{"id":5675,"date":"2003-10-01T00:00:25","date_gmt":"2003-09-30T22:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5675"},"modified":"2022-07-26T14:15:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:11","slug":"wir-kamen-vom-anderen-stern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/10\/wir-kamen-vom-anderen-stern\/","title":{"rendered":"Wir kamen vom anderen Stern"},"content":{"rendered":"<p>Zu den bekanntesten Bilddokumenten der 68er-Bewegung geh\u00f6ren die Aufnahmen der vier Frankfurter Kaufhausbrandstifter Horst S\u00f6hnlein, Thorwald Proll, Andreas Baader und Gudrun Ensslin, die offensichtlich gutgelaunt, mit Zigarre im Mund, auf der Anklagebank sitzen und demonstrativ gelassen ihren Prozess verfolgen.<\/p>\n<p>Wegen der Beteiligung von Baader und Ensslin wurde diese Aktion immer wieder im Lichte sp\u00e4terer Entwicklung gesehen, als eine Art Auftakt zur RAF. Eine Sichtweise, die der damalige Mitangeklagte und enge Freund Baaders und Ensslins in dieser Zeit, Thorwald Proll, in einem langen Interview mit Daniel Dubbe korrigiert. Er beharrt darauf, dass die beiden Brands\u00e4tze, die in der Nacht vom 2. auf den 3. April 1968 in zwei Frankfurter Kaufh\u00e4usern explodierten, symbolische Aktionen waren, politische Happenings sozusagen, die unmittelbar dem 68er-Zeitgeist entsprangen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich war das Thema Kaufhausbrand zu dieser Zeit gerade &#8222;in&#8220;. Nur wenige Tage vor der Frankfurter Brandstiftung war der Prozess gegen die Berliner Kommune I wegen &#8222;Aufforderung zur Brandstiftung&#8220; mit einem Freispruch zu Ende gegangen. Ihr ber\u00fchmtes Flugblatt Nr. 7 (&#8222;Wann brennst du, Konsument?&#8220;), das einen Br\u00fcsseler Kaufhausbrand mit vielen Toten als Werbegag darstellt, der den Kunden &#8222;jenes knisternde Vietnamgef\u00fchl (dabei zu sein und mitzubrennen)&#8220; vermitteln sollte, wurde als schwarzhumorige Satire im Stile surrealistischer Provokationen gewertet. Auch die realen Br\u00e4nde in Frankfurt, bei denen schlie\u00dflich niemand zu Schaden kommen sollte (und auch nicht kam) sind in einem im weitesten Sinne k\u00fcnstlerischen Kontext anzusiedeln, oder besser gesagt, als ein Versuch zu sehen, Kunst praktisch werden zu lassen. Daf\u00fcr spricht zumindest die Vorgeschichte der Angeklagten. Horst S\u00f6hnlein hatte in M\u00fcnchen ein &#8222;action-Theater&#8220; gegr\u00fcndet (das dann von Rainer Werner Fassbinder \u00fcbernommen wurde), mit dem Ziel, die Arbeiter auf die B\u00fchne zu bringen, sie selbst ihre Probleme darstellen zu lassen. Und Thorwald Proll begeisterte sich f\u00fcr das Living Theatre und dessen Versuch, &#8222;die Trennung von \u00c4sthetik, Theater und Leben aufzuheben&#8220; (S. 22). Zugleich schrieb er agitatorische Gedichte, von denen eins als Beweismittel in den Gerichtsakten landete (im Anhang des Buches abgedruckt).<\/p>\n<p>Auch das eingangs erw\u00e4hnte Gruppenbild mit Zigarre im Gerichtssaal erinnert nicht von ungef\u00e4hr an die Marx-Brothers.<\/p>\n<p>Bei der St\u00f6raktion eines Konzertes von Pierre Boulez (veranlasst durch dessen \u00c4u\u00dferung, Opernh\u00e4user geh\u00f6rten bombardiert) im Jahr 1967, an der u.a. Proll, Baader und Ensslin beteiligt waren, hatte eine Tageszeitung anspielungsreich getitelt: &#8222;Marx Brothers in der Deutschen Oper&#8220;. Und stammte von demselben Komikerquartett nicht auch der Film &#8222;Marx Brothers im Kaufhaus&#8220;? Jedenfalls entsprach die fr\u00f6hliche Chaotisierung eines Konsumtempels ganz dem 68er-Geist der Konsumkritik. Der Auffassung von Ulrike Meinhof, das progressive Moment der Kaufhausbrandstiftung sei nicht die Zerst\u00f6rung von Waren, sondern der Gesetzesbruch, widerspricht Proll ganz entschieden und unterstreicht die zentrale Bedeutung der Konsumverweigerung und der praktischen Kritik der Warenwelt f\u00fcr die 68er-Aktivisten: &#8222;Es ging gegen den Konsum. Dass es Gesetzesbruch gab, war nicht so entscheidend&#8220; (S. 39).<\/p>\n<p>Der Bruch mit der Legalit\u00e4t als erster Schritt in den Untergrund vollzieht sich erst sp\u00e4ter, 1969, als sich das Trio Proll, Baader und Ensslin nach Paris absetzt, um sich dem Haftantritt zu entziehen (sie waren wegen der Brandstiftung zu drei Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt worden).<\/p>\n<p>Dort trennen sich dann die Wege, und der \u00dcbergang zum bewaffneten Kampf bleibt Thorwald Proll, eher unfreiwillig, erspart. Aufgrund eines undurchsichtigen gruppendynamischen Prozesses wird er ausgebootet und durch seine Schwester Astrid ersetzt. Gemeinsam mit Baader und Ensslin verschwindet sie Richtung Italien. Thorwald Proll bleibt allein in Paris zur\u00fcck. Das filmreife Ende einer Freundschaft!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den bekanntesten Bilddokumenten der 68er-Bewegung geh\u00f6ren die Aufnahmen der vier Frankfurter Kaufhausbrandstifter Horst S\u00f6hnlein, Thorwald Proll, Andreas Baader und Gudrun Ensslin, die offensichtlich gutgelaunt, mit Zigarre im Mund, auf der Anklagebank sitzen und demonstrativ gelassen ihren Prozess verfolgen. 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