{"id":566,"date":"1996-09-01T00:00:12","date_gmt":"1996-08-31T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=566"},"modified":"2022-07-26T14:26:37","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:37","slug":"transnationalismus-neu-betrachtet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/09\/transnationalismus-neu-betrachtet\/","title":{"rendered":"Transnationalismus neu betrachtet"},"content":{"rendered":"<p>Vor dem Hintergrund der Entkolonialisierungsbewegungen und internationaler Diskussionen im Rahmen der War Resisters&#8216; International nach 1968 hat der britische gewaltfreie Anarchist Nigel Young 1983 im Zusammenhang mit den Selbstverwaltungskonzepten der gandhianischen Bewegung in Indien einen grundlegenden Aufsatz &#8222;Transnationalismus und Kommunalismus&#8220; geschrieben. Dieser Aufsatz wurde f\u00fcr das Jahrbuch I f\u00fcr gewaltfreie &amp; libert\u00e4re Aktion, Politik und Kultur 1984 \u00fcbersetzt und Mitte der 80er Jahre auf Bundestreffen der F\u00f6deration Gewaltfreier Aktionsgruppen diskutiert. Da\u00df in der &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; Berichte \u00fcber gewaltfreie Aktionen aus anderen L\u00e4ndern unter der Rubrik &#8222;Transnationales&#8220; stehen, hat in diesen Diskussionen seinen Ursprung. W\u00e4hrend der Internationalismus aufgrund des Strukturmodells der klassischen sozialdemokratischen und kommunistischen Internationalen und ihren &#8222;nationalen Sektionen&#8220; traditionelle Nationalismen in der Regel nur reproduziert oder gar verst\u00e4rkt hat, stellt der Transnationalismus ein grunds\u00e4tzlich anderes Strukturmodell und eine neue Zielvorstellung in den Vordergrund: die Zerst\u00f6rung\/\u00dcberwindung und positive Aufhebung der Nationalstaaten. Youngs Transnationalismus-Konzept ist eng mit seiner Kritik an bewaffneten nationalen Befreiungsbewegungen und seiner Bef\u00fcrwortung gewaltfreier Revolution verbunden. Wie ist sein Konzept nach der Renaissance der Nationalstaaten in Osteuropa heute zu bewerten? Wo gab und gibt es Gegentendenzen? Wo finden sich Ans\u00e4tze zur Verwirklichung? Im Anschlu\u00df an eine Erinnerung an die Inhalte des Konzepts soll versucht werden, diesen Fragen auf den Grund zu gehen.<\/p>\n<h3>Das Konzept des Transnationalismus<\/h3>\n<p>Der Begriff &#8222;Transnationalismus&#8220; stellt nach Young &#8222;eine Kombination von Bedrohungen f\u00fcr die staatliche Struktur (dar), einerseits auf der Ebene von Gemeinschaft, andererseits \u00fcber Staatsgrenzen hinweg und au\u00dferhalb von ihnen. Durch die Betonung grenz\u00fcberschreitender Solidarit\u00e4t \u00fcberwindet er (der Transnationalismus, d. Verf.) die nationale Einheit und staatliche Struktur. (&#8230;) Nationalistische Ideen entwickeln sich sowohl auf Kosten der lokalen als auch der kosmopolitischen Orientierung. (&#8230;) Transnationalismus und Kommunalismus, die Kosmopoliten und die lokal Ausgerichteten, verloren in Europa und Indien Boden zugunsten der staatlich Orientierten und der Nationalisten.&#8220; Hier wird gleich deutlich, da\u00df der von Young benutzte Entsprechungsbegriff zum grenz\u00fcberschreitenden Transnationalismus, der regional- lokal, kommunit\u00e4r oder gemeinschaftlich verankerte &#8222;Kommunalismus&#8220; positiv besetzt ist und auch diametral anderes meint als der heute aus Indien bekannte Begriff der &#8222;communal riots&#8220; (kommunalistische Aufst\u00e4nde, meist religi\u00f6s-fundamentalistischer Art).<\/p>\n<p>Im Zuge der Entkolonialisierung wurde zwar oftmals die Kolonialmacht aus den Kolonien verdr\u00e4ngt. Das Modell des modernen Nationalstaats, das sich in Europa durchgesetzt hatte, wurde dabei aber gerade \u00fcbernommen, mit verheerenden Folgen f\u00fcr die kommunalen Gemeinschaften, die nur selten deckungsgleich mit den postkolonialen Territorien waren. Nigel Young meinte nun, da\u00df dieser historische Proze\u00df der Bildung neuer Nationalstaaten durch die Betonung sowohl transnationaler Solidarit\u00e4t als auch kommunalistischer Orientierung aufgehalten und auch wieder umgekehrt werden kann. Er benannte zun\u00e4chst weltweit diejenigen sozialen Gruppen, die in ihren praktischen Aktionen, Widerstands- oder Organisationsformen am ehesten den nationalstaatlichen Rahmen \u00fcberschreiten bzw. deren lebenspraktische Loyalit\u00e4t sich nicht auf einen Nationalstaat festlegen l\u00e4\u00dft. So hat etwa ein Bauer aus einem &#8222;Stammesvolk&#8220; in Kenya nur wenig Bezug zum kenyanischen Nationalstaat. Gleicherma\u00dfen hat eine politisch verfolgte Migrantin weder Loyalit\u00e4t ihrem Herkunftsland noch ihrem oft mit repressiven Asylgesetzen auftretenden Exilland gegen\u00fcber. Auf diese Weise bestimmte Nigel Young mit aller gebotenen Vorsicht Gruppen, die eine kommunalistische (lokale) oder transnationalistische (grenz\u00fcberschreitende) Ausrichtung entwickelt haben oder entwickeln k\u00f6nnten:<\/p>\n<ul>\n<li>Bauern \/ B\u00e4uerinnen oder &#8222;Stammesv\u00f6lker&#8220; au\u00dferhalb staatlicher Strukturen in der &#8222;Dritten Welt&#8220; (d\u00f6rflich)<\/li>\n<li>Nomaden und Wanderv\u00f6lker<\/li>\n<li>ImmigrantInnen, EmigrantInnen<\/li>\n<li>AnarchistInnen<\/li>\n<li>Religi\u00f6se Sekten und Gruppen au\u00dferhalb etablierter Orthodoxien (KetzerInnen)<\/li>\n<li>Nicht eingegliederte ArbeiterInnen (verst\u00e4dterte Bauern\/B\u00e4uerinnen, WanderarbeiterInnen, isolierte Industriezweige, Projekte von Berufsgruppen usw.)<\/li>\n<li>PazifistInnen und Kriegsdienstverweigerer (vor allem aus Kommune- oder Kleingruppenzusammenh\u00e4ngen)<\/li>\n<li>Internationale SozialistInnen (nonkonforme MarxistInnen, SyndikalistInnen und andere)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Tendenz dieser Gruppen, Nationalstaaten als etwas Relatives zu betrachten, das normalerweise kaum etwas mit dem eigenen kommunalen Alltagsleben zu tun hat oder &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; als Bedrohung lokaler Lebensformen auftritt, hat Nigel Young dann mit den transnationalen Orientierungen in Verbindung gebracht, die nach 1968 im Zuge der weltweiten Kriegsdienstverweigerungs-, Antivietnamkriegs- und StudentInnenbewegungen aufgetreten sind:<\/p>\n<ul>\n<li>bestehende oder entstehende &#8222;ethnische&#8220; Minderheiten hatten eine l\u00e4ndliche oder st\u00e4dtische kommunale Basis, aber auch Verbindungen zum Ausland (Beispiel: Native Americans, Chican@s)<\/li>\n<li>politisierte StudentInnen entwickelten lokale universit\u00e4re Subkulturen und gleichzeitig grenz\u00fcberschreitende politische Solidarit\u00e4t zu StudentInnenbewegungen in anderen L\u00e4ndern<\/li>\n<li>Schwarze (&#8222;Black is beautiful&#8220; und &#8222;Black Power&#8220;) bezogen sich auf die lokale\/st\u00e4dtische &#8222;Black Community&#8220;, entwickelten gleichzeitig eine grenz\u00fcbergreifende Solidarit\u00e4t mit weltweiten K\u00e4mpfen gegen Rassismus oder den K\u00e4mpfen anderer Schwarzer (z.B. in S\u00fcdafrika)<\/li>\n<li>Feministische Bewegungen organisierten sich lokal in Weiberr\u00e4ten, Frauenkommunen oder -projekten und versuchten gleichzeitig, einen transnationalen Feminismus aufzubauen<\/li>\n<li>Verarmte Wei\u00dfe organisierten sich in Stadtteilprojekten, Obdachlosen- oder Selbsthilfegruppen und zeigten gleichzeitig in vielen L\u00e4ndern wenig Interesse am Milit\u00e4rdienst (unbewu\u00dfte Kriegsdienstverweigerung)<\/li>\n<li>Jugendliche experimentierten mit verschiedenen subkulturellen Lebensformen in Kommunen oder lokalen Gemeinschaften, und verschafften sich neue Lebenserfahrungen durch den Austausch mit Jugendlichen anderer L\u00e4nder<\/li>\n<\/ul>\n<h3>Der best\u00e4ndige Kampf um transnationale Orientierungen<\/h3>\n<p>Nigel Young erhoffte sich nun, da\u00df nach 1968 eine teilweise bewu\u00dfte, teilweise unbewu\u00dfte Zusammenarbeit zwischen den sozialen Gruppen mit transnationalen Orientierungen und den transnational\/kommunalistischen Gruppen der Neuen Linken zustande k\u00e4me. Diese Hoffnung ist bis heute in mancherlei Hinsicht bitter entt\u00e4uscht worden: viele fr\u00fchere Intellektuelle und StudentInnenf\u00fchrerInnen der Neuen Linken haben inzwischen ihren Frieden mit dem Nationalstaat gemacht oder sind gar zu deren VertreterInnen geworden (Cohn-Bendit et al), in der &#8222;Dritten Welt&#8220; haben F\u00fchrer von nationalen Befreiungsbewegungen dazu beigetragen, da\u00df antikolonialer Widerstand zur Verteidigung kommunalistischen Lebensraums gerade zur Bildung neuer Nationalstaaten f\u00fchrte. Aber auch religi\u00f6s\/ethnische Nationalismen ohne Staat, die eine kommunalistische oder grenzen\u00fcberschreitende Basis hatten, haben diese nicht zur Relativierung, sondern zur Forderung und Organisierung neuer staatsbezogener Nationalismen genutzt. So hat der fundamentalistische Islamismus zwar grenz\u00fcbergreifende Mobilisierungsf\u00e4higkeiten entwickelt, sie aber nicht in Gegensatz zu islamistischen Staatskonzepten wie etwa im Iran gebracht und ein hohes Ma\u00df an terroristischer Gewalt entwickelt. Und es kann auch nicht Sinn eines transnationalistisch\/kommunalistischen Ansatzes sein, da\u00df sich Vielv\u00f6lkerstaaten wie etwa Jugoslawien in miteinander konkurrierende Einzelstaaten von Volksgruppen mit je eigenen Armeen aufl\u00f6sen. Das hat nicht zur Abschaffung von Gewalt, sondern zu deren Potenzierung gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Es ist ein best\u00e4ndiger Kampf bei denjenigen Gruppen auszumachen, die Young als potentiell transnational benannte, wohin sich ihre kommunalistische Basis orientiert. Ist etwa der &#8222;schwarze Nationalismus&#8220; oder &#8222;schwarze Identit\u00e4t&#8220; nur ein geistiges Band der Solidarit\u00e4t, der Selbstachtung und Bewu\u00dftwerdung im Kampf gegen Rassismus, wie es sich urspr\u00fcnglich im Slogan &#8222;Black is beautiful&#8220; ausdr\u00fcckte, den Martin Luther King aufgegriffen hat, oder orientiert &#8222;schwarzer Nationalismus&#8220; auf die &#8222;totale Separierung der Rassen&#8220;, wie es Malcolm X in seinen schlimmsten Black-Muslim-Reden formulierte? Was sich in diesen Diskussionen durchsetzt, ist h\u00f6chst entscheidend f\u00fcr die Qualit\u00e4t und das Vertrauen in eine transnational\/kommunalistische Emanzipation im Sinne des Konzepts von Nigel Young. Auf der Basis des Verst\u00e4ndnisses von Martin Luther King zum Beispiel war eine gleichberechtigte Zusammenarbeit von US-amerikanischen Schwarzen, Native Americans, US-amerikanischen Juden\/J\u00fcdinnen, marginalisierten Wei\u00dfen, antirassistischen Wei\u00dfen und anderen unterdr\u00fcckten Minderheiten im Kampf gegen rassistische Segregation und den Vietnamkrieg m\u00f6glich, die schwarznationalistische Separierung der Black Muslims verhinderte solch transnationale Koalitionen eher.<\/p>\n<h3>Aktuelle Tendenzen, die eine transnationale Orientierung st\u00e4rken k\u00f6nnten<\/h3>\n<p>Tr\u00fcbe Aussichten also? Nicht unbedingt. Folgende aktuelle politische Tendenzen k\u00f6nnten eine zuk\u00fcnftige Arbeit von AnarchistInnen in Basisinitiativen, internationalen Vernetzungszusammenh\u00e4ngen, lokalen B\u00fcrgerInneninitiativen und Menschenrechtsgruppen im Sinne von Nigel Youngs Transnationalismus-Konzept beg\u00fcnstigen:<\/p>\n<p>Erstens ist angesichts fortschreitender Kriege und Menschenrechtsverletzungen in den meisten Staaten der Welt das nach 1945 von der UN sanktionierte Prinzip der &#8222;Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten&#8220; eines Nationalstaates diskreditiert. Das ist zun\u00e4chst einmal ein historischer Fortschritt. Viele Staaten sind heute darauf angewiesen, Folter, offensichtliche Ungerechtigkeiten oder Verfolgung entweder offenzulegen, zuzugeben, zu relativieren oder gar zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, um nicht Gefahr zu laufen, \u00f6konomisch Schaden zu nehmen, ob nun durch Boykott von Wirtschaftshilfen oder Konsumboykott (Beispiel S\u00fcdafrika). Da\u00df immer mehr Menschen in anderen L\u00e4ndern nationalstaatlich souver\u00e4ne Menschenrechtsverletzungen nicht mehr akzeptieren, macht Hoffnung. Das Problem ist nur, da\u00df diese Relativierung nationalstaatlicher Souver\u00e4nit\u00e4t heute nicht kriegsgegnerischer Solidarit\u00e4t oder transnationaler Unterst\u00fctzung von Menschenrechtsgruppen zugute kommt, sondern &#8211; vermittelt \u00fcber die Medien &#8211; den Regierungen der westlichen Industriestaaten. Sie steuern die Aufmerksamkeit und &#8222;l\u00f6sen&#8220; den Souver\u00e4nit\u00e4tsverlust anderer Staaten gegebenenfalls mittels interessegeleiteter milit\u00e4rischer Intervention. Auf diese Weise wurde es m\u00f6glich, da\u00df etwa beim \u00dcberfall des Irak auf Kuwait Menschenrechtsverletzungen des Irak die Rechtfertigung zur Intervention gaben, w\u00e4hrend sie dies beim Krieg der T\u00fcrkei gegen die KurdInnen keineswegs tun. Die Verteidigung von Menschenrechten, die Eingriffe in die nationale Souver\u00e4nit\u00e4t, wird auf diese Weise zur ideologischen Verschleierung von althergebrachter Interessenpolitik (\u00d6l- und Rohstoffsicherung beim Kuwaitkrieg) durch die weltweit dominanten Nationalstaaten des Westens. Hier m\u00fc\u00dften die tats\u00e4chlich transnationalen, um unteilbare Menschenrechte weltweit bem\u00fchten Gruppen eingreifen und den ideologischen Schleier militaristischer Interventionspolitik l\u00fcften. Gleichzeitig hie\u00dfe dies, den westlichen Nationalstaaten grunds\u00e4tzlich jede Legitimation und Motivation abzusprechen, tats\u00e4chlich im Namen von Menschenrechten &#8211; und nicht nationaler oder wirtschaftlicher Interessen &#8211; zu agieren.<\/p>\n<p>Zweitens haben sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten in den L\u00e4ndern der &#8222;Dritten Welt&#8220; ebenso wie in Europa\/Nordamerika eine Unmenge unterschiedlichster Minderheiten-, Netzwerk- und Basisinitiativen gegr\u00fcndet. Zum Beispiel ist der Widerstand indigener Bev\u00f6lkerungsgruppen in vielen L\u00e4ndern deutlich st\u00e4rker geworden. So haben in Mexiko sowohl die EZLN als auch graswurzelrevolution\u00e4re Zusammenh\u00e4nge (z.B. Barrio-Bewegungen in Mexiko-City) ihre Landrechte praktisch eingefordert und regionalistische, gemeinschaftliche Lebensweisen gegen den Nationalstaat durchgesetzt. \u00dcblicherweise werden alle diese teils regionalistischen, teils transnational agierenden Initiativen als sogenannte &#8222;Nichtregierungsorganisationen&#8220; (NGOs) bezeichnet. Der Begriff ist jedoch sehr irref\u00fchrend und umfa\u00dft h\u00f6chst unterschiedliche Gruppen und Konzepte. Interessanterweise bezeichnen sich gerade diejenigen Gruppen selbst als NGOs, die eine gro\u00dfe strukturelle oder inhaltliche N\u00e4he zur staatlichen Politikebene und einen hohen Modernisierungs- und Professionalisierungsgrad aufweisen. Die bekannteste und aber auch umstrittenste dieser Organisationen ist sicherlich Greenpeace, viele weitere lie\u00dfen sich nennen. Frauengruppen aus aller Welt haben sich in China bei der NGO-Frauenkonferenz dem organisatorischen Rahmen der UN, der Nationalstaatenorganisation also, untergeordnet. Zu den sch\u00e4rfsten KritikerInnen dieser Art von NGOs z\u00e4hlt der mexikanische Graswurzelrevolution\u00e4r Gustavo Esteva, der in den Slums von Mexiko- City viele Erfahrungen mit Subsistenzproduktion und Selbstorganisation und der diesbez\u00fcglich oft kontraproduktiven Arbeit von professionalisierten NGOs gemacht hat. Er setzt die heutzutage explodierende Zahl von NGOs kritisch in Bezug zum vom Norden verordneten Konzept des &#8222;\u00dcbergangs zur Demokratie&#8220;: &#8222;Da demokratische Formen von Herrschaft eine grundlegende Komponente des Kampfes der NGOs waren, neigen diese dazu, in der politischen Realit\u00e4t eine Verfestigung dieser Herrschaftsform zu bewirken.&#8220; (Esteva)<\/p>\n<p>Jenseits dieser professionalisierten Ebene gibt es jedoch eine Vielzahl tats\u00e4chlich regierungsunabh\u00e4ngiger Organisationen, in denen ein best\u00e4ndiger Kampf zwischen transnationalen Orientierungen nach Nigel Youngs Konzept und traditionellen Orientierungen auf die nationalstaatliche, parlamentarische Politikebene stattfindet. Aufgabe der Libert\u00e4ren und transnational orientierten Gruppen m\u00fc\u00dfte es hier sein, gerade unter st\u00e4ndiger Miteinbeziehung dieser Kritik, und mit einer klaren Sicht auf die Unterschiedlichkeit von NGOs, die positiven Aspekte des vermehrten Auftretens von Nicht- Regierungs-Organisationen zu nutzen und transnationale Orientierungen in NGOs zu f\u00f6rdern und zu unterst\u00fctzen. So sehr NGOs Gefahr laufen, Vermittler dessen zu werden, was staatliche Institutionen selbst nicht mehr vermitteln k\u00f6nnen (ExpertInnentum, Enteignung von Subsistenz- und Selbstverwaltungsf\u00e4higkeiten auf der Graswurzelebene), so sehr m\u00fcssen sie doch darauf achten, da\u00df sie auch wirklich regierungsunabh\u00e4ngig bleiben. Gerade diese Regierungsunabh\u00e4ngigkeit macht letztendlich die Glaubw\u00fcrdigkeit ihrer Arbeit aus. Dieser Widerspruch w\u00e4re immer wieder zu suchen und zu vertiefen.<\/p>\n<p>Drittens schlie\u00dflich k\u00f6nnte die globale \u00f6konomische Entwicklung zur St\u00e4rkung oder sogar Neuherausbildung derjenigen sozialen Gruppen f\u00fchren, die Nigel Young als pr\u00e4destiniert f\u00fcr transnationale\/kommunalistische Orientierungen bezeichnet hat. Die Globalisierung des Kapitalismus im Anschlu\u00df an den Kalten Krieg f\u00fchrt zu deregulierten Arbeitsverh\u00e4ltnissen in den Metropolen ebenso wie zur immer weiteren Einbeziehung billiger Arbeitskr\u00e4fte in den Peripherien des Kapitalismus (Auftreten der &#8222;verst\u00e4dterten Bauern\/B\u00e4uerinnen&#8220;). Die unsichere Existenz deregulierter Arbeitsverh\u00e4ltnisse, die milit\u00e4rische Repression infolge von Aufst\u00e4nden und B\u00fcrgerkriegen in Europa (Ex-Jugoslawien, Ru\u00dfland, Armenien\/Aserbeidschan) und der &#8222;Dritten Welt&#8220; scheint zu einer Zunahme von Migrationsbewegungen zu f\u00fchren. Diese beinhalten die Gefahren eines Wohlstandsrassismus und einer nationalstaatlichen Abschottungspolitik ebenso wie die M\u00f6glichkeit, da\u00df im Zuge der Wanderungsbewegungen immer mehr Menschen ihre nationalstaatlichen Loyalit\u00e4ten verlieren oder aufgeben m\u00fcssen. Die Deregulierung von Arbeitsverh\u00e4ltnissen in Europa k\u00f6nnte zudem den Graben zwischen einheimischen ArbeiterInnen und schon lange unter rassistischer Arbeitsteilung leidenden ImmigrantInnen \u00fcberbr\u00fccken. Die Streiks gegen deregulierende Ma\u00dfnahmen in Frankreich im November\/Dezember 1995 haben zum Beispiel gezeigt, da\u00df K\u00e4mpfe gegen Deregulierung auch eine neue Solidarit\u00e4t f\u00fcr ArbeitsmigrantInnen miteinschlossen, die bereits seit Jahren unter deregulierten Verh\u00e4ltnissen arbeiteten. Erstmals wurde durch diese Streiks in Frankreich der sozialrassistische Einflu\u00df der rechtsextremen Front National unter Le Pen zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, weil algerische MigrantInnen und franz\u00f6sische ArbeiterInnen Seite an Seite gek\u00e4mpft haben.<\/p>\n<p>Die Chance und die emanzipatorische Zukunft des Transnationalismus-Konzepts kann nur darin liegen, diese drei Tendenzen jeweils wahrzunehmen und die darin m\u00f6glichen transnationalen Orientierungen zu st\u00e4rken. Voraussetzung dieser Perspektive ist allerdings ein neuer Mut zur Utopie, ein Glaube an die M\u00f6glichkeit revolution\u00e4rer Gesellschaftstransformation, und eine Phantasie, die sich \u00fcberhaupt vorstellen kann, da\u00df das weltweite System souver\u00e4ner Nationalstaaten sowohl unterwandert als auch \u00fcberwunden werden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor dem Hintergrund der Entkolonialisierungsbewegungen und internationaler Diskussionen im Rahmen der War Resisters&#8216; International nach 1968 hat der britische gewaltfreie Anarchist Nigel Young 1983 im Zusammenhang mit den Selbstverwaltungskonzepten der gandhianischen Bewegung in Indien einen grundlegenden Aufsatz &#8222;Transnationalismus und Kommunalismus&#8220; geschrieben. 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