{"id":5534,"date":"2003-05-01T00:00:55","date_gmt":"2003-04-30T22:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5534"},"modified":"2012-04-30T14:04:03","modified_gmt":"2012-04-30T12:04:03","slug":"grenzganger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/05\/grenzganger\/","title":{"rendered":"Grenzg\u00e4nger"},"content":{"rendered":"<p>Sie schl\u00e4gt noch heute die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammen, die Tochter des gro\u00dfen Woody Guthrie. Jawohl, man habe tats\u00e4chlich einmal vorgehabt, das Lied der Unterdr\u00fcckten und Ausgebeuteten, die trotzige Kampfansage ihres Vaters an Reiche und M\u00e4chtige seines Landes &#8211; <em>&#8222;This land is your land, this land is my land&#8220;<\/em> &#8211; zur Nationalhymne der Vereinigten Staaten von Amerika zu machen.<em> &#8222;Stellen Sie sich das &#8218;mal vor! Die w\u00e4ren in den Krieg gezogen mit diesem Lied! Gott sei dank haben sie es sich anders \u00fcberlegt&#8230;&#8220;<\/em>.<\/p>\n<p>Soviel darf man vermuten: auch Hoffmann von Fallersleben w\u00e4re von der Karriere seines <em>&#8222;Lied der Deutschen&#8220;<\/em> nicht begeistert gewesen. Und sei es nur, weil die bewu\u00dften drei Strophen zur Melodie eines kroatischen Volksliedes (Joseph Haydn nahm es mit Fragen geistigen Eigentums nicht allzu genau) wie ein monumentaler Klotz den Blick auf sein eigentliches dichterisches Werk versperren.<\/p>\n<p>Dem wollen <em>Die Grenzg\u00e4nger<\/em> &#8211; Michael Zachcial, J\u00f6rg Fr\u00f6se und Friedemann Bartels, umgeben von einem Tross Gastmusiker &#8211; mit einer schwungvollen Collage der politischen Lieder des Dichters abhelfen. Wer germanistische D\u00fcnnstimmigkeit und holprige Bildungspartituren f\u00fcrchtet, mag unbesorgt zugreifen: mit einem ger\u00fcttelt Ma\u00df folkrockender Unverfrorenheit und Lautst\u00e4rke blasen die Grenzg\u00e4nger den Staub vom Werk Hoffmann von Fallerslebens herunter. Das Thema<em> &#8222;Hymne&#8220;<\/em> wird gleich zu Beginn unter t\u00e4tiger Mithilfe solch renommierter Sangesk\u00fcnstler wie Helmut Kohl, Willy Brandt und Walter Momper (gemeinsam vor dem Sch\u00f6neberger Rathaus) abgehandelt. Es folgt Wichtigeres. Fallerslebens Spott ergie\u00dft sich \u00fcber den Regierungsrat und seinen geliebten Aktensto\u00df. Den (wie es scheint unverderblichen) deutschen Philister speit nach seinem Tod sogar die H\u00f6lle wieder aus. Der Fr\u00fchling wird wegen demagogischer Umtriebe in den Kerker geschleift, und zur Melodie des <em>&#8222;J\u00e4ger aus Kurpfalz&#8220; <\/em>ert\u00f6nt noch einmal das ber\u00fcchtigte Lied urdeutsch &#8211; akademischer Widerstandskraft, das sicher zu den bekanntesten Texten des Dichters z\u00e4hlt:<em> &#8222;Bei einer Pfeif Tabak, bei einer Pfeif Tabak\/ bei einer guten Pfeif Tabak, und einer Flasche Bier\/ politisieren wir&#8220;<\/em>. Der Spielwitz der <em>Grenzg\u00e4nger<\/em> bei ihrer (Neu)vertonung der alten Vorm\u00e4rzlieder ist erfrischend. Aus <em>&#8222;Hier am Mississippi&#8220;<\/em>, einer galligen Liebeserkl\u00e4rung ans Exil (<em>&#8222;Hier geh\u00f6rst du dir, dort nur stets den Andern&#8220;<\/em>) von 1844, machen Zachcial und seine Genossen einen knackigen Delta-Blues, und auch sonst ist es ihnen nicht um klingende Geschichtsstunden zu tun &#8211; selbst da nicht, wo sie historischen Vorgaben folgen. F\u00fcr Musik und Adaption allein ist der <em>Preis der deutschen Schallplattenkritik<\/em> mehr als verdient. Bleibt diesem sch\u00f6nen, witzigen und musikalisch hochwertigen Projekt nur ein Problem: Hoffmann von Fallersleben.<\/p>\n<p>Denn selbst die eindrucksvollste Gitarre und das aktuellste Sample k\u00f6nnen die Texte Hoffmann von Fallerslebens nicht besser &#8211; oder zeitgem\u00e4\u00dfer &#8211; machen, als sie sind. Mag sich an ihren <em>Themen<\/em> auch nichts ge\u00e4ndert haben, m\u00f6gen Philister, obrigkeitsh\u00f6rige Kriecher und pfeifenrauchende, schwatzende Nichtstuer zu diesem Land geh\u00f6ren wie der graue Himmel oder der Sozialabbau: in den Gedichten Hoffmann von Fallerslebens hausen sie allesamt im deutschen Vorm\u00e4rz. Und nirgendwo sonst.<\/p>\n<p>Fallersleben geh\u00f6rte zweifellos zu den Besseren unter den schreibenden b\u00fcrgerlichen Radikalen seiner Zeit, und sein Bem\u00fchen, mit schlichten, m\u00f6glichst unmissverst\u00e4ndlichen Versen eine Art politisches Volkslied zu etablieren, hebt ihn wohltuend ab vom dr\u00f6hnenden Pathos etwa eines Georg Herwegh, der <em>&#8222;eisernen Lerche des deutschen Vorm\u00e4rz&#8220;<\/em>. Dennoch: Fallerslebens Verse kommen bemitleidenswert steifbeinig daher.<\/p>\n<p>Sie liegen wie vergessene Baulatten \u00fcber dem lebendigen Auf und Ab der Musik, mancher Reim mu\u00df mit Nagel und Leim gesichert werden (<em>&#8222;Ich schaff mir Freiheit, Recht und Ruh\/ ein gutes Leben noch dazu&#8220;<\/em>), und gar zu h\u00e4ufig h\u00e4lt nur mehr die Gesinnungsst\u00e4rke das Werk zusammen. Fallerslebens Spott sitzt wacklig auf der Spitze eines erhobenen Zeigefingers.<\/p>\n<p>Dies wird auf besonders grausame Weise deutlich, wenn er sich dichtend an Gegenst\u00e4nden versucht, zu denen sich ein anderer Zeitgenosse ebenfalls ge\u00e4u\u00dfert hat: Heinrich Heine.<\/p>\n<p>Wenn es bei Fallersleben etwa zur ewigen Vergeistigung der Deutschen hei\u00dft:<em> &#8222;La\u00dft uns unseren Geist versenken\/ in des Wissens tiefes Meer\/ La\u00dft uns denken, immer denken!\/ Ei, das ziert den Deutschen sehr\/ Und wenn man uns fragt: Wie geht&#8217;s\/ sagen wir: wir denken stets&#8220;<\/em>, so m\u00f6chte man dem Dichter am liebsten tr\u00f6stend auf die Schulter klopfen, wenn man die ber\u00fchmten Verse aus Heines <em>&#8222;Winterm\u00e4rchen&#8220;<\/em> gegenliest: <em>&#8222;Franzosen und Russen geh\u00f6rt das Land\/ das Meer geh\u00f6rt den Briten\/ Wir aber besitzen im Luftreich des Traums\/ die Herrschaft unbestritten.\/ Hier \u00fcben wir die Hegemonie, hier sind wir unzerst\u00fcckelt\/ Die anderen V\u00f6lker haben sich auf platter Erde entwickelt&#8220;<\/em>.<\/p>\n<p>Hoffmann von Fallerslebens Texten steht die M\u00fche ihres Sch\u00f6pfers im Gesicht. Er war kein guter, er war nur ein anst\u00e4ndiger Dichter.<\/p>\n<p>Selten allerdings ist sein Werk anregender und appetitlicher dargeboten worden als auf der aktuellen CD der <em>Grenzg\u00e4nger<\/em>. Wer wei\u00df, vielleicht suchen sich Zachcial und Kumpane f\u00fcr ihr n\u00e4chstes Projekt einen Dichter oder eine Dichterin, der bzw. die auch heute noch k\u00fcnstlerisch zu \u00fcberzeugen vermag. Dann w\u00fcrde die geneigten H\u00f6rerinnen und H\u00f6rer ein vollends ungetr\u00fcbter Kunstgenu\u00df erwarten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie schl\u00e4gt noch heute die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammen, die Tochter des gro\u00dfen Woody Guthrie. 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