{"id":5664,"date":"2003-10-01T00:00:23","date_gmt":"2003-09-30T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5664"},"modified":"2022-07-26T14:15:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:11","slug":"we-dont-need-no-education","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/10\/we-dont-need-no-education\/","title":{"rendered":"we don&#8217;t need no education"},"content":{"rendered":"<p>Zweifel daran werden kaum ge\u00e4u\u00dfert, zu logisch scheint, dass das, was man jungen Menschen vorsetzt, richtig sein muss. Dies f\u00fchrt dazu, dass gemeinhin nicht nur die staatlich vorgegebenen Bildungsinhalte nicht in ihren Grundfesten angezweifelt werden, sondern dass auch die Schule als Institution im allgemeinen Sch\u00fclerInnenkreis nicht zum Objekt einer wirklichen Kritik wird, die \u00fcber das typische &#8222;Schule ist Schei\u00dfe&#8220; hinausgeht. Die eigentlichen p\u00e4dagogischen Grundfesten der Schule bleiben unhinterfragt. Dabei hat eine ernstzunehmende Schulkritik nicht prim\u00e4r etwas damit zu tun, dass man der Schule eine Absage erteilt, da man entweder schlichtweg keinen Bock auf sie hat oder meint, Bildung nicht n\u00f6tig zu haben. Vielmehr pr\u00e4sentiert sich die Schule heute als ein Abbild der Gesellschaft, in der die Interessen des Staates auf autorit\u00e4re Art und Weise zur Anwendung kommen, gezielt propagiert bzw. indoktriniert und geschickt mit &#8222;wirklicher&#8220; Bildung vermengt werden.<\/p>\n<h3>Schule, was ist das? Zur Notwendigkeit der Schulkritik<\/h3>\n<p>Bei der Frage, was Schule ist, kann man sich streiten. Immerhin umfasst der Lehrplan aller Bundesl\u00e4nder &#8211; Bildung ist L\u00e4ndersache &#8211; hierf\u00fcr eine Definition: die Schule sei demnach &#8222;gemeinsamer Lebensraum von Lehrern und Sch\u00fclern, wobei ein gemeinsames Miteinander, die Vorbereitung auf das zuk\u00fcnftige Leben und die Berufswelt in allgemeiner Form, der \u00dcberblick \u00fcber die wichtigsten Wissens- und Arbeitsgebiete unserer Gesellschaft sowie die Entwicklung bestimmter Haltungen und Werte wie z.B. Zuverl\u00e4ssigkeit und Selbstdisziplin besondere Bedeutung erfahren.&#8220; Eine Formulierung, die nicht weit von der antiken Umschreibung der &#8222;Schule&#8220; als Lehranstalt zum Selbstzweck &#8211; also dem Erhalt einer entsprechenden Bildung &#8211; differiert. Nach griechischer Vorstellung ist die Schule jener Ort, an dem der junge, heranwachsende Mensch, in dem Fall die S\u00f6hne wohlhabender Aristokratenfamilien, eine Bildung erf\u00e4hrt, um sein geistig-sch\u00f6pferisches Potential auszunutzen und sich zu einem m\u00fcndigen B\u00fcrger zu emanzipieren.<\/p>\n<p>Eben jene Umschreibung nutzte bisher fast jede Zeit- und Herrschaftsepoche als Definition der Schule als solches. In Wirklichkeit war schon immer das Gegenteil der Fall, in den 2300 Jahren, in denen es Schulen gibt.<\/p>\n<p>Will man begreifen, was Schule heute ist, ohne die altgediegenen Definitionen zu konsultieren, die &#8211; und das kann ich als Sch\u00fcler sehr wohl einsch\u00e4tzen &#8211; alles andere als die Realit\u00e4t tangieren, muss man die Entwicklung der Schule nachvollziehen. W\u00e4hrend Bildung in der Antike ein Vorrecht reicher Aristokratenfamilien war, um ihren Nachwuchs auf die anstehende politische Arbeit im Rahmen des Ehrerhaltes der eigenen Familie vorzubereiten, erfuhr die Geschichte erst mit der Aufkl\u00e4rung eine weitgehende Wendung im Sinne der &#8222;\u00d6ffnung&#8220; der Schulen, im begrenzten, nicht allgemein zu sehenden Ma\u00dfstab auch f\u00fcr die Kinder des B\u00fcrgertums. Das von Pestalozzi geforderte Grundrecht auf Bildung wurde zu einer schlagenden Phrase der Franz\u00f6sischen Revolution, nachdem in den vorangegangenen Jahrhunderten Schule nur die Angelegenheit privilegierter St\u00e4nde, sprich Adel und Klerus, war. In jeder, auf den ersten Blick wohl f\u00fcr jene Zeit beinahe &#8222;revolution\u00e4r&#8220; wirkender Forderung verbarg sich jedoch ein Potential, welches in den darauf folgenden Jahrzehnten dazu f\u00fchrte, dass die eigentliche Bedeutung der Bildung ad absurdum gef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Denken wir an die von England ausgehende Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Hier war die Existenz von (fast) allen Bev\u00f6lkerungsschichten zug\u00e4nglichen Schulen ein Gewinn f\u00fcr die \u00d6konomen. Arbeitskr\u00e4fte lie\u00dfen sich nicht nur entsprechend von Grund auf ausbilden und f\u00fcr eine m\u00f6gliche T\u00e4tigkeit qualifizieren; auch war die Schule ein Feld f\u00fcr Rekrutierungen seitens der Industrie, welche zu jener Zeit nach Humankapital lechzte. Der Schritt von einer b\u00fcrgerlichen Institution hin zu einer \u00f6konomischen Instanz zur Aufwertung junger Arbeitskr\u00e4fte mit entsprechendem Fachwissen, die sich allein kapitalistischen Interessen unterworfen sah, war nicht weit, im Gegenteil. Beide Interessen waren und sind so eng wie nur denkbar miteinander verwoben und die Forderungen des B\u00fcrgertums nach der Erlangung eigener M\u00fcndigkeit bedeutete nichts anderes als die Etablierung eines fr\u00fchkapitalistischen Wirtschaftsgef\u00fcges, um die eigenen Interessen unabh\u00e4ngig von der autorit\u00e4ren Rolle des Adels durchsetzen zu k\u00f6nnen. In jener Zeit war die (scheinbare) wirtschaftliche Freiheit bereits in den Schlagworten &#8222;Freiheit, Gleichheit Br\u00fcderlichkeit&#8220; enthalten, welche einen freien Markt und eine gewisse wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit implizierte. Das &#8222;Grundrecht auf Schule&#8220; stand dem nicht entgegen, im Gegenteil: man machte diese sich zu nutze, denn ohne Bildung keine Arbeit.<\/p>\n<p>Deutschland war in Sachen Schule ein Sp\u00e4tz\u00fcnder. Preu\u00dfen f\u00fchrte erst 1870 eine allgemeine Schulpflicht ein. Diesem Beispiel folgten in den darauf folgenden Jahren auch alle anderen deutschen Staaten, wobei dieser Zwang f\u00fcr alle Schichten galt. Die damals existierenden \u00f6ffentlichen Schulen waren von Anfang an darauf ausgelegt, so genanntes Wissen im Sinne des preu\u00dfischen Milit\u00e4rstaates bzw. analog in allen weiteren deutschen Klein- und Kleinststaaten zu vermitteln. Konkret bedeutete dies, dass alle Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 14 Jahren eine kostenfreie Schulbildung erhielten. Der Unterrichtsstil jener Zeit war autorit\u00e4r, beinahe milit\u00e4risch. Entsprechend erg\u00e4nzte milit\u00e4rischer Drill und absoluter Gehorsam die &#8222;\u00fcblichen&#8220; Unterrichtsinhalte wie z.B. das Buchstabieren, Lesen und Rezitieren aus der Bibel. Entsprechend waren jene Schulen auch wieder die Basis f\u00fcr eine sp\u00e4tere Karriere im Milit\u00e4r, wobei Kindern aus wohlhabenderen Kreisen auch eine h\u00f6here Bildung, z.B. an Gymnasien erm\u00f6glicht wurde. Die Schulen deckten vor allem den Bedarf der Einzelstaaten an qualifizierten Arbeitern und Soldaten ab.<\/p>\n<p>Nach dem b\u00fcrgerlichen Intermezzo in der Weimarer Republik, welche die allgemeine Schulpflicht 1919 in ihrer Verfassung verankerte, setzte auch das 3. Reich die (nicht nur) deutsche Schultradition fort und kn\u00fcpfte direkt an der &#8222;Vorarbeit&#8220; aus fr\u00fcheren Jahren an. Erneut war die Schule ein Hort der Disziplin, Autorit\u00e4t, Unterordnung, absoluten Gehorsams (und unabdingbarer Treue gegen\u00fcber der Nazi-Ideologie). Erweitert wurde dies durch militaristische Elemente, etwa durch den Zwang zur Mitgliedschaft in faschistischen Partei-Jugendorganisationen, der Hitlerjugend.<\/p>\n<p>Den Nazis ging es nicht um Wissensvermittlung, sondern um Erziehung hin zu den linientreuen Kriegern, die sich die NSDAP w\u00fcnschte. Jene Zielsetzungen fanden auch auf dem Stundenplan ihren Niederschlag. So wurde Rassenkunde gelehrt und im Sportunterricht ging es um das Werfen von Handgranaten und die Simulierung von Gefechtssituationen.<\/p>\n<p>Jenes Einbringen von Inhalten der gegenw\u00e4rtigen politisch-gesellschaftlichen Positionen findet sich ab 1949 sowohl in der BRD als auch in der DDR, hier etwa durch die Einf\u00fchrung des Staatsb\u00fcrgerkundeunterrichts und die enge Verquickung mit der sozialistischen Jugendorganisation FDJ (Freie Deutsche Jugend) zwecks Umsetzung des &#8222;Neuen sozialistischen Menschenbildes&#8220;, wieder.<\/p>\n<p>Um die bisherigen Erkenntnisse zusammenzufassen, bedarf es keiner eingehenderen Betrachtung. Klar sein sollte, dass der Staat keinerlei Interesse daran hat, Milliarden in die Bildung, vor allem in Schulen, zu investieren, um den Staatsb\u00fcrgern Allgemeinwissen zu lehren. Der Wunsch nach dem m\u00fcndigen B\u00fcrger endet an der Stelle, wo er bereit ist, sich am politischen System zu beteiligen, ohne es ver\u00e4ndern zu wollen. Hier greift wieder die alte Weisheit &#8222;Wissen ist Macht&#8220;, und wer Wissen kontrolliert, bleibt m\u00e4chtig.<\/p>\n<h3>Geschichte anarchistischer Schulkritik<\/h3>\n<p>Die Ablehnung der Schule ist kein neuzeitliches Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>Ankn\u00fcpfend an die Verurteilung des kapitalistischen Arbeitsethos waren es AnarchistInnen, die schon Ende des 18. Jahrhunderts das Thema aufgriffen. Interessanterweise bedienten sich AnarchistInnen aller Richtungen viel \u00f6fter diesem Thema, als es etwa KommunistInnen bzw. BolschewistInnen mit der missinterpretierten Parole &#8222;Lernen, lernen und nochmals lernen&#8220; taten, schlie\u00dflich bedienten sich die Bolschewisten &#8211; und nicht nur solche &#8211; gern Schulen als autorit\u00e4re Lernst\u00e4tten zur Herausbildung einer parteitreuen Kaderschicht und einer politischen Elite. Diese entzogen der Schule zwar ihre ideologische Verwurzelung im Kapitalismus, ersetzen ihn aber lediglich mit den eigenen dogmatischen Grundlagen und behielten den autorit\u00e4ren Charakter der Schule bei, tasten diese also nicht als Einrichtung an sich an. Dementsprechend formte die bolschewistische P\u00e4dagogik keine willenlosen ArbeiterInnen, musste aber den eigenen Bedarf an Humankapital befriedigen.<\/p>\n<p>Peter Kropotkin war einer jener Anarchisten, die Schulkritik oft in ihren Schriften erw\u00e4hnten, wenn auch nicht als zentrales Thema. Laut seiner Analyse ist der Zweck der \u00f6ffentlichen Schule, Kinder zum bedingungslosen Funktionieren in der kapitalistischen Gesellschaft regelrecht abzurichten. Kropotkin machte Vorschl\u00e4ge zur Etablierung einer Form der Gegenp\u00e4dagogik, um die Verwurzelung der Schule im Kapitalismus zu l\u00f6sen und daf\u00fcr wieder deren grundlegende Aufgabe, also Bildung frei von Verzweckung, zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Es folgten im fr\u00fchen 20. Jahrhundert viele kritische Beitr\u00e4ge, vor allem seitens anarchistischer bzw. anarchosyndikalistischer Jugendgruppen wie die der FAUD nahe stehenden SAJD (Syndikalistisch-anarchistische Jugend Deutschlands, 1922-1933). Etwa gleichzeitig nahmen sich auch Individualanarchisten, wie z.B. Walther Borgius mit seinem Buch &#8222;Die Schule &#8211; Ein Frevel an der Jugend&#8220; dem Thema an, wobei Borgius sp\u00e4ter, in der 1970ern und vor allem 80&#8217;ern durch die antip\u00e4dagogische Kinderrechtsbewegung wiederaufgegriffen wurde. In seinem Buch schreibt er: &#8222;Die Schule ist ein raffiniertes Herrschaftsmittel des Staates, geschaffen, um von Kindesbeinen an alle Staatsangeh\u00f6rigen an Gehorsam zu gew\u00f6hnen, ihnen die Suggestion von der Notwendigkeit des Staates in Fleisch und Blut \u00fcbergehen zu lassen\u2026&#8220;.<\/p>\n<p>Auch au\u00dferhalb Europas wurde die Kritik an der Schule h\u00e4ufig thematisiert. So entstand in den USA die Free-School-Movement und als Resultat z.B. die First Street School in New York, an der modernere, libert\u00e4r-p\u00e4dagogische Ans\u00e4tze auch in der Praxis getestet werden konnten. Vorbilder f\u00fcr derartige Experimente waren auch fr\u00fchere Ans\u00e4tze, u.a. die von dem gewaltfreien Anarchisten und Schriftsteller Leo Tolstoi gegr\u00fcndete Schule &#8222;Jasnaja Poljana&#8220;, in der von 1859 bis 1862 libert\u00e4re Bildungskonzepte erprobt werden konnten.<\/p>\n<p>Alles in allem dienen diese Ans\u00e4tze dazu, eine Art &#8222;Gegenschule&#8220; zu bilden bzw. Methoden f\u00fcr eine solche zu erproben und die M\u00f6glichkeit der Verwendung dieser unter Beweis zu stellen. Es existieren viele weitere praktische Beispiele, denen alle das Infragestellen hierarchischer Gesellschaftsformen durch die Negierung der Anwendung dieser innerhalb der Schule als &#8222;Kaderschmiede des Kapitalismus&#8220; gemein ist. Kritikpunkte sind jeweils die hierarchisch-autorit\u00e4re Organisierung der Schule, deren Zwangscharakter, die kapitalophilen Unterrichtsinhalte sowie mangelnde M\u00f6glichkeiten basisdemokratischer Mitgestaltung des Schulalltags.<\/p>\n<h3>Schule in der BRD<\/h3>\n<p>Grundlage f\u00fcr das aktuell existierende Schulsystem der Bundesrepublik Deutschland bildet die am Anfang genannte Definition, die gemeinhin als &#8222;Grundmaxime&#8220; des hiesigen Schulsystems angesehen wird. In Wirklichkeit weicht unser Schulsystem allerdings nicht von der historischen Linie ab, die oben beschrieben wurde.<\/p>\n<p>Vielmehr ist die Schule in Deutschland genauso instrumentalisiert und institutionalisiert worden. Die Schule stellt ein Mikromodell unserer Gesellschaft dar &#8211; mit allen zugeh\u00f6rigen Ebenen, wobei die real existierenden Machtverh\u00e4ltnisse im Schulalltag, hier dargestellt durch die Ebenen Sch\u00fcler &#8211; Lehrer &#8211; Schulordnung &#8211; Schulleitung, in Vorbereitung auf das sp\u00e4tere Leben bestm\u00f6glich simuliert werden. Insofern hat die Verschulung f\u00fcr die Oberen einen Sinn. Die Schule, diese Rekonstruktion im Kleinen, soll die Sch\u00fclerInnen dadurch nicht nur an die realen Zust\u00e4nde gew\u00f6hnen und eine Eingliederung in jene durch \u00dcbermittlung entsprechender kapitalistischer Werte sichern, sondern auch m\u00f6gliche Querschl\u00e4ger mit verschiedenen Mitteln, z.B. Noten und so genannten Zuchtma\u00dfnahmen (Verweise), zwangsweise wiedereingliedern.<\/p>\n<p>Diese Bem\u00fchungen sind in vielen F\u00e4llen von Erfolg gekr\u00f6nt, schlie\u00dflich hat der Sch\u00fcler bzw. die Sch\u00fclerin durch die existente Schulpflicht keine Wahl, muss sich also von dem 6. Lebensjahr an den Weisungen der LehrerInnen f\u00fcgen. Hier wird die Parallele zu autorit\u00e4reren Zeiten offensichtlich, auch wenn sich die Lesart der heutigen Definition der Schule ge\u00e4ndert hat und ein direkter Vergleich unterlassen werden sollte. Damit verliert die Schule nicht ihren autorit\u00e4ren Charakter als Erziehungsanstalt, in der uns bestimmte (im Sinne der Herrschenden positive) Grundhaltungen anerzogen, unter Umst\u00e4nden auch aufgezwungen werden, wenn wir uns auf lange Sicht nicht f\u00fcgen.<\/p>\n<p>In Deutschland existiert ein so genanntes mehrgliedriges Schulsystem, aufgeschl\u00fcsselt nach Schularten (Sonderschule, Hauptschule, Realschule und Gymnasium), welche sich wiederum an der Leistungsf\u00e4higkeit (und -willigkeit) der Sch\u00fclerInnen orientieren bzw. diese zwingen, sich an die Anforderungen der jeweiligen Schule anzupassen. Grunds\u00e4tzlich soll jedem Sch\u00fcler\/jeder Sch\u00fclerin der h\u00f6chstm\u00f6gliche Bildungsweg offen stehen. Sch\u00fclerInnen sollen also die bestm\u00f6gliche Bildung genie\u00dfen, je nach ihren eigenen &#8222;Voraussetzungen&#8220;. Beschrieben wird dies mit dem Schlagwort der Chancengleichheit, was vermitteln soll, dass es dahingehend keine Regulierungen gibt, mensch sich also seinen Bildungsweg selbst bestimmen kann. Doch dies ist nur Theorie. Die Praxis zeigt, dass 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen aus sozial besser gestellten Elternh\u00e4usern das Gymnasium besuchen. Gleichzeitig wird dieser Weg nur gut 10 Prozent der ArbeiterInnenkinder erm\u00f6glicht, w\u00e4hrend 60 Prozent dieser die Hauptschule besuchen. Zum Vergleich: nur knapp 18 Prozent der Beamten- und Angestelltenkinder besuchen die niedriger gestellte Hauptschule.<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt erstens zur Herausbildung einer Elite -entgegen dem Grundsatz, dass Bildung Allgemeinrecht sei und jedem offen st\u00fcnde &#8211; und impliziert zweitens, dass es, ebenso wenig wie innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, eine Chancengleichheit gibt, da die beste Bildung in der Realit\u00e4t auch nur den Kindern offeriert wird, deren Eltern auch entsprechend beg\u00fctert sind. Der Einsatz des Ellenbogens wird bereits in der Schule erprobt, sogar gefordert, schlie\u00dflich wird \u00fcber die Noten ein stetiger Leistungsdruck erzeugt und damit ein Konkurrenzprinzip etabliert.<\/p>\n<p>Durch dieses Machtmittel konkurrierender Verh\u00e4ltnisse wird eine Selektion der Sch\u00fclerInnen in &#8222;gut&#8220; bzw. &#8222;schlecht&#8220; geschaffen, gemessen an einer willk\u00fcrlich festgelegten Skala, die im Grunde nichts mit der wirklichen Lernleistung der Sch\u00fclerInnen zu tun haben. Die Kriterien zur Notenvergabe sind keineswegs objektiv, denn sie obliegen dem jeweiligen Lehrer\/Lehrerin. Die Notenvergabe selbst ist stets auch an das Ziel gekn\u00fcpft, jene Einteilung in &#8222;gut&#8220; und &#8222;schlecht&#8220; zu schaffen, da erstens alles andere keinen Sinn machen w\u00fcrde und um zweitens den Sch\u00fclerInnen einen Anreiz zu geben, mehr Leistung zu bringen, da diese schlie\u00dflich durch gute Noten belohnt werden, man also im Leistungsraster nach oben steigt. Schon hier wird, von der Grundschule an, ein kontinuierlicher Leistungsdruck geschaffen und eine Vorverteilung der Sch\u00fclerInnen gem\u00e4\u00df deren Leistungen getroffen. Hier endet der Traum von der Chancengleichheit, denn die unobjektiven Noten entscheiden \u00fcber den beruflichen Werdegang der Sch\u00fclerInnen. Der Willk\u00fcr des Lehrers gegen\u00fcber einzelnen Sch\u00fclerInnen ist T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Jene Vorsortierung, einerseits an Hand der verschiedenen Schultypen, andererseits innerhalb jener durch Notenvergabe, dient wirtschaftlichen Zwecken: Sch\u00fclerInnen sind durch ihre schulischen Leistungen f\u00fcr sp\u00e4tere T\u00e4tigkeiten und Arbeitsverh\u00e4ltnisse pr\u00e4destiniert; wer hier nicht zur Elite geh\u00f6rt, hat eben Pech. Dies ist ein fundamentales kapitalistisches Prinzip, welches bereits in der Schule praktisch vermittelt und umgesetzt wird; st\u00e4ndiger Leistungsdruck und wirtschaftliche Interessen an gut, d.h. je nach Bedarf auch weniger gut gebildetem Menschenmaterial stehen jedoch in grunds\u00e4tzlichem Gegensatz zum eigentlichen Lernen und der Wissensvermittlung. Dies ist die Realit\u00e4t (nicht nur) deutscher Schulen. Schule ist eine Instanz kapitalistischer Hierarchie. Sie soll uns auf unsere sp\u00e4tere Bestimmung, das Dienen f\u00fcr jenes Systems, einstimmen bzw. uns daf\u00fcr r\u00fcsten. Das Resultat ist stures Pauken im Rahmen eines autorit\u00e4ren, hierarchischen Mikrosystems. Einzelg\u00e4ngertum, Ignoranz und Egoismus sind Werte, die damit zu Tage gef\u00f6rdert werden..<\/p>\n<p>Diese beschriebene Hierarchie wird innerhalb der Schule vor allem gesichert durch den Lehrer bzw. die Lehrerin als Autorit\u00e4tsperson. Voraussetzung f\u00fcr das Funktionieren des Schulsystems ist ein kompromisslos funktionierendes Verh\u00e4ltnis Lehrer-Sch\u00fcler in der Form, dass die Lehrkr\u00e4fte als die Exekutive angesehen werden; sie vermitteln uns die Unterrichtsinhalte und setzen die Zielstellung der Schule am Objekt &#8211; also den Sch\u00fclerInnen &#8211; um. Die regelrechte Indoktrination dessen, was einige als Wissen und Bildung ansehen &#8211; stures, starres Pauken &#8211; w\u00fcrde im Rahmen des aktuellen Schulsystems nicht reibungslos funktionieren, wenn der Lehrer mit weniger Autorit\u00e4t ausgestattet w\u00e4re. Dann n\u00e4mlich erg\u00e4be sich f\u00fcr die Sch\u00fclerInnen eine Chance, sich selbst einzubringen und eigene Ans\u00e4tze der Kritik wirken zu lassen. Solche Bestrebungen werden seitens der Lehrer unterdr\u00fcckt. In der Schule geht es nicht um Selbstbestimmung. Der Autorit\u00e4tsanspruch wird von etablierter Seite aus so gerechtfertigt, dass damit ein geregelter Schulablauf gesichert werden kann.<\/p>\n<p>Der Anspruch, der der Schule von staatlicher Seite zugestanden wird &#8211; ein Ort sozialer Begegnung &#8211; ist damit eine hohle Phrase. Eine soziale Begegnung kann hier nur unter den Bedingungen eines unsozialen Leistungsregimes geschehen, in denen die Rollenverteilung feststeht. Das gemeinsame Miteinander beschr\u00e4nkt sich auf das Ausf\u00fchren der den Sch\u00fclerInnen zugedachten Aufgaben, n\u00e4mlich kr\u00e4ftig zu pauken und die Autorit\u00e4t nicht in Frage zu stellen. Gleichzeitig sorgen LehrerInnen daf\u00fcr, dass &#8222;Ausrei\u00dfer&#8220; wieder eingegliedert werden. Der Sch\u00fcler\/die Sch\u00fclerin soll auch zu einem &#8222;m\u00fcndigen Staatsb\u00fcrger&#8220; herangezogen werden, ganz im Sinne der ebenfalls eingangs erw\u00e4hnten Haltungen wie z.B. Selbstdisziplin. Querdenker und Rebellen passen da nicht ins System, sie sind nicht im Sinne des Staates beschulbar und m\u00fcssen wieder &#8222;auf die gerade Bahn&#8220; zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. Dies ist die Aufgabe der P\u00e4dagogInnen, der LehrerInnen.<\/p>\n<p>Durch die Autorit\u00e4t der Lehrk\u00f6rper werden weitere Effekte nach sich gezogen: Willk\u00fcr tritt auf, beispielsweise in der Benotung bestimmter Sch\u00fclerInnen; die Aufgabe, alle Sch\u00fclerInnen &#8222;auf Linie&#8220; zu bringen, f\u00fchrt zur Gleichmacherei; in vielen F\u00e4llen tritt sogar eine direkte Ausgrenzung auf: &#8222;schwierige&#8220; Sch\u00fclerInnen werden \u00fcbergangen, auch rassistische Kriterien spielen dabei nicht selten eine Rolle.<\/p>\n<p>Es sollte bei aller notwendigen Kritik darauf hingewiesen werden, dass es falsch ist, Lehrkr\u00e4fte zum zentralen Objekt der Kritik des Schulsystems zu machen. Richtig ist zwar, dass sie als Autorit\u00e4tspersonen die Verbindung der Bildungsinhalte mit den Sch\u00fclerInnen herstellen, doch sind sie nur ein Element von vielen &#8211; keinesfalls aber die oberste Instanz! Es ist denn auch nicht dienlich, unsere Kritik auf Personen zu fixieren, die zwar bereitwillig (und nicht selten besseren Wissens) dem System dienen, deren Bek\u00e4mpfung es aber nicht ver\u00e4ndern wird. In die Versuchung eben dieses fehlerhaften Ansatzes gelangen leider viele SchulkritikerInnen.<\/p>\n<p>In die Gegebenheiten eines autorit\u00e4r-hierarchischen Systems ordnen sich auch die (so genannten) M\u00f6glichkeiten der Mitbestimmung von Sch\u00fclerInnen in der Schule ein. Dies bedeutet laut landesrechtlichem Schulstatut, dass der Sch\u00fcler\/die Sch\u00fclerin innerhalb bestimmter Gremien selbst mitentscheiden und so den Schulalltag mitgestalten kann. Doch diese M\u00f6glichkeiten der Mitbestimmung &#8211; etwa als Klassen-\/KurssprecherInnen bzw. VertreterInnen in Sch\u00fclerInnenr\u00e4ten auf einzelschulischer, regionaler bzw. landesweiter Ebene &#8211; sind so undemokratisch wie der Rest an der Schule als Mikrosystem unserer Gesellschaft (und so undemokratisch wie eben die gesamte Gesellschaft). Die &#8222;schulische Demokratie&#8220; hat einzig repr\u00e4sentativen Charakter, die VertreterInnen besitzen in ihrer Funktion keine Macht, diese verbleibt in den H\u00e4nden der entsprechenden Autorit\u00e4tstr\u00e4ger, der Lehrk\u00f6rper. Dar\u00fcber hinaus beschr\u00e4nken sich die Aktivit\u00e4ten der Sch\u00fclerInnenvertretungen in der Praxis auf das Organisieren von schulischen Veranstaltungen; politische Aussagen sind dagegen oftmals unerw\u00fcnscht. In diesem Sinne hat Schule nichts mit Demokratie zu tun. Es ist ein Ort, welcher durch das Fernbleiben von M\u00f6glichkeiten der aktiven Mitbestimmung genauso gepr\u00e4gt ist wie die gesamte Gesellschaft, in der die Schule existiert.<\/p>\n<p>M\u00f6chte man all die genannten Aspekte nun auf einen Nenner bringen, muss man wieder an einem ganz fundamentalen Umstand ankn\u00fcpfen: Schule bedeutet die Negation jeglicher kindlicher wie jugendlicher Freiheit. Durch den Zwangscharakter der staatlichen Schule werden Ans\u00e4tze von Selbstbestimmung unterdr\u00fcckt. Jegliches Handeln findet innerhalb eines vorgegebenen Rahmens statt, individualistische Ans\u00e4tze werden durch strenge autorit\u00e4re Ma\u00dfgaben unterdr\u00fcckt. Sch\u00fclerInnen sind gezwungen, sich \u00fcber ihren Ellenbogen gegen andere durchzusetzen. Dies f\u00fchrt von jungen Jahren an zu permanentem Stress. Dadurch, dass alles auf die wirtschaftliche Nutzbarkeit des beschulten Humankapitals hinausl\u00e4uft wird der eigentliche Zweck der Schule &#8211; Wissenserwerb frei von Verzweckung &#8211; ad absurdum gef\u00fchrt. An diese Stelle tritt eine ideologische Indoktrination der Ideale dieser kapitalistischen Gesellschaft und ein zwangsweise endloses Pauken. Kein Wunder also, wenn Sch\u00fclerInnen die Schule nur noch Schei\u00dfe finden!<\/p>\n<h3>Liberalisierung des Schulsystems<\/h3>\n<p>Derzeitig h\u00e4lt der Staat das Monopol an Bildung. Doch auch wenn Schule L\u00e4nder- und nicht Bundessache ist, werden damit weiter die Interessen des gesamten Staates und die der Wirtschaft befriedigt. Jene Dezentralisierung geht vielen jedoch noch nicht weit genug. Schaut man z.B. in die USA, erkennt man den intensiven Trend hin zur Liberalisierung des Schulwesens. In der Praxis bedeutet dies, dass der Staat sein Primat an Beschulung aufgibt und Bildungsanstalten daf\u00fcr privatisiert. Ein erster Schritt auf dem Wege dahin sind die Einf\u00fchrung von Studiengeb\u00fchren, die mittlerweile auch an vielen Standorten in Deutschland Realit\u00e4t sind. In \u00d6sterreich gab es vor einiger Zeit sogar eine Debatte \u00fcber die Etablierung von Oberstufengeb\u00fchren. Wer die Sekundarstufe II bestreiten m\u00f6chte, um das Abitur zu erlangen, m\u00fcsste also blechen. Wie war das noch mit der Chancengleichheit?<\/p>\n<p>Schon vor einiger Zeit ist die Schule bzw. Bildung allgemein in das so genannte GATS-Abkommen eingeflossen. GATS steht f\u00fcr &#8222;General Agreement on Trade in Services&#8220; und stellt ein Handelsabkommen zwischen einzelnen WTO-Mitgliedsstaaten dar. Der Begriff der Schulbildung reiht sich in diesem hinter anderen als &#8222;Services&#8220; bezeichneten Wettbewerbseinheiten ein. Schule wird damit zur Ware und hiermit Gegenstand des Wettbewerbes innerhalb und untereinander der GATS-Unterzeichnerstaaten. Ziel ist die Liberalisierung des Bildungssektors, angefangen bei der Erwachsenenbildung, also z.B. beim Studium. Wird dies auch auf den prim\u00e4ren Bildungsweg ausgedehnt &#8211; und Bestrebungen in dieser Richtung bestehen offensichtlich -, \u00e4ndert sich die Rolle der Schule in der Gesellschaft: Sch\u00fclerInnen werden zu KundInnen, bekommen also von der Dienstleistungsfirma &#8222;Schule&#8220; (nat\u00fcrlich nicht ohne Gegenleistung) Bildung vermittelt.<\/p>\n<p>Entsprechend \u00fcbernimmt die Wirtschaft die jetzige Rolle des Staates auf dem Bildungssektor g\u00e4nzlich; die Zielsetzungen der Schulbildung w\u00fcrde sich insofern verschieben, als dass diese sich g\u00e4nzlich an aktuellen, wirtschaftlichen Interessen orientieren w\u00fcrden. Schule w\u00fcrde also immer mehr zu einem Vorl\u00e4ufer sp\u00e4terer Berufsausbildung werden. Es w\u00e4re also eine weitere Versch\u00e4rfung der jetzigen Situation, denn der Weg zur Umdefinition der Erziehung des &#8222;m\u00fcndigen Staatsb\u00fcrgers&#8220; hin zum &#8222;unterw\u00fcrfigen Arbeiter&#8220; ist in der Tat weder lang noch holprig, verbergen sich doch im Grunde beide Begriffe ineinander.<\/p>\n<p>Ein realistisch lautendes Szenario k\u00f6nnte folgenderma\u00dfen aussehen: es gibt in einigen Jahren nicht mehr &#8222;die Schule&#8220;, vielmehr existieren viele private Schulen, die um die Gunst zuk\u00fcnftiger Sch\u00fclerInnen als deren KundInnen werben. Gewinn l\u00e4sst sich f\u00fcr die privaten Investoren nur durch entsprechende Schulgeb\u00fchren erzielen. Letztendlich w\u00fcrde sich also ein breiter Markt um die Kinder besser situierter Elternh\u00e4user bilden, da sich hier das meiste Geld herausschlagen l\u00e4sst. Dagegen w\u00fcrden Kinder aus Arbeiterfamilien mit einer wesentlich weniger qualitativen Bildung Vorlieb nehmen m\u00fcssen; ihre Eltern k\u00f6nnten eine anst\u00e4ndige Finanzierung einfach nicht leisten. Eine Situation, wie sie schon jetzt im Bereich der Hochschulen g\u00e4ngig ist: hier n\u00e4mlich verzichten viele potentielle Studierenden auf ihr Studium, da sie sich dieses &#8211; trotz Baf\u00f6G und anderer Scherze &#8211; nicht leisten k\u00f6nnen. Das Resultat w\u00e4re, dass Arbeiterkinder mangels Bildung auch niemals einen &#8222;besseren&#8220; Job werden wahrnehmen k\u00f6nnen. Dies bliebe einzig den privilegierten Sch\u00fclerInnen, also den Kindern reicher Familien vorbehalten.<\/p>\n<p>Auch wenn durch den beschriebenen Weg der Liberalisierung des Bildungssystems der autorit\u00e4r-staatliche Charakter der Schule entfallen w\u00fcrde, so w\u00fcrde sich nichts an der Rolle der Schule als Instrument des Marktes bzw. als Bestandteil des kapitalistischen Systems \u00e4ndern. Aus diesem Grunde muss sowohl die Schule in ihrer jetzigen Form in Frage gestellt, als auch Pl\u00e4ne zur &#8222;Liberalisierung&#8220; dieser bek\u00e4mpft werden. Aus Schule auf Basis staatlichen Zwangs w\u00fcrde eine Schule zur Sicherung des Lebensunterhaltes ohne jegliche Chancengleichheit. Nichts von beiden kann eine L\u00f6sung sein.<\/p>\n<h3>Alternativen<\/h3>\n<p>Will man \u00fcber Alternativen zur jetzigen Schule nachdenken, so muss man sich zun\u00e4chst die Frage stellen, ob die Befreiung der Schule \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. Unter jetzigen Verh\u00e4ltnissen meine ich, dies guten Gewissens verneinen zu k\u00f6nnen. Es ist einerseits illusorisch, dass der Staat sein Monopol bereitwillig aufgibt und das Schulsystem im Sinne unserer libert\u00e4ren Forderungen ab\u00e4ndert. Andererseits ist es unwahrscheinlich, dass es gelingen wird, unter kapitalistischen Bedingungen Gegenkonzepte dauerhaft und \u00fcber einen Evaluierungszeitraum hinaus zu etablieren.<\/p>\n<p>Es existieren eine Vielzahl von Ans\u00e4tzen, um den Charakter der Schule dahingehend zu \u00e4ndern, dass bestimmte Instrumente der Unterdr\u00fcckung beseitigt werden. Ein in diese Richtung gehender Ansatz ist die Einf\u00fchrung der so genannten Gesamtschule als einzige Regelschule. Durch ein gemeinsames Lernen soll daf\u00fcr gesorgt werden, dass jeder Sch\u00fcler\/jede Sch\u00fclerin mit Hilfe der anderen seine\/ihre individuellen F\u00e4higkeiten auspr\u00e4gen und einbringen kann. Durch das gegenseitige Sich-Erg\u00e4nzen wird zu einer solidarischen Lerngemeinschaft an Stelle einer autorit\u00e4ren Schulklassenstruktur hingef\u00fchrt, wodurch soziale Ausgrenzung &#8211; besonders im Umgang mit Behinderten &#8211; und Konkurrenzdruck \u00fcberfl\u00fcssig werden w\u00fcrden. Hierzu geh\u00f6rt auch die Anwendung alternativer p\u00e4dagogischer Methoden auf kleine Lerngr\u00fcppchen, die gem\u00e4\u00df ihrer Interessen und F\u00e4higkeiten lernen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Umgang mit solchen Ans\u00e4tzen ist schwierig, auch wenn es sich gut anh\u00f6rt. Man sollte sich die Frage stellen, ob ein minimalistischer Reformismus &#8211; bei allem Unrealismus &#8211; Sinn macht. Die Gesamtschule ist nur eine Idee von vielen, die oft und gern von KritikerInnen der Schule aufgegriffen wird. Doch auch hier bleiben Fragen unbeantwortet bzw. Grundwerte unangetastet; unber\u00fchrt bleibt zum Beispiel die heikle Sache mit der Schulpflicht als eine fundamentale Negation unserer freiheitlichen Ans\u00e4tze. Nat\u00fcrlich gibt es auch Schulkonzepte f\u00fcr ein gemeinsames Lernen au\u00dferhalb des Kapitalismus und frei von staatlicher wie wirtschaftlicher Verzweckung.<\/p>\n<p>Zur Disposition steht aus anarchistischer Sichtweise deshalb nicht, ob und inwieweit man das jetzige Schulsystem verbessern kann, denn dies ist offensichtlich nicht m\u00f6glich. Wir werden die Verankerung der Schule in \u00f6konomischen Interessen auch auf lange Sicht nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen und derzeit l\u00e4uft alles darauf hinaus, dass diese Bindung sogar noch verst\u00e4rkt wird. Es bedarf ebenfalls keiner Diskussion, ob Bildung \u00fcberhaupt n\u00f6tig ist, denn dies ist sie auf jeden Fall &#8211; jeglicher gesellschaftlicher Fortschritt basiert auf einer Weiterentwicklung auf geistiger Ebene und damit auf erlerntem Wissen. Die Frage lautet, wie wir die Voraussetzungen schaffen, unter denen ein freies Lernen m\u00f6glich ist &#8211; ohne Staat und Hierarchie.<\/p>\n<p>Viele Sch\u00fclerInnen \u00e4u\u00dfern schon heute ihren Unmut \u00fcber die Zust\u00e4nde des maroden Bildungssystems. Ihre Wut entl\u00e4dt sich h\u00e4ufig in Gewaltaktionen, so genanntem Rowdytum. Einen Ausweg aus dem Stress und dem Zwang suchen zudem viele im Schw\u00e4nzen, welches laut einer jungen Studie immer moderner zu werden scheint: schon 10 Prozent der F\u00fcnftkl\u00e4sslerInnen bleiben teils regelm\u00e4\u00dfig dem Unterricht fern. Der Rest arrangiert sich, wobei das Nicht-Schw\u00e4nzen nichts damit zu tun hat, die Schule toll zu finden.<\/p>\n<p>Wie jedeR selbst mit dem Thema umgeht, kann nur der\/die Betreffende f\u00fcr sich selbst entscheiden. Hier m\u00fcssen Kompromisse getroffen werden. Die Alternative zur Akzeptanz der Schule unter kapitalistischen Bedingungen bedeutet eine kurzfristige Bildungs- und eine langfristige Chancenlosigkeit.<\/p>\n<p>Eine erneute Diskussion des Themas der Schulkritik ist heute auf breiter Ebene n\u00f6tig. Da ich die niederschmetternde Realit\u00e4t tagt\u00e4glich am eigenen Leib erfahre, bleibt mir nur zu hoffen, dass mein Text einen Beitrag dazu leisten kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zweifel daran werden kaum ge\u00e4u\u00dfert, zu logisch scheint, dass das, was man jungen Menschen vorsetzt, richtig sein muss. 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