{"id":5555,"date":"2003-06-01T00:00:07","date_gmt":"2003-05-31T22:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5555"},"modified":"2022-07-26T14:24:39","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:39","slug":"der-wille-ist-ungebrochen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/06\/der-wille-ist-ungebrochen\/","title":{"rendered":"&#8222;Der Wille ist ungebrochen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution: Lotahn, was waren die genauen Gr\u00fcnde f\u00fcr Deine Besuche in Deutschland?<\/strong><\/p>\n<p>Lotahn Raz: Ich wollte den Menschen in Deutschland vermitteln, wie sich die politische Situation in Israel derzeit darstellt. N\u00e4mlich, dass eine Bev\u00f6lkerung, die in Frieden leben will, in einen dummen Krieg verwickelt ist, der von Politikern gef\u00fchrt wird, die sich nicht um die Sicherheit der eigenen Leute scheren.<\/p>\n<p>Daher halte ich Vortr\u00e4ge, wie hier in Deutschland, in denen ich f\u00fcr die Friedensbewegung, und im speziellen f\u00fcr die immer gr\u00f6\u00dfer werdende Organisation <em>New Profile<\/em> werbe, die Kriegsdienstverweigerer in Israel unterst\u00fctzt. Dar\u00fcber hinaus habe ich von meinem eigenen Projekt <em>LISTENING FOR PEACE<\/em> berichtet.<\/p>\n<p>Ich finde es wichtig, dass auch die Menschen in Deutschland von diesen Bewegungen erfahren und uns unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Welche Eindr\u00fccke hast Du w\u00e4hrend Deinem Deutschlandtrip gesammelt?<\/strong><\/p>\n<p>L.R.: Ich war sehr erfreut zu sehen, wie viele Menschen gegen den Irak-Krieg auf die Stra\u00dfe gingen. Ich war in einem Gymnasium im M\u00fcnsterland, an dem 700 der 1000 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler aus eigener Initiative die Schule verlie\u00dfen, um gegen den Krieg zu demonstrieren. Viele der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler waren politisch sehr interessiert und fragten mich nach meinen Erfahrungen im Widerstand. Die jungen Leute wirkten einerseits sehr aktiv und sprachen \u00fcber wichtige Dinge, andererseits hatten sie mit ihrer Unsicherheit zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><strong>Kannst Du die Arbeit von <em>New Profile<\/em> kurz beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p>Ein wesentliches Ziel von <em>New Profile<\/em> ist die Zusammenf\u00fchrung und Unterst\u00fctzung von Kriegsdienstverweigerern. Wir geben ihnen Informationen und kl\u00e4ren \u00fcber die M\u00f6glichkeiten auf, den Kriegsdienst in Israel zu verweigern.<\/p>\n<p>Wir haben ein Netzwerk geschaffen, an das sich alle wenden k\u00f6nnen, die aus der Armee austreten m\u00f6chten. Junge VertreterInnen unserer Organisation regen \u00fcberall im Land Diskussionen mit AltersgenossInnen an, \u00fcber den Dienst bei der Armee und \u00fcber die Bedeutung des Milit\u00e4rdienstes in ihrem Leben. Wir halten Seminare und organisieren Veranstaltungen, in denen wir \u00fcber die Militarisierung der israelischen Gesellschaft informieren und versuchen, neue Sichtweisen zu vermitteln.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem rufen wir zu verschiedenen konkreten Aktionen auf, wie zu der bisher gr\u00f6\u00dften Protestaktion gegen die Wehrpflicht in Israel, die wir zusammen mit anderen bedeutenden Widerstandsorganisationen am 11. April 2003 veranstaltet haben.<\/p>\n<p><strong><em>New Profile<\/em> bezeichnet sich selbst als eine feministische Organisation. Kannst Du uns etwas \u00fcber die Situation der Frauen, speziell der Soldatinnen in Israel sagen?<\/strong><\/p>\n<p><em>New Profile<\/em> ist insofern feministisch, als es Sexismus und die Art wie er im Milit\u00e4r praktiziert und aufrechterhalten wird, nicht akzeptiert. Das ist ein Anliegen von <em>New Profile<\/em>. Wir, pro-feministische M\u00e4nner und Frauen, sind basisdemokratisch organisiert und k\u00fcmmern uns nicht nur um feministische Belange.<\/p>\n<p>In Israel haben Frauen einen 21-monatigen Milit\u00e4rdienst abzuleisten. Im Gegensatz zu den M\u00e4nnern haben Frauen das Recht, den Dienst an der Waffe aus Gewissensgr\u00fcnden zu verweigern. Jedes Jahr sind es Hunderte von jungen Frauen, die diesen Weg w\u00e4hlen. Und das, obwohl dieser Schritt nicht leicht ist und sie sich vor einem strengen Verweigerungskomitee rechtfertigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Soldatinnen werden in Israel normalerweise in der Armeeverwaltung eingesetzt. Einige Frauen pochen jedoch auf das Recht, in Kampfeinheiten dienen zu d\u00fcrfen, was als Bestrebung um Gleichberechtigung angesehen wird. Dass ihnen diese M\u00f6glichkeit nicht von vornherein gegeben wird, offenbart die frauendiskriminierenden Strukturen in der israelischen Armee.<\/p>\n<p>Diese Strukturen sind so stark, dass viele Soldatinnen sich nicht trauen \u00fcber ihre W\u00fcnsche zu sprechen. Stattdessen meinen sie, die m\u00e4nnliche Rolle \u00fcbernehmen zu m\u00fcssen, in der es gilt, z\u00e4h und heroisch zu sein. Sie ziehen sich in sich zur\u00fcck und werden zu dem gef\u00fchllosen Soldaten, der bereit ist, zu t\u00f6ten und get\u00f6tet zu werden.<\/p>\n<p><strong>Am 15. Februar 2003 demonstrierten 10 bis 15 Millionen Menschen \u00fcberall auf der Welt gegen den dritten Golfkrieg. Was denkt die israelische Bev\u00f6lkerung \u00fcber diesen Krieg?<\/strong><\/p>\n<p>Viele Israelis sind der Meinung, dass Saddam Hussein ein Feind der Sicherheit Israels ist, der beseitigt werden muss. Die Angst, dass Israel wie w\u00e4hrend des Golfkrieges 1991 von Saddam beschossen w\u00fcrde, l\u00e4hmte viele Menschen. Und doch \u00e4u\u00dferten viele tausend Israelis ihre Ablehnung gegen diesen Krieg. So zogen am 15. Februar auch etwa 3.000 Menschen &#8211; Juden wie Araber &#8211; durch die Stra\u00dfen Tel Avivs und protestierten.<\/p>\n<p><strong>Wie beeinflusst der Militarismus das Lebensgef\u00fchl in Israel?<\/strong><\/p>\n<p>Die Jungs werden dazu erzogen, St\u00e4rke zu zeigen, ihre Gef\u00fchle zu leugnen, nicht zu weinen und hart gegen sich selbst zu sein. Von Kindesbeinen an ist ihnen bewusst, dass sie mit 18 Jahren in die Armee eintreten werden. Soldaten kommen in die Schulen, berichten vom Dienst an der Waffe und erkl\u00e4ren, warum es angeblich unverzichtbar sei, zum Milit\u00e4r zu gehen. Unmengen von Geldern werden dem Milit\u00e4r zur Verf\u00fcgung gestellt, w\u00e4hrend zivile Projekte immer weniger Ber\u00fccksichtigung finden.<\/p>\n<p>Um die Menschen vom Denken \u00fcber Alternativen zum Milit\u00e4r abzuhalten, wird eine Atmosph\u00e4re von st\u00e4ndiger Unruhe und permanenter Bedrohung hergestellt.<\/p>\n<p>Es entsteht der Eindruck, als w\u00e4ren alle Personen, die in Israel etwas bedeutendes zu sagen h\u00e4tten Soldaten oder hohe Milit\u00e4rs. Die meisten unserer Premierminister und Politiker sind Ex-Gener\u00e4le. Menschen, die nicht in der Armee dienen, wie nat\u00fcrlich die Araber, aber auch die Orthodoxen oder eben die Kriegsdienstverweigerer werden ausgegrenzt und bestimmter Privilegien beraubt.<\/p>\n<p><strong>In unserer Zeitung haben wir h\u00e4ufig \u00fcber Jonathan Ben Artzi berichtet <\/strong><strong>((1))<\/strong><strong>. Was wei\u00dft Du \u00fcber seine Situation?<\/strong><\/p>\n<p>Jonathans Fall wird noch vor dem Milit\u00e4rgericht verhandelt. Er war 196 Tage im Gef\u00e4ngnis und befindet sich derzeit im offenen Strafvollzug. Ich habe geh\u00f6rt, sein Wille sei ungebrochen. Obwohl er wei\u00df, dass ihm im schlimmsten Falle drei Jahre Gef\u00e4ngnis drohen.<\/p>\n<p><strong>Du warst selbst aufgrund Deiner Verweigerung 56 Tage im Gef\u00e4ngnis. Kannst Du kurz die Umst\u00e4nde w\u00e4hrend Deiner Zeit in Gefangenschaft beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p>Wir waren damals eine ganze Gruppe von Jungs, die entschieden haben, zu verweigern. Normalerweise wurde man in Israel nur aufgrund von psychischen Problemen oder k\u00f6rperlichen Gebrechen vom Milit\u00e4rdienst befreit. Dass Jungs wie wir aus Gewissensgr\u00fcnden dem Dienst an der Waffe entsagten, hatte man in Israel bis dahin nicht oft geh\u00f6rt. Diesen Zustand wollen wir \u00e4ndern, indem wir oft in den Medien vertreten sind und Diskussionen anregen.<\/p>\n<p><strong>Welche Chancen siehst Du f\u00fcr eine friedliche L\u00f6sung des Nahostkonflikts?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt eine L\u00f6sung f\u00fcr den Konflikt zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern. Wir m\u00fcssen einen Zustand herstellen, der jedem Luft zum Leben l\u00e4sst. Wir k\u00f6nnen die Uhr nicht zu den Verh\u00e4ltnissen von 1967 oder 1948 zur\u00fcckdrehen, aber wir m\u00fcssen den Raum schaffen, der Israelis und Pal\u00e4stinenser gl\u00fccklich und in Gleichheit leben l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ich denke, es gibt viele kreative und gute L\u00f6sungen, um dies zu erreichen. Eine, und vielleicht die vern\u00fcnftigste Variante w\u00e4re die Zwei-Staaten-L\u00f6sung, festgelegt nach den Grenzen von 1967. Jerusalem m\u00fcsste nach einem guten Plan geteilt, und vern\u00fcnftige Voraussetzungen f\u00fcr heimkehrende Fl\u00fcchtlinge geschaffen werden.<\/p>\n<p>Es wird sehr wichtig sein, eine vertrauensvolle Atmosph\u00e4re zu schaffen, in der Israelis und Pal\u00e4stinenser \u00fcber die Wunden sprechen k\u00f6nnen, die sie w\u00e4hrend den kriegerischen Jahrzehnten erlitten haben. Entscheidend wird sein, dass sich der Hass und die Wut aufeinander nicht mehr bis zur Explosion aufstauen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Paul Spiegel, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, sieht eine Chance f\u00fcr eine friedliche Zukunft im Nahen Osten nach dem Fall von Saddam Hussein. Wie denkst Du dar\u00fcber?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist nicht sinnvoll die Vers\u00e4umnisse des Staates Israel einem bestimmten Staatsf\u00fchrer aufzub\u00fcrden und zu behaupten, er w\u00e4re die alleinige Quelle des Problems. Es ist wichtig zu bemerken, dass der Angriffskrieg gegen den Irak nicht dazu geeignet ist, den arabischen Wunsch nach Emanzipation im Nahen Osten herzustellen. Denn Frieden schaffen hei\u00dft nicht, eine Gruppe zu unterwerfen, sondern wirkliche Partnerschaft herzustellen.<\/p>\n<p><strong>Zeigt die Tatsache, dass viele Israelis bei der letzten Wahl f\u00fcr Sharon stimmten, ein fehlendes Interesse an einem friedlichen Weg zur L\u00f6sung des Problems?<\/strong><\/p>\n<p>Als die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler f\u00fcr Sharon stimmten, waren sie \u00e4ngstlich und verunsichert. Sie erwarteten nicht, dass Sharons Politik nachhaltige Ergebnisse erzielen w\u00fcrde. Sie entschieden aus dem Gef\u00fchl der Verunsicherung heraus, nicht mit ihrem Verstand.<\/p>\n<p>Die geringe Wahlbeteiligung von nur 64 Prozent zeigt meiner Meinung nach deutlich, dass sich in Sharon nicht die Gedanken und Hoffnungen des israelischen Volkes widerspiegeln.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen die Leserinnen und Leser unserer Zeitung <em>New Profile<\/em> unterst\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n<p>Es hilft, wenn unser Anliegen bei immer mehr Menschen in der Welt Beachtung findet. Es hilft, wenn Kriegsdienstverweigerer Zuspruch in Briefen bekommen, die ihnen ins Gef\u00e4ngnis geschickt werden. Und nat\u00fcrlich ist es immer hilfreich Geld zu spenden, damit wir die M\u00f6glichkeit haben, den friedlichen Weg noch weiter zu gehen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Lotahn, wir danken Dir f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Lotahn, was waren die genauen Gr\u00fcnde f\u00fcr Deine Besuche in Deutschland? 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