Maxime der US-Au\u00dfenpolitik sei der Schutz Israels, weshalb es nur barbarisch sein k\u00f6nne, diese zu kritisieren.<\/p>\n<p>Es muss aber m\u00f6glich sein, die Politik des Pentagon fundamental zu kritisieren, ohne das Existenzrecht Israels in Zweifel zu ziehen. Leute, die dies tun, wie beispielsweise Noam Chomsky, werden aber regelm\u00e4\u00dfig von Antideutschen geschm\u00e4ht (z.B. von Stefan Ripplinger in <em>Jungle World<\/em>; Chomsky ist, nebenbei bemerkt, vermutlich der einzige Jude, dem in diesem Blatt Verschw\u00f6rungstheorie unterstellt werden darf\u2026).<\/p>\n<p>Hier ist, zweitens, einzuwenden, dass es den US-Regierenden weder im Falle Nazi-Deutschlands &#8211; die Schienen nach Auschwitz wurden bekanntlich nicht bombardiert, obwohl bekannt war, welche Art von Z\u00fcgen darauf fuhren &#8211; noch im Falle Israels um die Opfer des deutschen Faschismus ging bzw. geht. Die &#8222;antideutsche&#8220; Begeisterung f\u00fcr einen Mann wie Arthur Harris, dessen Bombardierungskonzept im Zweiten Weltkrieg zwar den Nazis schwer zusetzte, aber eben zigtausend ZivilistInnen das Leben kostete, folgt der gleichen simplifizierenden Logik. Hier zu argumentieren, auch diese ZivilistInnen seien schlie\u00dflich Nazis gewesen, geht wohl eher dem kritisierten, rassistischen Volksverst\u00e4ndnis auf den Leim, als eine Rechtfertigung liefern zu k\u00f6nnen. Davon abgesehen zeugt es schon von einer ungeheuerlichen Ignoranz, die Milit\u00e4r- und Geheimdienstaktionen auszublenden, mit denen im Zuge des vollstreckten Antikommunismus Tausende von Linken und GewerkschafterInnen der US-amerikanischen Au\u00dfenpolitik zum Opfer fielen (die St\u00fcrze demokratisch-legitimierter, linker Regierungen wie der von Jacobo Arbenz in Guatemala 1954 oder Salvador Allendes 1973 in Chile sind ja nur die gr\u00f6bsten und bekanntesten F\u00e4lle dieser Art).<\/p>\n<p>Die US-Au\u00dfenpolitik nicht zu kritisieren erscheint also, trotz bzw. gerade bei entgegengesetztem Anspruch, als eine ziemlich deutsche Angelegenheit, weil sie die Folgen dieser Politik anderswo auf der Welt (und in anderen geschichtlichen Situationen) einfach ausblendet. Den deutschen, selbst ernannten &#8222;antideutschen&#8220; Antifas t\u00e4te ein Blick beispielsweise nach Kolumbien, wo der US-finanzierte Plan Colombia Bauern und GewerkschafterInnen das Leben zur H\u00f6lle macht, nicht schlecht, um zu sehen, dass es durchaus gute Gr\u00fcnde gibt f\u00fcr einen linken, aufgekl\u00e4rten Antiamerikanismus.<\/p>\n<h3>Kritik am V\u00f6lkischen<\/h3>\n<p>Der Blick nach Lateinamerika, von antiimperialistisch gesinnten Linksradikalen oft solidarisch geworfen &#8211; wobei vor etwas mehr als zehn Jahren eigentlich nur das weitere politische Umfeld der RAF so genannt wurde und sich damit von autonomen, anarchistischen, feministischen Linken abgrenzte, die heute von Antideutschen als antiimperialistisch bezeichnet werden -, verbietet sich aber aus &#8222;antideutscher&#8220; Perspektive aus einem weiteren Grund. Dort n\u00e4mlich hat man es, was die Linke betrifft, angeblich in der Hauptsache mit &#8222;v\u00f6lkischen&#8220; Bewegungen zu tun. Die Kritik an den Nationalstaatsfixierungen vieler lateinamerikanischer Befreiungsbewegungen wird hier nicht zugespitzt, sondern inflationiert. So wird ausgerechnet die zapatistische Befreiungsbewegung EZLN, die diese Staatsfixierung aufgegeben hat, von Antideutschen als &#8222;v\u00f6lkisch&#8220; bezeichnet (Antifa Dresden). Zum einen wird damit auf begrifflicher Ebene ein Gemeinschaftsverst\u00e4ndnis, das sich als dezidiert offen und egalit\u00e4r begreift, verwechselt bzw. gleichgesetzt mit einer auf Ausgrenzung und Unterordnung basierenden Volksgemeinschaft. Wird in Lateinamerika &#8222;pueblo&#8220; (= Dorf, Volk) gesagt, ist wesentlich seltener als die deutsche Konnotation das &#8222;wir hier unten&#8220; mitgesprochen, also eine soziale und nicht biologische Kategorie gemeint.<\/p>\n<p>Zum anderen wird aber auf politischer Ebene, letztlich auch dem eigenen Anspruch widersprechend, der Nationalsozialismus verharmlost. Denn indem eine Linie vom deutschen Faschismus zu Befreiungsbewegungen in Lateinamerika gezogen wird &#8211; unter Aspekten der jeweiligen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse betrachtet ohnehin vollkommen absurd -, wird jener zu einem von vielen &#8222;K\u00e4mpfen f\u00fcr das Volk&#8220; verkleinert. Wenn dann beispielsweise Tjark Kunstreich in der <em>Jungle World <\/em>Sudetendeutsche und Pal\u00e4stinenserInnen gleichsetzt, weil sie angeblich Antisemitismus und Kollektivit\u00e4tsverst\u00e4ndnis teilten, wird diese &#8222;antideutsche&#8220; Absehung von Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnissen auf beliebige andere gesellschaftliche und historische Konstellationen \u00fcbertragen.<\/p>\n<h3>Kritik an der Antikriegsbewegung<\/h3>\n<p>Beide Kritiken werden auch in den Debatten um den Krieg der USA gegen den Irak angef\u00fchrt, in denen viele &#8222;Antideutsche&#8220; sich vehement hinter die Regierung Bush stellen. Die wenigen AntikriegsaktivistInnen werden als &#8222;deutsche Friedensbewegung&#8220; (Thomas Uwer in der <em>Jungle World<\/em>) bezeichnet, die eben keine linke Antikriegsbewegung sei und nur in v\u00f6lkischen Kategorien denke &#8211; oder gleich als &#8222;Friedensfreunde&#8220; mit Nazis gleichgesetzt (von Deniz Y\u00fccel in der <em>Jungle World<\/em>). Die vermeintliche inhaltliche N\u00e4he zur Bundesregierung wird der Friedensbewegung angelastet, ohne dass die vielf\u00e4ltigen Aktionen und Stellungnahmen gegen die deutschen Interessen am Golf und in Afghanistan zur Kenntnis genommen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Andererseits wird, wie es \u00e4hnlich bereits Hans Magnus Enzensberger beim Golfkrieg 1991 getan hatte, Saddam Hussein mit Hitler gleichgesetzt und das irakische System als Faschismus (Thomas Uwer) bezeichnet. Dagegen hilft, das soll wohl dann die Geschichte zeigen, eben nur ein Angriff der Alliierten unter F\u00fchrung der USA. Damit wird hier &#8211; den eigenen Anspruch vollends konterkarierend &#8211; die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Frage gestellt, um die Freude genie\u00dfen zu k\u00f6nnen, im Recht oder auf der richtigen, n\u00e4mlich antifaschistischen Seite zu stehen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem wird ebenfalls hier nahegelegt, die USA f\u00fchrten ihren Krieg zum Schutze Israels und nicht, wie die Regierung Bush betont, f\u00fcr ihr eigenes &#8222;nationales Interesse&#8220;. Und der in <em>Jungle World <\/em>alle paar Monate platzierte Hinweis, in Israel w\u00fcrden schon wieder Gasmasken verteilt, soll die aus antifaschistischer Sicht einzig m\u00f6gliche Haltung nahe legen: Bomben auf Bagdad.<\/p>\n<p>Problematisch ist nicht, dass die Pal\u00e4stinensert\u00fccher auf deutschen Antifa-Demos der Israelflagge gewichen sind. Auch ist der Antisemitismus innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung zu kritisieren, der bei antij\u00fcdischen Comics auf <em>Indymedia <\/em>(vgl. dazu <a href=\"\/269\/indy.shtml\">GWR 269<\/a>) und <em>rebelion.org<\/em> beginnt und dessen Ausma\u00dfe vermutlich noch nicht erforscht sind, sowie auch die Naivit\u00e4t mancher Friedensgruppe in Deutschland (SDAJ verteilt Irakfahnen!).<\/p>\n<p>Man muss auch keineswegs ein friedfertiges Europa imaginieren, wie es in den Reihen von Attac wohl einige tun, um gegen die Kriegspolitik der USA zu sein und es emp\u00f6rend zu finden, wie AntikriegsaktivistInnen diffamiert werden. Von den v\u00f6lkerrechtlichen Folgen und der Frage, ob ein Krieg die Leiden der von Saddam geknechteten irakischen Bev\u00f6lkerung tats\u00e4chlich beenden kann, mal abgesehen: Es fragt sich doch, wie eine Str\u00f6mung innerhalb der radikalen Linken derma\u00dfen stark werden kann, die sich hegemonialen Verh\u00e4ltnissen nicht mehr stellt und der Herrschaftskritik offenbar kein Anliegen ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang des Jahres auf einer Antifa-Demo im Ruhrgebiet: Zwei Bekannte werden vom Lautsprecherwagen aus angeraunzt, weil sie Pal\u00e4stinenser-T\u00fccher tragen. Das Palituch, traditionelles Assecoir linksradikaler Subkukltur seit der (ersten) Intifada 1987, insbesondere der autonomen und der Antifa-Bewegung, ist unbeliebt geworden. Zumindest bei einigen Leuten. 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