{"id":5647,"date":"2003-07-01T00:00:52","date_gmt":"2003-06-30T22:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5647"},"modified":"2022-07-26T14:15:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:11","slug":"lust-auch-auf-die-anarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/07\/lust-auch-auf-die-anarchie\/","title":{"rendered":"&#8222;Lust auch auf die Anarchie&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Klaus von Wrochem lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in K\u00f6ln. Er wurde am 20. Januar 1940 in Doppoldiswalde geboren, hat in den 60er Jahren bei Mauricio Kagel und Karl-Heinz Stockhausen Musik studiert, war dann Violinist in Boston, San Diego und K\u00f6ln.<\/p>\n<p>In den 70er Jahren, in seiner &#8222;Tabernakelzeit&#8220;, lebte er in einer Kommune-\u00e4hnlichen Wohngemeinschaft und erlernte Living-Theatre-Techniken.<\/p>\n<h3>Weitere Lebensabschnitte in Stichworten<\/h3>\n<p>1971 Knast in N\u00fcrnberg, Hungerstreik; f\u00fcnf Jahre Touren im Bauwagen &#8211; Politische Bet\u00e4tigung: aktiver Part in diversen Demonstrationen: gegen den Transport von radioaktiv verseuchtem Molkepulver in die &#8222;Dritte Welt&#8220;; Ford Streik; Startbahn West Erweiterung am Frankfurter Flughafen, Leben im H\u00fcttendorf; MieterInnenk\u00e4mpfe gegen Wohnungsenteignung; Hausbesetzung des Stollwerk in K\u00f6ln als Forderung f\u00fcr Sozialen Wohnungsbau; Konzerte im Knast; Konzerte f\u00fcr Obdachlose; Aktion Platania, Protest gegen Abholzung von 30 achtzigj\u00e4hrigen Linden eines Parks in K\u00f6ln,&#8230;<\/p>\n<p><strong> Graswurzelrevolution: Klaus, seit 1970 tourst Du als politischer Stra\u00dfenmusiker durch Deutschland. Kannst Du Deine pers\u00f6nliche Lebensgeschichte und Politisierung beschreiben? Wie fing alles an? <\/strong><\/p>\n<p>Klaus von Wrochem: <em>Da hat Amiland ne Menge mit zu tun, glaube ich. Das waren die wilden 60er Jahre: Rock, Marihuana, LSD, Hippies, und der Vietnam-Krieg, na klar.<\/em><\/p>\n<p><em>So etwas kannte ich ja alles nicht von unserem Fuzzi-Deutschland. Mein f\u00fcnfj\u00e4hriger Aufenthalt dort war schon so etwas wie ein Befreiungsschlag f\u00fcr mich, zumindest am Anfang. Befreiung aus der Enge, geistig und k\u00f6rperlich.<\/em><\/p>\n<p><strong>GWR: Und wie ging es weiter?<\/strong><\/p>\n<p>Klaus der Geiger: <em>Na ja, je l\u00e4nger ich da war, desto mehr hab ich mich als gleichberechtigter Ami gef\u00fchlt, mich engagiert, auch politisch. <\/em><\/p>\n<p><em>War ja Vietnam-Krieg, Black Panther-Movement, Timothy Leary, John Cage, Morton Feldman, Fluxus. Studentenstreiks, People&#8217;s Park in San Francisco, Kent-shooting u.s.w. In Amiland, wenn&#8217;s da mal losgeht, dann geht&#8217;s aber zur Sache, ziemlich brutal. Und wenn man sich als Gast nicht systemkonform verh\u00e4lt, dann fliegt man raus, wie ich damals!<\/em><\/p>\n<p><strong>Was war, was ist Dir besonders wichtig?<\/strong><\/p>\n<p><em>Ich glaube, die Sache mit der Freiheit, immer noch.<\/em><\/p>\n<p><strong>In einem Interview hast Du formuliert, dass Du Dich als &#8222;anarchistisch gepr\u00e4gt&#8220; verstehst. &#8222;Anarchie&#8220; wird von den b\u00fcrgerlichen Medien meist als Synonym f\u00fcr &#8222;Chaos&#8220; und &#8222;Terror&#8220; verwendet. Was ist Anarchie f\u00fcr Dich?<\/strong><\/p>\n<p><em>Keinen Diener unter uns und keinen Herrn \u00fcber uns haben. F\u00fcr mich immer noch die optimale L\u00f6sung. Und wenn man daf\u00fcr k\u00e4mpft, dann wird&#8217;s schon oft chaotisch und &#8222;terroristisch&#8220;. Das liegt aber nicht an den Anarchisten, sondern an ihren Gegnern!<\/em><\/p>\n<p><strong>Im M\u00e4rz 2001 hast Du Dich im Wendland an einer Sitzblockade der gewaltfreien Initiative <em>X-tausendmal-quer<\/em> gegen den Castor-Transport beteiligt. Anschlie\u00dfend wurde ein Ermittlungsverfahren gegen Dich eingeleitet, weil Beamte behauptet haben, Du h\u00e4ttest einen Polizisten geschlagen. Was ist damals wirklich passiert und wie ging es weiter?<\/strong><\/p>\n<p><em>Da z.B. habe ich mich dem staatlichen Gewalt- und Befehlsmonopol widersetzt. Ist mir nicht gut bekommen, und meiner Geige auch nicht.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber es hat sich ausgezahlt: der Prozess wurde dreimal von Staats wegen verschoben, und dann wurde im Dezember 2002 das Verfahren gegen mich eingestellt, wegen polizeilichen Falschaussagen und Widerspr\u00fcchlichkeiten.<\/em><\/p>\n<p><strong>Voraussichtlich im Herbst 2003 kommt der n\u00e4chste Castor-Transport ins Wendland. Wirst Du Dich wieder an den Aktionen der Anti-Atom-Bewegung beteiligen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Na klar! Logo! Au\u00dferdem braucht mein Seelchen so was! K\u00f6rperchen auch! Und man trifft immer so tolle Menschen!<\/em><\/p>\n<p><strong>Du hast Dich stark auch gegen Wohnungsnot und f\u00fcr Obdachlose engagiert. Stichwort &#8222;Klagemauer&#8220;. Was lief denn da in Deiner Heimatstadt?<\/strong><\/p>\n<p><em>Die Klagemauer war und ist eine, sagen wir mal: kulturpolitische Stra\u00dfen-Aktion meines &#8222;Polit-Bruders&#8220; Walter Herrmann. Der hat sich damals, genauso wie ich, f\u00fcr die zahlreichen Menschen hier in K\u00f6ln stark gemacht, die die Mieterh\u00f6hungen nicht mehr zahlen konnten bzw. wollten und \u00fcber R\u00e4umungsklagen oft genug obdachlos wurden. Walter hat W\u00e4scheleinen in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone gespannt, DIN A 6-gro\u00dfe<\/em> <em>Pappk\u00e4rtchen sowie ein paar Filzer davor gelegt, ich habe an diesem Platz lautstark meine Miethai-Lieder gespielt und die Leute aufgefordert, ihre N\u00f6te und Sorgen auf die K\u00e4rtchen zu schreiben, die Walter dann an den W\u00e4scheleinen aufgeh\u00e4ngt hat. Da gab es mordsm\u00e4\u00dfige K\u00e4mpfe drum. Das wollten sie ja unbedingt weg haben!<\/em><\/p>\n<p><em>Und als der Golfkrieg 1991 losging, da ist Walter auf die Domplatte gezogen, und da wohnten zu der Zeit die Punks, und da wurde die Auseinandersetzung nat\u00fcrlich noch ein ganzes St\u00fcck grimmiger. Ja, die Klagemauer ist rebellionstr\u00e4chtig, und nicht tot zu kriegen, genauso wie der Walter, das Stehaufm\u00e4nnchen!<\/em><\/p>\n<p><strong>Die rot-gr\u00fcne Regierung plant mit der &#8222;Agenda 2010&#8220; den gr\u00f6\u00dften Sozialabbau in der Geschichte der Bundesrepublik. Siehst Du Chancen diese menschenfeindlichen Vorhaben noch zu kippen? Wie kann der Widerstand dagegen mobilisiert werden?<\/strong><\/p>\n<p><em>Die einfachste L\u00f6sung: So wenig Geld wie m\u00f6glich ausgeben und einnehmen! Und das ganz bewusst und mit W\u00fcrde!<\/em><\/p>\n<p><strong>&#8222;Wir sind die Dr\u00fcckeberger&#8220;, das ist ein bekanntes Kriegsdienstverweigerer-Lied von Dir aus den 70er Jahren. Du hast Dich auch an den Protesten z.B. gegen die Angriffskriege gegen Jugoslawien 1999, Afghanistan 2001 und Irak 2003 beteiligt. Wie siehst Du die Chancen der transnationalen Anti-Kriegs-Bewegung die bereits geplanten Kriege etwa gegen Syrien und den Iran zu verhindern?<\/strong><\/p>\n<p><em>Die Anti-Kriegs-Bewegung war ja wohl fulminant und wird mit jedem imperialistischen Krieg st\u00e4rker. Ich kann nur sagen: Br\u00fcder und Schwestern, seien wir wachsam und googeln kr\u00e4ftig durch unsere Internetseiten!<\/em><\/p>\n<p><strong>Dein Musiker-Kollege Pit Budde (Ex-Cochise) hat in der Graswurzelrevolution Nr. 278 (April 2003) die Machenschaften der Industrie in Sachen &#8222;alternativer Musik&#8220; beschrieben. Hast Du \u00e4hnliche Erfahrungen gemacht?<\/strong><\/p>\n<p><em>Ich hab wenig zu tun mit der Musikindustrie, Gott sei Dank! So wenig wie nur irgend m\u00f6glich.<\/em><\/p>\n<p><strong>Viele &#8222;politische Musiker&#8220; haben sich entpolitisiert, wurden kommerziell oder sind verschwunden. Du verspr\u00fchst dagegen immer noch Hoffnung und &#8222;Lust auch auf die Anarchie&#8220;. Wie erkl\u00e4rst Du Dir das?<\/strong><\/p>\n<p><em>Wegen der Lust und der Anarchie! Ganz egoistisch!<\/em><\/p>\n<p><strong>Danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n<h3>Perverse F\u00fchrer (World Trade Center)<\/h3>\n<p>Perverse F\u00fchrer in Allahs Namen: im Kopf nur die H\u00f6lle, in Ewigkeit Amen. Verherrlicht den Tod, seid blind f\u00fcr das Leben: Das kann euch Allah nicht Vergeben!<\/p>\n<p>Perverse F\u00fchrer, in Christi Namen: dealt auch mit der H\u00f6lle, ohne Erbarmen. Verwurstet die Menschheit, am liebsten global; Hauptsach&#8216; reich und Erfolg: das ist eure Moral.<\/p>\n<p>Und wir? Da h\u00e4ng&#8217;n wir im Dornengestr\u00fcpp von H\u00f6llenmoral oder Monstergl\u00fcck, was den einen begl\u00fcckt, weil&#8217;s den andern erstickt, und wer&#8217;n selber langsam pervers und verr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Und tr\u00e4umen doch alle vom Paradies. Und wissen alle, was das ist. Ham&#8217;s alle schon mal erlebt und gesehn. Es ist ja da. Man kann hingehn.<\/p>\n<p>Doch nicht mit Krieg und Ha\u00df und Rache. Denn Leben ist eine heilige Sache. Das zu erkennen, sind wir vielleicht hier. Und wenn wir k\u00e4mpfen, dann nur daf\u00fcr. Dann nur daf\u00fcr.<\/p>\n<p><strong>Klaus der Geiger (Live 2002)<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus von Wrochem lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in K\u00f6ln. Er wurde am 20. Januar 1940 in Doppoldiswalde geboren, hat in den 60er Jahren bei Mauricio Kagel und Karl-Heinz Stockhausen Musik studiert, war dann Violinist in Boston, San Diego und K\u00f6ln. 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