{"id":5666,"date":"2003-10-01T00:00:27","date_gmt":"2003-09-30T22:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5666"},"modified":"2022-07-26T14:15:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:11","slug":"feministinnen-in-der-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/10\/feministinnen-in-der-revolution\/","title":{"rendered":"Feministinnen in der Revolution"},"content":{"rendered":"<p>Vera Bianchi, die 1974 geborene, Hamburger Geschichtswissenschaftlerin mit den Schwerpunkten soziale Bewegung und feministische Wissenschaft, hat ein neues Buch \u00fcber diese dezentral strukturierte Frauenorganisation geschrieben, in der sich nach neuesten Erkenntnissen 149 Basisgruppen und rund 20.000 Frauen vernetzten. Die Autorin ber\u00fccksichtigt nicht nur die bisher ver\u00f6ffentlichten deutschsprachigen Publikationen, sondern recherchierte vor Ort im B\u00fcrgerkriegsarchiv von Salamanca und bezog spanische sowie US-amerikanischen Forschungen mit ein.<\/p>\n<p>Ein grundlegendes Problem der historischen Darstellung besteht darin, dass die Mujeres Libres zwar eine Zeitschrift, B\u00fccher sowie Brosch\u00fcren herausgaben und sich somit Theorie und Praxis der Gruppe gut beschreiben lassen, dass aber \u00fcber die pers\u00f6nliche Lebensgeschichte der einzelnen, die Organisation pr\u00e4genden Frauen wenig bekannt ist: &#8222;wie der Gro\u00dfteil der Mitglieder lebte, den Alltag gestaltete, ob und wie sie ihre politischen \u00dcberzeugungen auch im Privaten umsetzten, bleibt offen.&#8220; (S.8) Der gesamte Bereich der Alltagsgeschichte ist mit den herk\u00f6mmlichen Methoden der Geschichtswissenschaft kaum erfassbar. Bianchi weist darauf hin, dass sich dazu kaum Quellen in den Archiven befinden.<\/p>\n<p>1975, nach Francos Tod, wollte eine der drei Gr\u00fcnderinnen der Mujeres Libres, Mercedes Comaposada Guillen, ein erstes Buch \u00fcber die Geschichte der Gruppe schreiben. Sie sammelte Zeugnisse ehemaliger Mitglieder, denen sie folgende Fragen stellte: &#8222;Was war Mujeres Libres? Warum war die Gruppe besonders? Warum war sie eine Organisation und keine Assoziation? Die Frau als Mutter, als Produzentin, Frau. Politischer Feminismus und menschlicher Feminismus. Freie Liebe. Zusammenleben und sexuelles Problem.&#8220; (S.10) Mercedes erhielt viele Antworten. Doch sie konnte ihr Werk nicht vollenden und in ihrem Nachlass lie\u00dfen sich weder die Manuskripte noch die Antwortbriefe finden. Trotz des Verllustes schrieben einige Veteraninnen in kollektiver Zusammenarbeit ein Buch \u00fcber die Geschichte der Mujeres Libres: Luchadores Libertarias (K\u00e4mpferinnen der Freiheit, Fundacion Anselmo Lorenzo, Madrid 1999).<\/p>\n<p><strong>Ein R\u00fcckblick in Geschichte und Politik der Gruppe<\/strong><\/p>\n<p>Die erste Initiative f\u00fcr Mujeres Libres entstand aus dem anarchosyndikalistischen Spektrum durch Lucia Sanchez Saornil (1895-1970) und Mercedes Comaposada Guillen (1900-1994). Sie entstammten Madrider Arbeiterfamilien und waren mit den gewerkschaftlichen K\u00e4mpfen der 20er Jahre konfrontiert gewesen. Sie stellten die unterdr\u00fcckte Situation der Arbeiterinnen in den Gesamtprozess der sozialen Revolution. Ihre Mitstreiterin Amparo Poch y Gascon (1902-1968) hatte Medizin und Soziologie studiert. Sie hielt Vortr\u00e4ge zu Sexualit\u00e4t, Verh\u00fctung und Schwangerschaftsabbruch an Universit\u00e4ten, Schulen und Ateneos (anarchistische Volkbildungsh\u00e4user). Zusammen arbeiteten die drei Frauen an der Herausgabe der Zeitschrift &#8222;Mujeres Libres&#8220;, der sie das Leitmotiv &#8222;Kultur und soziale Dokumentation&#8220; gaben und die das Interesse der Frauen f\u00fcr die anarchistische Bewegung wecken sollte.<\/p>\n<p>Ende 1934 hatte sich in Barcelona die Grupo Cultural Femenino (CNT) Barcelona (Kulturelle Frauengruppe) gegr\u00fcndet. Mitte 1936 kam es zum Zusammenschluss dieser Gruppe mit den Madriderinnen.<\/p>\n<p>Die Gruppe in Barcelona konzentrierte sich auf die Kontakte mit den Anarchistinnen in der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT, w\u00e4hrend die Gruppe in Madrid ihren Schwerpunkt auf die Arbeit mit politisch unorganisierten Arbeiterinnen legte.<\/p>\n<p>Bald darauf kam es zu Neugr\u00fcndungen in Valencia, Aragonien, Andalusien. Der erste Nationalkongress fand im September 1937 in Valencia statt. Die Mujeres Libres organisierten sich f\u00f6deralistisch auf der Basis der Autonomie der einzelnen Basisgruppen, keine Befehlshierarchie von oben nach unten, aber eine Bindung an die \u00fcberregionalen Entscheidungen der Plena und Kongresse der Bewegung. Durch diese flexible Struktur waren die Mujeres Libres aktions- und kampagnenf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Die Mujeres Libres vertraten das theoretische Konzept des &#8222;Doble Lucha&#8220; (doppelter Kampf). Das bedeutete: gemeinsam mit den anarchistischen M\u00e4nnern f\u00fcr eine herrschaftsfreie Gesellschaft zu k\u00e4mpfen, aber gleichzeitig &#8222;gegen die sexistische Tradition ank\u00e4mpfen, die sich sowohl bei den M\u00e4nnern als auch bei den Frauen festgesetzt hat.&#8220; (S.118 u. vgl. S.64) Im Mittelpunkt stand das Ziel der \u00f6konomischen Unabh\u00e4ngigkeit der Arbeiterfrauen. Dabei verstanden sie sich nicht als Kaderpartei, die den Frauen ihre Ideen aufzwingt. Frauen k\u00f6nnten sich nur selbst befreien; die Mujeres Libres verstanden sich dabei als Katalysator. In Barcelona, Madrid, Valencia errichteten sie eigene Institute (meist in R\u00e4umen der CNT), in denen u. a. Ausbildungskurse in Fremdsprachen, sozialen und technischen Berufen, angeboten wurden. Vor allem sollte die hohe Analphabetenrate unter spanischen Frauen verringert werden. Der Erfolg bei diesen st\u00e4dtischen Bildungsangeboten kontrastierte mit der sehr viel schwierigeren Situation auf dem Land. In den landwirtschaftlichen Kollektiven bestanden Benachteiligungen f\u00fcr die Frauen fort, sie erhielten sehr viel weniger Lohn als M\u00e4nner. Die Frauen in den D\u00f6rfern waren nur theoretisch gleichgestellt. Ihre praktische und aktive Teilnahme an den Versammlungen der AnarchistInnen war jedoch gering. Oft verhinderte Zeitmangel, resultierend aus der Doppelbelastung Kindererziehung\/Haushalt und regul\u00e4re Mitarbeit im landwirtschaftlichen Kollektiv die Gr\u00fcndung einer Mujeres Libres &#8211; Gruppe.<\/p>\n<p>Es gab kaum Volksk\u00fcchen und Kinderg\u00e4rten zur Erleichterung der Arbeit, noch eine ver\u00e4nderte Einstellung der M\u00e4nner. Ob es zur erfolgreichen Umsetzung der von den Mujeres Libres propagierten agrar\u00f6konomischen Ausbildungsprogramme kam, ist schwer ausfindig zu machen. Die Mujeres Libres waren sich der Defizite hinsichtlich der unzul\u00e4nglich erreichten Ziele bewusst.<\/p>\n<p>Die wirtschaftliche Notlage zwang Frauen damals oft in die Prostitution, um zur Ern\u00e4hrung der Familie beizutragen. Die Mujeres Libres sahen in dem seit 1931 bestehenden gesetzlichen Verbot der Prostitution keine L\u00f6sung. Die Frage war f\u00fcr sie nicht, &#8222;wie man die angeblich unmoralischen Frauen daran hindert, dieser T\u00e4tigkeit nachzugehen, sondern welche sozialen Missst\u00e4nde die Frauen dazu brachten, sich zu prostituieren.&#8220; (S.69) Prostituierte waren f\u00fcr sie nicht Verbrecherinnen, sondern Marginalisierte, weshalb sie viel Zeit und Energie investierten, um zu Beginn der Revolution &#8222;H\u00e4user zur Befreiung von Prostitution&#8220; zu organisieren. Dort konnten Prostituierte schlafen, sich medizinisch versorgen und bekamen Zugang zu wirtschaftlicher Unterst\u00fctzung und Bildung. Ob die Mujeres Libres wirklich Bordelle gest\u00fcrmt haben, wie in dem 1995er gezeigten Film &#8222;Libertarias&#8220; (Die Libert\u00e4ren Frauen, Regisseur Vicente Aranda, Sogetel \/ Lolafilms), ist schwer zu recherchieren. Tatsache ist, dass sie in Madrid Kampagnen zur Befreiung von Frauen und M\u00e4dchen aus der Prostitution starteten.<\/p>\n<p>Zu Beginn des B\u00fcrgerkrieges gingen einige Frauen der Mujeres Libres an die Front und es gab eine Kolonne &#8222;Mujeres Libres&#8220;. Die Beteiligung am B\u00fcrgerkrieg sahen die Frauen jedoch nur als einen unter vielen wichtigen Aspekten der sozialen Revolution an. Sie bef\u00fcrworteten einerseits den Kampf mit der Waffe, andererseits entwickelten sie direkte Aktionen in anderen Bereichen, z. B. Weiterleitung der Post oder Organisierung der Lebensmittelversorgung hin zur Front. Dem von der republikanischen Regierung ab Dezember 1936 verordneten R\u00fcckzug der Milizianas von der Front entspricht zeitlich auch die Konzentration der Mujeres Libres auf die gro\u00dfe Anzahl der Frauen, die sich der leiblichen Mutterschaft verpflichtet sahen.<\/p>\n<p>Hierbei ging es aber in erster Linie darum, diese Frauen zu politisieren, ihnen durch Bildung zu Selbstbewu\u00dftsein zu verhelfen und f\u00fcr selbst\u00e4ndige Berufswege zu sorgen.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis der Mujeres Libres zur spanischen anarchistischen Bewegung war angespannt und ambivalent. Durch ihre autonome Organisierung als anarchistische Frauenorganisation hatten sie sich von Anbeginn den Vorwurf der Spaltung eingehandelt. Und das nicht nur von anarchistischen M\u00e4nnern, sondern z.B. auch von Federica Montsany, die seit Herbst 1936 als CNT-Mitglied Ministerin f\u00fcr Gesundheit und Soziales in Katalonien war. Die autonome Organisierung der Mujeres Libres geschah jedoch nicht in spalterischer Absicht, sondern resultierte aus dem Unbehagen vieler Frauen innerhalb der anarchistischen Bewegung der 30er Jahre in Spanien, aus der herablassenden Ignoranz, die sie erfuhren. Erst im Mai 1936 hatte z. B. die CNT die Gleichberechtigung der Frauen in ihr Programm aufgenommen. Die schlimmste Form der Ablehnung erfuhren die Mujeres Libres auf dem Plenum der CNT im Oktober 1938. Sara Berenguer, Zeitzeugin des Vorgangs, berichtet: &#8222;Am letzten Tag des Plenums durften einige Vertreterinnen der Frauenorganisation den Aufnahmeantrag und die Arbeit der Gruppe vorstellen, worauf sie die Antwort erhielten, sie seien noch nicht gen\u00fcgend vorbereitet und sollten warten, bis sie genug Erfahrung h\u00e4tten&#8220;(S.86) Zu dem Zeitpunkt hatten sich die Mujeres Libres bereits zwei Jahre aktiv an der sozialen Revolution beteiligt! Es ging sogar soweit, dass Federica Montseny die Existenz der Mujeres Libres leugnete! Die Mujeres Libres zahlten es ihr nicht mit gleicher M\u00fcnze heim und publizierten noch 1939 einen Text von ihr.<\/p>\n<p>Tatkr\u00e4ftige Unterst\u00fctzung erhielten die Mujeres Libres hingegen von der bekannten Anarchistin Emma Goldman. Auf ihren Vortragsreisen durch Europa und Kanada berichtete sie \u00fcber die Mujeres Libres und trug damit sicher zur Bekanntheit der Gruppierung bei. Zur Zeit des B\u00fcrgerkrieges gab es Solidarit\u00e4tsgruppen der Mujeres Libres in Gro\u00dfbritannien, Frankreich, den Niederlanden, der Tschechoslowakei, Schweden, Belgien, Polen, Argentinien und den USA.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Mujeres Libres bleibt auch heute eine Herausforderung. Trotz der beschriebenen problematischen Quellenlage und der angedeuteten Notwendigkeit weiterer Forschung kann Vera Bianchis mit diesem Buch vorliegender Versuch, die Mujeres Libres &#8222;auch im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen&#8220; (S.121) als gelungen betrachtet werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vera Bianchi, die 1974 geborene, Hamburger Geschichtswissenschaftlerin mit den Schwerpunkten soziale Bewegung und feministische Wissenschaft, hat ein neues Buch \u00fcber diese dezentral strukturierte Frauenorganisation geschrieben, in der sich nach neuesten Erkenntnissen 149 Basisgruppen und rund 20.000 Frauen vernetzten. 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