{"id":5612,"date":"2003-07-01T00:00:08","date_gmt":"2003-06-30T22:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5612"},"modified":"2022-07-26T14:24:39","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:39","slug":"gegen-monster-und-machos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/07\/gegen-monster-und-machos\/","title":{"rendered":"Gegen Monster und Machos"},"content":{"rendered":"<p>Der m\u00fchsame Befreiungskampf der indigenen Frauen ist vielen Menschen kaum bewusst.<\/p>\n<h3>Zivilgesellschaft im Widerstand<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend ihres Besuches in Europa brachten die drei indigenen Aktivistinnen <em>Ana L\u00f3pez, Claudia Flores und Marta S\u00e1nchez<\/em> ((1)) aus den Bundesstaaten Chiapas und Oaxaca souver\u00e4n Licht in dieses Dunkel. L\u00f3pez und Flores, Tojolabal-Frauen von der s<em>ociedad civil en resistencia <\/em>(dt.: Zivilgesellschaft im Widerstand) betonten, dass die Zivilgesellschaft in Chiapas bereits vor dem 1.1.1994 organisiert war. Mit Zivilgesellschaft meint die linke und indigene Bewegung in Mexiko die aktive Opposition, die nicht nach Posten und Pfr\u00fcnden Ausschau h\u00e4lt, sondern sich wirklich unabh\u00e4ngig f\u00fcr ihre Basis einsetzt. Die s<em>ociedad civil <\/em>unterst\u00fctzt die Forderungen der EZLN, weil sie gerecht und richtig sind und hat ein solidarisches Verh\u00e4ltnis zur EZLN, die der Bev\u00f6lkerung mit ihren <em>milicianos <\/em>(dt.: Milizion\u00e4rInnen) auch Schutz bietet ((2)). Gleichzeitig hat die Zivilgesellschaft ihrerseits Einfluss auf die zapatistische Bewegung, so dass von einer sich erg\u00e4nzenden und unterst\u00fctzenden Koexistenz im Widerstand gesprochen werden kann.<\/p>\n<p>L\u00f3pez f\u00fchrte aus, dass die <em>sociedad civil en resistencia<\/em> zwar nicht wie die EZLN die Waffen erhoben hat, aber \u00fcber die Entschlossenheit und den Willen verf\u00fcgt, anhaltenden Widerstand zu leisten. Sie unterst\u00fctzt die Abkommen von San Andr\u00e9s \u00fcber indigene Selbstverwaltung, Rechte und Kultur, die &#8211; von Regierungsvertretern und EZLN 1996 unterzeichnet -, von der Regierung bis heute nicht umgesetzt wurden.<\/p>\n<p>Seit der gro\u00dfen <em>consulta <\/em>(Befragung) zur Durchsetzung der indigenen Rechte, welche die EZLN 1999 angeregt hatte, existieren in zahlreichen St\u00e4dten Mexikos weiterhin die lokalen Komitees, die sich damals zur Unterst\u00fctzung zusammengefunden hatten. Die Aktivit\u00e4ten der Zivilgesellschaft im Widerstand haben sich seitdem verst\u00e4rkt und die AktivistInnen sind mexikoweit und regional vernetzt.<\/p>\n<p>In Chiapas gibt es sieben Regionen der organisierten Zivilgesellschaft, die in einem Forum beschlossen haben, wie die Zapatistas keinerlei Hilfe von Staat anzunehmen, weil die Regierung mit diesen Almosen die Gemeinden spaltet, die Kontrolle zur\u00fcckerlangt und den Menschen ihre W\u00fcrde nimmt, an den ausbeuterischen und marginalisierenden Strukturen aber nichts \u00e4ndert. Dieser sozio-\u00f6konomische Sektor der Aufstandsbek\u00e4mpfung, der parallel zum Krieg der niederen Intensit\u00e4t durch Paramilit\u00e4rs und Armee vorangetrieben wird, ist in den letzten Jahren unter der neoliberal-konservativen Bundesregierung von Vicente Fox und dem neuen chiapanekischen Gouverneur Pablo Salazar wichtiger geworden. Sogenannte &#8222;Hilfsprogramme&#8220; wie Progresa oder Procampo ((3)) bieten den Menschen auf dem Land Geld, Baumaterial und S\u00e4mereien an, wenn diese sich im Gegenzug von der EZLN und der weiteren Opposition lossagen. Diese Programme dienen folglich dazu, die Gemeinden auseinander zu dividieren und mit einer Umarmungstaktik an die Regierung zu binden, um die oppositionelle Basis zu schw\u00e4chen.<\/p>\n<h3>Der Kampf der indigenen Frauen<\/h3>\n<p>In S\u00fcdmexiko werden die Frauen gezielt dazu angehalten, Geld im Rahmen des Programms <em>oportunidades <\/em>(dt.: Chancen\/M\u00f6glichkeiten) zu akzeptieren. Nach Meinung der oppositionellen Frauenorganisationen soll mit den Staatsgeldern erreicht werden, dass sich die M\u00e4nner betrinken und keinen Widerstand organisieren und die Frauen gleichzeitig weniger Kinder bekommen. Die Frauen werden in aufoktroyierten Gespr\u00e4chen zur Verh\u00fctung gedr\u00e4ngt, denn nach Aussagen der Aktivistinnen hat die Regierung offenbar Angst vor jedem neuen potentiellen Guerilla-Nachwuchs.<\/p>\n<p>Viele Frauen gehen ungern in die staatlichen Hospit\u00e4ler, da sie dort wegen ihres Ind\u00edgena-Seins oft absch\u00e4tzig behandelt werden, weil sie abgelaufene Medikamente teuer erwerben m\u00fcssen und z.T. nach Entbindungen gegen ihren Willen und gegen ihr Wissen operiert oder &#8222;geimpft&#8220; werden &#8211; was sich in einigen F\u00e4llen als Zwangssterilisierung entpuppte. Viele Frauen sch\u00e4men sich oder haben Angst, diese menschenverachtenden Sterilisierungen zu melden, so dass von einer erheblichen Dunkelziffer ausgegangen werden muss.<\/p>\n<p>Das Programm <em>oportunidades <\/em>veranschaulicht auch das korrupte politische System Mexikos, denn es wird von der Weltbank mitfinanziert und eigentlich sollte jede interessierte Frau monatlich 500 Pesos erhalten, ausbezahlt werden in der Regel jedoch nur 150 Pesos (z.Z. gut 12,- Euro).<\/p>\n<p>Frauenorganisationen und andere Gruppen, die diese staatliche &#8222;Hilfe&#8220; ablehnen, werden immer st\u00e4rkerem Druck ausgesetzt, die Zuwendungen zu akzeptieren &#8211; bis hin zu Morddrohungen. Dagegen wehren sich die Zapatistinnen und die Frauen im Widerstand.<\/p>\n<p>Claudia Flores ist Aktivistin einer Frauenorganisation aus der Region Las Margaritas, die 1994 eine Kooperative gegr\u00fcndet hat. Die Kooperative verf\u00fcgt \u00fcber eine M\u00fchle und einen Laden, um ein wenig Geld aufzutreiben und die Ern\u00e4hrung ihrer Familien zu sichern. Neben dem \u00f6konomischen Aspekt ist es der Organisation auch wichtig, dass es ein Unterst\u00fctzungszentrum f\u00fcr Frauen gibt. Dort betreuen sie Frauen, die von ihren Ehem\u00e4nnern oder anderen m\u00e4nnlichen Gemeindemitgliedern misshandelt oder unterdr\u00fcckt wurden. Vielen Frauen wird z.B. verboten, nachts auf die Stra\u00dfe zu gehen oder allein zu verreisen.<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt bei einigen Frauen dazu, dass sie in der h\u00e4uslichen Umgebung nahezu vereinsamen und nur wenig au\u00dferfamili\u00e4re Kontakte aufbauen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Frauenorganisation besucht regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcnf Tojolabal-Gemeinden, um Aufkl\u00e4rungsarbeit \u00fcber Menschen- und Frauenrechte zu leisten, wobei die Aktivistinnen auch M\u00e4nner und Jugendliche zu ihren Seminaren einladen.<\/p>\n<p>Des weiteren geben sie Alphabetisierungskurse, weil viele indigene und b\u00e4uerliche Frauen w\u00e4hrend ihrer Kindheit nicht die Schule besuchen konnten, da sie aufgrund von Armut und Unterdr\u00fcckung &#8211; auch innerhalb der Familie &#8211; gezwungen waren zu arbeiten.<\/p>\n<p>Flores und ihre Kolleginnen sind nicht nur in diesen Gemeinden, sondern auch auf bundesstaatlicher Ebene organisiert. Die \u00fcbergreifenden Forderungen der Frauenorganisationen lauten: Gesundheit, Bildung, Wohnraum, Recht auf \u00c4mter, Eigentum und politische Bet\u00e4tigung, Emanzipation und Freiheit. Diese Forderungen wollen sie mit Kongressen, Seminaren, Treffen und weiteren Mobilisierungen erreichen. Neben ihrer Belastung als Mutter, Frau und Ind\u00edgena leiden viele Frauen auch unter der schlechten Gesundheitsversorgung, was ihr eigenes Engagement weiter erschwert.<\/p>\n<p>Festzuhalten bleibt, dass es vor allem die Frauen selbst sind, die &#8211; trotz aller Widrigkeiten &#8211; die Prozesse der Verbesserung ihrer Lebenssituation aktiv vorantreiben.<\/p>\n<h3>Der Kampf f\u00fcr indigene Autonomie und gegen das System<\/h3>\n<p>Marta S\u00e1nchez von der <em>coordinadora nacional de mujeres ind\u00edgenas <\/em>(dt.: Nationale Koordination indigener Frauen) innerhalb des Nationalen Indigenen Kongresses (CNI) erl\u00e4uterte, dass der indigene Kampf f\u00fcr Autonomie nicht nur auf Chiapas und die Zapatistas beschr\u00e4nkt ist. Die Ind\u00edgenas leben in vielen verschiedenen Bundesstaaten, in denen es \u00e4hnliche Probleme wie in Chiapas gibt. Sie betonte gleichzeitig, dass sich die CNI-Frauenkoordination solidarisch mit der EZLN und der Zivilgesellschaft <em>&#8222;gemeinsam f\u00fcr eine mit Inhalt gef\u00fcllte Autonomie einsetzt, um gegen das Monster, welches das System darstellt, k\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen&#8220;.<\/em><\/p>\n<p><em><\/em>Durch den Aufstand von 1994 konnten \u00fcber 40 indigene Bev\u00f6lkerungsgruppen ihre Anliegen formulieren und gr\u00fcndeten 1996 den CNI, um gegen Rassismus zu k\u00e4mpfen und eigene R\u00e4ume f\u00fcr die Ind\u00edgenas zu \u00f6ffnen &#8211; ohne Einmischung von Parteien, NGOs und Wirtschaftsvertretern.<\/p>\n<p>S\u00e1nchez unterstrich an dieser Stelle, dass es wichtig sei, das Bild der Ind\u00edgenas zu entmystifizieren, da sie keineswegs eine homogene Gruppe seien und in der Vergangenheit durch aufgepfropfte Systeme oder interne Konflikte zerstritten waren. Gerade aufgrund der Heterogenit\u00e4t der indigenen Bewegung m\u00fcssten Organisierungsprozesse von unten geleistet werden. Den Ind\u00edgenas hilft es auch nicht, wenn ein indigener Mensch das Land regieren w\u00fcrde; der Bewegung geht es um den Aufbau selbstverwalteter, basisdemokratischer Strukturen, was eine fundamentale Kritik am herrschenden System impliziert.<\/p>\n<p>Der CNI, in dem die EZLN eine Mitgliedgruppe ist, befindet sich zur Zeit weiterhin im Aufbau, trifft sich regelm\u00e4\u00dfig und agiert dabei auf mexikoweiter Ebene. Die zentrale Forderung des CNI ist (deckungsgleich mit derjenigen der EZLN) die wirkliche Umsetzung der Abkommen von San Andr\u00e9s \u00fcber indigene Selbstverwaltung, Rechte und Kultur.<\/p>\n<p>Im CNI werden die Frauenrechte mehrheitlich bejaht, sie sind jedoch noch nicht angemessen umgesetzt und garantiert.<\/p>\n<p>Die Frauen fordern z.B. weiterhin, \u00c4mter \u00fcbernehmen oder Land erben zu k\u00f6nnen und an den Debatten um die indigene Bewegung mehr teilnehmen zu k\u00f6nnen. Die Aktivistinnen aus Chiapas und Oaxaca berichteten \u00fcbereinstimmend, dass die M\u00e4nner oft Diskussionen unter sich f\u00fchren, w\u00e4hrend viele Frauenorganisationen darauf Wert legen, an ihren Seminaren auch M\u00e4nner teilnehmen zu lassen.<\/p>\n<p>Am Beispiel des Widerstandes gegen den Plan Puebla Panama &#8211; ein Megaprojekt, das durch Stra\u00dfen, Staud\u00e4mme, Biopiraterie und Fabrikbau die l\u00e4ndlichen Gemeinden bedroht &#8211; schilderte Flores, dass die Frauen besonders unter der Repression leiden und die umfassendere soziale Arbeit leisten, w\u00e4hrend einige M\u00e4nner &#8222;Siegeshymnen&#8220; anstimmen, wenn ein Teilerfolg errungen wurde. Sie verlangen eine st\u00e4rkere Einbeziehung der Frauenfrage, sie soll eine Perspektive werden, die immer und \u00fcberall eingebracht wird.<\/p>\n<p>Das Ziel der Frauenstruktur des CNI ist, dass ihre K\u00e4mpfe, aber auch ihr Alltag anerkannt und respektiert werden. Die Frauen betonen, dass Autonomie nicht nur nach au\u00dfen gerichtet ist, sondern auch innerhalb der Gemeinden umgesetzt werden muss. Neben der Umsetzung von Frauenrechten bedeutet dies vor allem einen solidarischen Umgang mit nat\u00fcrlichen und \u00f6konomischen Ressourcen sowie eine Politik der Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Am Ende ihrer beeindruckenden Informationsveranstaltung riefen die drei Mexikanerinnen unter Beifall dazu auf, die K\u00e4mpfe der Ind\u00edgenas, der Frauen und der linken Bewegung auch hier in Europa bekannt zu machen und weiterzuverfolgen, da es l\u00e4ngerfristig darum geht, mit allen verschiedenen emanzipatorischen Kr\u00e4ften des Erdballs eine Alternative zum herrschenden System aufzubauen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der m\u00fchsame Befreiungskampf der indigenen Frauen ist vielen Menschen kaum bewusst. Zivilgesellschaft im Widerstand W\u00e4hrend ihres Besuches in Europa brachten die drei indigenen Aktivistinnen Ana L\u00f3pez, Claudia Flores und Marta S\u00e1nchez ((1)) aus den Bundesstaaten Chiapas und Oaxaca souver\u00e4n Licht in dieses Dunkel. L\u00f3pez und Flores, Tojolabal-Frauen von der sociedad civil en resistencia (dt.: Zivilgesellschaft &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/07\/gegen-monster-und-machos\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Gegen Monster und Machos - graswurzelrevolution","description":"Der m\u00fchsame Befreiungskampf der indigenen Frauen ist vielen Menschen kaum bewusst. 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