{"id":5550,"date":"2003-06-01T00:00:24","date_gmt":"2003-05-31T22:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5550"},"modified":"2022-07-26T14:24:39","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:39","slug":"im-hinterhof-der-staatenmacher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/06\/im-hinterhof-der-staatenmacher\/","title":{"rendered":"Im Hinterhof der &#8222;Staatenmacher&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Das praktische Nichtvorhandensein jeder kritischen Berichterstattung scheint vormals interessierten Menschen ihr Recht zu verbriefen, sich anderen Dingen &#8211; und anderen Kriegen &#8211; zuzuwenden.<\/p>\n<p>&#8222;Der Krieg in Afghanistan hat, so scheint es, noch einmal umgeschwenkt, von einem neuen, adressatenlosen Krieg in einen alten, Staaten und Ordnung generierenden Krieg. Beinahe sind wir schon zufrieden, da\u00df der Krieg mehr oder weniger zu Ende, die Herrschaft der Taliban bezwungen, ein neuer, beinahe moderner Staat [im Entstehen ist]. F\u00fcr den Augenblick jedenfalls glauben die meisten Menschen vor den westlichen Fernsehapparaten dieser Fiktion&#8220;. ((1))<strong> <\/strong> Dabei sollte man annehmen, da\u00df zu einer Zeit, in der der Aberwitz kriegerischer Menschheitsbegl\u00fcckung, &#8222;demokratischer Staatenmacherei&#8220; durch Bomben und Kanonen, mit einem mal wieder als zumindest diskussionsw\u00fcrdige M\u00f6glichkeit in Betracht genommen wird, ein gewisses Interesse an jenen L\u00e4ndern bestehen m\u00fcsste, die ihre blutige Kur in Sachen &#8222;Befreiung&#8220; schon hinter sich haben. Besonders in Deutschland profiliert man sich &#8211; mit Blick auf Afghanistan &#8211; gerne als bessere Alternative zur &#8222;Schlag-drauf-Mentalit\u00e4t&#8220; der US-amerikanischen Au\u00dfenpolitik und macht verlorene Stimmen im eigenen Lande gut. Der verteidigungspolitische Sprecher der Gr\u00fcnen im Bundestag, Winfried Nachtwei, lobt die &#8222;historisch unbelastete&#8220; Friedensarbeit des deutschen ISAF-Kontingents in Kabul und schw\u00e4rmt von &#8222;Marktst\u00e4nden, kleinen Werkst\u00e4tten, ja sogar Fahrradparkpl\u00e4tzen&#8220; ((2)), die er bei seinem Besuch in der Hauptstadt habe bewundern k\u00f6nnen. Sein Kollege Friedbert Pfl\u00fcger (CDU) fa\u00dfte das neuerwachte milit\u00e4rische Sendungsbewu\u00dftsein Europas bereits 1999 zusammen: &#8222;\u00dcberall, wo die Europ\u00e4ische Union ist, herrscht Frieden&#8220;. ((3))<strong> <\/strong><\/p>\n<h3>Die R\u00fcckkehr der Warlords<\/h3>\n<p>Tats\u00e4chlich kann von Frieden in Afghanistan keine Rede sein.<\/p>\n<p>Die soziale Situation hat sich seit dem Sturz des Taliban-Regimes kaum verbessert, in bestimmten Regionen des Landes ist sie schlimmer denn je.<\/p>\n<p>Willk\u00fcr, Bluttaten, Folter, Mord und Vertreibungen sind an der Tagesordnung. Die Lage der Frauen (vor allem in den Nord- und Westprovinzen, aber auch unter den Augen von Nachtweis &#8222;historisch unbelasteten&#8220; Wunderheilern der ISAF in Kabul) spottet jeder Beschreibung. Das Ende der sunnitisch &#8211; fundamentalistischen Schreckensherrschaft der Taliban hat eben jene Kaziken wieder an die Macht gebracht, die schon w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges (nach dem Abzug der sowjetischen Truppen) Anfang der neunziger Jahre das Land ein weiteres Mal in Blut tauchten und in einen Flickenteppich unterschiedlicher, konkurrierender Machtsph\u00e4ren verwandelten. &#8222;Was hat sich in Afghanistan ge\u00e4ndert? Alle unsere Hoffnungen sind zerbrochen. Wir sind g\u00e4nzlich entt\u00e4uscht. Sehen Sie &#8211; es sind genau dieselben Warlords an der Macht wie zuvor. Der Fundamentalismus ist an die Macht gekommen, und jeden Tag wird er st\u00e4rker&#8220;. ((4))<strong> <\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber die H\u00e4lfte des afghanischen Territoriums wird von ehemaligen Kommandierenden der Nordallianz beherrscht, die sich, jeder f\u00fcr sich, ihre eigenen kleinen, quasi-absolutistischen F\u00fcrstent\u00fcmer geschaffen haben, in denen sie schalten und walten, wie es ihnen beliebt. Der Mord an dem Warlord Hadschi Qadir im Juli 2002 war nur ein weiteres Beispiel daf\u00fcr, wie man in diesen Kreisen mit l\u00e4stigen Widersachern umgeht. &#8222;In den meisten Teilen des Landes wurden Sicherheit und Verwaltung in die H\u00e4nde regionaler Befehlshaber [&#8230;] gelegt. Viele von ihnen sind f\u00fcr Menschenrechtsverletzungen verantwortlich, die denen der schlimmsten Taliban &#8211; Kommandeure gleichkommen&#8220;. ((5))<strong> <\/strong> Um ihren Krieg gegen konkurrierende Befehlshaber voranzutreiben und ihr Herrschaftsgebiet zu vergr\u00f6\u00dfern, bedienen sich die verfeindeten Warlords der gleichen Einnahmequelle, die schon den S\u00e4ckel der Taliban f\u00fcllte: Opium. War nach Angaben des United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) die j\u00e4hrliche Produktionsmenge afghanischen Roh-Opiums nach dem Sturz der Taliban von \u00fcber 4000 Tonnen j\u00e4hrlich auf 185 Tonnen gefallen, so stieg sie im Jahre 2002 wieder auf 3400 Tonnen im Jahr &#8211; Tendenz steigend! ((6))<strong> <\/strong><\/p>\n<h3>Der &#8222;Khan von Herat&#8220;<\/h3>\n<p>Ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch dokumentiert beispielhaft die Herrschaft des Warlords Ismail Khan in der westafghanischen Provinz Herat:<\/p>\n<p>&#8222;Ismail Khan hat [&#8230;] einen regelrechten Mini-Staat begr\u00fcndet [&#8230;]. In Herat herrschen gr\u00f6\u00dftenteils noch genau dieselben Zust\u00e4nde wie unter den Taliban: eine geschlossene Gesellschaft, in der es keinen Widerspruch, keine Kritik an der Regierung, keine unabh\u00e4ngigen Zeitungen, keine \u00f6ffentliche Versammlungsfreiheit [&#8230;] gibt&#8220;. ((7))<strong> <\/strong> Als treuer Verb\u00fcndeter im &#8222;Krieg gegen den Terror&#8220; genie\u00dft Ismail Khan die Protektion und das Wohlwollen des US- amerikanischen Milit\u00e4rs. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nannte ihn bei einem Besuch in Herat am 29. April 2002 eine &#8222;gewinnende Pers\u00f6nlichkeit&#8230;[&#8230;] nachdenklich, bedacht und selbstbewu\u00dft&#8220;. ((8))<strong> <\/strong> Die Menschen von Herat sehen ihren &#8222;Khan&#8220; ein bi\u00dfchen anders: &#8222;Ismail Khan und seine Gefolgsleute &#8211; ihre H\u00e4nde sind voll Blut. F\u00fcr sie macht es keinen Unterschied, ob sie einen Vogel t\u00f6ten oder einen Menschen&#8220;. ((9))<strong> <\/strong> Wer schlecht vom &#8222;gro\u00dfen Khan&#8220; spricht, hat in Herat nichts zu lachen: &#8222;In mehreren F\u00e4llen [&#8230;] folterten oder schlugen Agenten der Amniat (Geheimdienst) Gefangene als Bestrafung daf\u00fcr, da\u00df sie Ismail Khans Herrschaft in Frage gestellt hatten &#8211; oft hatten sie zuvor ausdr\u00fcckliche Drohungen von Ismail Khan erhalten&#8220;. ((10))<strong> <\/strong><\/p>\n<p>Ismail Khan betreibt in gro\u00dfem Stil die Vertreibung der paschtunischen Minderheit seiner Provinz. Da sich die Taliban zum gr\u00f6\u00dften Teil aus der paschtunischen Bev\u00f6lkerungsgruppe rekrutierten, scheint Ismail Khan angesichts dieser &#8222;ethnischen S\u00e4uberungen&#8220; von Seiten US-amerikanischer und europ\u00e4ischer Kommandeure keinen ernsthaften Widerspruch bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen. &#8222;Mitarbeiter der UNO und von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sch\u00e4tzen, da\u00df in den letzten neun Monaten Zehntausende von Paschtunen aus Westafghanistan nach Kandahar, in den Iran und nach Pakistan flohen, um der Verfolgung zu entgehen, obgleich andere Fl\u00fcchtlinge zur\u00fcckkehrten&#8220;. ((11))<strong> <\/strong> Die blutige und brutale Abrechnung untereinander verfeindeter Volksgruppen &#8211; auch die Taliban gingen w\u00e4hrend ihrer Herrschaft mit Minderheiten Afghanistans nicht gerade zimperlich um ((12))<strong> <\/strong> &#8211; beschr\u00e4nkt sich nicht auf Herat. Ismail Khans &#8222;Kollege im Amt&#8220;, der ber\u00fcchtigte General Dostum, dem das traurige Verdienst zukommt, als erster die systematische Vergewaltigung von Frauen als Kriegswaffe in Afghanistan eingef\u00fchrt zu haben, lie\u00df unter den wohlwollenden Blicken des US-amerikanischen Milit\u00e4rs tausende von Paschtunen als vorgebliche &#8222;Taliban-K\u00e4mpfer&#8220; abschlachten (siehe dazu: Massaker in der W\u00fcste, in: Freitag, Die Ost-West-Wochenzeitung, Nr. 26, 21.06.02).<\/p>\n<h3>Das Ende der Liberalisierung<\/h3>\n<p>Aber auch die von westlichen Medien so beredt gefeierte Befreiung der afghanischen Bev\u00f6lkerung von islamistischer G\u00e4ngelung geh\u00f6rt mittlerweile der Vergangenheit an.<\/p>\n<p>Neben dem unmittelbaren Terror gegen die eigene Bev\u00f6lkerung durch Milizen und Geheimdienst h\u00e4lt auch Ismail Khan zur Stabilisierung seiner Herrschaft an genau den gleichen pseudoreligi\u00f6sen Reglementierungen des Alltags fest, die den Taliban weltweit den Ruf einbrachten, &#8222;Steinzeitfundamentalisten&#8220; zu sein. &#8222;Sowohl M\u00e4nner als auch Frauen werden von der Regierung angewiesen, keine westliche Kleidung zu tragen [&#8230;]. Allen M\u00e4nnern, afghanischen wie ausl\u00e4ndischen, ist es verboten, afghanischen Frauen die Hand zu geben. Afghanische M\u00e4nner d\u00fcrfen ausl\u00e4ndischen Frauen nicht die Hand geben. Personen, die &#8218;lasterhafte&#8216; Verbrechen begehen, etwa Alkohol trinken, werden \u00f6ffentlich erniedrigt &#8211; ihre K\u00f6pfe werden rasiert oder sie werden im Fernsehen angeprangert. Westliche Musik und Filme d\u00fcrfen nicht verkauft oder gezeigt bzw. geh\u00f6rt werden. Im Oktober 2002 drangen die wieder eingef\u00fchrten Kommandos der Sittenpolizei in den wichtigsten Bazar von Herat ein und schlossen mehrere Musik- und Videogesch\u00e4fte. Dabei wurden hunderte von Videos, Musikkassetten und Filmplakate konfisziert und zu einem Stapel aufgeschichtet, der mit Benzin \u00fcbergossen und angez\u00fcndet wurde&#8220;. ((13))<strong> <\/strong> Auch in der Hauptstadt Kabul hat die Wiedereinf\u00fchrung des &#8222;Departements f\u00fcr islamische Weisung&#8220;, einer nur wenig getarnte Zweitausgabe des ber\u00fcchtigten Ministeriums der Taliban &#8222;zur F\u00f6rderung der Tugend und Verhinderung des Lasters&#8220;, den d\u00fcrftigen Liberalisierungen des \u00f6ffentlichen Lebens &#8211; vor allem f\u00fcr Frauen &#8211; ein rasches Ende gesetzt: &#8222;Angestellte des Departements sprechen auf der Stra\u00dfe Frauen an, die sich in ihren Augen nicht korrekt kleiden, und sch\u00e4rfen ihnen ein: dunkle lange M\u00e4ntel oder R\u00f6cke, die Handgelenke und Kn\u00f6chel bedecken und die Form des K\u00f6rpers nicht zeigen, Kopftuch und ungeschminktes Gesicht. Die Sittenw\u00e4chter gehen oft soweit, da\u00df sie die Fehlbaren bis nach Hause verfolgen, um Eltern und Ehemann in die Mangel [zu] nehmen. Kein Wunder, da\u00df die Frauen die Burka solchen Bel\u00e4stigungen oft vorziehen: Unter dem Ganzk\u00f6rperschleier k\u00f6nnen sie sich wenigstens schminken und tragen, was sie wollen&#8220;. ((14))<strong> <\/strong><\/p>\n<p>Keine der von westlichen Medien oder Kriegsherren lautstark hochgespielten Errungenschaften des Sieges \u00fcber die Taliban l\u00e4\u00dft sich, kaum ein Jahr nach dem Ende des Krieges, noch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit Afghanistans nachweisen. So erfreulich es ist, da\u00df der Terror der Taliban ein Ende gefunden hat, so wenig hat dieses Ereignis den Menschen selbst genutzt. Der Traum von der hilfreich und ordnend eingreifenden westlichen Milit\u00e4rmacht ist eine Propagandal\u00fcge. Die Situation in Afghanistan liefert den stichhaltigsten Beweis. Der Krieg hat tausende von Menschenleben gekostet, das Land weiter verw\u00fcstet und das soziale Gef\u00fcge vollends zerr\u00fcttet. Strategische, \u00f6konomische und propagandistische Ziele der USA wurden ohne Zweifel erreicht, und Europa ist einen gro\u00dfen Schritt weiter auf dem Weg der Militarisierung seiner Au\u00dfenpolitik. Afghanistan aber schlittert zur\u00fcck in blutige Vielstaaterei und ein terroristisches, staatlich verordnetes Fr\u00f6mmlertum. Wer eine solche Entwicklung als &#8222;Befreiung&#8220; feiern will, mag dies tun.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das praktische Nichtvorhandensein jeder kritischen Berichterstattung scheint vormals interessierten Menschen ihr Recht zu verbriefen, sich anderen Dingen &#8211; und anderen Kriegen &#8211; zuzuwenden. &#8222;Der Krieg in Afghanistan hat, so scheint es, noch einmal umgeschwenkt, von einem neuen, adressatenlosen Krieg in einen alten, Staaten und Ordnung generierenden Krieg. 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