{"id":5610,"date":"2003-07-01T00:00:10","date_gmt":"2003-06-30T22:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5610"},"modified":"2022-07-26T14:24:39","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:39","slug":"grevolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/07\/grevolution\/","title":{"rendered":"Gr\u00e8volution!"},"content":{"rendered":"<p>Im Gegensatz zum hochb\u00fcrokratisierten Gewerkschaftsapparat des DGB gibt es in Frankreich viele kleine Gewerkschaftsgruppen (Syndikate) sowie Str\u00f6mungen innerhalb der gro\u00dfen Gewerkschaften, die in einzelnen Branchen stark sind und dort schnell einen Streik ausl\u00f6sen k\u00f6nnen. Zudem bleiben diese Gruppen sensibel gegen\u00fcber spontaneistischen Tendenzen unter den Besch\u00e4ftigten und integrieren in der Regel die nicht gewerkschaftlich organisierten ArbeiterInnen schnell ins Aktionsgeschehen. Oft gingen in der Geschichte der franz\u00f6sischen Gewerkschaften wichtige Streikbewegungen sogar von den Nichtorganisierten aus. Es gab in fast jeder Gewerkschaft Phasen, in denen die Tendenz zur Revolution, zur Selbstorganisation der Betriebe oder zum Generalstreik als Mittel zur Umsetzung des Sozialismus stark ausgepr\u00e4gt war (revolution\u00e4rer Syndikalismus).<\/p>\n<p>So haben auch Libert\u00e4re innerhalb der franz\u00f6sischen Gewerkschaftsbewegung eine wechselvolle Geschichte.<\/p>\n<h3>Die CGT<\/h3>\n<p>Die CGT (Conf\u00e9d\u00e9ration G\u00e9n\u00e9rale du Travail) ist die traditionsreichste franz\u00f6sische Gewerkschaft. Sie wurde 1895 in Limoges gegr\u00fcndet, als Zusammenschluss der seit 1886 bestehenden Gewerkschaftszusammenschl\u00fcsse (F\u00f6derationen) einerseits und der vom Anarchisten Fernand Pelloutier propagierten &#8222;Bourses du Travail&#8220; (Arbeiterb\u00f6rsen) andererseits. Letztere hatten eine konstruktive Funktion, waren eine Art selbstorganisiertes Arbeitsamt, unterst\u00fctzten Streiks und betrieben Arbeiterbildung. In der legend\u00e4ren Charta von Amiens (1906) bekannte sich die CGT zur Autonomie und zur Unabh\u00e4ngigkeit von allen Parteien sowie zum revolution\u00e4ren Syndikalismus.<\/p>\n<p>Die CGT hatte im Jahre 1910 334000 Mitglieder. Spektakul\u00e4r war der Generalstreik von 1907, als es ihr gelang, in ganz Paris den Strom abzuschalten. 1909 gr\u00fcndete Pierre Monatte die revolution\u00e4r-syndikalistische Zeitung <em>La Vie ouvri\u00e9re<\/em>, andere wichtige Aktivisten waren Victor Griffuelhes, Emile Pouget und Alphonse Merrheim. Ab 1910 setzten sich allerdings unter L\u00e9on Jouhaux die bereits seit Jahren st\u00e4rker gewordenen reformistischen Str\u00f6mungen durch. Jouhaux schwor zwar 1914 am Grab des sozialdemokratisch-pazifistischen Politikers Jean Jaur\u00e8s das &#8222;Krieg dem Kriege&#8220;, doch die CGT hatte ihren Frieden mit der Nation gemacht und dem Ersten Weltkrieg nichts entgegenzusetzen.<\/p>\n<p>Monatte und Merrheim f\u00fchrten die revolution\u00e4r-syndikalistische Opposition zur sozialistisch-pazifistischen Konferenz von Zimmerwald 1915 und unterst\u00fctzten anfangs den Oktoberumsturz Lenins 1917. Aufgrund des Entsetzens \u00fcber die ca. 2,1 Mio. f\u00fcr die franz\u00f6sische Bourgeoisie Gefallenen im Ersten Weltkrieg bekam die CGT wieder Zulauf, hatte 1920 1,6 Mio. Mitglieder und f\u00fchrte Massenstreiks f\u00fcr die Nationalisierung von Schl\u00fcsselindustrien durch. Doch der Reformist Jouhaux konnte die Mehrheit organisieren und schloss 1921 den Monatte-Fl\u00fcgel aus. AnarchistInnen und BolschewistInnen gr\u00fcndeten die CGT-U (Unitaire), die jedoch schnell von der 1920 gegr\u00fcndeten PCF (Kommunistische Partei Frankreichs) dominiert wurde. Die entt\u00e4uschten revolution\u00e4ren SyndikalistInnen spalteten sich 1926 als CGT-SR (syndicaliste r\u00e9volutionnaire) ab. Monatte und Alfred Rosmer blieben zun\u00e4chst, wurden aber 1931 von der CGT-U ausgeschlossen und sammelten revolution\u00e4re SyndikalistInnen zwischen undogmatischem Trotzkismus und Anarchismus um die Zeitung <em>La R\u00e9volution prol\u00e9tarienne<\/em>.<\/p>\n<p>Durch den Wechsel Stalins hin zur Volksfrontpolitik vereinigten sich CGT und CGT-U 1936, kurz vor dem Wahlsieg der Volksfront (1936-38). Bei den sich anschlie\u00dfenden Massenstreiks vom Juni 1936 konnten rund 2,4 Mio. Streikende Schl\u00fcsselbetriebe in der Gro\u00dfindustrie besetzen, erstmals bezahlten Urlaub und die 40-Stunden-Woche durchsetzen. Es war die gr\u00f6\u00dfte und erfolgreichste Streikbewegung, die Frankreich bis heute kannte. Bereits 1938 gelang es jedoch dem neuen konservativen Pr\u00e4sidenten Daladier, die Errungenschaften per Gesetz wieder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. Ein versuchter Generalstreik gegen Daladier scheiterte.<\/p>\n<p>Nach Bekanntwerden des Hitler-Stalin-Pakts am 23.8.1939 wurden viele KommunistInnen aus der CGT ausgeschlossen, es kam zur erneuten Spaltung. In der Illegalit\u00e4t der R\u00e9sistance gegen Vichy und die Nazi-Besetzung im Zweiten Weltkrieg gab es jedoch 1943 eine neuerliche Wiedervereinigung der CGT und direkt nach der Befreiung 1944\/45 wurden aufgrund des Einflusses der R\u00e9sistance auf de Gaulle die sozialstaatlichen Errungenschaften von 1936 wiederhergestellt. 1945-47 war die KP an der Regierung beteiligt und unterst\u00fctzte daher die im April 1947 spontan ausbrechenden Streiks im Kohlebergbau und bei Renault zun\u00e4chst nicht. Erst nach dem R\u00fcckzug der KP aus der Regierung warf sich auch die inzwischen v\u00f6llig stalinisierte CGT in die Bewegung und dominierte sie schnell. Es kam zu gewaltsamen Aktionen, die zudem vom beginnenden Ost-West-Gegensatz \u00fcberlagert wurden: Minen werden \u00fcberschwemmt, Z\u00fcge entgleisten, es kam zu Schusswechseln mit Regierungstruppen. Die Streiks wurden niedergeschlagen.<\/p>\n<p>Aufgrund ihrer Stalinisierung spalteten sich von der CGT 1947 die CGT-FO (Force ouvri\u00e8re) sowie einige autonome Gewerkschaften ab (unter diesen die Lehrergewerkschaft FEN (F\u00e9d\u00e9ration de l&#8217;Education nationale) sowie einige unabh\u00e4ngige Gewerkschaften, die weder der CGT noch der FO beitreten wollten). AnarchistInnen und TrotzkistInnen entschieden sich aufgrund ihres Antistalinismus f\u00fcr die antikommunistische FO. Sie wussten nicht, dass die Gelder, die die FO von der US-amerikanischen Gewerkschaft AFL-CIO bekam, urspr\u00fcnglich vom CIA stammten.<\/p>\n<p>Auch im Mai 1968 wurde die inzwischen orthodox-kommunistische CGT vom studentischen Spontaneismus \u00fcberrascht. Sie setzte gegen den Willen der Streikenden bei Renault ein befriedendes Abkommen durch und \u00fcberlie\u00df der stark zu Positionen der Selbstverwaltung (Autogestion) tendierenden CFDT (Conf\u00e9d\u00e9ration fran\u00e7aise d\u00e9mocratique du Travail) die Unterst\u00fctzung der Arbeiterk\u00e4mpfe bei Lip (1973\/74). Die zentrale F\u00fchrung der CGT hat weder die sowjetische Invasion 1956 in Ungarn, noch die Invasion in Afghanistan (1979) noch die Unterdr\u00fcckung der streikenden polnischen ArbeiterInnen (1981) verurteilt. In Frankreich hat sie sich von jeder Tendenz des revolution\u00e4ren Syndikalismus abgegrenzt. Intern hat sie keine Str\u00f6mungsbildung zugelassen. In den 80er und 90er Jahren gab es einen Mitgliederr\u00fcckgang auf heute 650000. Die CGT weist heute im Energiesektor, bei Post und Telecom, im \u00f6ffentlichen Dienst und vor allem bei den Eisenbahnern eine st\u00e4rkere Organisierung auf als rivalisierende Gewerkschaften. Sie hat derzeit 31 Branchen-F\u00f6derationen. Weil der 1995 zur\u00fcckgezogene &#8222;Plan Jupp\u00e9&#8220; den Beginn der Liberalisierung der Eisenbahnen sowie &#8211; damals schon &#8211; der Renten vorsah, konnte sich die CGT nach dem anfangs spontanen Ausbruch der Streiks gut in Szene setzen. Bernard Thibault war 1995 einer ihrer aktivsten Leute und wurde 1999 neuer Vorsitzender. Unter seinem Einfluss hat die CGT einen Kurs der vorsichtigen Distanz zur KPF sowie eine ebenso vorsichtige Ann\u00e4herung zu den Bewegungen der Arbeitslosen und f\u00fcr eine andere Globalisierung eingeschlagen. Thibault ist heute allerdings ein Medienstar und die CGT l\u00e4uft Gefahr, mit ihm an der Spitze die Bewegung zu dominieren.<\/p>\n<h3>Die CFDT und das Intermezzo der &#8222;Autogestion&#8220;, die FO und seine Trotzkisten<\/h3>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Konkurrenzorganisation zur CGT ist heute die CFDT. Sie hat aktuell 865000 Mitglieder und 1999 mit 22,9 % bei den Betriebsratswahlen die CGT (21,5 %) erstmals \u00fcberholt. Sie gilt als verhandlungsorientierte, der PS (Parti socialiste) nahe stehende reformistische Gewerkschaft, die im DGB ihr Vorbild sieht, von Streiks nichts wissen will und den Sozialpakt mit den Kapitalisten propagiert. Doch das war nicht immer so.<\/p>\n<p>Die CFDT wurde als CFTC (Conf\u00e9d\u00e9ration fran\u00e7aise du Travail-Chr\u00e9tiens) 1919 offiziell gegr\u00fcndet, geht aber bis zur Sozialenzyklika von Papst Leo, dem 13., zur\u00fcck (1891). Noch vor dem Ersten Weltkrieg konnten sich die sozialkatholischen Gewerkschaften in der Textilindustrie Nordfrankreichs etablieren, u.a. gr\u00fcndeten sie die erste Berufsorganisation f\u00fcr Frauen. Anfang der 20er Jahre hatte die CFTC 125000 Mitglieder und steigerte die Mitgliedschaft bis 1938 auf 400000. Ihre Position war nicht sozialistisch, doch sie verteidigte die Rechte der Arbeiter und war deshalb keine &#8222;gelbe&#8220; Gewerkschaft der Unternehmer, sondern wurde von den &#8222;Gelben&#8220; bek\u00e4mpft. 1940 wurde sie von Vichy aufgel\u00f6st, ihre Aktiven beteiligten sich an der R\u00e9sistance, was zu ihrer weiteren Radikalisierung beitrug.<\/p>\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einen langen Prozess der Entkonfessionalisierung, der 1964 abgeschlossen war, als nur 10% der Mitglieder in der CFTC blieben und die anderen 90% die CFDT gr\u00fcndeten. Der Mai 68 radikalisierte die CFDT und f\u00fchrte sie in den folgenden Jahren zu ihrer Position der &#8222;Autogestion&#8220; (Selbstverwaltung oder Selbstorganisation der Betriebe) und zur Unterst\u00fctzung der Arbeiterk\u00e4mpfe um Selbstveraltung bei Lip\/B\u00e9san\u00e7on 1973\/4. Unterst\u00fctzt wurden auch die beginnende Frauen- und Migrantenbewegung sowie spontane K\u00e4mpfe in Branchen mit schwacher gewerkschaftlicher Organisierung, etwa der Verk\u00e4uferinnen des Modegiganten Nouvelles-Galeries in Thionville. In dieser Zeit engagierten sich viele Libert\u00e4re und Str\u00f6mungen der Neuen Linken innerhalb der CFDT. Eine linkskatholische Zeitung mit langer Tradition, die den revolution\u00e4ren Syndikalismus in der CFDT unterst\u00fctzt hat, hei\u00dft <em>Esprit<\/em> und existiert noch heute.<\/p>\n<p>Die &#8222;Autogestion&#8220; blieb jedoch immer nur eine Str\u00f6mung innerhalb der CFDT und verlor ihre Dominanz Ende der 70er Jahre mit dem Abflauen und der Krise der unabh\u00e4ngigen Nach-68er-Linken. So gab es in den 80er Jahren unter der F\u00fchrung von Jacques Moreau eine Wende, die unter den Stichworten &#8222;Rezentrierung&#8220; und dem Vorwand einer &#8222;Modernisierung&#8220; die verbliebene revolution\u00e4r-syndikalistische, spontaneistische Tendenz an den Rand dr\u00e4ngte oder sogar ausschloss. Ziel war nun die Ann\u00e4herung an die PS, die Unterst\u00fctzung Mitterands und Vorbild die b\u00fcrokratische Massenorganisation des deutschen DGB. Damit gewann man zwar kontinuierlich Mitglieder, hielt sich jedoch aus wichtigen Streiks wie auch dem von 1995 heraus, ja verurteilte gar die Streiks als Kampfmittel von gestern. So hat auch beim jetzigen Widerstand gegen den &#8222;Plan Fillon&#8220; die CFDT sehr schnell dem ersten Kompromiss zugestimmt. Trotzdem gibt es immer noch Widerstand innerhalb der CFDT gegen die &#8222;Rezentrierung&#8220;. Dieser Widerstand sieht sich als Basis der CFDT und nennt sich &#8222;R\u00e9sistance&#8220;, &#8222;Tous ensemble!&#8220; oder &#8222;Reconstruction CFDT&#8220; und ist an den jetzigen Streiks beteiligt, oft mit regionalen Hochburgen wie etwa Nantes oder Marseille.<\/p>\n<p>Die 1947 aus der Spaltung der CGT hervorgegangene FO (Force ouvri\u00e8re) behielt zwar eine Rhetorik des Klassenkampfes bei, verlegte sich aber bald auf klassische Verhandlungspolitik \u00fcber Lohnerh\u00f6hungen. In den 60er Jahren gab es in ihr eine bunte Mischung aus AnarchistInnen, TrotzkistInnen sowohl der Str\u00f6mung von Alexandre H\u00e9bert (&#8222;H\u00e9bertisten&#8220;) als auch von Pierre Boussel (genannt Lambert, &#8222;Lambertisten&#8220;), unabh\u00e4ngigen SozialistInnen und GaullistInnen, weil die FO im Gegensatz zur CGT die Str\u00f6mungsbildung zulie\u00df. Auf den Mai 68 hatte die FO aufgrund ihrer reformistischen Politik aber keinen Einfluss &#8211; sie war in der Zeit sogar bevorzugter Verhandlungspartner der Unternehmerverb\u00e4nde &#8211; und die Libert\u00e4ren verlie\u00dfen die FO. Das \u00e4nderte sich erst wieder, als 1989 der lambertistische Trotzkist Marc Blondel Vorsitzender wurde und Ger\u00fcchte um eine \u00dcbernahme der FO durch TrotzkistInnen (und ihre Partei, die PT, Parti des travailleurs) die Runde machten. Immerhin f\u00fchrte das zu einer starken Beteiligung der FO an den Streiks von 1995. Heute ist die FO vor allem im \u00f6ffentlichen Dienst vertreten, hat 400000 Mitglieder, z\u00e4hlt in der gegenw\u00e4rtigen Streikbewegung zu den Aktivposten, betreibt aber eine widerspr\u00fcchliche Politik zwischen revolution\u00e4rer Phraseologie und Verhandlungspolitik.<\/p>\n<h3>Frischer Wind: CNT, SUD und G-10-Solidaires<\/h3>\n<p>Die franz\u00f6sische CNT (Conf\u00e9d\u00e9ration nationale du travail) wurde 1946 gegr\u00fcndet und vertritt das Programm des klassischen Anarchosyndikalismus: f\u00f6derierte Produktions- und Konsumptionsr\u00e4te sollen den kapitalistischen Markt ersetzen. Lange orientierte sich die franz\u00f6sische CNT an der spanischen CNT, die seit 1939 in Frankreich im Exil war. Gleichzeitig blieb die franz\u00f6sische CNT innerhalb der Gewerkschaftsbewegung extrem minorit\u00e4r. Das \u00e4nderte sich erst kurz vor und w\u00e4hrend den Dezemberstreiks von 1995, als Jugendliche die Reihen neu auffrischten. Bei j\u00fcngsten K\u00e4mpfen, etwa dem Streik der Putzkolonnen f\u00fcr die Pariser M\u00e9tro oder dem der Angestellten des Mediengiganten Fnac im Fr\u00fchjahr 2002, hatte die CNT sogar einigen Einfluss. Seit 2000 gelingen der CNT auch eindrucksvolle eigenst\u00e4ndige Demonstrationen zum Pariser 1. Mai. Sie war einer der Pfeiler der europ\u00e4ischen M\u00e4rsche der Arbeitslosen und beteiligte sich an den Besetzungen der Arbeits\u00e4mter in Arras, Lyon und B\u00e9thune 1997-99. Heute hat die CNT ca. 4000 Mitglieder, in drei Branchen gibt es F\u00f6derationen der jeweiligen Gewerkschaftsgruppen: bei Post\/Telecom, im Erziehungswesen und im sozialen Gesundheitswesen.<\/p>\n<p>Trotzdem musste die CNT den eigentlichen Zulauf zum revolution\u00e4ren Syndikalismus w\u00e4hrend und nach 1995 anderen Gewerkschaften \u00fcberlassen, weil sie sich immer wieder selbst im Weg stand: sie kann sich letztlich nicht entscheiden zwischen eigenst\u00e4ndiger, strikt syndikalistischer Orientierung und dem Zugehen auf die Bewegung f\u00fcr eine andere Globalisierung; sie hat eine lange Tradition rigider Bef\u00fcrwortung revolution\u00e4rer Gewaltanwendung, die erst in j\u00fcngster Zeit in den Spalten ihrer Theoriezeitschrift <em>Les Temps maudits <\/em>mit einigen Artikeln gewaltfrei-anarchistischer Tendenz etwas aufgeweicht wurde; und sie hat sich in j\u00fcngster Zeit mehrfach gespalten, einmal 1993 und noch einmal im Dezember 1998, als die Pr\u00e4sentation von Kandidaten bei Betriebsratswahlen erlaubt wurde, nachdem eine Beteiligung bisher immer verweigert wurde und diese Verweigerung als Ausweis revolution\u00e4rer Politik galt.<\/p>\n<p>So waren es die neuen Gewerkschaften der SUD (Solidaires, unitaires, d\u00e9mocratiques), die den Rahm der neuen Streikbewegungen in den 90er Jahren absch\u00f6pften. Bei SUD machen heute viele Libert\u00e4re mit und im Rahmen der Koordination &#8222;G-10-Solidaires&#8220; z\u00e4hlen sie zu den treibenden Kr\u00e4ften der Radikalisierung bei den gegenw\u00e4rtigen Streiks.<\/p>\n<p>SUD geht auf eine Pariser Streikbewegung von 1988 bei der Post zur\u00fcck, als sich die CFDT-F\u00fchrung gegen Blockaden der Sortierzentren der Post aussprach. Aus dem Frust \u00fcber die Distanzierung der Zentrale vom beginnenden Widerstand gegen die Privatisierung bei Post und Telecom konstituierte sich die F\u00f6deration SUD-PTT (Poste, Telecom, T\u00e9l\u00e9vision) 1989 eigenst\u00e4ndig. Sie nahm die Betonung der direkten Aktion, des Widerstands gegen die b\u00fcrokratisierten Gewerkschaften und damit die Tradition des revolution\u00e4ren Syndikalismus wieder auf. Im Grunde gibt es \u00fcberhaupt keine Dachorganisation bei SUD, die Zahl der bezahlten Mitarbeiter wurde drastisch reduziert. SUD bezieht sich auf eine Ende der 80er Jahre entstandene Tradition der &#8222;Koordinationen&#8220;, bei denen alle Entscheidungen jeden Tag neu von den betroffenen Vollversammlungen getroffen werden (Assembl\u00e9es G\u00e9n\u00e9rales). Das sind basisnahe Ad-hoc-Strukturen, die vor allem nicht gewerkschaftlich Organisierten die M\u00f6glichkeit geben, unmittelbar bei Streikaktionen mitzumachen. Auch bei den heutigen Streiks sind sie pr\u00e4gend: die Taktik des &#8222;Gr\u00e8ve reconductible&#8220; (wieder aufnehmbarer Streik) basiert darauf, dass jeden Tag eine Vollversammlung dar\u00fcber entscheidet, ob am n\u00e4chsten Tag bzw. wann wieder gestreikt wird.<\/p>\n<p>Damit schwamm SUD schon w\u00e4hrend der Dezemberstreiks 1995 wie ein Fisch im Wasser. 1996 stie\u00df das zweite Standbein von SUD, SUD-Rail (umfasst Angestellte der Eisenbahn), ebenfalls eine CFDT-Abspaltung gegen den dortigen Kurs der &#8222;Rezentrierung&#8220;, dazu. Ebenso n\u00e4hrte sich SUD von weiteren CFDT- und CGT-Abspaltungen, gleichzeitig kamen viele Jugendliche aus den Dezemberstreiks 1995 hinzu. Zwischen 1987 und 1995 erschien die Zeitschrift <em>Collectif<\/em>, die den Aufruf von Pierre Bourdieu zur Unterst\u00fctzung der Streiks von 1995 lancierte. Die Zeitschrift hatte sich SUD schnell angen\u00e4hert und brachte SUD ein intellektuelles Profil, von ihr ging die Kampagne f\u00fcr die Arbeitslosen AC! (Agir ensemble contre le ch\u00f4mage) aus. Seither hat sich SUD an allen Mobilisierungen der Bewegung f\u00fcr eine andere Globalisierung beteiligt.<\/p>\n<p>Fast alle SUD-Syndikate haben sich heute dem Dachverband &#8222;G-10 Solidaires&#8220; angeschlossen. Der Dachverband geht auf die autonomen Gewerkschaften zur\u00fcck, die sich 1947 weder der CGT noch der FO anschlie\u00dfen wollten. Aus dieser Tradition verbanden sich 1981 10 F\u00f6derationen auf lockere Weise, orientierten sich zun\u00e4chst aber am Wahlsieg der Linksparteien 1981. Sie waren dann zunehmend entt\u00e4uscht und machten eine inhaltliche Kehrtwendung, als 1992 die SUD-PTT beitrat. 1993 verlie\u00dfen die reformistischen Syndikate der Transportarbeiter und der Agrarindustrie sowie die Angestelltenf\u00f6deration die G-10 und gr\u00fcndeten 1993 die reformorientierte Unsa (Union nationale des syndicats autonomes). Daf\u00fcr radikalisierte sich die G-10, gab sich 1994 ein Statut und ein Sekretariat. Heute umfasst sie ca. 30 F\u00f6derationen, meist SUD, und ca. 70.000 Mitglieder. Die Autonomie der Einzelgewerkschaften wird respektiert und wenn \u00fcberhaupt Entscheidungen im Dachverband getroffen werden, dann nur im Konsens mit allen Mitgliedern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Gegensatz zum hochb\u00fcrokratisierten Gewerkschaftsapparat des DGB gibt es in Frankreich viele kleine Gewerkschaftsgruppen (Syndikate) sowie Str\u00f6mungen innerhalb der gro\u00dfen Gewerkschaften, die in einzelnen Branchen stark sind und dort schnell einen Streik ausl\u00f6sen k\u00f6nnen. 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