{"id":5668,"date":"2003-10-01T00:00:48","date_gmt":"2003-09-30T22:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5668"},"modified":"2022-07-26T14:15:10","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:10","slug":"q-oder-der-beginn-der-moderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/10\/q-oder-der-beginn-der-moderne\/","title":{"rendered":"Q oder der Beginn der Moderne"},"content":{"rendered":"<p>Seine zweite Karriere startete &#8222;Luther Blissett&#8220; ein Jahrzehnt sp\u00e4ter, ebenfalls in Italien, als von situationistischen Ideen beeinflusste PolitaktivistInnen den Namen &#8222;entwendeten&#8220;. Das war durchaus als Hommage und Wiedergutmachung f\u00fcr den kickenden Pechvogel gemeint, der zur Zielscheibe rassistischer Witze geworden war, weil ihm die italienische Art, Fu\u00dfball zu spielen, nicht zusagte.<\/p>\n<p>Seither steht &#8222;Luther Blissett&#8220; als &#8222;multipler Name&#8220; innerhalb eines Konzepts kollektiver Urheberschaft f\u00fcr eine wachsende Zahl von Aktivit\u00e4ten \u00fcberwiegend &#8222;semiotischer&#8220;, medienkritischer Art. &#8222;Luther Blissett&#8220; hat sowohl Musik-CDs ver\u00f6ffentlicht als auch theoretische Texte, Manifeste, Pamphlete verfasst, zeichnet aber vor allem f\u00fcr Aktionen im Stile der Kommunikationsguerilla verantwortlich. Sp\u00e4testens seit Mitte der 1990er Jahre ist Luther Blissett ein &#8222;kollektives Gespenst&#8220;. Allerdings eines, das vornehmlich in linksradikalen Kreisen umgeht. Das hat sich ein wenig ge\u00e4ndert, seit 1999 einer vierk\u00f6pfigen Autorengruppe aus Bologna, die zum dortigen Luther-Blissett-Projekt geh\u00f6rt, ein bemerkenswerter Einbruch in die Mainstream-Medien gelang. Erstaunlicherweise mit einem historischen Roman, der nicht nur von einem der renommierten italienischen Verlagsh\u00e4user publiziert wurde, sondern sich zum Bestseller mauserte und mittlerweile in verschiedene Sprachen \u00fcbersetzt ist. Seit Herbst 2002 liegt das Buch auch in einer deutschsprachigen Ausgabe vor (und hoffentlich bald auch in einer Taschenbuchausgabe).<\/p>\n<p>F\u00fcr die Autoren, die mittlerweile das Luther Blissett Projekt als abgeschlossen betrachten und sich Wu Ming (chinesisch: Ohne Namen) nennen, ist Schreiben eine kollektive Praxis, eine st\u00e4ndige Neukombination von Ideen, die weder einen Geniekult zul\u00e4sst noch \u00fcberhaupt mit der Vorstellung geistiger Eigentumsrechte zu vereinbaren ist.<\/p>\n<p>Nicht ohne Stolz verweisen sie darauf, dass es ihnen erstmals gelungen sei, einem Gro\u00dfverlag eine Anti-Copyright-Formel abzuringen. So \u00fcbrigens auch in der deutschen Ausgabe, wo es (leicht zu \u00fcberlesen!) im Impressum hei\u00dft, dass die Wiedergabe und Verbreitung des Werks erlaubt sei, wenn sie nicht aus kommerziellen Gr\u00fcnden erfolgt.<\/p>\n<h3>Q &#8211; der Roman<\/h3>\n<p>Worum geht es nun in &#8222;Q&#8220;? Zun\u00e4chst ist zu sagen, dass es sich um ein ausgesprochen spannendes und unterhaltsames Buch handelt, ein geschickter Genre-Mix aus Historienroman, Abenteuerbuch, Agententhriller und Krimi. Vor allem aber ein klassischer &#8222;Schm\u00f6ker&#8220;, 800 Seiten dick, eines jener B\u00fccher, die eine Sogwirkung entfalten, die man, hat man erst einmal zu lesen begonnen, ungern wieder aus der Hand legt, bevor man nicht auf der letzten Seite angelangt ist.<\/p>\n<p>Q ist der Roman einer Epoche.<\/p>\n<p>Alles beginnt mit Luther &#8211; nicht Blissett dieses Mal, sondern Martin &#8211; und seinen 95 Thesen an der Schlo\u00dfkirche zu Wittenberg im Oktober 1517, und findet seinen vorl\u00e4ufigen Abschlu\u00df mit dem Frieden von Augsburg 1555. Damit ist der zeitliche Rahmen abgesteckt, innerhalb dessen sich die Handlung des Romans abspielt.<\/p>\n<p>Der Held und Ich-Erz\u00e4hler des Buches ist ein Namenloser, genauer gesagt, ein Mann, der viele Namen und Identit\u00e4ten annimmt, um sich seinen Verfolgern zu entziehen. Als junger Theologiestudent an der Universit\u00e4t Wittenberg will er die neuen Ideen der Reformatoren an der Quelle studieren. Stattdessen lernt er einen Mann kennen, der sein Leben unwiderruflich ver\u00e4ndert: Thomas M\u00fcntzer. Als Freund, Mitk\u00e4mpfer, Weggef\u00e4hrte folgt er ihm bis ans blutige Ende des Bauernkrieges und entkommt als einziger aus dessen Umfeld dem Massaker von Frankenhausen.<\/p>\n<p>Als Fl\u00fcchtling, Agitator, Krieger, Revolution\u00e4r wandert er durch die St\u00e4dte des deutschen Reiches, wird einer der Apostel des charismatischen Propheten Jan Matthys, geh\u00f6rt als eine Art milit\u00e4rischer F\u00fchrer der Widert\u00e4ufer zu denen, die sich im Februar 1534 in M\u00fcnster gegen das Patriziat erheben und die Stadt erobern. Doch lange bevor der Aufstand niedergeschlagen wird, hat er die belagerte Stadt bereits wieder verlassen. Der Traum von der gerechten Gesellschaft nach dem Grundsatz M\u00fcntzers: &#8222;Omnia sunt communia&#8220; (Alles geh\u00f6rt allen), hat sich in der Schreckensherrschaft des Jan van Leyden, der sich zum K\u00f6nig des Neuen Zion kr\u00f6nen l\u00e4\u00dft, in eine blutige Karikatur verwandelt.<\/p>\n<p>Im Haus des Antwerpener Dachdeckers und Freigeistes Lois Pruystinck (Eloi) erf\u00e4hrt sein Leben eine entscheidende Wendung. Eloi bringt ihn mit einem Ex-Banker der Fugger zusammen, der mit seinen einstigen Arbeitgebern noch eine Rechnung offen hat. Zusammen vollbringen sie den gro\u00dfen Coup und erleichtern die Finanziers der F\u00fcrsten und P\u00e4pste mit falschen Kreditbriefen um eine f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse unvorstellbare Summe.<\/p>\n<p>Er ist nunmehr reich und kann es sich leisten, in Venedig das vornehmste Bordell am Ort zu er\u00f6ffnen, Handel zu treiben mit verbotenen B\u00fcchern und ein B\u00fcndnis einzugehen mit der sephardischen Kaufmannsfamilie der Mingues, aus Spanien und Portugal vertriebene Juden, mit denen ihn ein \u00e4hnliches Schicksal von Flucht und Verfolgung verbindet.<\/p>\n<p>Vor allem aber will er nun mit seinem gro\u00dfen Gegenspieler abrechnen &#8211; Q.<\/p>\n<p>Hinter diesem K\u00fcrzel verbirgt sich ein Spion in den Diensten einer der zwielichtigsten Gestalten der ganzen Epoche: Giovanni Pietro Carafa, dem nachmaligen Gr\u00fcnder und erstem Oberhaupt der Heiligen Inquisition.<\/p>\n<p>Q, der zun\u00e4chst die Aufgabe hat, das Treiben der Reformatoren aus der N\u00e4he zu beobachten, ist jedoch mehr als ein blo\u00dfer Spitzel. Er ist ein Mann mit strategischem Gesp\u00fcr, der fr\u00fchzeitig erkennt, da\u00df der soziale Aufruhr, der sich in M\u00fcntzer und den Widert\u00e4ufern verk\u00f6rpert, gef\u00e4hrlicher f\u00fcr die herrschenden M\u00e4chte ist als Luther und seine Anh\u00e4nger.<\/p>\n<p>So entwickelt er sich zum b\u00f6sen Geist der Konterrevolution, der die Maske des Verb\u00fcndeten annimmt, um seine Opfer zu hintergehen. Mit Briefen dient er sich Thomas M\u00fcntzer als Sympathisant aus den Reihen seiner Gegner an, um ihn im entscheidenden Moment durch falsche Informationen zu dem verh\u00e4ngnisvollen Schritt zu verleiten, sich dem F\u00fcrstenheer mit seinen Bauernhaufen in offener Feldschlacht zu stellen.<\/p>\n<p>Ein Jahrzehnt sp\u00e4ter schleicht er sich bei den M\u00fcnsteraner Widert\u00e4ufern als Undercover-Agent ein und wiederholt sein Spiel.<\/p>\n<p>Der Erz\u00e4hler, der nichts als die Briefe M\u00fcntzers aus dem Inferno retten kann und deshalb fr\u00fchzeitig von der Existenz eines Verr\u00e4ters wei\u00df, braucht jedoch noch zwanzig Jahre, bevor er aus den kleinen Puzzle-Teilen, die sich im Lauf der Jahre ansammeln, ein hinreichend klares Bild seines Gegenspielers zusammensetzen kann: Und er entschlie\u00dft sich zu einem k\u00fchnen Plan. Er bietet sich selbst als K\u00f6der an, um Q aus der Reserve zu locken, indem er als Widert\u00e4ufer durch Oberitalien zieht und in seinen Predigten Botschaften versteckt, die nur Q entschl\u00fcsseln kann. Doch dieser ist ein schlauer Fuchs, und so beginnt ein atemberaubender Wettlauf, wer wen zuerst enttarnt &#8211; nat\u00fcrlich mit einer \u00fcberraschenden Aufl\u00f6sung, die hier aber im Interesse derer, die das Buch noch lesen wollen, nicht verraten werden soll.<\/p>\n<p>Q ist kein optimistischer Roman, und dazu gibt die Epoche, von der er handelt, auch keinen Anlass. Am Ende siegen die M\u00e4chte der Reaktion und der Intoleranz. Die sephardischen Juden sind auch im scheinbar weltoffenen Venedig nicht sicher und m\u00fcssen am Ende das christliche Abendland verlassen und in das tolerantere, mittlerweile muslimische Konstantinopel ausweichen. Und mit Pietro Carafa besteigt die verk\u00f6rperte Konterrevolution den Heiligen Stuhl und erweist sich, wie nicht anders zu erwarten, als fanatischer und engstirniger Papst.<\/p>\n<p>Auch die Kompromissformel von Augsburg, <em>Cuius regio, eius religio<\/em> (Wes die Herrschaft, des die Religion), besagt nichts anderes, als das der Untertan zu glauben hat, was sein Herr ihm befiehlt, womit die durch Luthers Geste aufgeworfene Frage der Glaubens- und Gedankenfreiheit bis auf weiteres von der historischen Tagesordnung verschwunden ist. Die alten M\u00e4chte haben sich konsolidiert und nach einer Zeit des Aufruhrs zu einem neuen Arrangement gefunden.<\/p>\n<h3>Q und die Gegenwart<\/h3>\n<p>Auf die Frage, warum ihr Roman im fr\u00fchen 16. Jahrhundert spiele, antworteten die Autoren, dass zu dieser Zeit die Moderne begonnen habe und damit alles, was heute im Verfall begriffen sei: Europa, Massenkommunikation, Polizeiapparate, Finanzkapital und Staat.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist es fast unumg\u00e4nglich, einen so komplexen Roman wie &#8222;Q&#8220; auch in Bezug auf die Gegenwart zu lesen. Bestimmte Parallelen etwa zwischen den Fuggern und den heutigen Finanzm\u00e4rkten oder zwischen Buchdruck und Internet dr\u00e4ngen sich unmittelbar auf, bleiben aber an der Oberfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Der italienische Bewegungsveteran Franco &#8222;Bifo&#8220; Berardi liest &#8222;Q&#8220; hingegen als Parabel auf die Hoffnungen und Entt\u00e4uschungen der autonomen und libert\u00e4ren Bewegungen der 1960er und 70er Jahre. Erst der begeisterte Aufbruch aus erstarrten Verh\u00e4ltnissen, das Erleben und Erproben neuer Formen von Gemeinschaft, dann der R\u00fcckfall in den Dogmatismus, schlie\u00dflich die Sackgasse von bewaffnetem Kampf und staatlicher Repression.<\/p>\n<p>Doch das ist buchst\u00e4blich nur die halbe Wahrheit, d.h. trifft auf die erste H\u00e4lfte des Buches zu. Nachdem der Ich-Erz\u00e4hler, weniger aus \u00dcberzeugung als mangels besserer Alternativen, dem Weg des Wiedert\u00e4ufertums bis in seine \u00e4u\u00dfersten, terroristischen und putschistischen Konsequenzen gefolgt ist, strandet er, politisch und moralisch gleicherma\u00dfen am Ende, in Antwerpen bei Eloi, der ihm eine andere Alternative weist. Eloi lebt mit Gleichgesinnten in G\u00fctergemeinschaft, lehnt Gewalt ab und praktiziert eine Art Revolution des allt\u00e4glichen Lebens (un\u00fcbersehbar haben hier die Interpretationen der mittelalterlichen und fr\u00fchneuzeitlichen Ketzerbewegungen durch den Ex-Situationisten Raoul Vaneigem Pate gestanden). Mit Eloi erfolgt der Ansto\u00df zu einer neuen Strategie. An die Stelle der direkten Konfrontation mit Adel und Klerus auf deren ureigenstem Gebiet, der Theologie und der milit\u00e4rischen Gewalt, tritt die Subversion der alten M\u00e4chte mit den Mitteln der neuen: Geldwesen und Buchdruck. Allerdings, soviel sei im Sinne der historischen Wahrheit gesagt, ist auch mit einer solchen strategischen Neuorientierung kein unmittelbarer Durchbruch zu erzielen. Mit Kreditbetrug sind die Fugger und die von ihnen ausgehaltenen Potentaten nicht in die Knie zu zwingen und die Ausbreitung neuer Gedanken l\u00e4sst sich durch den Terror der Inquisition einstweilen noch erfolgreich eind\u00e4mmen.<\/p>\n<p>Unschwer sind hier die Bez\u00fcge zur Jetztzeit zu erkennen, von 1989 bis heute, der \u00dcbergangsperiode nach einer historischen Niederlage. Die gro\u00dfen politischen Mobilisierungen, aber auch die Dramen des bewaffneten Kampfes sind vor\u00fcber. An ihre Stelle sind diskretere, molekulare Formen einer fr\u00f6hlichen Subversion getreten, das listig-ironische Unterlaufen der herrschen Werte und Zeichen. Ob dies allerdings mehr ist, als das \u00dcberwintern in schlechten Verh\u00e4ltnissen, ohne sich mit diesen zu arrangieren oder verr\u00fcckt zu werden, muss sich erst noch herausstellen. Das Ende ist offen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seine zweite Karriere startete &#8222;Luther Blissett&#8220; ein Jahrzehnt sp\u00e4ter, ebenfalls in Italien, als von situationistischen Ideen beeinflusste PolitaktivistInnen den Namen &#8222;entwendeten&#8220;. Das war durchaus als Hommage und Wiedergutmachung f\u00fcr den kickenden Pechvogel gemeint, der zur Zielscheibe rassistischer Witze geworden war, weil ihm die italienische Art, Fu\u00dfball zu spielen, nicht zusagte. 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