{"id":552,"date":"1996-09-01T00:00:39","date_gmt":"1996-08-31T22:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=552"},"modified":"2022-07-26T12:59:17","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:17","slug":"mechanismen-des-gegenschlags","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/09\/mechanismen-des-gegenschlags\/","title":{"rendered":"Mechanismen des Gegenschlags"},"content":{"rendered":"<p>Ein Bremer Verwaltungsangestellter klagt erfolgreich gegen die Quotierung am Arbeitsplatz und die bevorzugte Einstellung von Frauen, Katharina Rutschky bezichtigt feministische Initiativen gegen Gewalt an M\u00e4dchen und Jungen des &#8222;Mi\u00dfbrauchs mit dem Mi\u00dfbrauch&#8220;, Michael Douglas wehrt sich im Kino erfolgreich gegen die sexuelle Bel\u00e4stigung durch eine Frau am Arbeitsplatz, mittels kommunaler Finanzmitteleinsparungen der Parteien in Kassel, Homberg oder Mainz wird der Bestand der letzten institutionellen Errungenschaften der Frauenbewegung, der st\u00e4dtischen Frauenh\u00e4user, bedroht. Guido Westerwelle (FDP) will unisono mit einigen Gr\u00fcnen und Alice Schwarzer mehr Frauen in der Bundeswehr sehen. Nur scheinbar im Widerspruch dazu steht in gegenw\u00e4rtigen Zeiten der \u00f6konomischen Krise und der Massenarbeitslosigkeit die Auswirkung der herrschenden Wirtschaftspolitik: Frauen zur\u00fcck an den Herd (besonders in den neuen Bundesl\u00e4ndern), wahlweise Teilzeitarbeit, 590-DM Jobs, Heimarbeit am Computer plus alleinige Kindererziehung. ((1)) Dagegen scheint der Kampf um die Abschaffung des \u00a7 218, der Anfang der 70er Jahre die Identit\u00e4t der Frauenbewegung ausmachte, in der BRD mit dem f\u00fcr schwangere Frauen \u00e4u\u00dferst nachteiligen Zwangsberatungsgesetz von 1995 beendet. Selbst dieses Ende m\u00fcssen die wenigen aktiv gebliebenen und den Urspr\u00fcngen der Frauenbewegung noch verpflichteten Feministinnen eher herbeisehnen, denn weitere Offensiven in Sachen Schwangerschaftsabbruch sind neben der Opposition des bayerischen Parteikatholizismus nur von aggressiven rechten Lebenssch\u00fctzerverb\u00e4nden zu erwarten &#8211; sie alle weisen in die reaktion\u00e4re Richtung. ((2))<\/p>\n<p>Auch das Alltagsverhalten von M\u00e4nnern scheint sich ver\u00e4ndert zu haben. Zeitweilige Verunsicherungen sind einem neuen Selbstbewu\u00dftsein gewichen, der Typus des &#8222;Softie&#8220; ist megaout, m\u00e4nnliche H\u00e4rte, ja &#8222;Wildheit&#8220; in. Mit dem allgemeinen R\u00fcckgang alternativer Lebensformen wie Kommunen, selbstverwalteter Betriebe oder nicht rein zweckgebundener Wohngemeinschaften haben sich auch zarte Trends einer Ver\u00e4nderung m\u00e4nnlichen Rollenverhaltens, wie etwa Hausarbeiten \u00fcbernehmen, Abwaschen, Kinderbetreuung usw., rar gemacht. Wer sich heute als Mann in der \u00d6ffentlichkeit um einen feminisierten Sprachgebrauch bem\u00fcht, wird bestenfalls ausgelacht und unbesehen zum Spinner erkl\u00e4rt; die Lekt\u00fcre von Zeitungen wie der GWR und nur weniger anderer, die noch immer an der sowieso umstrittenen Sprachfeminisierung festhalten, l\u00e4uft Gefahr, f\u00fcr das unge\u00fcbte Auge zum Hindernisrennen zu degenerieren: das Lesen des Ungewohnten wird von einer neuen Generation Jugendlicher mit doppelter Anstrengung verkn\u00fcpft, eine solche Zeitung zum &#8222;Insiderblatt&#8220; abgestempelt, welches sich eines &#8222;realit\u00e4tsfernen, unverst\u00e4ndlichen&#8220; Sprachgebrauchs beflei\u00dfigt. Dies alles vor allem deshalb, weil sich die gesellschaftliche Umgebung patriarchal r\u00fcckentwickelt hat, doch ihren bewu\u00dftseinspr\u00e4genden Einflu\u00df nat\u00fcrlich weiter aus\u00fcbt, was als permanenter Druck an diejenigen weitergegeben wird, die an eigenen bereits umgesetzten antisexistischen Standards oder Verhaltensweisen festhalten wollen. Da\u00df die Welle rassistischer und rechtsextremistischer Anschl\u00e4ge der fr\u00fchen 90er Jahre mit einem Wiederaufleben von M\u00e4nnergewalt und einer Renaissance von M\u00e4nnerb\u00fcnden zu tun haben, da\u00df &#8222;Republikaner&#8220;-W\u00e4hlerInnen nicht von ungef\u00e4hr in \u00fcberproportionaler Weise M\u00e4nner sind und rechtsextremes Gedankengut oft in den Reihen institutionalisierter M\u00e4nnerb\u00fcnde wie Polizei und Milit\u00e4r ausgebr\u00fctet und verdichtet wird, ist in der Graswurzelrevolution bereits mehrfach analysiert worden. ((3))<\/p>\n<h3>&#8222;Die M\u00e4nner schlagen zur\u00fcck&#8220;<\/h3>\n<p>Die Beispiele lie\u00dfen sich fortsetzen. Sicher gibt es auch Gegenbeispiele, es soll hier keineswegs der Eindruck einer linearen, wom\u00f6glich bewu\u00dft gesteuerten Verschw\u00f6rung &#8222;der&#8220; (im Sinne von: aller) M\u00e4nner erweckt werden. So einfach ist es nicht. Auch sind &#8222;die&#8220; Frauen keineswegs nur Opfer, wie das Beispiel Katharina Rutschky bereits andeutet. Und es mag auch berechtigte Kritik an konkreten Initiativen der Frauenbewegung geben: zum Beispiel kann in nachweisbaren Einzelf\u00e4llen vielleicht wirklich von einem &#8222;Mi\u00dfbrauch mit dem Mi\u00dfbrauch&#8220; und von ganz anders gelagerten Motiven der Anklage bestimmter V\u00e4ter oder M\u00fctter gesprochen werden. Doch die Frage ist, ob solche Kritik erkennbar solidarisch gef\u00fchrt wird und zur Verbesserung von Fehlern eines grunds\u00e4tzlich unterst\u00fctzenswerten inhaltlichen Anliegens f\u00fchrt (und das ist der intendierte Schutz von Kindern gegen sexuelle Gewalt von Eltern oder Erwachsenen ganz bestimmt), oder ob der problematisierte Einzelfall nur dazu dient, die patriarchale Familie zu verteidigen und den Feminismus allgemein in die Defensive zu dr\u00e4ngen, ihm selbst die Schuld an Mi\u00dfst\u00e4nden zuzuweisen, gegen die er einst angetreten war.<\/p>\n<p>Seit Anfang der 90er Jahre existiert in der Frauenbewegung eine Diskussion \u00fcber den sogenannten &#8222;Backlash&#8220;, den Gegenschlag sexistischer M\u00e4nner gegen Inhalte und Errungenschaften der Frauenbewegung bzw. des Feminismus. Als Klassiker zum Thema gilt das Buch der US-amerikanischen Feministin Susan Faludi: &#8222;Backlash&#8220;, 1991 in den USA und 1993 unter dem Titel &#8222;Die M\u00e4nner schlagen zur\u00fcck&#8220; in deutscher Sprache erschienen. F\u00fcr die BRD gibt es bis heute meines Wissens noch keine aus feministischer Sicht geschriebene, vergleichbar umfangreiche und umfassende Untersuchung \u00fcber Ideologie, Mechanismen, Bewegungen, ProtagonistInnen und Auswirkungen des Gegenschlags, von Untersuchungen antisexistischer M\u00e4nner ganz zu schweigen. F\u00fcr dieses Jahr ist immerhin die Ver\u00f6ffentlichung einer Studie von Brigitta Huhnke \u00fcber &#8222;Frauenthemen in der politischen Berichterstattung der Printmedien&#8220; von 1980-95 angek\u00fcndigt. Da aber die Wellen von Frauenbewegungen und Gegenschl\u00e4gen in den USA zeitlich und mit realtiv wenigen Unterschieden in der historischen Entwicklung auf Deutschland einigerma\u00dfen \u00fcbertragbar sind, kann zur Verdeutlichung der Mechanismen des Gegenschlags gut auf Faludis Untersuchung zur\u00fcckgegriffen werden.<\/p>\n<p>Faludis feministische Positionen k\u00f6nnen aus libert\u00e4rer Sicht nat\u00fcrlich kritisierten werden: sie geht von der klassisch-reformistischen Forderung nach &#8222;Frauenmacht auf allen Ebenen&#8220;, d.h. nach reiner Gleichberechtigung in allen staatlichen Institutionen (bis hin zum Milit\u00e4r) aus, anstatt sich angesichts des permanent erfolglosen Anrennens auf die m\u00e4nnerdominierten Institutionen in der Geschichte des Feminismus auch einmal Gedanken \u00fcber die Abschaffung bestimmter patriarchal strukturierter Institutionen zu machen, aufgrund von erwiesener Nicht- Reformierbarkeit zum Beispiel. Trotzdem bietet das Buch gerade antisexistisch interessierten M\u00e4nnern aus der libert\u00e4ren Bewegung eine F\u00fclle an Anschauungsmaterialien, um die Struktur des Gegenschlags erkennen und dagegen handeln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Frauenbewegungen und Gegenschl\u00e4ge<\/h3>\n<p>Mitte des 19. Jahrhunderts begann die US-amerikanische Frauenbewegung in einer ersten Welle Forderungen nach dem Zugang zu Bildungsinsitutionen, dem Wahlrecht f\u00fcr Frauen (leider zun\u00e4chst nur f\u00fcr wei\u00dfe Frauen), einer Kleiderreform und nicht erzwungener Mutterschaft aufzustellen. Gegen Ende des Jahrhunderts hatte der patriarchale Gegenschlag gesiegt: Wissenschaftler prophezeihten gebildeten Frauen, sie h\u00e4tten keine Heiratschance oder w\u00fcrden einer epidemischen Infertilit\u00e4t (&#8222;Unfruchtbarkeit&#8220;) zum Opfer fallen, ausgel\u00f6st durch einen &#8222;Leib-Kopf-Konflikt&#8220; bei langen Ausbildungszeiten. Restriktive Scheidungsgesetze wurden Ende des 19. Jahrhunderts eingef\u00fchrt, der US-Kongre\u00df verbot schlie\u00dflich Verh\u00fctungsmittel, die meisten Bundesstaaten kriminalisierten zum ersten Mal in der Geschichte der USA \u00fcberhaupt die &#8222;Abtreibung&#8220;. Dieses Muster des Gegenschlags wiederholte sich bei den folgenden Wellen der Auseinandersetzung bis heute in zum Teil verbl\u00fcffender \u00c4hnlichkeit.<\/p>\n<p>Auf 1910 kann der Beginn der zweiten Welle der Frauenbewegung in den USA datiert werden, in deren Mittelpunkt Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung, Arbeiterinnenstreiks und die Frauenstimmrechtskampagne stand, die nach dem 1. Weltkrieg zum Erfolg des Wahlrechts f\u00fcr Frauen f\u00fchrte. W\u00e4hrend des Krieges waren Frauen als Arbeitskr\u00e4fte gebraucht worden &#8211; als sie nach dem Krieg ohne rechtliche Zugest\u00e4ndnisse zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden sollten, rebellierten die &#8222;Suffragetten&#8220;, streikten vor dem Kapitol, mobilisierten Tausende von Frauen oder ketteten sich an die Tore des Wei\u00dfen Hauses an, um schlie\u00dflich 1919 wenigstens das Frauenwahlrecht zugesprochen zu bekommen. Die 20er Jahre k\u00f6nnen dagegen nach Faludi wiederum als Jahrzehnt des Gegenschlags gewertet werden. Sie begannen interessanterweise 1920 mit dem ersten &#8222;Miss America&#8220;- Sch\u00f6nheitswettbewerb \u00fcberhaupt und f\u00fchrten zu einem zahlenm\u00e4\u00dfig deutlichen R\u00fcckgang der Beteiligung an Frauenrechtsgruppen oder ihrer Degeneration zu &#8222;Damenkr\u00e4nzchen&#8220;. Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise am Ende der 20 Jahre hatte der Gegenschlag wieder gesiegt: Tausende von Frauen wurden durch Gesetze um ihre Arbeitsstellen gebracht, niedrige Lohnraten f\u00fcr Frauen im Vergleich zu M\u00e4nnern wurden institutionalisiert.<\/p>\n<p>Eine dritte Welle der Frauenemanzipation kann in den USA in den fr\u00fchen 40er Jahren festgestellt werden, als auf Grund des erneuten Kriegseinsatzes der M\u00e4nner und der florierenden Kriegswirtschaft Millionen von Frauen berufst\u00e4tig wurden, doch kaum war der Weltkrieg vorbei, kehrten die Soldaten zur\u00fcck und Regierung und Medien versuchten vereint, die neu gewonnene berufliche Unabh\u00e4ngigkeit der Frauen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und ihre Rollenzuweisung als Familienm\u00fctter zu erneuern. Das weltweite, konservative Frauenbild der 50er Jahre, das von der Pionierin der j\u00fcngsten feministischen Welle, Betty Friedan, 1963 als &#8222;Weiblichkeitswahn&#8220; beschrieben wurde, hatte in diesen Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Ursache. Schlie\u00dflich errang die neue Frauenbewegung der sp\u00e4ten 60er und der 70er Jahre in ihren K\u00e4mpfen mit den Schwerpunkten Frauenautonomie, Schwangerschaftsabbruch und berufliche Gleichstellung die gr\u00f6\u00dften Erfolge, die jedoch ebenfalls in den 80er Jahren durch den Gegenschlag zum Teil wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht wurden.<\/p>\n<p>Faludi interpretiert die Geschichte feministischer Emp\u00f6rung und patriarchaler Gegenschl\u00e4ge keineswegs als durchg\u00e4ngige Geschichte von Niederlagen, sie beschreibt sie eher als &#8222;Spirale&#8220; mit Vor- und R\u00fcckw\u00e4rtsbewegungen, mit stummem, untergr\u00fcndigen Widerstand der Frauen in Zeiten des Gegenschlags und mit klarem Blick auf bleibende Errungenschaften: so haben sich etwa die Anzahl berufst\u00e4tiger Frauen, ihr Zugang zu Verh\u00fctungsmitteln oder ihre Bildungsm\u00f6glichkeiten auch \u00fcber Wellen von Gegenschl\u00e4gen hinweg in den letzten 150 Jahren durchschnittlich best\u00e4ndig erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Trotzdem haben die Gegenschl\u00e4ge auch wirklich gesiegt. Das Patriarchat sitzt immer noch fest im Sattel: feministische Forderungen wurden sogar im Erfolgsfall, n\u00e4mlich bei ihrer Umsetzung, sofort entradikalisiert und integriert (z.B. hat das Wahlrecht f\u00fcr Frauen das Parteiensystem nicht nur nicht angegriffen, sondern es sogar noch breiter legitimiert). Begriffe wurden verdreht oder anders besetzt (z.B. wurde der g\u00e4ngige Begriff &#8222;F\u00f6tus&#8220; aus den 70er Jahren mit &#8222;ungeborenem Leben&#8220; in den 80er Jahren durch Gegenschlagspropagandisten aus der Anti-Abtreibungs-Bewegung in den USA neu besetzt und damit qualitativ aufgewertet, dadurch wurde der F\u00f6tus erstmals als &#8222;Rechtssubjekt&#8220; gewertet, welches dann sofort in Gegensatz zu den Interessen der schwangeren Frau gebracht werden konnte). An den \u00f6konomischen Schalthebeln Banken, Gro\u00dffirmen und Aufsichtsr\u00e4ten sitzt nach wie vor nur ein ganz geringer Prozentsatz von Frauen (Faludi beziffert den Frauenanteil an &#8222;F\u00fchrungskr\u00e4ften&#8220; in den USA Ende der 80er Jahre auf 6&#8243;8 %). Auf berufst\u00e4tige Frauen konnte erfolgreich Druck zur Anpassung ausge\u00fcbt werden (Kinderw\u00fcnsche und Heiratspl\u00e4ne sollten sie nicht l\u00e4nger dem Beruf zuliebe verschieben, sonst wirkten sie ,ausgebrannt&#8220; und bek\u00e4men keinen Mann mehr ab, so da\u00df sie schlie\u00dflich in schlechter bezahlte Teilzeitarbeitsbereiche abgedr\u00e4ngt werden konnten oder fr\u00fcher der Doppelbelastung von Beruf und Kindererziehung\/Hausarbeit ausgesetzt waren, was in der Praxis zu fr\u00fcherer Berufsaufgabe f\u00fchrte).<\/p>\n<h3>Mechanismen des Gegenschlags<\/h3>\n<p>InitiatorInnen von Gegenschl\u00e4gen sind haupts\u00e4chlich &#8211; aber nicht nur &#8211; M\u00e4nner. Das ergibt sich schon aus Faludis Angaben dar\u00fcber, da\u00df Frauen in die Ebene der &#8222;F\u00fchrungskr\u00e4fte&#8220; in den ma\u00dfgeblichen Institutionen der Regierung, der Medien, der Justiz oder auch der Psychologie kaum vordringen konnten. Die Konjunktur ganzer kapitalintensiver Industrien ist von der Wiederkehr eines bestimmten weiblichen Rollenbildes abh\u00e4ngig, vor allem die der Mode-(Textil-) und die Kosmetik-(Chemie-)industrie. Faludi deckt in ihren Analysen ein im Prinzip unbewu\u00dftes, allerdings deutlich von patriarchalen Ressentiments gegen Frauen bestimmtes Zusammenspiel der m\u00e4nnlichen F\u00fchrungskr\u00e4fte dieser Institutionen auf.<\/p>\n<p>Wie funktioniert nun solch ein Zusammenspiel? Die Medienchefs, vor allem in gro\u00dfen Zeitungen, Boulevardmagazinen und Fernsehsendern (sowohl die Verantwortlichen f\u00fcr Talkshows als auch diejenigen f\u00fcr die jeweils verbratene Ideologie in Familienserien), waren immer eine Art Ausgangspunkt f\u00fcr Gegenschl\u00e4ge: einzelne Artikel in Massenbl\u00e4ttern brachten den Stein ins Rollen, der dann von anderen M\u00e4nnern in Regierung, Justiz, Unternehmen oder auch Wissenschaft begierig aufgegriffen wurde. &#8222;Trendberichte&#8220; etwa \u00fcber die Auswirkungen von Umweltbelastungen am Arbeitsplatz f\u00fcr die Geb\u00e4hrf\u00e4higkeit von Frauen wurden von Regierungen zum Anla\u00df von &#8222;Frauenschutzbestimmungen&#8220; genommen, die wiederum die Kapitalunternehmen in Krisenzeiten dazu benutzten, Frauen von bestimmten Berufsbereichen auszuschlie\u00dfen oder in andere abzuschieben, unter dem Vorwand des Schutzes des &#8222;ungeborenen Lebens&#8220; versteht sich &#8211; Arbeitsrechtsklagen der betroffenen Arbeiterinnen wurden von den m\u00e4nnerdominierten Gerichten abgeschmettert. Damit wurde zum Beispiel das Vordringen von Frauen in gutbezahlte &#8222;M\u00e4nnerberufe&#8220; in der Industrie oder auch im Bauwesen verhindert &#8211; flankiert von besonders aggressiver sexistischer Anmache der m\u00e4nnlichen Kollegen am Arbeitsplatz gegen die wenigen Pionierinnen auf diesen Positionen. Faludi gibt unz\u00e4hlige Beispiele f\u00fcr diesen ineinandergreifenden Ablauf: Oft gaben die Chefredakteure direkt diese sogenannten &#8222;Trendartikel&#8220; in Auftrag, die meist nichtrepr\u00e4sentative Einzelbeispiele breittraten, auf keinen oder zweifelhaften Erhebungen fu\u00dften, und eher unbeweisbare Zukunftsprognosen denn Fakten pr\u00e4sentierten (oft reine M\u00e4nnerphantasien). Diese &#8222;Trendartikel&#8220; wurden gro\u00df aufgemacht und auf S.1 pr\u00e4sentiert, etwaige Gegendarstellungen oder Widerlegungen von zweifelhaften Umfragen wurden knapp gehalten und im hinteren Teil der Zeitung kaum wahrnehmbar plaziert. Faludi beschreibt, wie sich dadurch der gesellschaftliche Druck etwa auf familiengerechtes Rollenverhalten von Frauen verst\u00e4rkte:<\/p>\n<p>&#8222;Mitte der 80er Jahre \u00fcberschwemmte die Presse ihre Leser mit Storys \u00fcber M\u00fctter, die Angst hatten, ihre Kinder in die &#8218;gef\u00e4hrlichen&#8216; Tageshorte zu geben. 1988 tauchte dieser &#8218;Trend&#8216; dann in den nationalen Erhebungen auf: Pl\u00f6tzlich berichteten 40 % der M\u00fctter, sie h\u00e4tten Angst, ihre Kinder in Tagesst\u00e4tten zu geben; ihr Vertrauen in Tagesst\u00e4tten sank von 76 % im Vorjahr auf 64 % &#8211; das erste Mal, da\u00df die Zahl unter 70 % gefallen war, seit Frauen erstmals vier Jahre zuvor dazu befragt worden waren. 1986 wiederum verk\u00fcndete die Presse einen &#8217;neuen Trend zum Z\u00f6libat&#8216; &#8211; und 1987 war in Umfragen der Anteil alleinstehender Frauen, die vorehelichen Sex akzeptierten, pl\u00f6tzlich innerhalb eines Jahres um 6 % gesunken; zum erstenmal innerhalb von vier Jahren gab weniger als die H\u00e4lfte aller Frauen an, sie f\u00e4nden vorehelichen Sex okay.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Bei genauer Suche w\u00fcrden sich auch in den Medien der BRD eine Reihe solcher &#8222;Trendb\u00fccher oder -artikel&#8220; finden lassen. Karsta Frank benennt in einer Analyse des Zusammenhangs von neuem Antifeminismus und &#8222;PC-Diskurs&#8220; (Political Correctness) einen Artikel von Konrad Adam in der FAZ vom 22.1.1995, der die deutsche Diskussion, so Frank, &#8222;vorstrukturiert haben d\u00fcrfte&#8220;. Adam behauptet darin, da\u00df die PC-Diskussion in Ermangelung anderer Minderheiten, etwa Schwarzer und &#8222;anderer ethnischer Gruppen&#8220; wie in den USA, in der BRD zum &#8222;Reservat der Frauen&#8220; geworden sei. Karsta Frank zitiert auch einen Spiegel-Titel &#8222;Hexenjagd auf dem Campus&#8220; gegen die Kritik sexistischer Anmache an der Uni, in dem &#8222;PC&#8220; als &#8222;Inquisition&#8220; diffamiert wird. Ihm zur Seite steht 1995 ein Bestsellerroman von Dietrich Schwanitz, &#8222;Der Campus&#8220;, in dem &#8222;sexuelle Bel\u00e4stigung&#8220; ironisiert, bagatellisiert und umgedeutet wird in &#8222;Sympathiekundgebung&#8220;, &#8222;Flirt&#8220; oder gar &#8222;Liebe&#8220;; in dem zudem ausschlie\u00dflich die der Bel\u00e4stigung bezichtigten M\u00e4nner als Opfer erscheinen und Feministinnen als &#8222;verklemmt, pr\u00fcde und beziehungsunf\u00e4hig&#8220; bezeichnet werden. Schlie\u00dflich weist Frank auf einen &#8222;vielbeachteten&#8220; &#8222;Zeit&#8220;- Artikel von Dieter E. Zimmer vom 22.10.1993 hin, der einen Boom von Publikationen zu &#8222;PC&#8220; ausl\u00f6ste. Auch Zimmer spricht bei &#8222;PC&#8220; von &#8222;Inquisition&#8220;, die auf dem Denken beruhe, da\u00df &#8222;M\u00e4nnlichkeit und Weiblichkeit nicht Natur, sondern Kultur&#8220; seien und schimpft auf die angeblich PC-gesteuerte Forderung nach &#8222;geschlechtergerechten&#8220; Sprachverwendungen, auf die ein Politiker bei Reden heute aufpassen m\u00fcsse, &#8222;wenn er nicht als Sexist unw\u00e4hlbar sein will&#8220;. ((5))<\/p>\n<p>Beim Gegenschlag sekundieren viele Frauen, sie sonnen sich in der Publicity, im Schulterklopfen der m\u00e4nnerdominierten Institutionen oder Medien, wenn ihnen ein guter &#8222;Trendartikel&#8220; oder ein neues &#8222;bahnbrechendes Buch&#8220; gelungen ist. Viele Frauen lassen sich vom Gegenschlag kaufen oder geben auch nur dem permanenten Druck nach: mit dem Strom zu schwimmen ist eben einfacher als immer nur dagegen. Besonderes Medieninteresse wecken ehemalige Feministinnen, die eine Kehrtwende vollf\u00fchren, wie etwa die bereits genannte US-Feministin Betty Friedan, die in ihrem 80er Jahre-Buch &#8222;Der zweite Schritt&#8220; pl\u00f6tzlich einen &#8222;feministischen Wahn&#8220; gei\u00dfelte. Auch hierzulande schockt ein Medienstar Alice Schwarzer, fr\u00fchere feministische Pionierautorin des &#8222;kleinen Unterschieds&#8220;, niemanden mehr, wenn sie anheimelnde B\u00fccher \u00fcber Frau von D\u00f6nhof (&#8222;Zeit&#8220;- Herausgeberin) ver\u00f6ffentlicht. Und ihre Zeitschrift &#8222;Emma&#8220; hat sich im Untertitel unter dem Druck des Gegenschlags von einer &#8222;Zeitschrift von Frauen f\u00fcr Frauen&#8220; zur absurden Maxime &#8222;von Frauen f\u00fcr Menschen&#8220; durchgerungen.<\/p>\n<p>Ein starker Wandel hat sich nach Faludi auch in der Psychologie durchgesetzt, auch hier unterst\u00fctzt von vielen Psychiaterinnen. W\u00e4hrend bei heterosexuellen Ehe- oder Beziehungskrisen den hilfesuchenden Frauen in den 70ern in der Therapie normalerweise Selbstbewu\u00dftsein und Unabh\u00e4ngigkeitsw\u00fcnsche gest\u00e4rkt wurden und Wert auf Forderungen nach Verhaltens\u00e4nderungen an die M\u00e4nner gelegt wurde, was einer Schuldentlastung entsprach, ist f\u00fcr die 80er und beginnenden 90er Jahre typisch, da\u00df mit einer Verhaltens\u00e4nderung der M\u00e4nner gar nicht mehr gerechnet wird, die Schuld sogar eher im zu anspruchsvollen, zu selbstbewu\u00dften Auftreten von Frauen innerhalb der Beziehung gesucht und gefunden wird. Die psychologische Message am Beginn der 90er Jahre lautet demnach: die Frauen sind selber schuld und sollen sich anpassen, wenn sie ihre Beziehung mit einem Mann retten wollen. ((6)) In allen diesen Institutionen und den durch sie verflochtenen &#8222;Trendstory&#8220;- Kampagnen wird ein ganz bestimmtes Wahrnehmungsmuster sichtbar. Dieses Wahrnehmungsmuster ist fern jeder Wirklichkeit und lautet: der Feminismus habe bereits gesiegt, die Frauen h\u00e4tten heute zuviel Macht, ihre Forderungen seien l\u00e4ngst durchgesetzt und unterdr\u00fcckten nun die M\u00e4nner, wovon diese sich nat\u00fcrlich schleunigst und mit Recht befreien m\u00fc\u00dften. Es gleich auf frappierende Weise rechtsextremen Wahrnehmungsmustern: wei\u00dfe Rassisten haben zur Zeit der Schwarzenbewegung Martin Luther Kings in v\u00f6lliger Verkennung der Realit\u00e4t behauptet, die Schwarzen seien bereits an der Macht und in Washington herrsche der Kommunismus. Es geh\u00f6rt ebenso zu den unverr\u00fcckbaren Wahrnehmungsmustern bundesdeutscher rechtsextremer Ideologen wie etwa Rainer Zitelmann, da\u00df &#8222;die 68er&#8220; in der BRD kulturell sowieso, aber auch sonst an der Macht w\u00e4ren (das stimmt nicht einmal bei den Gewendeten wie Joschka Fischer oder auch einer Alice Schwarzer, die sich im Medienruhm sonnen &#8211; sie sind selbst mit ihren machtkompatiblen Positionen keineswegs an die wirklichen Schalthebel gelangt, das wiederum ist <cite>ihre<\/cite> Illusion). Aus dieser Struktur der verzerrten Wirklichkeitswahrnehmung sch\u00f6pft der patriarchale Gegenschlag seine Energie: der Bremer Beamte, der jahrelang gegen seine Stellenablehung aufgrund von Quotierungsrichtlinien in der Bremer Verwaltung klagte, w\u00e4hnte sich &#8211; und seinesgleichen &#8211; tats\u00e4chlich unterdr\u00fcckt; der Redaktionschef, der einen antifeministischen Trendartikel in Auftrag gibt, empfindet sich tats\u00e4chlich als Provokateur gegen den Mainstream (obwohl Karsta Frank zum Beispiel nachweist, da\u00df die scheinbar provokative &#8222;PC&#8220;-Kritik gerade der Mainstream ist und kaum Artikel grunds\u00e4tzlicher Bef\u00fcrwortung von &#8222;PC&#8220; ver\u00f6ffentlicht werden). In M\u00e4nnergruppen existiert kein Bed\u00fcrfnis mehr, sich mit der eigenen Rolle als T\u00e4ter bzw. Profiteur patriarchaler Privilegien auseinanderzusetzen (z.B. des Privilegs, nachts ohne Angst auf die Stra\u00dfe zu k\u00f6nnen), sondern unter M\u00e4nnern geht es heute darum, sich des eigenen m\u00e4nnlichen Selbstbewu\u00dftseins zu vergewissern, die angeblich &#8222;nat\u00fcrliche&#8220; H\u00e4rte und &#8222;Wildheit&#8220; (Gewaltt\u00e4tigkeit) des M\u00e4nnlichen wiederzuentdecken, die mit sozialbiologischen oder gar genetischen Argumentationen untermauert wird. ((7))<\/p>\n<p>Dabei sind die m\u00e4nnlichen Privilegien kaum angetastet. Dabei ist der Begriff &#8222;Feminismus&#8220; heute zum Schimpfwort verkommen und wird von fr\u00fcheren Feministinnen selbst kaum noch verteidigt, gar positiv benutzt. Doch der Kampf gegen Windm\u00fchlen erf\u00fcllt seine Funktion, die Attit\u00fcde des jahrzehntelang Unterdr\u00fcckten schmeichelt dem m\u00e4nnlichen Ego und erleichtert die Ungeheuerlichkeit, Selbstverst\u00e4ndlichkeit und Vehemenz, mit der die Gegenschlagsideologien verbreitet werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Bremer Verwaltungsangestellter klagt erfolgreich gegen die Quotierung am Arbeitsplatz und die bevorzugte Einstellung von Frauen, Katharina Rutschky bezichtigt feministische Initiativen gegen Gewalt an M\u00e4dchen und Jungen des &#8222;Mi\u00dfbrauchs mit dem Mi\u00dfbrauch&#8220;, Michael Douglas wehrt sich im Kino erfolgreich gegen die sexuelle Bel\u00e4stigung durch eine Frau am Arbeitsplatz, mittels kommunaler Finanzmitteleinsparungen der Parteien in Kassel, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/09\/mechanismen-des-gegenschlags\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Mechanismen des Gegenschlags - graswurzelrevolution","description":"Ein Bremer Verwaltungsangestellter klagt erfolgreich gegen die Quotierung am Arbeitsplatz und die bevorzugte Einstellung von Frauen, Katharina Rutschky bezichti"},"footnotes":""},"categories":[64,1038],"tags":[],"class_list":["post-552","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-211-september-1996","category-kleine-unterschiede"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/552","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=552"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/552\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=552"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=552"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=552"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}