{"id":5597,"date":"2003-06-01T00:00:13","date_gmt":"2003-05-31T22:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5597"},"modified":"2022-07-26T14:15:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:12","slug":"peter-a-kropotkin-memoiren-eines-revolutionars","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/06\/peter-a-kropotkin-memoiren-eines-revolutionars\/","title":{"rendered":"Peter A. Kropotkin: Memoiren eines Revolution\u00e4rs"},"content":{"rendered":"<h3>(1) Die Kropotkinschen Memoiren sind zweib\u00e4ndig 2002 beim UNRAST-Verlag in M\u00fcnster neu erschienen ((1)).<\/h3>\n<p>Teilweise aus dem Englischen neu \u00fcbersetzt, werden sie von Heiner Becker und Nicolas Walter kundig eingeleitet. Sie sind mit erl\u00e4uternden Anmerkungen und einem Personenregister versehen. All das ist uneingeschr\u00e4nkt zu loben (beckmesserisch wenige, immer schier unvermeidliche Druckfehler und \u00dcbersetzungsholprigkeiten herauszuklauben, kann ich mir und den hoffentlich vielen geneigten neuen Leserinnen und Lesern ersparen). Die Einleitung weist darauf hin, dass es eine historisch kritische Ausgabe der Ende des 19. Jahrhunderts urspr\u00fcnglich englisch publizierten Memoiren nach wie vor nicht gibt. Die Herausgeber machen au\u00dferdem auf manche Auslassungen, Retouchen und Widerspr\u00fcche von Kropotkins Werk und der schon im 57. Lebensjahr abgeschlossenen Memoiren n\u00fcchtern und behutsam aufmerksam.<\/p>\n<h3>(2) Warum lohnen diese &#8222;Memoiren eines Revolution\u00e4rs&#8220;, wie sie Kropotkin \u00fcber zwanzig Jahre vor seinem Tod w\u00e4hrend seines langen Aufenthalts in England selbst genannt hat, ein Titel, der zu ironischen Glossen geradezu auffordert?<\/h3>\n<p>Zum einen erleichtern sie es, Spuren aufzufinden, die einen der wenigen prominenten Anarchisten dazu gef\u00fchrt haben, sich in eine Position des bewussten Au\u00dfenseiters zu begeben (a). Zum anderen vermittelt diese Autobiographie Einsichten in das Russland der 2. H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts und in einer der fr\u00fchen Phasen der anarchistischen Internationale ((2)) (b). Zum dritten besitzen diese Lebenserinnerungen, jedenfalls zu betr\u00e4chtlichen Teilen einen erheblichen literarischen Rang (c). Zum vierten schlie\u00dflich regen sie dazu an, und geben manche Nahrung daf\u00fcr, \u00fcber die &#8222;Spr\u00fcche&#8220;, sprich die &#8218;Wirklichkeitskraft&#8216; und die Widerspr\u00fcche seinerzeitigen und, soweit davon gesprochen werden kann, heutigen Anarchismus sich Rechenschaft abzulegen &#8211; so man sich, wie dies f\u00fcr den Verfasser gilt, selbst &#8211; lose und verbindlich zugleich, also anarchistisch &#8211; in die anarchistische Tradition einreiht (d) .<\/p>\n<p><strong>a) Anarchistische Motive<\/strong><\/p>\n<p>Dass Kropotkin zum Anarchisten geworden ist, ist angesichts seiner Geburt im Schosse des russisch-zaristischen Hochadels, der Art, wie er als Page nahe dem zaristischen Hof aufgewachsen ist und all den &#8217;normalen&#8216; und &#8218;anormalen&#8216; Karrierechancen, die ihm offen standen oder seinem Talent griffnah winkten, unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>&#8218;Normal&#8216; im Sinne von standesgem\u00e4\u00df, w\u00e4re eine milit\u00e4rische F\u00fchrungsposition gewesen verbunden mit seinem Erbe als Gro\u00dfgrundbesitzer. &#8218;Anormal&#8216;, indes seinen bald gezeigten naturwissenschaftlichen Talenten entsprechend, w\u00e4re es gewesen, er h\u00e4tte, die fast schon gebahnte Karriere eines sp\u00e4ter nobelpreisverd\u00e4chtigen Geologen und Geographen gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Beide Karrieren hat er bewusst ausgeschlagen. Warum er dies nicht getan hat, was alle nicht weiter auff\u00e4lligen, jedoch zeitm\u00e4chtigen Adeligen oder auch Wissenschaftler getrieben haben, wird sich auch vom besten (Auto-)Biographen nie restlos ermitteln lassen. Das geh\u00f6rt in die Geheimnisse der individuellen Habitus- und Bewusstseinsentwicklung allen allgemeinen Kontextfaktoren von der Familie bis zur Gesamtgesellschaft und allen unvermeidlichen &#8218;Zuf\u00e4llen&#8216;, sprich nicht allgemein erkl\u00e4rbaren Konstellationen zum Trotz.<\/p>\n<p>Indes: lebhafte Spuren finden sich in den Memoiren. Ich greife einige derselben isoliert heraus. Danach suche sie, zu einer m\u00f6glichen Spurlinie zu verbinden. &#8222;Die h\u00f6here Mathematik nahm auch viel von meiner Zeit in Anspruch&#8220;, berichtet K (hinfort f\u00fcr Kropotkin) \u00fcber seine Schulzeit im Pagenkorps des Zaren.&#8220; Mehrere von uns hatten schon beschlossen, dass wir nicht ins Garderegiment eintreten wollten, wo unsere ganze Zeit durch den Milit\u00e4rdrill und durch Paraden ausgef\u00fcllt gewesen w\u00e4re, sondern wir wollten nach der f\u00e4lligen Bef\u00f6rderung zu einer der Milit\u00e4rhochschulen, &#8211; der Artillerie oder der Pioniere. Dazu mussten wir uns aber erst in h\u00f6herer Geometrie hinreichend vorbereiten, in der Differentialrechung und in den Anf\u00e4ngen der Integralrechnung, und wir nahmen zu diesem Zweck Privatstunden. Gleichzeitig vertiefte ich mich &#8211; ganz besonders w\u00e4hrend meines letzten Schuljahres &#8211; in die Lekt\u00fcre astronomischer Werke, da uns die Grundlagen der Astronomie als &#8218;mathematische Geographie&#8216; gelehrt wurden. Das nie endende Leben des Weltalls, das ich als Leben und Evolution empfand, wurde f\u00fcr mich zu einer unersch\u00f6pflichen Quelle h\u00f6heren poetischen Denkens, und Schritt f\u00fcr Schritt wurde das Gef\u00fchl der Einheit des Menschen mit der belebten wie der unbelebten Natur &#8211; die Poesie der Natur &#8211; meine Lebensphilosophie&#8220; (S.142).<\/p>\n<p>Dieses Bildungserlebnis, der &#8211; wie man heute sagte &#8211; holistische Hintergrund von Ks Natur-, Gesellschafts- und Anarchismusvorstellung best\u00e4tigt K am Anfang seiner abgebrochenen Karriere als Geograph. &#8222;Es gibt nicht viele Gl\u00fcckgef\u00fchle im menschlichen Leben, die dem gleichen, das wir empfinden, wenn wir nach langem geduldigen Forschen pl\u00f6tzlich begreifen, dass wir so etwas wie eine allgemeine Wahrheit gefunden haben. Was lange Jahre so chaotisch, so widerspr\u00fcchlich und so unbegreiflich schien, nimmt auf einmal die ihm zukommende Position in einem harmonischen Ganzen ein. Aus einem Durcheinander von Tatsachen tritt aus dem Nebel von Vermutungen, die, kaum ge\u00e4u\u00dfert, schon widerlegt sind und verworfen werden m\u00fcssen, ein formvollendetes Bild hervor, einer Alpenkette gleich, die pl\u00f6tzlich in ihrer ganzen Gro\u00dfartigkeit aus dem sie eben noch verh\u00fcllenden Nebel auftaucht und im Glanz der Sonne in all ihrer Einfachheit und Vielf\u00e4ltigkeit, all ihrer Gewaltigkeit und Sch\u00f6nheit vor uns liegt. Und wenn man diese Theorie dann testet, indem man sie auf Hunderte einzelner Fakten anwendet, die zuvor noch hoffnungslos widerspr\u00fcchlich zu sein schienen, nimmt jedes auf einmal seinen ihm zustehenden Platz ein, wodurch das Beeindruckende des Bildes dann verst\u00e4rkt, eine charakteristische Umrisslinie noch hervorgehoben, ein \u00fcbersehenes, aber bedeutungsvolles Detail erg\u00e4nzt wird&#8220; (261f.). Es folgt das Bedauern, diese &#8222;die Freude&#8220; sei herrschaftlich verursachter Weise &#8222;nur einer kleinen Handvoll Menschen&#8220; m\u00f6glich.<\/p>\n<p>In diesem Kontext, angeregt von zeitgen\u00f6ssischen intellektuellen, spezifisch russischen Stimmungen der &#8222;Volksn\u00e4he&#8220;, &#8222;Des-ins-Volks-gehens&#8220; der Umschlag. &#8222;Aber welches Recht hatte ich auf diese h\u00f6heren Freuden, wenn es um mich herum nichts als Elend und Kampf um ein schimmelndes St\u00fcckchen Brot gab; wenn all das, was ich ausgeben musste, um in dieser Welt erhabener Gef\u00fchle zu leben, notwendigerweise denen geradeweg vom Munde weggenommen werden musste, die den Weizen anbauen und selbst kein Brot f\u00fcr ihre Kinder hatten? Von irgend jemandes Mund musste es weggenommen werden, da die Gesamtproduktion der Menschheit noch zu klein ist. Wissen ist eine ungeheure Macht. (&#8230;). Die Massen wollen wissen: sie wollen lernen, sie <em>k\u00f6nnen<\/em> auch lernen (&#8230;). Das ist die Richtung, in die ich, und das sind die Leute, f\u00fcr die ich arbeiten muss! All diese hohlen Phrasen vom Arbeiten f\u00fcr den Fortschritt der Menschheit, w\u00e4hrend die Fortschrittsmacher sich gleichzeitig weit entfernt von denen halten, die sie voranzubringen vorgeben, sind nichts als Sophismen, ausgedacht von K\u00f6pfen, die nur das Bewusstsein eines schmerzlichen Widerspruchs absch\u00fctteln wollen.<\/p>\n<p>Also sandte ich meine ablehnende Antwort an die Geographische Gesellschaft&#8220; (275 f.).<\/p>\n<p>Noch steht ein Wachstums- und Entscheidungsring aus. Dieser st\u00fclpt sich aus im Verlauf der ersten, westw\u00e4rts gerichteten Auslandsreise Ks im Umkreis der Genfer Sektion der 1. Internationalen und der anarchistischen Gruppen im schweizerischen Jura, Uhrmacher spielen eine wichtige Rolle, Bakunins Geist und gerade noch seine Gegenwart sind lebendig, anl\u00e4sslich einer Veranstaltung zur Erinnerung an die Pariser Kommune am ersten Jahrestag, an dem die Kommune am 18.3.1872 ausgerufen worden ist.<\/p>\n<p>&#8222;Stepniak sagt in seiner <em>Laufbahn eines Nihilisten<\/em>, jeder Revolution\u00e4r habe in seinem Leben einen Moment gehabt, wo ihn irgendein m\u00f6glicherweise unbedeutender Umstand zu dem Gel\u00f6bnis gebracht habe, sich der Sache der Revolution zu weihen. Ich kenne diesen Moment, ich erlebte ihn nach einem Treffen in der Freimaurerloge, als ich st\u00e4rker als je zuvor empfand, wie feige all die Gebildeten handeln, die z\u00f6gern, ihre Bildung, ihr Wissen, ihre Energie in den Dienst derer zu stellen, die dieser Bildung und Energie so sehr bed\u00fcrfen. &#8218;Hier sind Menschen&#8216;, sagte ich zu mir, &#8218;die sich ihrer Knechtschaft bewusst sind und die daf\u00fcr arbeiten, sich von ihr frei zu machen &#8211; aber, wo sind die Helfer? Wo sind die, die den Massen dienen wollen &#8211; ohne sie f\u00fcr ihre eigenen Ambitionen zu missbrauchen?'&#8220; (310 f.). Die H\u00e4utung zum bewussten Anarchisten war fast perfekt. &#8222;Die theoretische Ausbildung des Anarchismus, wie sie damals innerhalb der Jura-F\u00f6deration nicht zuletzt durch Bakunin Formen annahm, die Kritik des Staatssozialismus &#8211; die Furcht vor einem den blo\u00dfen politischen Despotismus an Gef\u00e4hrlichkeit weit \u00fcbertreffenden wirtschaftlichen Despotismus -, die ich dort formuliert h\u00f6rte, und der revolution\u00e4re Charakter der Agitation sprachen mich ungemein an und beeinflussten mich tief. Aber die Art wie jeder jeden als Gleichen sah und behandelte, die ich in den jurassischen Bergen fand, die Unabh\u00e4ngigkeit im Denken und im Ausdruck, wie ich sie unter den dortigen Arbeitern entwickeln sah, und ihre grenzenlose Hingabe an die gemeinsame Sache sprachen meine Gef\u00fchle noch viel mehr an; und als ich die Berge nach einer guten Woche Aufenthalt bei den Uhrmachern wieder hinter mir lie\u00df, standen meine sozialistischen Ansichten fest: <em>Ich war ein Anarchist<\/em>&#8220; (319). Die ungeheure Aufgabe der Revolution, in den &#8218;Gebeinen&#8216; der Natur- und Gesellschaftsgeschichte ohnehin angelegt, t\u00fcrmte sich vor K als anhaltendes Dauererfordernis. &#8222;Die Frage ist von daher nicht so sehr, wie man Revolutionen vermeiden kann, sondern wie die weitestgehenden Ergebnisse mit dem geringsten Ma\u00df an B\u00fcrgerkrieg, der geringsten Zahl an Opfern und einem Minimum gegenseitiger Erbitterung zu erzielen sind.<\/p>\n<p>Hierf\u00fcr gibt es nur ein Mittel, n\u00e4mlich dass der unterdr\u00fcckte Teil der Gesellschaft sich so klar wie m\u00f6glich \u00fcber seine Ziele und die dahin f\u00fchrenden Wege ist und dass er mit dem zur Erreichung des Zieles n\u00f6tigen Enthusiasmus ausgestattet ist; denn dann kann er sicher sein, dass gerade die besten und frischesten intellektuellen Kr\u00e4fte der privilegierten Klasse sich seiner Sache anschlie\u00dfen&#8220; (322 f.).<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in Russland wird K Teil der Bewegung Intellektueller, die &#8218;ins Volk gehen&#8216;, sprich zu den Bauern, zu Arbeitern, um sie, von Spitzeln verfolgt und unterwandert, wie &#8218;Apostel&#8216; empfangen und behandelt, zur Selbstorganisation zu f\u00f6rdern. &#8222;&#8218;Redet mit anderen&#8216;, sagten wir, &#8218;bringt Leute zusammen; und wenn wir zahlreicher geworden sind, werden wir sehen, was wir erreichen k\u00f6nnen.&#8216; Sie verstanden vollkommen, und wir mussten nur ihren Eifer m\u00e4\u00dfigen. Unter ihnen verbrachte ich meine gl\u00fccklichsten Stunden. Ganz besonders erinnere ich mich an den Neujahrstag 1874, den letzten, den ich in Russland in Freiheit verbrachte (K wurde wie viele andere verhaftet; die Gef\u00e4ngnisbedingungen hat er hier wie sp\u00e4ter in Frankreich anschaulich beschrieben; zwei Jahre darauf gelang ihm die Flucht; die Beschreibung lohnt der Lekt\u00fcre; er emigrierte in die Schweiz, dann nach Frankreich, anschlie\u00dfend nach England. Erst ins revolution\u00e4re Russland kehrte er im Februar 1917, von 60 000 Menschen begr\u00fc\u00dft, nach Petersburg zur\u00fcck. Die Kerenski-Regierung bietet ihm ein Ministerium an. Er lehnt ab. Er ber\u00e4t sie aber. Unter anderem ratschlagt er dazu, den Krieg fortzusetzen. Nach der Oktober-Revolution wird K von der bolschewistischen Regierung in Schritt und Tritt eingeengt. Nur zur Beerdigung Ks nach seinem Tod am 8.2.1921 l\u00e4sst das l\u00e4ngst von der Tscheka mitgef\u00fchrte Regime eine von Anarchisten organisierte Beerdigung zu. Viele von diesen sind daf\u00fcr zeitweise aus der Haft entlassen worden. Die schwarze Fahne flattert ein letztes Mal zugelassen \u00f6ffentlich. Ein Staatsbegr\u00e4bnis hatte die Familie abgelehnt. 100 000 Menschen folgen dem Sarg von Dmitrov, in der N\u00e4he Moskaus gelegen, in die Haupstadt ((3)). Den Abend vorher hatte ich in &#8218;feiner Gesellschaft&#8216; verbracht. Inspirierte, edle Worte wurden an diesem Abend \u00fcber B\u00fcrgerpflichten, das Wohl des Landes und dergleichen gesprochen. Aber bei all diesen begeisterten Reden klang doch ein Ton immer wieder an: wie k\u00f6nnte jeder der Redner sein eigenes, pers\u00f6nliches Wohlergehen sichern? Und doch hatte keiner den Mut, frei und offen auszusprechen, dass er nur das zu tun bereit war, was sein eigenes gemachtes Nest nicht in Gefahr brachte. Sophismen &#8211; immer nur Sophismen &#8211; \u00fcber die Langsamkeit des Fortschritts, \u00fcber die Unt\u00e4tigkeit der unteren Klassen, die Nutzlosigkeit von Opfern, waren die Art von Phrasen, die die unausgesprochenen Worte zu rechtfertigen gemeint waren und die mit Beteuerungen jedes einzelnen durchsetzt waren, er sei zu Opfern nur zu bereit. Ich wurde inmitten all dieses Geschw\u00e4tzes pl\u00f6tzlich von einer tiefen Traurigkeit gepackt und kehrte nach Hause zur\u00fcck. Am n\u00e4chsten Morgen besuchte ich eine unserer Weberversammlungen. Sie fand in einem unterirdischen dunklen Raum statt. Ich war wie ein Bauer gekleidet und ging v\u00f6llig in der Menge anderer Schafspelze auf. Mein Genosse, den die Arbeiter kannten, stellte mich einfach als: &#8218;Borodin, ein Freund&#8216; vor. &#8218;Erz\u00e4hl uns Borodin&#8216;, sagte er, &#8218;was Du im Ausland gesehen hast.&#8216; Und ich sprach von der Arbeiterbewegung in Westeuropa, ihren K\u00e4mpfen, ihren Problemen und ihren Hoffnungen. Das Publikum bestand haupts\u00e4chlich aus Leuten im mittleren Lebensalter; sie waren ungemein interessiert. Die Fragen, die sie mir stellten, gingen alle auf den Punkt &#8211; \u00fcber die kleinsten Details der Gewerkschaften, \u00fcber die Ziehe der Internationalen Arbeiterassoziation und ihre Chancen auf Erfolg. Und dann kamen wieder Fragen, was in Russland gemacht werden k\u00f6nnte und welche Aussicht unsere Propaganda h\u00e4tte. Ich verkleinerte die Gefahren unserer Agitation niemals und sagte offen, was ich dachte. &#8218;Wir werden wahrscheinlich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter nach Sibirien geschickt werden; und ihr &#8211; ein Teil von euch &#8211; werden lange Monate ins Gef\u00e4ngnis geworfen werden, weil ihr uns zugeh\u00f6rt habt.&#8216; Diese d\u00fcstere Aussicht erschreckte sie nicht. &#8218;Na ja, in Sibirien leben auch Menschen &#8211; nicht blo\u00df B\u00e4ren.&#8216; &#8211; &#8218;Wo schon Menschen leben, k\u00f6nnen andere auch existieren.&#8216; &#8218;Der Teufel ist nicht so schwarz, wie er gemalt wird.&#8216; &#8218;Wer sich vor W\u00f6lfen f\u00fcrchtet, darf nicht in die Wald gehen,&#8216; sagten sie, als wir uns verabschiedeten. Und als sp\u00e4ter einige von ihnen wirklich verhaftet wurden, verhielten sie sich beinahe alle mutig, deckten uns und verrieten keinen&#8220; (359 f.).<\/p>\n<p><strong>b) Russland in der 2. H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts<\/strong><\/p>\n<p>Als F\u00fcrstensohn, der fr\u00fch seine geliebte Mutter verlor, mit dem spr\u00f6de und adelskonventionell anmutenden Vater vorlieb nehmen musste, soweit er rar und distanziert in Erscheinung trat, in br\u00fcderlicher Liebe seinem \u00e4lteren Bruder eng verbunden war K, wie es nicht anders m\u00f6glich ist, Kind seiner Zeit. Des zaristischen Russlands mit den wenigen st\u00e4dtischen Zentren in Moskau und Petersburg insbesondere. Eines Bauernlandes russisch-orthodoxen Glaubens, in dem bis 1861 Erbuntert\u00e4nigkeit herrschte. Sie wurde durch Alexander II. mit einem Fidelio-Ton &#8222;Freiheit&#8220;, der durch das riesige Land schallte, aufgehoben, sogleich wieder halb zur\u00fcckgenommen und in ihrer Umsetzung zuweilen bis zum verelendenden Nichts, das Gro\u00dfbesitzer privilegierte, zerrieben. K erlebte die lang ersehnte Aufhebung der Erbuntert\u00e4nigkeit, ihren Hoffnungsregen, ihre unzureichenden \u00d6ffnungen und ihre raschen herrschaftswillk\u00fcrlichen Schlie\u00dfungen aus n\u00e4chster Hofn\u00e4he mit. Aus den vielen kennzeichnenden Splittern der widerspr\u00fcchlich gehemmten und selbst beherrscht herrschenden Gestalt Alexanders II. lie\u00dfe sich fast so etwas wie eine Portr\u00e4tstudie kollagieren.<\/p>\n<p>Viele Einflussbrocken und Entwicklungslinien werden fass- und vermutbar, die den Adelsz\u00f6gling K. wachsend seine Welt ergreifen lie\u00dfen und die ihn zu dem machen, was er fr\u00fch an Leibeigenen beobachtet, die ihn wie ihr Kind, z\u00e4rtlich und sorglich und schutzschirmend erzogen. &#8222;Manche Menschen verzehrt der leidenschaftliche Wunsch, nach dem Tode fortzuleben, aber oft geht ihr Leben dahin, ohne dass sie erkennen, dass das Andenken eines wahrhaft guten Menschen niemals vergeht. Es pr\u00e4gt sich der n\u00e4chsten Generation ein und wird von ihr wieder der folgenden \u00fcbermittelt. Ist das eine Art der Unsterblichkeit, nach der sich zu streben lohnt?&#8220; (S.42). In K aufgehobene anscheinshafte Niemande, Leibeigene, Frauen und M\u00e4nner, die in ihm und durch ihn und \u00fcber ihn hinaus die Ekstase des aufrechten Gangs erlebten.<\/p>\n<p>Von den vielen Schilderungen und Beobachtungen will ich nur solche aus zwei Bereichen herausgreifen. \u00dcber die Leibeigenen und aus den Beobachtungen \u00fcber die Amur-Region in Sibirien. Solche aus der Schulzeit \u00fcber ungew\u00f6hnliche Lehrer habe ich gerade gestrichen, als ich bemerkte, dass mein Text sich aufplusterte. Nachlesen also bitte u.a. Seite 108 bis 118. A propos Schule. Elemente d\u00fcsterster P\u00e4dagogik, dem schulischen Vorkasernendrill mischen sich mit solchen privilegierter und enger Heimerziehung, dennoch m\u00f6glichem Lern- und Wissensenthusiasmus &#8211; siehe oben &#8211; und neben den Pr\u00fcgel-, den Sonnenflecken von Lehrern, die a-normal lehrten. Vielleicht sind es zuweilen die Sonnenflecken, die &#8222;magisch&#8220; weiterleuchten, selbst wenn ansonsten Nacht dunkelt.<\/p>\n<p>Leibeigene. Es ist wahrhaft banal. Wer Russland und seine Geschichte, der bis heute merkw\u00fcrdigen Legierung von &#8222;Moderne&#8220; und &#8222;Vormoderne&#8220;, gerade in ihren eigenartigen Herrschafts- und Legitimationsformen wenigstens ansatzweise verstehen will, der muss das riesige &#8222;Land&#8220; dieses riesigen Landes, der muss die b\u00e4uerliche Bev\u00f6lkerung in ihrer unterdr\u00fcckungsdurchwachsenen, Existenzweise, ihren beschr\u00e4nkten, dann gewaltsam aufgen\u00f6tigten Produktionsbedingungen begreifen.<\/p>\n<p>Auch indem ihr oder ihm einsichtig, welcher auch &#8218;positiv&#8216; ertragenden und mit denen anderen Bauern umgehenden Verhaltensweisen einer eigenen &#8222;moralischen \u00d6konomie&#8220; es bedurfte, diesen schier ewigen Herrschaftsdruck auszuhalten. Die Geschichte der Erbuntert\u00e4nigkeit und ihrer halben Aufhebungen im 19. und 20. Jahrhundert spielen hierbei eine haupts\u00e4chlich Rolle ((4)). K ist der Leibeigenschaft begegnet, schon bevor er sich auf Kleinkinderbeinen bewegte. Leibeigene haben ihn, fast an Kindes statt, gro\u00df gezogen. Alles durch Leibeigene, was man braucht, herstellen und servieren zu lassen, das war unter anderem der stellvertretende &#8218;Stolz&#8216; adeliger Gro\u00dfgrundbesitzer wie seines Vater. Die Leibeigenschaft war es, die K zuerst Herrschaft erfahren lie\u00df, die den ganzen Menschen, all seine Bedingungen und \u00c4u\u00dferungen um- und erfasste. &#8222;Frei zu werden&#8220;, der &#8222;best\u00e4ndigen Traum der Leibeigenen&#8220; begegnete ihm als erste konkrete Utopie vieler Menschen, die er kannte (und auch liebte). Dass die \u00f6konomische und soziale Organisation des l\u00e4ndlich b\u00e4uerlichen Raums, die Art, wie Menschen Brot gewinnen und verteilen, mit der industriellen Produktion eintr\u00e4glich verbunden werden und jeder daran teilhaben m\u00fcsse, geh\u00f6rt zu Ks anhaltenden \u00dcberzeugungen. Er hat diesen viele seiner \u00dcberlegungen zur sozialistisch anarchistisch angemessenen Organisation gewidmet hat ((5)). Hier nicht zuletzt besteht einer der konzeptionell gr\u00f6\u00dften Unterschiede zum industrie- und wachstumsfixierten Sozialismus\/Kommunismus fast aller nicht anarchistischen Pr\u00e4gungen. Erst der Anarchismus dieser Pr\u00e4gung stellt deshalb eine, allenfalls in ihrer Bestandsf\u00e4higkeit bezweifelbare radikale Alternative zum Kapitalismus dar.<\/p>\n<p>Eine kleine Geschichte 11 Jahre nach dem Ruf &#8222;Es ist die Freiheit&#8220;, also nach 1861 muss gen\u00fcgen. &#8222;11 Jahre nach jener denkw\u00fcrdigen Zeit reiste ich zu unserem Gut in Tambow, das ich von meinem Vater geerbt hatte. Ich blieb ein paar Wochen dort, und am Abend vor meiner Abreise machte unser Dorfpriester &#8211; ein intelligenter unabh\u00e4ngiger Mann, wie man sie hin und wieder in unseren s\u00fcdlichen Provinzen trifft -, einen Rundgang durch das Dorf. Der Sonnenuntergang war herrlich, und eine samtweiche Luft wehte von der Steppe aus herein. Er traf auf einen Bauern mittleren Alters, namens Anton Saweljew, der auf einer kleinen Anh\u00f6he beim Dorf sa\u00df und im Buch der Psalmen las. Der Bauer kannte die altslawischen Buchstaben kaum, und er las oft einen Psalm, indem er von hinten nach vorn bl\u00e4tterte. Diese Art des Lesens schien ihm besondere Freude zu machen; hin und wieder stach ihm dabei ein Wort in die Augen, und es zu wiederholen bereitete ihm Vergn\u00fcgen. In dem Moment las er gerade einen Psalm, bei dem jeder Vers mit dem Wort &#8218;Freue dich&#8216; anfing. &#8218;Was liest Du, Saweljew ?&#8216; fragte der Pope. &#8218;Nun, Vater, ich werd&#8217;s Ihnen sagen&#8216;, war seine Antwort. &#8218;Es sind vierzehn Jahre her, da kam einmal der alte F\u00fcrst ins Dorf. Es war mitten im Winter, und ich war gerade nach Hause gekommen, fast erfroren. Drau\u00dfen tobte ein Schneesturm. Ich hatte kaum angefangen, mich auszuziehen, als wir es ans Fenster klopfen h\u00f6rten: Es war der Dorf\u00e4lteste, der rief: &#8218;Geh zum F\u00fcrsten! Er will dich sehen!&#8216; Wir alle &#8211; meine Frau und unsere Kinder &#8211; waren wie vom Blitz getroffen. &#8218;Was kann er von Dir wollen&#8216;, schrie meine Frau ganz aufgeregt. Ich bekreuzigte mich und ging; der Schneesturm blendete mich fast, als ich die Br\u00fccke \u00fcberquerte. Nun, die Sache endete gut. Der alte F\u00fcrst hielt sein Mittagsschl\u00e4fchen, und als er aufwachte, fragte er mich, ob ich was vom T\u00fcnchen verst\u00e4nde, und sagte mir dann nur: &#8218;Komm morgen und t\u00fcnche das Zimmer dort!&#8216; Ich ging ganz gl\u00fccklich heim. Als ich aber an die Br\u00fccke komme, treffe ich dort meine Frau. Sie hat die ganze Zeit dort mit dem Baby auf dem Arm im Schneesturm gestanden und auf mich gewartet. &#8218;Was gab&#8217;s Sawelitsch&#8216;, rief sie. &#8218;Nun&#8216;, antwortete ich, &#8217;nichts Schlimmes; er hat mir nur aufgetragen, ich solle ein Zimmer t\u00fcnchen.&#8216; Das, Vater, war unter dem alten F\u00fcrsten. Und nun ist der junge F\u00fcrst hergekommen, und ich bin gestern zu ihm gegangen und fand ihn im Garten, wo er am Teetisch im Schatten seines Hauses sa\u00df; Sie, Vater, sa\u00dfen neben ihm und der Bezirks\u00e4lteste mit seiner B\u00fcrgermeisterkette um den Hals. &#8218;Willst Du Tee, Sawletisch?&#8216; fragte er mich. &#8218;Nimm einen Stuhl! Peter Grigorjew&#8216; &#8211; das sagte er zu dem Alten &#8211; &#8218;hol uns noch einen Stuhl!&#8216; Und Peter Grigorjew &#8211; Sie wissen, welche Angst wir alle vor ihm hatten, als er noch Verwalter des alten F\u00fcrsten war -brachte den Stuhl, und wir sa\u00dfen alle um den Teetisch herum und redeten miteinander, und er go\u00df uns allen Tee ein. Nun, sehen Sie, Vater, der Abend ist so sch\u00f6n, von den Steppen kommt der Wind herein, und ich sitze und lese &#8218;Freue dich! Freue dich!&#8216; Das bedeutete die Aufhebung der Leibeigenschaft f\u00fcr die Bauern&#8220; (163 f.).<\/p>\n<p>Sibirien. Amur. Immer wenn ich mich an meine erste Lekt\u00fcre der &#8222;Memoiren eines Revolution\u00e4rs&#8220; in den 70er Jahren erinnerte, war es ein Aspekt, der mir zuvor trotz intensiver Lekt\u00fcre &#8218;der&#8216; Russen w\u00e4hrend meiner Studentenzeit, Dostojewski an erster Stelle, so nicht aufgefallen war. K hatte mir die Augen f\u00fcr die ungeheure, allenfalls beherrsch-, jedoch nicht regierbare Gr\u00f6\u00dfe Russlands ge\u00f6ffnet und darin der schier unermesslichen Weite in der Gr\u00f6\u00dfe, der Weite Sibiriens. Nicht als &#8222;Totenhaus&#8220;, wie sie der dort jahrelang inhaftierte Dostojewski schildert, sodass man von diesem Gef\u00e4ngnismal in der Vorstellungsseele nie mehr loskommt, als gro\u00dfgestaltetes, vom Riesenfluss Amur Tausende von Kilometern verbundene, bergtalig vielgestaltig aufgeworfenen Riesenort der M\u00f6glichkeiten erscheint Sibirien in den Worten des faszinierten jungen Geographien und Messk\u00fcnstlers K. Ich war nie dort. Und habe es sich noch so viel ver\u00e4ndert &#8211; und dies hat es in der Sowjet-Union und heute im nachsowjetisches Russland und den diversen asiatischen Nachfolge- oder schon seinerzeitigen Anrainerstaaten -, ich g\u00e4be viel darum, das, was ich durch Ks forschend kundiges Auge gesehen habe, nicht nur touristisch wahrnehmen zu k\u00f6nnen. Der &#8222;Dritte Teil: Sibirien&#8220;, am Ende des 1. Bandes handelt von diesem mir fast nur durch K erschlossenen Sibirien. Statt zu versuchen, das von K vermittelte Riesen-Weite-Erlebnis in knappen Zitaten einzufangen, f\u00fchre ich nur zwei, nicht nur f\u00fcr K wichtige politische Einsichten an, ohne damit vertuschen zu wollen, dass auch in er Geographie selbst ein schlafendes Politikum liegt.<\/p>\n<p>&#8222;Die h\u00f6here Verwaltung in Sibirien war von den besten Absichten beseelt (&#8230;). Aber es war eben doch eine Verwaltung, ein Zweig des Baums, der seine Wurzeln in St. Petersburg hatte, und das gen\u00fcgte v\u00f6llig, um die besten Absichten zu l\u00e4hmen und alle Ans\u00e4tze eines selbstst\u00e4ndigen regionalen Lebens und Fortschritts zu sabotieren. Was immer \u00f6rtliche Vertreter zum besten des Landes in die Wege leiteten, wurde mit Misstrauen betrachtet und wurde sogleich durch Berge von Schwierigkeiten blockiert, die nicht so sehr in b\u00f6ser Absicht der betreffenden Personen ihren Grund hatten &#8211; Menschen sind im allgemeinen besser als Institutionen -, sondern nur darin, dass sie Teil einer pyramidenf\u00f6rmigen, zentralisierten Verwaltung waren. Allein die Tatsache, dass es sich um eine Regierung handelt, die ihren Ursprung in einer fernen Hauptstadt hat, bringt sie dazu, alles nur noch vom Gesichtspunkt eines Beamten aus zu sehen, der zu aller erst daran denkt, was die Vorgesetzten sagen werden und wie alles sich in die Verwaltungsmaschine einf\u00fcgt, nicht aber an die Interessen des Landes&#8220; (235 f.). Danach folgt ein f\u00fcr K entscheidendes Lernerlebnis, das, zusammen mit dem schon Skizzierten, geradezu die &#8222;Basis&#8220; oder metaphorisch anders, die &#8222;Triebkraft und Seele&#8220;, ja das verborgene und appellativ gemeinte Subjekt seines Anarchismus ausmacht.<\/p>\n<p>&#8222;Die Jahre, die ich in Sibirien lebte, lehrten mich vieles, das ich kaum andernorts h\u00e4tte lernen k\u00f6nnen. Ich begriff bald, dass es v\u00f6llig unm\u00f6glich ist, etwas wirklich N\u00fctzliches f\u00fcr die gro\u00dfe Masse des Volkes mithilfe der Verwaltungsmaschinerie zu leisten. Diese Illusion verlor ich ein f\u00fcr allemal. Aber daneben entwickelte ich nicht nur f\u00fcr die Menschen und den menschlichen Charakter ein Verst\u00e4ndnis, sondern auch f\u00fcr die inneren Triebfedern und das Funkionieren der menschlichen Gesellschaft. Die von den namenlosen Massen geleistete sch\u00f6pferische Arbeit findet so selten in den B\u00fcchern auch nur eine Erw\u00e4hnung, und hier trat mir ihre gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr die Entwicklung gesellschaftlicher Formen in all ihrer Breite vor Augen. (&#8230;) Es war im Grunde ein Anschauungsunterricht, der mich ein f\u00fcr allemal begreifen lie\u00df, welchen Anteil die unbekannten Massen an allen wichtigen historischen Geschehen, selbst den kriegerischen haben; dabei entwickelte ich Auffassungen \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zwischen F\u00fchrern und Massen, die ganz denen \u00e4hneln, die Tolstoj in seinem monumentalen Wert <em>Krieg und Frieden <\/em>zum Ausdruck bringt&#8220; (238).<\/p>\n<p>So gesehen hat die erste Reise nach Westeuropa Anfang der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts, vor allem in den Schweizer Jura nur den lange angelegten, aus vielen Einfl\u00fcssen &#8218;zusammengeschossenen&#8216; Anarchisten Peter Kropotkin evident und bewusst gemacht.<\/p>\n<p><strong>c) Die Memoiren als ein Buch &#8218;f\u00fcr sich&#8216; genommen<\/strong><\/p>\n<p>Das d\u00fcrfte schon deutlich geworden sein. Dass K&#8217;s Erinnerungen seines Lebens, die gerade knapp zwei Dritteln desselben gelten, an sich selber die Lekt\u00fcre lohnen, ob man nun an K als einer Person, insbesondere an K als einem prominenten Anarchisten besonderes interessiert ist oder nicht. Von selbst versteht sich, dass das zus\u00e4tzliche Interesse an der Konzeption, der Geschichte und an den haupts\u00e4chlichen Merkmalen des Anarchismus, genauer der Anarchismen und seinen haupts\u00e4chlichen Vertretern diese Memoiren zu einer zus\u00e4tzlich aussch\u00f6pfbaren Fundgrube macht.<\/p>\n<p>Da ich die englische Fassung nicht vor mir liegen habe und entsprechend mit der deutschen vergleichen kann, halte ich mich beim Urteil \u00fcber die sprachliche Qualit\u00e4t der Memoiren zur\u00fcck. Wie oben schon ber\u00fchrt lesen sich die Erinnerungen m\u00fchelos. Zum Teil sind die Schilderungen sehr farbig und anschaulich geraten. Ganze Kapitel und Kapitelteile besitzen einen erheblichen literarischen Rang.<\/p>\n<p>Sprich, in ihnen wird beispielsweise die Bedeutung der Erbuntert\u00e4nigkeit f\u00fcr die Erbuntertanen oder der Gef\u00e4ngnisse f\u00fcr die Inhaftierten so greif- und nachvollziehbar vorgestellt, dass allgemeine Verh\u00e4ltnisse und ihre besondere Bedeutung f\u00fcr die einzelnen Menschen, dicht beschrieben, ineinander vermittelt aufgehoben werden. Die Komposition der Memoiren insgesamt besitzt keine eigene, mehr als durch K und seine Zeit zusammengehaltene &#8218;Logik&#8216;. Die Erinnerungen folgen keinem \u00fcberragenden kompositorischen Prinzip, das in einem Finale berstend b\u00fcndelte. Unbeeintr\u00e4chtigt von diesem nicht nur \u00e4sthetischen Urteil sind sie jedoch in den berichteten &#8218;Wirklichkeitsblicken&#8216; meist jenseits der Hauptstra\u00dfen &#8211; und selbst auf den Hauptstra\u00dfen denselben untergr\u00fcndig und deviant &#8211; ausgesprochen spannend zu lesen. Ihre Lebendigkeit kommt darin besonders zum Ausdruck, dass sie zum dauernden Nachdenken \u00fcber unsere Zeit und unser Verhalten in ihnen anregen, obwohl das Russland und selbst das Westeuropa der 2. H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts fern vergangen erscheint. K bleibt in seinen Schilderungen und in dem, was ihn und wie es ihn treibt, inmitten der &#8222;V-Effekte&#8220; (Verfremdungseffekt nach Bert Brecht) unser Zeitgenosse, k\u00f6nnte und sollte es jedenfalls bleiben, sofern wenigstens eine geringe anarchistische &#8218;Musikalit\u00e4t&#8216; besteht.<\/p>\n<p><strong>d) Die Memoiren eines Revolution\u00e4rs in nur unter vielen Vorbehalten revolution\u00e4r zu nennender Zeit &#8211; Die Erinnerungen eines Anarchisten in einem Kontext, der das, was jedenfalls der kropotkinsche Anarchismus wollte und hoffte, zur Illusion ohne Zukunft zu degradieren scheint (und selbst an den Vorbehalt in der Formulierung &#8222;scheint&#8220; muss man in Sinne einer Hoffnung wider das Hoffen festhalten)<\/strong><\/p>\n<p>Kann man in Ks Memoiren verfolgen, wie sich ein Anarchist gro\u00dff\u00fcrstlich russischen Hintergrunds, aus den geistigen Str\u00f6mungen und Br\u00fcchen des 19. Jahrhunderts verst\u00e4ndlich, allm\u00e4hlich bildet und Anfang der 1870er Jahre &#8218;fertig&#8216; vor uns steht, so f\u00fchren die Erinnerungen nur eher am Rande in das ein, was man die anarchistische Wirklichkeitskonstruktion, was man das anarchistische Konzept (&#8222;Programm&#8220;), seine Begr\u00fcndung, seine Ziele und die mit ihm verbundenen \u00dcberlegungen, diese zu verwirklichen, nennen k\u00f6nnte. Hierbei versteht sich von vornherein, dass es <em>das<\/em> anarchistische Konzept nicht gibt, sondern historisch und gegenw\u00e4rtig diverse, allerdings mit wichtigen gemeinsamen Merkmalen versehene Konzepte (und Praktiken). Um Ks spezifischen &#8217;sozialen Anarchismus&#8216; genauer kennen zu lernen, muss man zu anderen Werken Ks greifen. Meines Erachtens lohnt vor allem K&#8217;s &#8222;Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt&#8220;. Die von Gustav Landauer, einem Anarchisten eigenen Rangs, 1904 besorgte Deutsche Ausgabe &#8211; Gustav Landauer wurde als Vertreter der M\u00fcnchener R\u00e4terepublik am 2. Mai 1919 ermordet &#8211; wurde im Trotzdem-Verlag 1989 von Henning Ritter neu herausgegeben und mit einem Nachwort versehen. Diese ist 1999 neu aufgelegt worden.<\/p>\n<p>Indes, erneut und dringlicher gefragt: lohnt es die Memoiren als Hintergrund, Untermalung und Best\u00e4tigung von K&#8217;s sozialem Anarchismus heute \u00fcberhaupt noch zu lesen und zu er\u00f6rtern? Eric Hobsbawm, ein sozialistischer Historiker von rarer Qualit\u00e4t, der im Umkreis der Studentenbewegung den Nachdruck anarchistischer Texte nicht nur, sondern eine neu belebte anarchistische Diskussion fast irritiert zur Kenntnis nahm, stellte vergangenheitsgerichtet schon fest: &#8222;Kurz gesagt, die Hauptanziehung des Anarchismus war emotionaler, nicht intellektueller Art.&#8220; Und f\u00fcr die Gegenwart vor mehr als 30 Jahren notierte er, dass ihm die &#8222;Wiederbelebung&#8220; des Interesses am Anarchismus &#8222;ungerechtfertigt erscheint.&#8220; Obwohl der Anarchismus &#8222;heutzutage wieder als politische Kraft anzusehen&#8220; sei, sei der &#8222;Wert&#8220;, den die &#8222;anarchistische Tradition&#8220; besitze in Sachen &#8222;Ideologie, Theorie und Programme&#8220; geringf\u00fcgig. Nicht vorzustellen sei, &#8222;ein theoretisches Modell eines freiheitlichen Anarchismus zu konstruieren, das mit moderner wissenschaftlicher Technologie vereinbar ist&#8220;. &#8222;Es ist klar geworden&#8220;, so res\u00fcmiert er, &#8222;dass meiner Meinung nach der Anarchismus keinen bedeutenden Beitrag zur sozialistischen Theorie leisten kann, obwohl er ein n\u00fctzliches kritisches Element darstellt.<\/p>\n<p>Wenn Sozialisten Theorien \u00fcber Gegenwart und Zukunft brauchen, werden sie immer noch anderswo danach Ausschau halten m\u00fcssen: bei Marx und seinen Anh\u00e4ngern und wahrscheinlich auch bei den fr\u00fchen utopischen Sozialisten, wie etwa Fourier. Um genauer zu sein: wenn Anarchisten einen wichtigen Beitrag zu leisten w\u00fcnschen, werden sie weit ernsthafter nachdenken m\u00fcssen, als viele es von ihnen neuerdings getan haben.&#8220; Nur &#8222;ein ungew\u00f6hnliches Feingef\u00fchl (der Anarchisten, WDN) f\u00fcr die spontanen Elemente von Massenbewegungen&#8220; bleibe im Sinne aktiver Erinnerung festzuhalten (s. Hobsbawm: Was kann man noch vom Anarchismus lernen? in: Kursbuch 19, Kritik des Anarchismus, Dezember 1969, S.47-57).<\/p>\n<p>Das war 1969. Die antiautorit\u00e4ren Betriebsamkeiten hatten ihren H\u00f6hepunkt schon \u00fcberschritten, schossen jedoch vor allem im ausgefransten und ausfransenden Bildungs- und Wohnbereich zuweilen wie pilzartig aus dem autorit\u00e4ren (bundes-)deutschen und West-Berliner Boden. &#8222;Anarchie ist machbar, Frau Nachbar&#8220; signalisierte leuchtend wei\u00df noch eine Wandparole der &#8222;Instandbesetzerbewegung&#8220; in West-Berlin, Ende der 70er Jahre, ein letzter Ausdruck der Studentenbewegung, die l\u00e4ngst in K-Gruppen selbst versteinert und, herrschaftlich fr\u00fch unterdr\u00fcckt, reform-b\u00fcrokratisch verlandet war. Diesen Kurs indizieren auch die &#8222;Kursb\u00fccher&#8220; dieser Jahre.<\/p>\n<p>Und heute? Ob mit berechtigt unberechtigtem Skeptizismus Hobsbawms, mit mangelhafter anarchistischer Sehkraft, beispielsweise eines Wolfgang Harich, der sich gleichfalls im 69er Kursbuch Nr.19 unter dem Titel &#8222;Zur Kritik der revolution\u00e4ren Ungeduld&#8220; lesenswert zu den systematischen Beschr\u00e4nktheiten anarchistischer Gesellschaftskritik \u00e4u\u00dfert -, wer von diesen und anderen k\u00f6nnte Spurenelemente anarchistischer Lebenskraft heute entdecken? Freilich, auch die etablierten &#8222;Sozialismen&#8220; sind nahezu ohne Ausnahme nach dem Kollaps der Sowjet-Union von der Bildfl\u00e4che verschwunden: Wirklichkeit wahrzunehmen und entsprechend &#8222;sozialistisch&#8220; zu gestalten.<\/p>\n<p>Darum gilt die Feststellung Hobsbawms heute viel umfassender und ungleich radikaler als er es seinerzeit gemeint hat, kritisch &#8217;nur&#8216; dem Anarchismus zugekehrt:<\/p>\n<p>&#8222;Bewundernswert, aber hoffnungslos. Es ist fast sicher, dass die monumentale Wirkungslosigkeit des Anarchismus die meisten Menschen meiner Generation &#8211; der Generation, die in den Jahren des spanischen B\u00fcrgerkrieges zur Reife gelangte &#8211; veranlasst hat, ihn abzulehnen.&#8220;<\/p>\n<p>Lehnten wir heute ob der monumentalen Wirkungslosigkeit nicht nur, sondern auch der schlimmen humanen Kosten, soweit es herrschenden Kommunismus und verw\u00e4sserten Sozialdemokratismus angeht, alle qualitativen, in diesem Sinne fundamentalen Alternativen zum herrschenden Kapitalismus und zu kapitalistischer Herrschaft ab, dann bliebe uns nur noch proskynetisch &#8211; sprich: etablierte Herrschaft und Herrschende anh\u00fcndelnd &#8211; das &#8222;Ende der Geschichte&#8220; nachzulallen. Wir k\u00f6nnten uns nur noch, reformstr\u00e4uselgepunktelt und moralabstrakt wie gehabt, als Mitl\u00e4ufer und hilflos Ausgesetzte der schier unendlichen Geschichte sich weiter t\u00fcrmenden Wachstums, ausbeuterischer, Ungleichheit vermehrender Konkurrenz und der immer erneut &#8222;menschenrechtlich&#8220; gerechtfertigten Kriege mit vergebens erinnerten Opfern uns verhalten. Passivaktiv, die dies das Geschick der demokratisch dummen, schon im Wort selbstverr\u00e4terischen Zivilgesellschaften und ihrer emphatischen B\u00fccklinge ist.<\/p>\n<p>Davon, warum und wie an K&#8217;s Anarchismus trotz alledem, nein, mehr denn je erneuernd, ver\u00e4ndernd festzuhalten ist, handeln einige wenige abschlie\u00dfende Erw\u00e4gungen.<\/p>\n<h3>(3) Das anarchistische Versprechen kropotkinscher Art &#8211; Abgegoltenheiten, Unabgegoltenheiten<\/h3>\n<p><strong>a) Es hilft nichts. Gegen herrschaftliche Voraussetzungen und \u00c4u\u00dferungen gerichtet muss man, das tat K, am Grund ansetzen. An dem, was wir etwas kraft- und saftlos Menschen- und Gesellschaftsbild nennen. Die uralten und immergr\u00fcnen, je und je neu im Lichte der Tradition und ver\u00e4nderter Verh\u00e4ltnisse zu beantwortenden Fragen: Was macht Menschen aus? Was ben\u00f6tigen sie? <\/strong><\/p>\n<p>Diese simplen Fragen lassen sich aus doppelten Grund nie wesenshaft (und im Stile von &#8222;ist gleich&#8230;&#8220;) beantworten, weil zwei grundlegende und zugleich Geschichte\/Ver\u00e4nderungen gebende Eigenarten, an sich selber noch ohne genaue &#8218;inhaltliche&#8216; Aussagekraft, zu beachten sind. Die Eigenart, dass menschliches Sein im Werden besteht. Also nie &#8217;nur&#8216; &#8222;ist&#8220; ist, sondern immer werden, ver\u00e4ndern besagt (schon darum wird jenseits aller ungel\u00f6st wissenschaftlich-technischen Probleme Klonen immer schlimmstenfalls eine Herrschaftsfarce). Die damit verbundene Eigenart, dass Menschen nur Menschen werden, indem sie &#8222;vergesellschaftet&#8220;, im lateinw\u00fcchsigen Fachausdruck, &#8222;sozialisiert&#8220; werden. Der Beginn von Blochs &#8222;Prinzip Hoffnung&#8220; formuliert den Zusammenhang wundersam (Bloch erweist sich dann \u00fcbrigens in Sachen Anarchismus als &#8222;realsozialistisch&#8220; blind, er erliegt, im 2.Band des &#8222;Prinzips&#8220; vor allem einem schein-ironisch apostrophierten Klischee): &#8222;Ich bin, aber ich habe mich nicht, darum werden <em>wir<\/em> erst&#8220; (Hervorhebung von WDN).<\/p>\n<p>Also setzt K radikal anders an als Hobbes und (fast) die gesamte Moderne nicht zuletzt bis zu den &#8222;Neoliberalen&#8220; heute. Er verf\u00e4hrt, soweit wie m\u00f6glich, nicht konstruktivistisch, sondern &#8211; historisch beobachtend &#8211; induktiv. Der &#8222;individualistischen Fiktion&#8220; des Th. Hobbes stellt er, durch die Geschichte der Menschen durchgehend belegbar, ebenso wie durch ihre Hilfebed\u00fcrftigkeit vom &#8218;Urschrei&#8216; an, das &#8217;soziale Tier&#8216; gegen\u00fcber. An Stelle einer individualistischen Konkurrenz mit dauernder Vernichtungsdrohung und -angst, tritt, ohne Konkurrenz schlechterdings zu beseitigen, die durchgehend n\u00f6tige gegenseitige Hilfe. &#8222;\u00dcberall, wohin wir gehen, finden wir dieselben geselligen Sitten, denselben Geist der Solidarit\u00e4t. Und wenn wir uns bem\u00fchen, in die Dunkelheit vergangener Zeiten einzudringen, finden wir dasselbe Stammesleben, dieselben, wenn auch primitiven, Vereinigungen von Menschen zu gegenseitigem Beistand. Daher hatte Darwin ganz recht, wenn er in den sozialen Eigenschaften des Menschen den Hauptfaktor f\u00fcr seine weitere Entwicklung sah&#8220; ((6)).<\/p>\n<p>Die Bedeutung der qualitativ verschiedenen, verschieden begr\u00fcndeten und konstituierten Mensch- und Gesellschaftsbilder ist kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzen. Mehr denn anderswo ist \u00fcbrigens hier auf erkenntnistheoretische und methodologische Reflexionen oder deren Mangel zu achten, ebenso auf (nicht in Frage gestellte) Voraussetzungen. Die Dominanz des liberal- neoliberalen Menschen- und Gesellschaftsbildes sorgt heute daf\u00fcr, dass die Art der kapitalistischen Globalisierung inklusive der meisten allzu zarten Kritiker (a la Attac), prinzipiell ohne Alternative gelebt, gestritten und vorgestellt wird. Westw\u00e4rts wird dieses a-soziale Menschen- und das entsprechend widerspr\u00fcchliche, nur staatsherrschaftlich zusammenhaltbare Gesellschaftsbild seit Jahrhunderten sozialisierend (!) eingepaukt noch und noch. In allen m\u00f6glichen gesellschaftlichen positiven und negativen Sanktionen ist es lebenslang von der Wiege bis zur Bahre pr\u00e4sent &#8211; von den konkurrierend ergatterten Examensnoten und ihrer Produktion der &#8222;feinen Unterschiede&#8220; bis hin zu den Chancen auf den Arbeits-, den Lohn-\/Gehalts- und Wohlstandsm\u00e4rkten bis hin zum expansiven shareholder-value. Die vergesellschaftend ungesellig und von abstrakten Zusammenh\u00e4ngen noch mehr abh\u00e4ngig machenden Wirkungen des letzteren stellen den bedeutsamsten Faktor der aktuellen H\u00e4utungen des Kapitalismus dar. Der etablierte Begriff der Menschenrechte gehorcht \u00fcbrigens der liberal-, neoliberalen Logik. Darum l\u00e4sst sich mit solchen &#8222;Menschenrechten&#8220; trefflich Krieg f\u00fchren, k\u00f6nnen Milliarden von Menschen ausgebeutet werden und ist es zul\u00e4ssig, dass neben der Villenf\u00fclle Millionen und Abermillionen von Menschen selbst in den wohlstandstriefenden Gesellschaften obdachlos verrecken.<\/p>\n<p><strong>b) Aus K&#8217;s Menschen- und Gesellschaftsbild folgt die kompromisslose Staats- und Herrschaftskritik, wie der STAAT als Leviathan entsprechend bei Hobbes aus seinem Menschen-Naturzustandskonstrukt entspringt. <\/strong><\/p>\n<p>Die a-sozial konstruierten Einzelnen werden, um \u00fcberleben und ihren individualisierten \u00f6konomischen Interessen nachgehen zu k\u00f6nnen &#8211; dem, was der treffliche Ideengeschichtler C.B. MacPherson vor Jahrzehnten den &#8222;Besitzindividualismus&#8220; genannt hat &#8211; durch die staatliche Zwangsklammer vereinigt und erneut staatsgewaltig zum inneren Frieden bei bleibender Dauerangst nach innen und au\u00dfen gen\u00f6tigt. Hierbei sorgt &#8218;der&#8216; Staat daf\u00fcr, der selbst in den formell liberaldemokratisch verfassten sein Gewaltmonopol au\u00dfer- und \u00fcbergesellschaftlich bewahrt, dass seine genetisch-konstitutive A-Sozialit\u00e4t auch funktional und in seinen Einrichtungen a-sozial bleibt. Oder anders ausgedr\u00fcckt: alle Assoziationen, die einen Eigensinn besitzen oder erwerben k\u00f6nnten, werden, staatsb\u00fcrokratisch so gleichgeschaltet, dass sie staatlicher Herrschaft entsprechen. Das gesamte Rechtssystem sorgt in verschiedener Eingriffstiefe daf\u00fcr, dass keine Assoziation einen &#8217;staatsgef\u00e4hrdenden&#8216; politischen Eigensinn erhalten k\u00f6nnte: nicht nur Straf- und Polizeirecht, der gesamte Bereich sogenannter Innerer und \u00c4u\u00dferer Sicherheit, vielmehr auch die sozial-, bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Verrechtlichungen und Institutionen wirken in eine dissoziierende Richtung.<\/p>\n<p>Entsprechend kritisch setzt K an. &#8222;Die Usurpation aller sozialen Funktionen durch den Staat musste die Entwicklung&#8220;, so formuliert er res\u00fcmierend, &#8222;eines ungez\u00fcgelten, geistig beschr\u00e4nkten Individualismus beg\u00fcnstigen. Je mehr die Verpflichtungen gegen den Staat sich h\u00e4uften (und umgekehrt, WDN), umso mehr wurden offenbar die B\u00fcrger ihrer Verpflichtungen gegeneinander entledigt&#8220; (S.211). Die &#8222;zermalmende Kraft des zentralisierten Staates&#8220; und &#8222;die Lehren von gegenseitigem Hass und erbarmungslosen Kampf, die mit den Abzeichen der Wissenschaft angetan von dienstfertigen Philosophen und Soziologen&#8220; kommen, haben, so nimmt K an, zwar das &#8222;Gef\u00fchl der Solidarit\u00e4t der Menschen&#8220; schw\u00e4chen, sie haben es aber nicht &#8222;ausrotten&#8220; k\u00f6nnen (S. 265). Die Aufgabe liegt darin, ich bediene mich jetzt nicht Ks Sprache, durch grundlegend andere Produktionsformen, der nicht mehr &#8218;ausdifferenziert&#8216; getrennt organisierten materiellen, politischen und kulturellen Produktion, die staatlich ebenso wie kapitalistisch aufgeherrschte &#8222;ungesellige Geselligkeit&#8220; zu \u00fcberwinden. Damit die Freiheit verb\u00fcrgende gegenseitige Hilfe autarker und autonomer, f\u00f6deral organisierter Gruppen und ihr gleichen und freien Personen m\u00f6glich werde.<\/p>\n<p>In der wurzelgr\u00fcndigen STAATskritik, wie immer Staaten im einzelnen verfasst sein m\u00f6gen, besteht mehr denn je das lebendige Erbe Ks und des Anarchismus. Der verschiedene Staatsbezug und entsprechend die unterschiedliche Staatskritik machte die Differenz ums Ganze zu den Parteien der 2. Internationale aus. Zu den Parteien in marxistisch-leninistischen Spuren ebenso wie zu den Parteien, die sich sozialdemokratisch nannten bis heute &#8211; so heute noch mehr denn nominell die Rede sein kann. Als k\u00f6nnten staatliche Formen, als k\u00f6nnten Einrichtungen der Gewaltmonopol-B\u00fcrokratie zeitweise gleichsam ausgeliehen werden, um gewaltsam die Voraussetzungen einer Gesellung schaffen, die dann mit dem anarchistischen Freiheitspathos f\u00fcr alle Menschen vereinbar w\u00e4re. Als vertilgte das staatsherrschaftliche Instrument nicht alle Verhaltenserfordernisse des versprochenen &#8222;Reichs der Freiheit&#8220;. So sehr es Bakunin, sp\u00e4ter Kropotkin und anderen an einer ausreichenden Analyse der kapitalistischen Gesellschaftsformation mangelte, so sehr traf und trifft ihre Kritik der staatlichen Herrschaftsform. Sie wussten &#8211; und insofern war ihre &#8222;Ungeduld&#8220; angezeigt und bleibt es allemal -, dass Gesellschaften nicht in qualitativ verschiedenen Stadien freier werden k\u00f6nnen. Zuerst werden die bestehenden (staatlichen) Herrschaftsmittel \u00fcbernommen und die Bedingungen freier Gesellung herrschaftsgewaltig und stellvertretend f\u00fcr die gleichfalls gezwungenen &#8218;Massen&#8216; geschaffen. Sind die Bedingungen in herrschaftlicher Stellvertreterpolitik, etwa durch die h\u00f6heren R\u00e4nge der KPdSU und ihre Sicherheitsdienste gewaltgeschaffen, dann bl\u00fcht pl\u00f6tzlich die humanistische Rose auf terroristischem Stengel (vgl. ob seiner verdichteten Argumentation nach wie vor lesenswert der junge Merleau-Ponty: Humanismus und Terror). Die Anarchisten wussten: nicht nur sind, wie nach der Oktoberrevolution, die aktuellen humanen Kosten zu hoch. Als d\u00fcrfe man auf dem Altar der als sicher bevorstehend gew\u00e4hnten Zukunft Menschen opfern. Vielmehr ist die Annahme schlecht abstrakt, dass zum einen zeitweilige Herrscher ihre Herrschaftsinstrumente aus der Hand geben und zum anderen herrschaftsunterworfene Menschen pl\u00f6tzlich freien Umgang miteinander praktizieren k\u00f6nnen. So sehr freilich das sowjetische Muster und seine marxistisch leninistischen Begr\u00fcndungen heute obsolet erscheinen, so sehr dauern die politisch staatlichen T\u00e4uschungen fort. Zum einen die T\u00e4uschung, als k\u00f6nne sich just &#8218;der&#8216; Staat im Zeichen der Globalisierung von der kapitalistischen \u00d6konomie und ihren Determinanten l\u00f6sen. Zum anderen die T\u00e4uschung, als k\u00f6nne mit den Instrumenten staatlichen Gewaltmonopols so etwas wie eine radikaldemokratische Politik innerhalb und au\u00dferhalb der so organisierten Gesellschaften betrieben werden.<\/p>\n<p>Ist aber die anarchistische Einsicht triftig, dass es durchgehend, vom ersten Prozessschritt an, auf die Formen der Organisationen ankommt, die dem angestrebten Freiheitsziel entsprechen m\u00fcssen &#8211; Herrschaft ist kein Durchlauferhitzer auf dem Weg zur Anarchie, zur Nichtherrschaft -, dann steht theoretischpraktisch die Organisationsfrage als <em>die<\/em> Gesellschaftsfrage dauernd im Mittelpunkt. Hier sind heute die riesigen Aufgaben gegeben. Wie k\u00f6nnen allein die enormen Quantit\u00e4ten von Menschen und deren Erfordernisse so gefasst werden, dass nicht allein schon aus exzessiver Arbeitsteilung und Verwaltungserfordernissen herrschaftliche Ungleichheiten und Abh\u00e4ngigkeiten noch und noch entstehen?<\/p>\n<p><strong>c) Ks Verlangen notwendiger \u00c4nderungen geht weit \u00fcber die Staatskritik, die Enteignung und Vereinzelung der Menschen durch stellvertretende B\u00fcrokratien hinaus. <\/strong><\/p>\n<p>Schon bei der m.E. fest zu haltenden, neu und neu zu \u00fcbenden Staatskritik ist freilich nicht zu verkennen, dass Leute, die sie anarchistisch betreiben, in einer mehr als je aktuell und punktuell \u00fcberwindlichen prinzipiellen Schwierigkeit stecken. Wolfgang Harich hat sie benannt.<\/p>\n<p>&#8222;Genau wie in dem Modellfall seiner unbedingten, sich \u00fcber Zeit und Umst\u00e4nde hinwegsetzenden Staatsverneinung hat der Anarchismus, so kann gesagt werden, in <em>jedem<\/em> Fall eine tiefverwurzelte Aversion dagegen, sich seinen Zielen auf Wegen und Umwegen zu n\u00e4hern, die nicht selbst bereits die Erf\u00fcllung dessen bieten, was das Ziel verspricht. Immer setzt er voraus, dass die in der individuellen Freiheit gipfelnde <em>Rang<\/em>folge der Werte, f\u00fcr die er &#8211; mit Recht &#8211; Partei ergreift, unmittelbar ma\u00dfgebend zu sein habe f\u00fcr die <em>Reihen<\/em>folge der Schritte, die zu seiner Verwirklichung unternommen werden m\u00fcssen, weshalb er stets den zweiten, dritten, letzten Schritt vor dem f\u00e4lligen ersten tun m\u00f6chte.&#8220; Harich schlie\u00dft seinen einw\u00e4ndevollen Absatz mit einer alten Metapher: &#8222;Die Wahrheit ist: Er s\u00e4gt an den \u00c4sten, auf denen noch gar nicht gesessen werden kann, und glaubt dabei, die h\u00f6chsten Wipfel zu erklimmen&#8220; (S.76). Will sagen: da die Anarchisten wie alle, die gesellschaftlich Anderes wollen, als die aktuellen Zust\u00e4nde zu erhalten, mitten in herrschaftsvollen Gesellschaften leben, k\u00f6nnen sie gar nicht umhin, mit herrschenden Bedingungen und Formen umzugehen. Es sei denn, sie beschr\u00e4nkten sich pseudospontan auf explosive, rasch verpuffende, alles nur nicht gegenseitige Hilfe bew\u00e4hrende Gewalt oder sie ergatterten im Hinblick auf die dominanten Vergesellschaftungsformen exterritoriale und ihrer Logik gegen\u00fcber exempte, ja immune Gebiete. Und selbst dann steckten noch die &#8218;alten&#8216; gesellschaftlichen Formen habituell in ihnen. Die anarchistisches Handeln begr\u00fcndende richtige Erkenntnis vom strikten, nicht aufzul\u00f6senden und nicht zu verkehrenden Zusammenhang von Zielen und Mitteln ist also nicht und nie m\u00fchelos zu verwirklichen. Das Problem der immer erneut schmutzig werdenden H\u00e4nde bleibt. So wie es inmitten von gesellschaftlichen Bedingungen, die auf gegenseitige Hilfe geeicht sind, Konflikte geben (k\u00f6nnen) muss und geben wird.<\/p>\n<p>Bei der trotz der genannten Verlegenheiten (Aporien) triftigen Staats-, als Herrschaftsformen-Kritik bleiben K und andere soziale Anarchisten nicht stehen. Sie verlangen nicht nur eine Beseitigung der kapitalistischen Produktionsformen, sie setzen andere Lebensformen insgesamt. Auch hierin unterscheidet sich der Anarchismus von den sonstigen kommunistisch sozialistischen und noch st\u00e4rker den sozialdemokratischen Varianten. In einer Zeit, die die immensen Kosten der kapitalistischen Furie des permanenten Wachstums eher begreifen l\u00e4sst, wirken \u00dcberlegungen nicht von vornherein betulich, die freies Leben nicht erst in Zeiten des \u00dcberflusses von allem und jedem einschlie\u00dflich der eigenen Arbeit vorsehen. Der Anarchismus Kropotkinscher Art beschr\u00e4nkt sich nicht auf eine Kapitalismus-Kritik als eine Kritik an einer klassenherrschaftlichen Produktionsform. Er geht darauf aus, die Lebensverh\u00e4ltnisse der Menschen in eher kleinen Gruppen insgesamt so zu produzieren und zu reproduzieren, dass individuelle und kollektive Autonomie und Autarkie zusammengehen.<\/p>\n<p>Das, was K dazu aufgeschrieben hat, reicht in keiner Hinsicht aus. Weder in quantitativer, noch in qualitativer Hinsicht &#8211; von der anderen Situation Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nicht zu reden. Dennoch lohnt der auf Bewusstsein und Verhalten von Menschen insgesamt &#8211; im &#8222;ich&#8220; und dauernd im &#8222;wir&#8220; &#8211; ausgerichtete Ansatz aufgegriffen zu werden. Bekanntlich bestand eine der Hauptschw\u00e4chen aller &#8222;realsozialistischen&#8220; Konzepte und ihrer Verwirklichungsst\u00fccke darin, dass sie sich vom privat verfassten Kapitalismus und seinem unschlie\u00dfbar g\u00e4hnenden Hunger nach Mehrwert, im Ziel der &#8222;\u00dcberflussgesellschaft&#8220; und des daf\u00fcr bed\u00fcrftigen Wachstums viel zu wenig unterschieden.<\/p>\n<p><strong>d) Heiner Becker und Nicolas Walter weisen in ihrer Einleitung zu den neu herausgegebenen Memoiren angemessen auf Widerspr\u00fcche in Ks Konzeptionen und Verhaltensweisen hin. Jede Auseinandersetzung mit dem Anarchismus, die sich von seiner &#8222;monumentalen Wirkungslosigkeit&#8220; nicht abschrecken l\u00e4sst &#8211; um Hobsbawms Kennzeichnung zu wiederholen -, jede Auseinandersetzung, die mit seiner Herrschaftskritik und seinem Versuch, Herrschaftslosigkeit zu organisieren sympathisiert, muss diese Widerspr\u00fcche n\u00fcchtern zur Kenntnis nehmen, um sie, gewiss in neue Widerspr\u00fcche fallend, m\u00f6glichst zu \u00fcberwinden. Einige dieser Widerspr\u00fcche, zum Teil handelt es sich auch um Naivismen, die vor 100 Jahren und mehr verst\u00e4ndlicher waren, als sie es heute w\u00e4ren, sollen knapp pointiert werden.<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Quer durch Ks &#8222;Memoiren&#8220; und seine anderen Schriften zieht sich wie ein nicht befragter Grund ein schier unendliches Vertrauen in &#8222;die Massen&#8220; oder auch das &#8222;Volk&#8220;. Dieses konkret Allgemeine Ks als seine haupts\u00e4chliche Bezugskategorie, ein Kollektiv voll der freien Personen, Freie Personen als Kollektiv &#8211; K ger\u00e4t nie in Gefahr die faschistische Parole zu formulieren: du bist nichts, dein Volk ist alles -, besitzt den nicht zu \u00fcbersch\u00e4tzenden Vorteil, dass K nicht elit\u00e4r und nicht stellvertreterpolitisch argumentiert. Nicht f\u00fcr, sondern mit und in der Mitten, lautet die Devise. Anschaulich gibt Emma Goldman in ihrer Kritik an der Oktoberrevolution Ks Auffassung in der ihren zutreffend wieder. Seinerzeit schon begann der terreur zu galoppieren, der dann den Humanismus fra\u00df bzw. zur repressiven Phrase degradierte. Indes, das Vertrauen in das &#8222;Volk&#8220; oder die &#8222;Masse&#8220;, dessen soziale Konstitution und Organisation nicht einmal befragt werden, droht zu einem volkst\u00fcmelnden Optimismus zu verflachen, der Gefahren und Kritik aussparen l\u00e4sst;<\/li>\n<li>in besagter &#8218;Volkst\u00fcmelei&#8216;, die die sonst nachdr\u00fccklich beschriebenen Herrschaftsspuren verkennen macht, die Erbuntert\u00e4nigkeit beispielsweise in den Erbuntertanen, kommt Ks allgemeiner, all sein Tun und Lassen durchziehender evolution\u00e4rer Glaube zum Ausdruck. In diesem ist K, so scheint es, ein typisches Kind des 19. Jahrhunderts. Und wie dies bei Evolutionsgl\u00e4ubigen der Fall zu sein pflegt, wird &#8222;die&#8220; Wirklichkeit ihr gem\u00e4ss zugerichtet. So wie die Marx&#8217;sche Geschichte als &#8222;Geschichte der Klassenk\u00e4mpfe&#8220; schlie\u00dflich sozialistisch revolution\u00e4r sich \u00fcberschl\u00e4gt und im Kommunismus manifestiert, so wird K die Geschichte zu einer in der sich geradezu naturgesetzlich eine Welt voll der Assoziationen gegenseitiger Hilfe durchsetzt;<\/li>\n<li>sein Evolutionsglaube verf\u00fchrt K seinen Anarchismus zeitgem\u00e4\u00df als einen &#8222;wissenschaftlichen&#8220; zu begr\u00fcnden. Henning Ritter arbeitet in seinem schon zitierten Nachwort zur &#8222;Gegenseitigen Hilfe&#8220; die entsprechenden Inkongruenzen, vertuschten Gegenanzeigen und Zurechtr\u00fcckungen Ks korrekt heraus. Ritter \u00f6ffnet freilich sein Kritikkonto ungleich allein f\u00fcr K. Der vermeintlich &#8222;wissenschaftliche&#8220; Charakter seiner anarchistischen Annahmen begr\u00fcndet, erneut Marx trotz allen Unterschieden analog, Ks revolution\u00e4re Hoffnungen. Seine Revolution war, wie es ihm schien, natur-geschichtlich gegr\u00fcndet;<\/li>\n<li>vor diesem Hintergrund von Annahmen verstehen sich Halbwiderspr\u00fcche mit f\u00fcr K begrenzten Konsequenzen. So wird von K immer wieder die Frage der Gewalt zum Thema. Gewalt und gegenseitige Hilfe schlie\u00dfen sich erkenntlich aus. Auch wer, und sei es nur implizit, das Formargument ernst nimmt, kann anarchistisch positiv nicht der Gewalt sich zukehren. F\u00fcr sie gilt analog, was zur staatlichen Herrschaft und ihrer Ablehnung gesagt wurde. Dennoch fehlt bei K eine eindeutige \u00c4u\u00dferung. So versteht es sich auch, dass K 1917, anl\u00e4sslich der Februarrevolution in Russland, f\u00fcr die Fortsetzung des Krieges eingetreten ist und die Kerenski-Regierung, gewiss ohne weitere Folgen, entsprechend beraten hat &#8211; zur Entt\u00e4uschung vieler Anarchisten. Zu recht, wie ich meine.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese und andere Widerspr\u00fcche und Naivismen wird man heute beachten und hinter sich lassen m\u00fcssen, wenn man an anarchistischen Konzeptionen kindlich, denn alle Kinder sind &#8218;geborene&#8216; Anarchisten, und erwachsen erfahren alles andere als kindisch festhalten will. Versteht man Menschenrechte nicht wie einen fixgestirnten Himmel \u00fcber uns, sondern als konkret allgemeine Normen, an denen sich die Lebenssituationen der Menschen je spezifisch in allen Facetten ihres sozialen Kontextes auszurichten hat, dann folgt die anarchistische Orientierung geradezu von selbst. Dann kommt es heute mehr denn je und unnaiv darauf an, in Ks Geist geradezu extremistisch formbewusst, dauernd dar\u00fcber nachzudenken, wie Gesellschaft heute frei und das hei\u00dft auch friedsam organisiert werden k\u00f6nne. Dann ist es erforderlich, der monomentalen Wirkungslosigkeit seither eingedenk, Schritt f\u00fcr Schritt das, was gesellschaftlich zu organisieren ist, zu praktizieren. Anarchismus ist immer zugleich eine Kopf- und eine Herzensgeburt. In diesem Sinne m\u00fcssen Anarchisten heute, im Gegensatz zu einem Gutteil ihrer meist f\u00fcglich missverstandenen Tradition, all ihre Vorstellungskraft zusammennehmen, um Gesellschaft, um sich selbst in herrschaftsvoller Gesellschaft, kapitalistisch und staatlich zugleich, assoziativ zu organisieren.<\/p>\n<p>&#8222;Die Komplizit\u00e4t und die Verbundenheit, die die Revolte entdeckt, k\u00f6nnen nur in freiem Dialog leben&#8220;, so Albert Camus im L&#8217;Homme r\u00e9volt\u00e9 ((7)). Jede Doppeldeutigkeit, jedes Missverst\u00e4ndnis f\u00fchrt den Tod herbei; nur die klare Sprache, das einfache Wort kann davor bewahren. (&#8230;) Auf der B\u00fchne wie im Leben geht der Monolog dem Tod voraus. Jeder Revoltierende pl\u00e4diert also, allein durch seine Erhebung im Angesicht des Unterdr\u00fcckers, f\u00fcr das Leben, verpflichtet sich, gegen die Knechtschaft, die L\u00fcge und den Terror zu k\u00e4mpfen, und bekr\u00e4ftigt blitzartig, dass diese drei Plagen das Schweigen zwischen den Menschen herrschen lassen, einen vor dem anderen verdunkeln und sie hindern, sich im einzigen Wort zusammenzufinden, der sie vor dem Nihilismus retten k\u00f6nnte: der Komplizit\u00e4t der Menschen, die mit ihrem Schicksal ringen.&#8220;<\/p>\n<p>In diesem Sinne andauernd: Peter Kropotkin: Memoiren eines Revolution\u00e4rs, mitten im Leben heute.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1) Die Kropotkinschen Memoiren sind zweib\u00e4ndig 2002 beim UNRAST-Verlag in M\u00fcnster neu erschienen ((1)). Teilweise aus dem Englischen neu \u00fcbersetzt, werden sie von Heiner Becker und Nicolas Walter kundig eingeleitet. 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