{"id":5653,"date":"2003-07-01T00:00:16","date_gmt":"2003-06-30T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5653"},"modified":"2022-07-26T14:15:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:12","slug":"johannes-agnoli","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/07\/johannes-agnoli\/","title":{"rendered":"Johannes Agnoli"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Darin sehe ich \u00fcberhaupt das Gesch\u00e4ft, auf das ich mich schon seit l\u00e4ngerer Zeit einlasse, und mit dem die ganze Linke sich befassen sollte: Die Politik theoretisch und soweit wie m\u00f6glich auch praktisch zu kritisieren&#8220; (Agnoli 1990, 164)<\/em><\/p>\n<p>Eine Trag\u00f6die. Fast im griechischen Sinn. Von quantitativ ungleich gr\u00f6\u00dferem Gewicht. Tote tats\u00e4chlich massenhaft. Nach langen Vorl\u00e4ufen punktueller, abgebrochener, historisch kontextuell anderer Art kamen im 19. Jahrhundert fast \u00fcberall in Festland- und Inseleuropa zwei unterschiedlich umfangreiche und nachhaltige soziale Bewegungen in Gang, die ersten der Moderne: Kommunismus\/Sozialismus als programmatische H\u00e4ute der Hauptgestalten der Arbeiterbewegung. Darin und fr\u00fch nur am Rande, an einzelnen Orten und zu machen Zeiten von erheblicher Bedeutung: anarchistische Str\u00f6mungen. Beide schwabbten an und \u00fcber die Grenzen der etablierten Gesellschaften. Letztere entfeudalisierten sich. Sie wurden zu Gesellschaften kapitalistischer und das hei\u00dft immer zugleich staatlicher Herrschaft. Kommunistisch\/sozialistische und anarchistische Bewegungchen, eher vereinzelt noch und nicht stark wie ein sozialer Strom waren mehr willk\u00fcrlich als durch &#8218;ordentlich&#8216; entsandte Mitglieder an der Ersten sozialistischen Internationale beteiligt. Ihr war Marx\/Engels seinerzeit und heute noch &#8218;ungeheuerliches&#8216; Kommunistisches Manifest vorausgegangen. Dieses nahm die \u00d6ffentlichkeit einer machtvollen Arbeiterbewegung weithin &#8211; utopisch &#8211; vorweg, vom Wissen befl\u00fcgelt, dass alle Prognosen von der kapitalistischen Entfesselung gesprengt werden w\u00fcrden, einschlie\u00dflich des weltweit expansiven &#8218;globalen&#8216; Kapitalismus und seiner etatistischen Klammern selbst. Aus pers\u00f6nlichen und sachlichen Gr\u00fcnden fr\u00fch im Gerangel dr\u00e4ngte die kommunistisch, sozialistisch und sozialdemokratisch gewandete Arbeiterbewegung alle anarchischen Z\u00fcge und alle anarchistischen Ideologeme fr\u00fch beiseite. Ja, sie &#8222;s\u00e4uberte&#8220; sich allseits von ihnen. Darum gab es nur eine zeitweise gemeinsame Erste Internationale. Die verschiedenen Versionen der Arbeiterbewegungen &#8211; der Plural ist von Anfang an wichtig -, bedingt von der unterschiedlichen kapitalistischen Entwicklung und den diversen nationalstaatlichen Kontexten, treten vollends im Laufe des 1. Weltkriegs auseinander: Sozialdemokratie hier, bald (sowjet-)Kommunistischen Parteien dort. Die Einzelnen und Gruppen, die sich anarchistisch verstanden, bezogen sich ihrerseits auf die Arbeiterbewegung und Sozialismus. Sozialismus nahmen sie als geradezu unmittelbare, selbst assoziativ zu praktizierende Tagesaufgabe wahr. Anarchisten nicht einheitlich deklinierbarer Art spielten hintergr\u00fcndig, als Einsch\u00fcbsel und im Vordergrund ab und an eine gewichtige Rolle. Von den Luddites, den Webern und vielen anderen zu schweigen, der historisch tiefer sitzenden &#8222;Geschichte der Arbeiterbewegung&#8220; ((1)), angefangen von der Pariser Kommune \u00fcber die r\u00e4terepublikanischen Versuche am Ende des 1. Weltkriegs bis zum Spanischen B\u00fcrgerkrieg. Indes im Kontext der Arbeiterbewegung blieben die ihrerseits zersplitterten Anarchisten eine Randerscheinung, die eher dem immer erneuten B\u00fcrgerschreck diente. Bis heute: stellt euch vor, ein b\u00fcrgerlicher Schrecken, eine menschliche Hoffnung, es g\u00e4be keinen sterblichen Gott, keinen STAAT mehr.<\/p>\n<p>Die Trag\u00f6die hebt fr\u00fch an. Im Umkreis der 1. Internationale. Sie ereignet sich darin, dass sich beide, ungleich gewichtigen Str\u00f6mungen der Arbeiterbewegung katastrophisch verfehlen. Sie \u00e4u\u00dferte sich in Missverst\u00e4ndnissen, Ausschl\u00fcssen, Feindschaften und bald auch in politischen Morden. Sie tritt jedoch vor allem programmatisch und praktisch zu Tage. Hierbei versteht sich von selbst, was an dieser Stelle in seinen historischen Bedingungen nicht weiter ausgef\u00fchrt werden kann, dass die kommunistisch-anarchistische Uneinigkeit, ja Feindschaft ihre materiellen, interessen- und herrschaftsspezifischen, auch ihre personellen Gr\u00fcnde hat, die sich nicht durch eine wohlgesinnte kommunistisch-anarchistische &#8222;\u00d6kumene&#8220; h\u00e4tte &#8218;vers\u00f6hnen&#8216; lassen. Dem Mangel aller sozialdemokratischen und kommunistischen Str\u00f6mungen, die Formfrage gerade auch f\u00fcr die Zeiten des \u00dcbergangs zu einer anderen Vergesellschaftungsform radikal ernst zu nehmen, geb\u00fchrt der erste Rang.<\/p>\n<p>Das, was in Sachen Kapitalismus-Analyse noch geschah, im Sinne einer von Marx geleisteten und informierten <em>Form<\/em>kritik kapitalistischer Vergesellschaftung, wurde in Sachen Staatsanalyse vers\u00e4umt. Die vers\u00e4umte Kritik wurde stattdessen geradezu (selbst-)herrschaftsnaiv auf die Zeiten des staatlichen Absterbens verschoben. Wenn der Tau des sozialistischen Sonnenaufgangs alle Graswurzeln wachsen, gr\u00fcnen und gedeihen macht. Wenngleich sehr verschieden begr\u00fcndet und praktiziert meinten die kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien, sie k\u00f6nnten, m\u00fcssten und d\u00fcrften sich der herrschenden politischen Institutionen rund um das staatliche Gewaltmonopol instrumentell bedienen. Mit ihnen bewehrt vermein-ten sie, einen qualitativ anderen Kapitalismus (Sozialdemokratie) oder eine andere befreite Gesellschaft erk\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen. Der sp\u00e4ter studentenbewegt so genannte Marsch durch die Institutionen mit seiner grotesken Untersch\u00e4tzung der Definitionsmacht etablierter Institutionen bis in die Habitus und ins Bewusstsein gerade der St\u00e4rksten hinein, stellt das erkl\u00e4rbare Herrschaftsopfer aller Sozialdemokratien von Anfang an da.<\/p>\n<p>Bestenfalls schafften sie es darum, selbst zu Teilen l\u00e4ngst nicht mehr von ihnen bestimmter oder bestimmbarer (neoliberaler) Herrschaft zu werden. Die Kommunisten waren nur einen formbornierten Wachstumsring weiter. Sie nahmen an, sich des Staates als zentralen, vor allem \u00f6konomischen Steuerungs- und Durchsetzungsmittel in kommunistischer Absicht bedienen zu k\u00f6nnen. Sie endeten darum rasch im geradezu selbstmauernden Gem\u00e4uer eines herrschaftsemphatischen STAATS-Kapitalismus.<\/p>\n<p>Den anarchistischen Gruppen fehlte im Gegenzug dazu eine zureichende Analyse kapitalistischer Vergesellschaftung. Mittelbewusst, und auf die aktuelle Verwirklichung sozialistischer Forderungen bezogen, vers\u00e4umten sie es, die kapitalistische Vergesellschaftung in ihrer Dynamik zureichend zu verstehen. An ihrer Staatskritik und insoweit an der Kritik, herrschende Formen zu \u00fcbernehmen, lie\u00dfen sie freilich keinen Zweifel aufkommen. Sympathisch und sozialistischer &#8218;Logik&#8216; gem\u00e4\u00df dr\u00e4ngten sie darauf, dass andere Vergesellschaftungsformen hier und heute bis in den eigenen Lebensstil zu praktizieren seien. Sie verlie\u00dfen sich jedoch zu sehr, evolutionsgl\u00e4ubig wie fast alle &#8222;revolution\u00e4ren&#8220; Vertreter und Vertreterinnen der typischerweise im 19. Jahrhundert verankerten Bewegungen, auf direkte Aktionen. Nicht wenige verga\u00dfen darob, dass Gewalteinsatz dem anarchischen Ziel unvermeidlich widersprechen muss, so verst\u00e4ndlich ein solcher gegen \u00fcberm\u00e4chtige herrschende Gewalten sein mag. An der &#8222;Gewaltfrage&#8220; im staatlichen und nicht-staatlichen Sinne, an der Gewalt als Herrschaftsmittel und als Mittel der Emanzipation im Sinne der Zerst\u00f6rung bestehender Herrschaft scheiterten beide Bewegungen in all ihren Unterschieden gleicherma\u00dfen.<\/p>\n<p>Die fr\u00fchen, auch pers\u00f6nlichen Querellen zwischen Marx und Bakunin etwa, beide nicht gerade anti-autorit\u00e4r im eigenen Verhalten, k\u00f6nnen au\u00dfer Betracht bleiben. Das nicht zureichend korrespondierende Verh\u00e4ltnis beider stellt freilich ein Symptom der Trag\u00f6die dar. Bes\u00e4\u00dfe man die literarischen Mittel, es lohnte heute noch, beider Konfrontation und Exklusion dramatisch zuzuspitzen (beide haben \u00fcbrigens den je anderen vor allem in ihren Briefwechseln des \u00f6fteren erw\u00e4hnt, ohne die Sache, um die es h\u00e4tte gehen k\u00f6nnen, wenn nicht m\u00fcssen, zu begreifen). Wie wenig produktive Auseinandersetzungen es gegeben hat, zeigt Rosa Luxemburg, eine der wenigen Kommunistinnen\/Sozialistinnen, die die Formfrage auch und vor allem als organisatorisches Eigenproblem begriffen. Trefflich ihre Kritik an Lenin schon am Anfang des neuen Jahrhunderts in den &#8222;Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie&#8220;. Trefflich ihre Kritik an Lenin und Trotzki. Diese erachteten &#8222;b\u00fcrgerliche Freiheitsrechte&#8220; nicht nur und dies wohlbegr\u00fcndet als systematisch unzureichend, klassenspezifisch borniert wie sie waren (und immer noch zu gro\u00dfen Teilen sind). Trotzki und Lenin missachteten diese Rechte und ihre institutionellen Sicherungen vielmehr als revolution\u00e4r st\u00f6renden Tand. Damit riefen sie Rosa Luxemburg auf den Plan. Sie belegt die &#8222;offenkundig unbestreitbare Tatsache, dass ohne eine freie, ungehemmte Presse, ohne ungehindertes Vereins- und Versammlungsleben gerade die Herrschaft breiter Volksmassen v\u00f6llig undenkbar ist.&#8220; In diesem Zusammenhang findet sich auch die zurecht ber\u00fchmte, meist nur halb zitierte Freiheits\u00e4u\u00dferung: &#8222;Freiheit nur f\u00fcr die Anh\u00e4nger der Regierung, nur f\u00fcr die Mitglieder einer Partei &#8211; m\u00f6gen sie noch so zahlreich sein &#8211; ist keine Freiheit. Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der &#8218;Gerechtigkeit&#8216;, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen h\u00e4ngt und seine Wirkung versagt, wenn die &#8218;Freiheit&#8216; zum Privilegium wird&#8220; (R.L. 1979, 358 f.).<\/p>\n<p>Die Konsequenzen des sozialistisch kommunistischen Mangels, die Hauptmerkmale anarchistischer Sorte aufzuheben waren schrecklich. Sie begr\u00fcndeten die geschichtsm\u00e4chtige, aber kommunistisch t\u00f6dliche Kombination von &#8222;Humanismus und Terror&#8220; (Merleau-Ponty), den Versuch durch &#8222;Sonnenfinsternis&#8220; (so Koestlers Romantitel \u00fcber die Moskauer Prozesse) zum Sonnenaufgang zu gelangen. Sie machten den stalinistischen Zentralismus m\u00f6glich &#8211; ganz und gar gegen die Konzeption der Sowjets; sie schufen dessen schlimmste Ausw\u00fcchse im Gulag, im Spanischen B\u00fcrgerkrieg und in der Ermordung x-Tausender von Kommunisten im Rahmen des t\u00f6dlichen Kampfes mit dem deutschen Nationalsozialismus. Der Kollaps 1989\/91 ist darum nicht zuletzt der eigenen restlosen Auszehrung aller irgend emanzipativen Legitimationsquellen geschuldet.<\/p>\n<p>Die anarchistischen Gruppen scheiterten fr\u00fcher und anders. Sie scheiterten zu allererst an den \u00fcberall pr\u00e4senten Herrschaften und ihren Repressionsapparaten. Sie scheiterten jedoch auch daran, dass sie, sympathisch anti-institutionell, selten \u00fcber eine l\u00e4ngere und ausgegorenere organisatorische F\u00e4higkeit und Perspektive verf\u00fcgten &#8211; vom Mangel zureichender Kapitalanalyse, den ich schon erw\u00e4hnt habe, zu schweigen ((2)).<\/p>\n<p>Darum ist Johannes Agnoli so wichtig. Er war, so man die Etiketten liebt, Marxist, Kommunist und Anarchist in einem. Er wehrte sich nicht, politisch und theoretisch Position zu beziehen. Das tat er kompromissloser als die meisten. Indes, er wehrte sich aus gutem Grund \u00fcber irgendwelche abstrakte Begriffsleisten geschlagen zu werden. Das, was ich oben zu Kommunismus und Anarchismus angedeutet habe, peinigt nicht nur als historische Erinnerung. Es kann, es sollte, es m\u00fcsste daraus f\u00fcr das eigene Verhalten in gleichen und sehr verschiedenen Umfeldern gelernt werden. Heute mehr denn je. Dass eine fortentwickelte, bei Marx in die Schule gegangene Kritik der politischen \u00d6konomie notwendig erg\u00e4nzt werden muss, von einer Kritik der Politik wie Johannes Agnoli sie ansatzweise begr\u00fcndet und betrieben hat &#8211; und nicht im Sinne einer &#8222;Ableitung&#8220; des politischen &#8222;\u00dcberbaus&#8220; aus dem \u00f6konomischen &#8222;Unterbau&#8220;. Betrachtet man, wie analytisch krallenarm ein Gutteil der gl\u00fccklicherweise endlich vermehrten Globalisierungskritikerinnen und -kritiker erscheint, wie sehr Vorstellungen qualitativer anderer Politik als einer solchen im Umkreis des Staates fehlen, dann ist zu erkennen, wie dringend es Agnolischer Fermente und Triebkr\u00e4fte bedarf. Die gr\u00fcnden letztlich in seinem immer vorhandenen, immer spa\u00dfvollen Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Aller Herrschaft abhold. Auf andere, auf alle anderen bezogen.<\/p>\n<p>Johannes Agnoli, im Februar 1925 in Italien geboren ist ebendort am 4. Mai dieses Jahres gestorben ((3)). Das, was Johannes Agnoli ausmachte, so man das knapp nicht auf einen Nenner bringen will, war sein dauernder intellektueller Witz, der sich nicht durch irgendwelche Institutionen und serviettenwei\u00dfe Gepflogenheiten einzwirnen lie\u00df. Dieser intellektuelle, unabl\u00e4ssig Herrschaftsl\u00f6cher bohrende, also im besten Sinne anarchische Witz, die das Kind, den Mann oder die Frau, die Alte oder den Alten am besten lebendig verbinden und erhalten, will ich in einigen Facetten apostrophieren. F\u00fcr diejenigen, die Johannes Agnoli kannten, seinen sprachlich humorigen S\u00e4ureguss, zur fr\u00f6hlich bewahrenden Erinnerung in d\u00fcrrer, fast witzloser Zeit. F\u00fcr diejenigen, die ihn nicht kannten, zur Anregung, Johannes Agnoli zu lesen und vor allem von diesem scharfen, nie S\u00e4bel schlagenden Verstand in seiner radikal aufkl\u00e4rerischen Vernunft f\u00fcr sich selbst zu lernen, indem sie besten Johannes Agnoli eingemeinden.<\/p>\n<h3>Ein antilehrerhafter Lehrer!<\/h3>\n<p>Einige Ma\u00dfkriterien der Agnolischen Kritik der Politik:<\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li>Sie setzt selbstredend die Kritik der Politischen \u00d6konomie voraus. Marx vor allem. Indes Marx entwickelnd gesehen, von Hegel, vom Deutschen Idealismus her, von Smith und vor allem Ricardo aus und so, dass das Kapitalverh\u00e4ltnis immer als dominantes <em>soziales<\/em> Verh\u00e4ltnis begriffen wird. Ausschlaggebend aber ist, dass der moderne Staat von den funktionalen Imperativen der kapitalistischen Entwicklung nie platt &#8222;abgeleitet&#8220; wird. Vielmehr sind die politischen Formen und Funktionen, ihrer engen Koppelung nicht entgegen, ihrer Gleichzeitigkeit mit den kapitalistischen Erfordernissen, in ihren eigenen Institutionen und Leistungen zu begreifen. Sonst w\u00e4ren sie auch kapitalistisch nicht funktional. Dauernde Zusammensicht ist das Gegenteil schlechten, ableitnerischen, alle Besonderheiten tilgenden Reduktionismus.<\/li>\n<li>Die anarchische Pr\u00e4misse gilt rundum und dauernd. Nichts Staatliches ist zu bewundern als die bald kunstvolle, bald brutale Erhaltung staatlich, kapitalistisch grundierter Herrschaft qua vielf\u00e4ltiger Einsatzformen der Gewalt. Staatlicher Herrschaft fehlt prinzipiell das legitimatorische Fundament. Vielmehr wird rasch erkenntlich, dass die kapitalistische Ersatzlegitimation nicht tr\u00e4gt. Dann wird entsprechend einsichtig, wie das Gewaltmonopol nach innen und au\u00dfen, Klassen erhaltend eingesetzt wird. Mit vielf\u00e4ltigen symbolischen Ma\u00dfnahmen und institutionellen Vorkehrungen wird vor allem die systemisch pazifizierende Funktion ausge\u00fcbt.\n<p>Repressionen und Kriege einerseits, positive, beispielsweise sozialpolitische Sanktionen andererseits. Die anarchische Pr\u00e4misse besagt bis in die Erkenntnistheorie hinein frei nach den ersten S\u00e4tzen von Rousseaus Contrat Social, dem Johannes Agnoli ansonsten nur zum Teil und allenfalls radikaldemokratisch folgte: alle Menschen sind frei geboren. Es ist nie und nirgendwo einzusehen, dass sie in herrschaftlich einengenden Ketten leben.<\/li>\n<li>Die Wirkungsgrade und -grenzen des modernen Staates als der Herrschaftsform schlechthin kehren in den Staaten wieder, die liberaldemokratisch verfasst sind. In seiner &#8222;Transformation der Demokratie&#8220;, 1967 erstmals erschienen, und anderw\u00e4rts, hat J. A. geradezu sintemal deutlich gemacht: was immer die liberal repr\u00e4sentative Demokratie in fr\u00fcheren Umst\u00e4nden bedeutete, sie war allenfalls liberal im Sinne der Befreiung kapitalistischer Interessen, sie war nie demokratisch im Sinne der Beteiligung aller oder auch nur ihrer angemessenen und verl\u00e4sslichen Repr\u00e4sentation. Viele falsche Selbstverst\u00e4ndlichkeiten liberaler Demokratie und ihrer &#8218;demokratietheoretischen&#8216; Immunisierung durch politikwissenschaftliche und juristische Normkost\u00fcme werden von Johannes Agnoli mit spitzem Gedankenfinger aufgenestelt. Sie erweisen sich prompt als ideologische, sprich Herrschaft sch\u00fctzende Verkleidungen. Als herrsche in repr\u00e4sentativer, gar in parlamentarischer Demokratie das Parlament. Als stecke in ersten Satz des zweiten Absatzes von Art.20 GG, exemplarisch f\u00fcr \u00e4hnliche andere Verfassungen, auch nur ein K\u00f6rnchen Wahrheit au\u00dfer der Wahrheit wohlgef\u00e4lliger T\u00e4uschung: &#8222;Alle Gewalt geht vom Volke aus.&#8220; Als schritte die ihrerseits abh\u00e4ngige Politik der Exekutive &#8222;verantwortlich&#8220; einher im Sinne eigener, irgend demokratischer politischer Gestaltung und auch nur parlamentarischer Kontrolle. &#8222;&#8218;Mehr Markt&#8216;: Kein Flug ins Autonome also, sondern R\u00fcckbesinnung der politischen Klasse (eine Gesinnungsinvolution) auf das eigene Gesch\u00e4ft, f\u00fcr die Identit\u00e4t von bonum commune und Gewinnspanne zust\u00e4ndig zu sein und nicht f\u00fcr die Identifikation des bonum commune mit der salus populi&#8220; ((4)). Demgem\u00e4ss gilt analytisch allgemein: &#8222;Die geschichtliche Funktion des b\u00fcrgerlichen Staats vorausgesetzt (und nicht erst &#8218;abgeleitet&#8216;), die Reproduktion einer kapitalistisch produzierenden, b\u00fcrgerlich bestimmten Gesellschaft zu garantieren, galt es zu untersuchen, wie diese allgemeinen Funktion im Einzelnen, in ihren Einrichtungen und durch ihre Organe funktionierte: Wie werden staatliche Institutionen genutzt und transformiert, um als Instrumente der Friedensstiftung in einer konfliktual strukturierten Gesellschaft zu dienen, um m\u00f6gliche Einbr\u00fcche unbotm\u00e4\u00dfiger (akkumulationswidriger) Impulse oder Bewegungen einzud\u00e4mmen?&#8220; (Agnoli 1990 171 f.). Methodisch am wichtigsten ist in diesem Zusammenhang, dass es nicht ausreicht, &#8218;verfassungsbrav&#8216; auf einen Norm-Wirklichkeitsvergleich abzuheben (Verfassungsrecht vs Verfassungswirklichkeit). Vielmehr kommt es darauf an, in eine Kritik allzu pr\u00e4missenreicher Normen selbst einzutreten. An den Begriffen der Menschenrechte und der Demokratie kann man dieses Erfordernis am besten illustrieren gerade, weil die meisten von uns (mich, WDN, eingeschlossen) diese Normen ernst nehmen. Welches fortdauernde Schindluder wird mit diesen Normen betrieben. Sie muss man erst putzen und in ihren materiellen Voraussetzungen und Folgen kl\u00e4ren, bevor man sich in ihnen blau\u00e4ugig spiegelt.\n<p>Dann erkennt man: keine, noch so sch\u00f6ne Norm (kein Ziel) taugt etwas, ohne dass sie sogleich in ihre materiellen Bedingungen, in ihre Formen, in denen sie wirklich (oder verfehlt) werden, zu \u00fcbersetzen. Umgekehrt gilt Gleiches: alle Formen sind daran zu messen, in welcher Weise sie dazu beitragen, die behaupteten Ziele zu verwirklichen.<\/li>\n<li>Wem Herrschaft \u00fcberall in all ihren Proteusgestalten und aller ihrer cham\u00e4leonfarbigen Mimikri zuwider ist, der muss die Kunst des Nein-Sagens \u00fcben.\n<p>T\u00e4glich, st\u00fcndlich. Die Stunde schl\u00e4gt anhaltend. Darum hat Johannes Agnoli in seiner letzten, gedruckt vorliegenden Vorlesung, der Subversion, genauer: dem subversiven Denken und Denken als andauernde Subversion eine in die Gegenwart r\u00fcckblickende Vorlesung gewidmet. Solche Subversion geschieht nicht in &#8218;postmoderner&#8216; Beliebigkeit und egobefliessener N\u00f6rgelei. Sie ist ausgerichtet am veri criterium, am Kriterium der Wahrheit. Dieses hat Johannes Agnoli mit Karl Marx und vielen anderen, die das Staffelholz der Subversion leuchtend in der geschichtlichen Kette in die Gegenwart weitertrugen, an den Geschlagenen, den Unterdr\u00fcckten, den Beleidigten, den Ausgebeuteten, den Opfern der (kapitalistischen) Herrschaftswelt und ihrem schier unaufhaltsamen Expansionismus festgemacht. Dort leuchtet das humane veri criterium. Es orientiert ohne Schwanken und Schlingungen.<\/li>\n<li>Nicht selten, in sp\u00e4teren Jahren mehr als zuvor, sinnt Johannes Agnoli der un\u00fcbersehbaren, jede und jeden umtreibenden Attraktivit\u00e4t des (gesellschaftlichen) Erfolgs nach. Wie k\u00f6nnte ein kommunistischer Anarchist und ein anarchischer Kommunist, den die F\u00fclle historisch gegenw\u00e4rtigen Beleidigungen von Menschen durch Menschen in allen Herrschafts- und Ausbeutungsvarianten jammert, wie k\u00f6nnte ein solcher nicht Erfolg haben wollen? Sehen, dass die finsteren Zeiten sich aufhellen, sehen, dass die Leute rundum in der Welt abnehmen, denen es kapital- und staatsexistentiell und weil die Oberen oben bleiben wollen, schlecht geht bis zum Verrecken. Gerade darum aber muss eine oder einer, so Johannes Agnoli, geradezu zum Asket, wenn nicht zum Hungerk\u00fcnstler in Sachen &#8222;Erfolg&#8220; sich erzogen haben. Die meisten Erfolge mitten in herrschaftsvollen Zeiten bestehen nicht in substantiell garantierter Gleichheit und Freiheit aller. &#8222;Erfolge&#8220; k\u00f6nnen meist nur durch herrschende Anerkennungen verbucht werden. Materiell und positionell. Dann aber m\u00fcssen die substantiellen Ziele geopfert werden. Noch und noch. Wie viele &#8222;Linke&#8220; haben Johannes Agnoli und altersnah ich allein in unseren Lebzeiten ein Gep\u00e4ckst\u00fcck nach dem anderen abwerfen sehen, um mobil und flexibel den &#8218;Trends&#8216; der Zeit zu folgen und m\u00f6glichst von &#8211; leerer &#8211; Regierungsverantwortung \u00fcberzuquellen. Wer da nicht gut trainiert ist und trainiert, wird rasch erfolgreich erfolglos sein. Auf der Spitze der herrschaftsvollen Berge sind die mitgeschleppten Ziele gr\u00fcndlich ausgeschwitzt. Die Freiheit des Blicks befreit nichts und niemanden mehr. Darum ist alles daf\u00fcr zu tun, den Erfolg zu f\u00f6rdern, scharf\u00e4ugig und scharfgef\u00fchlig jedoch gewahr, den schalen Geschmack herrschender Erfolgserlebnisse, subversiv auch hier, rechtzeitig zu ahnen.<\/li>\n<li>Damit man dies vermag, wenn es denn ein Leben lang von jungen, nicht vertuschten oder rationalisierend verdrehten faschistischen Anf\u00e4ngen aus wie Johannes Agnoli gelingt, dann ist die habituell gewordene, zur Urteilsbasis geronnene Orientierung an konkreter Utopie notwendig. In ihr kommen das Kriterium der Wahrheit mit der Wirklichkeit zur Deckung. Sie ist subversiv als real m\u00f6glich in der Menschengeschichte getestet. Dass einem die Kraft nicht ausgehe, einem Weg mit mal mehr, mal weniger Weggenossinnen und -genossen zu folgen, den die herrschende Meinung und Mehrheit als &#8222;Geisterweg&#8220; diskriminiert. Und dies obwohl alle wissen k\u00f6nnten, es ist d e r Weg, immer m\u00fchsam zu gehen und nie ohne Konflikte, der dennoch und dauernd in die human angemessene Richtung f\u00fchrt.\n<p>&#8222;Die Orientierung an der Utopie und am Prinzip Hoffnung erg\u00e4nzt durch ein anderes Prinzip, das jeden Neubeginn kennzeichnet und aus dem alles Leben entsteht: das Prinzip Negation. Es w\u00e4re schlimm, die radikale Form der Verweigerung ohne utopischen Hintergrund als R\u00fcckzug aus der Gesellschaft zu verstehen, als Einkehr in die Geborgenheit des individuellen Gewissens, das sich im Lamentieren beruhigt. Die Verweigerung soll vielmehr in die gesellschaftliche Wirklichkeit eintreten, dort als das klare, bewusste, aber allemal wirksame Nein gegen die falsche Entwicklung handeln.<\/p>\n<p>Maulwurfsarbeit ist das genaue Gegenteil der Privatisierung des Protests. Was soll Utopie in der Aporie? Die Orientierung an der Utopie ist der einzig reale Ausweg aus der Inhumanit\u00e4t, in der sich die Weltgesellschaft befindet&#8220; (so endet einer der letzten gr\u00f6\u00dferen Artikel in &#8222;Die ZEIT&#8220; vom 17.2.2000 mit dem Titel: Die Transformation der Linken).<\/li>\n<\/ol>\n<p>Johannes Agnoli &#8211; ein besonderer Mensch, wenn es denn einen solchen gegeben hat und gibt. Gerade darum kann er geradezu allgemein als Vorbild des Abweichens um aller menschlichen Vernunft willen wach gehalten werden. Unverbiestert, gedanken-, wein-, olivenlustig und was es sonst an Gesp\u00e4ssigem gibt. Allen zu g\u00f6nnen, allen zu erk\u00e4mpfen. Darum wollte Johannes Agnoli an Herrschendem nie mitmachen. Das ist ein kostbarer Preis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Darin sehe ich \u00fcberhaupt das Gesch\u00e4ft, auf das ich mich schon seit l\u00e4ngerer Zeit einlasse, und mit dem die ganze Linke sich befassen sollte: Die Politik theoretisch und soweit wie m\u00f6glich auch praktisch zu kritisieren&#8220; (Agnoli 1990, 164) Eine Trag\u00f6die. Fast im griechischen Sinn. Von quantitativ ungleich gr\u00f6\u00dferem Gewicht. Tote tats\u00e4chlich massenhaft. Nach langen Vorl\u00e4ufen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/07\/johannes-agnoli\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Johannes Agnoli - graswurzelrevolution","description":"\"Darin sehe ich \u00fcberhaupt das Gesch\u00e4ft, auf das ich mich schon seit l\u00e4ngerer Zeit einlasse, und mit dem die ganze Linke sich befassen sollte: Die Politik theore"},"footnotes":""},"categories":[353,1042],"tags":[],"class_list":["post-5653","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-281-sommer-2003","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5653","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5653"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5653\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5653"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5653"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5653"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}