{"id":5634,"date":"2003-07-01T00:00:51","date_gmt":"2003-06-30T22:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5634"},"modified":"2022-07-26T14:24:38","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:38","slug":"zug-um-zug-in-eine-bessere-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/07\/zug-um-zug-in-eine-bessere-welt\/","title":{"rendered":"Zug um Zug in eine bessere Welt"},"content":{"rendered":"<p>Die Regierungschefs der sieben reichsten L\u00e4nder und Russlands, die so genannten G8, verhandelten wie gewohnt geheim und unter weitest gehendem Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit sowie fernab jeglicher demokratischer Kontrolle \u00fcber Themen, die massive Auswirkungen auf das Leben von uns allen haben werden.<\/p>\n<p>Sind unsere Nachbarn in Frankreich und Italien schon weitgehend politisiert, l\u00f6sen sich auch Menschen in Deutschland ganz allm\u00e4hlich aus ihrem Phlegma und wehren sich gegen die Aushebelung von immer mehr Arbeits-, Sozial- oder Umweltstandards.<\/p>\n<p>&#8222;Eine bessere Welt ist m\u00f6glich!&#8220; ist ein weiteres Motto der globalisierungskritischen Bewegung, die sich nicht mit einer gnadenlos nach Profit orientierten Wettbewerbspolitik abfinden will, welche immer mehr Menschen auf der Strecke liegen l\u00e4sst und weiterhin lassen wird. Inzwischen befindet sich 48% des Gesamtkapitals in den H\u00e4nden von 225 Privatpersonen, ein Drittel des Weltreichtums geh\u00f6rt Gro\u00dfkonzernen. Mit einem von attac und<em> <\/em>einigen<em> <\/em>Gewerkschaftsgruppen organisierten Sonderzug, der von Berlin verabschiedet wurde und in weiteren 15 St\u00e4dten unter lautem Jubel weitere MitfahrerInnen einsammelte setzte sich am 28. Mai eine Vorhut von \u00fcber 1000 Leuten in Bewegung, um sich im &#8222;Intergalaktischen Dorf&#8220; bei Annemasse auf die Aktionen gegen den G8 vorzubereiten. Andere kamen mit Bussen, in organisierten Radtouren oder mit PKWs an.<\/p>\n<p>Schon allein die Zugfahrt war ein rollendes Bollwerk gegen die Zersplitterung des Widerstandes und die Ohnm\u00e4chtigkeit des Einzelnen. Sch\u00fclerInnen, StudentInnen, junge und alte GewerkschaftlerInnen, frauenpolitisch engagierte Menschen, Friedens- und UmweltaktivistInnen und viele mehr kamen schon w\u00e4hrend der Fahrt durch die laue Fr\u00fchlingsnacht ins Gespr\u00e4ch, die Stimmung war \u00e4u\u00dferst ausgelassen und solidarisch. So bunt gemischt gestaltete sich auch der Widerstand der TeilnehmerInnen.<\/p>\n<p>Der Dialog zwischen den unterschiedlichen Vereinigungen und Gesinnungen, der schon im Zug begann, konnte sich noch drei weitere Tage im &#8222;Village&#8220; (frz. Dorf) auf internationaler Ebene fortsetzen. Das von der franz\u00f6sischen Regierung legitimierte Intergalaktische Dorf erwies sich als ein erfreulich gut funktionierender Zeltplatz, dessen Gemeinschaftspl\u00e4tze und -zelte Raum f\u00fcr Plenen, Workshops, Filme, Veranstaltungen und Verk\u00f6stigung boten. Sogar ein Mediazelt mit zahlreichen PCs gaben den intergalaktisch Verreisten die M\u00f6glichkeit, weiterhin online zu kooperieren oder einfach nur ihren privaten Interessen nachzugehen &#8211; niemand sollte hier von einem politischen Muss, wie auch immer geartet, vereinnahmt werden.<\/p>\n<p>Konsens war ein fairer Umgang und Gewaltlosigkeit, welcher leider nicht immer von Einzelnen akzeptiert wurde.<\/p>\n<p>Zahlreihe Demonstrationen und pressewirksame Aktionen liefen schon Tage vor dem (gro\u00dfen) Tag der Er\u00f6ffnung des Gipfels und zugleich des Massenwiderstandes in der Umgebung ab.<\/p>\n<p>Am 1. Juni gab es dann einen Mix von Blockaden und Demonstrationen, um den Gipfel maximal zu bel\u00e4stigen.<\/p>\n<p>Zwei gewaltige Demoz\u00fcge setzten sich (schlie\u00dflich am Sonntag) in Bewegung, nach Angaben der Polizei sollen sich daran 50.000, nach Sch\u00e4tzungen der Organisatoren 120.000 Menschen beteiligt haben. Einer setzte sich von dem schweizerischen Genf und einer von dem franz\u00f6sischen Annemasse aus in Bewegung mit dem Ziel, sich an der Grenze zu treffen und diese zu besetzen &#8211; ein symbolischer Akt f\u00fcr die geforderte \u00d6ffnung der Grenzen. Von hier sollte die einzige Zufahrtsstra\u00dfe nach Evian besetzt werden, an welcher der Tross von einigen Tausenden Politikern und Mitarbeitern vorbeifahren w\u00fcrde, die nicht gerade eingeflogen werden oder den Seeweg nehmen w\u00fcrden. Die Demonstration am Sonntag war die gr\u00f6\u00dfte, die Genf je erlebt hat. Die Polizei konterte nicht gerade zimperlich mit Tr\u00e4nengas, Pr\u00fcgeleins\u00e4tzen und Verhaftungen. Besonders brutal wurde das Vorgehen der Polizisten mit einer St\u00fcrmung des Geb\u00e4udes, in dem sich das alternative Internetportal &#8222;Indymedia&#8220; befindet, beschrieben. Da es in der Nacht von Sonntag auf Montag geschah, k\u00f6nnte man es als eine Art Rache einiger Ordnungsh\u00fcter f\u00fcr die tags\u00fcber gelungenen Gegenaktivit\u00e4ten in der Stadt interpretieren. Auch in Lausanne versuchten mehrere tausend GegnerInnen, den Transfer nach Evian zu behindern.<\/p>\n<p>Der Gipfel fand statt, wenn auch durch die Blockaden nur etwas aufgehalten. Die gewaltsamen Ausschreitungen in Genf und anderswo, welche mit Pl\u00fcnderungen einhergingen, wurden von eher politisch oft unmotivierten &#8211; aber auch aus verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden frustrierten &#8211; &#8222;Ghettokids&#8220; ausge\u00fcbt und von dem Gros der zusammengefundenen GlobalisierungskritikerInnen abgelehnt.<\/p>\n<p>Kaum einer der DemonstrantInnen h\u00e4tte wohl eine Umkehr der Politiker und deren Gefolge zum Treffen in Evian, geschweige denn eine ernsthafte Abkehr von ihrer r\u00fccksichtsloser Liberalisierungsideologie ad hoc erwartet. Trotzdem waren die TeilnehmerInnen an den Protesten mit dem Erreichten zufrieden und konnten sich einer starken Solidarisierung ihres Protestes mit der schweizerischen und besonders der franz\u00f6sischen Bev\u00f6lkerung erfreuen.<\/p>\n<p>In den Fenstern in D\u00f6rfern und St\u00e4dten hingen \u00fcberall sichtbar die bunten &#8222;Pace&#8220; (=Friedens)- T\u00fccher, auch in den Schaufenstern von kleinen bis zu etablierten Gesch\u00e4ften. &#8222;Ja, k\u00e4mpft um Eure Ideen und Ideale, das ist ganz richtig so. Wir m\u00fcssen uns f\u00fcr unsere Rechte einsetzen!&#8220; sagte eine alte franz\u00f6sische Landswirtin beispielsweise, als sie an der blockierten Stra\u00dfe zu der Zufahrtsstra\u00dfe von Annemasse nach Evian vorbeizog und alle ProtestkundgeberInnen in Erstaunen versetzte, indem sie sich unerschrocken auf die wie wild mit Tr\u00e4nengas und Schock-Knall-Granaten beschossene Zone zwischen Demonstranten und einer Hundertschaft von Polizisten zu bewegte und ein kurzfristiges Innehalten der Geschosse seitens der Polizei bewirkte. Sie verschwand hinter der Polizeilinie.<\/p>\n<h3>Was aus den Erlebnissen in Evian mitgenommen wurde?<\/h3>\n<p>Die Erfahrung einer nicht nur beredeten, sondern auch gelebten alternativen Lebensweise und die M\u00f6glichkeit eines starken Zusammenhaltes jenseits von ideologischen und sozialen Grenzen. Das alles macht Mut, aus der allgemeinen Lethargie gegen die eingefahrene Politik unserer Volksvertreter und der scheinbar unaufhaltsamen Macht der Konzerne aufzubegehren. Macht fr\u00f6hlich, kreativ und erfinderisch. Aufgewacht!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Regierungschefs der sieben reichsten L\u00e4nder und Russlands, die so genannten G8, verhandelten wie gewohnt geheim und unter weitest gehendem Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit sowie fernab jeglicher demokratischer Kontrolle \u00fcber Themen, die massive Auswirkungen auf das Leben von uns allen haben werden. 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