{"id":5686,"date":"2003-10-01T00:00:09","date_gmt":"2003-09-30T22:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5686"},"modified":"2022-07-26T14:15:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:11","slug":"die-heimsuchung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/10\/die-heimsuchung\/","title":{"rendered":"Die Heimsuchung"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8222;Heraus zum 1. Mai gegen Kapital und Atomkraft!&#8220;<\/strong> &#8211; In der etwas verschlafenen Gro\u00dfstadt am Rande des Ruhrgebietes prangten im Jahre 1977 hunderte von \u00fcbergro\u00dfen Plakaten mit einem abgebildeten apokalyptischen Reiter an den Mauerw\u00e4nden. Absender: Kommunistischer Bund, Kai Ehlers, 2 Hamburg 50. Es folgten drei Wochen lang entnervende Auseinandersetzungen zwischen der \u00f6rtlichen B\u00fcrgerinitiative gegen Atomkraft einerseits und Politkommissaren und Jugendlichen andererseits, die sich von ein paar bunten Bildchen und markigen Parolen beeindrucken lie\u00dfen. Die angek\u00fcndigte Verbr\u00fcderung von Arbeitern und Umweltsch\u00fctzern entpuppte sich in der Realit\u00e4t als eine Versammlung von einem kleinen H\u00e4uflein anpolitisierter Jugendzentrumsbesucher und einer Handvoll angereister KBler. Hier waren die begehrten Tr\u00fcffel sicherlich nicht zu finden und schon war der KB wieder weg und suchte sie woanders.<\/p>\n<p>Seit 1973 erregte der haupts\u00e4chlich aus Norddeutschland kommende Bund immer wieder durch aufw\u00e4ndige Kampagnen die Aufmerksamkeit der Beobachter. Hintereinander wurde mit der Chile- und Portugalsolidarit\u00e4t, der Antirepressionskampagne, dem AKW-Widerstand und Bunte Liste-Gr\u00fcndungen alle ein bis zwei Jahre eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Als ausgesprochen hinderlich f\u00fcr die Akzeptanz innerhalb der undogmatischen Linken erwies sich die gro\u00dfz\u00fcgige Portion von ML-Aufbaufutter, die nach den linear ausgerichteten Erwartungen des &#8222;Leitenden Gremiums&#8220; dieses Bundes der Tr\u00fcffelsuchenden \u00fcberproportionale Wachstumsraten bei der Organisationsausbreitung bewirken sollten.<\/p>\n<p>Da die aus vulg\u00e4rmarxistischem Dogmatismus, plattem Materialismus, penetranter Rechthaberei und eiskalter Machtpolitik bestehende ML-Futtermischung bei den anderen Schweinen auf wenig Gegenliebe stie\u00df, wurde sie mit bunten Sponti- und Pragmatismuspillen aufgepeppt, was nur kurzzeitig zu gewissen Erfolgen f\u00fchrte, da Andere diese Komponenten auch schon einbezogen.<\/p>\n<p>Die Geschichte des KB wird von Michael Steffen bis in alle Einzelheiten genau beschrieben und den Ursachen seines Zerfalls und seiner Aufl\u00f6sung im Jahre 1991 nachgegangen. Da er Zugang zu Originaldokumenten und zu vielen heute noch aktiven ehemaligen Mitglieder hat, kann er in seinem umfangreichen Buch interne Debatten und Auseinandersetzungen detailliert nachzeichnen und tiefe Einblicke in die ideologische Grundausrichtung und politische Praxis dieser Organisation gew\u00e4hren. Ihre heute noch existierende Zeitung &#8222;Arbeiterkampf&#8220; (AK) hatte zeitweilig eine Auflage von \u00fcber 20.000 Exemplaren und erschien damals zweiw\u00f6chentlich.<\/p>\n<p>Auch wenn der KB 1971 im Gefolge der antiautorit\u00e4ren 68er-Bewegung entstand, waren sein Organisationsaufbau und seine Entscheidungsstrukturen autorit\u00e4r und zentralistisch ausgerichtet. H\u00f6chste Entscheidungsebene war das &#8222;Leitende Gremium&#8220; welches bis 1980 nicht frei gew\u00e4hlt wurde und danach auch nur en bloc best\u00e4tigt wurde. Einfache Mitglieder und SympathisantInnen wurden durch sogenannte Anleiter inhaltlich instruiert und geschult. In dem Buch kann mensch an unz\u00e4hligen Stellen sehr gut nachlesen, dass sich die Zweiteilung dieses famosen Bundes in Anleiter und Anzuleitende wie ein roter Faden durch die Organisationsgeschichte zieht. Diese Struktur war eine einzige Verh\u00f6hnung des libert\u00e4ren Prinzips der Selbstverwaltung von unten und findet auch heute noch seine Fortsetzung in der Praxis vieler aktiver ex-KBler, die in den h\u00f6chsten Gremien von PDS (Reents ist Chefredakteur der Tageszeitung &#8222;Neues Deutschland&#8220;) und B&#8217;90\/Die Gr\u00fcnen (Trittin ist Umweltminister) t\u00e4tig sind.<\/p>\n<p>Richtig gro\u00df geworden ist der KB, indem er sich auf seine Weise in die Anti-AKW-Bewegung einbrachte. Er benutzte sie als einzuverleibende Rekrutierungsmasse und gr\u00fcndete ganze Landesverb\u00e4nde aus den Regionalkonferenzen dieser Bewegung heraus, um sich weiter im S\u00fcden der Republik zu etablieren. Steffens lobt die Intention des KB antikapitalistische Inhalte und militante Aktionen in die Anti-Atom-Bewegung einzubringen. Oberfl\u00e4chliche, verbalradikale Phrasendrescherei wird hier als wegweisende, tiefgreifende Einsicht in die Verfasstheit der Gesellschaft verkauft. Die Mitglieder von B\u00fcrgerinitiativen wurden in den KB-Medien oft als naive Einfaltspinsel dargestellt, denen viele Dinge auf dieser Welt noch erkl\u00e4rt werden m\u00fcssen. Welch eine Arroganz tritt hier zutage! Die Menschen in der Mitte der 70er Jahre gegr\u00fcndeten B\u00fcrgerinitiativen haben bei ihrem Widerstand im Eiltempo elementare politische Erfahrungen gemacht und zu emanzipatorischem Handeln, zu Staatsskepsis und Kapitalismuskritik in einer Weise weiterentwickelt, zu der weite Teile der Bev\u00f6lkerung nicht in der Lage waren.<\/p>\n<p>Es ist wirklich eine Frage, ob das verfrachten von Demonstranten in Hunderten von Bussen \u00fcber viele Hunderte von Kilometer hinweg zu den angeblichen Kristallisationspunkten des Widerstandes &#8211; wie der KB es propagierte &#8211; tats\u00e4chlich emanzipatorisches, weitsichtiges Handeln darstellt. Die mittelalterlich anmutenden Aufm\u00e4rsche und Schlachten am Bauzaun mit der Losung &#8222;Schafft ein, zwei, drei Brokdorf&#8220; zur sinnvollen politischen Strategie zu erkl\u00e4ren ist schon damals von den Graswurzelgruppen fr\u00fchzeitig kritisiert worden und ist nach kurzer Zeit vollst\u00e4ndig gescheitert. Steffen jedoch lobt in seinem Buch dieses Vorgehen, auf diese Weise &#8222;seine Kampfbereitschaft zu unterstreichen&#8220; (S. 188)!<\/p>\n<p>Steffen verschweigt jedoch nicht das moralisch \u00e4u\u00dferst fragw\u00fcrdige Verhalten dieses Bundes, mit hinterlistigen Methoden linke Koordinationskonferenzen zu okkupieren und zu manipulieren, was aber schon seit Holger Stroms Klassiker &#8222;Friedlich in die Katastrophe&#8220; (1981, S. 1212) bekannt war: &#8222;Der KB verf\u00fcgte \u00fcber &#8218;b\u00fcndnispolitische&#8216; Erfahrungen und beherrschte das Versteckspiel mit &#8218;Geisterinitiativen&#8216; auf beeindruckende (!!) Weise. Eine nach der Hamburg-Wahl von Kritikern des KB in der Bunten Liste durchgef\u00fchrte \u00dcberpr\u00fcfung der Gruppen der Bunten Liste deckte mindestens 26 &#8218;Briefkasteninitiativen&#8216; auf, die sich als &#8218;Ein-Mann-Unternehmen&#8216; entpuppten, wobei vier dieser Initiativen sogar unter derselben Adresse eingetragen gewesen waren&#8220; (S. 242).<\/p>\n<p>Mit der Gewaltfreiheit hatte der KB nichts am Hut, denn er betrachtete sie als &#8222;Absurdit\u00e4t in sich selbst&#8220; (S. 191). Mit der Behauptung, die Gewaltfreien w\u00fcrden in Hamburg nur 5 &#8211; 8 % der Bewegung ausmachen (AK 97; S.7), versuchte er die Bedeutung dieser Gruppen herunterzurechnen. Dem gro\u00dfen gemeinsamen Zentrum Bundesverband B\u00fcrgerinitiativen Umweltschutz (BBU), in dem fast eintausend BIs tats\u00e4chlich solidarisch und \u00fcberparteilich zusammenarbeiteten, dichtet Steffen in \u00dcbernahme der KB-Denunziation in der Haupttendenz eine Vermischung von &#8222;\u00f6kologisch-reformerischen mit christlichen, naturromantischen und wertkonservativen Vorstellungen&#8220; (S. 178) an. Der gr\u00f6\u00dfte &#8222;Fehler&#8220; des BBU jedoch war, dass es sich f\u00fcr den KB als unm\u00f6glich erwies, ihn f\u00fcr seine egoistischen Interessen zu dominieren und zu instrumentalisieren.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie sich bei der Springerpresse Nichtakzeptanz und der Wille zur Stigmatisierung auch durch das Setzen von Anf\u00fchrungszeichen bei der Namensnennung der DDR dokumentierte, genauso existierten die gewaltfreien Initiativen in den Publikationen des KB grunds\u00e4tzlich nur in G\u00e4nsef\u00fc\u00dfchen. Dieses Verhalten wird von Steffen in seinem Buch oftmals \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>&#8222;Mit den besten KBW-Schm\u00e4hwitzen&#8220; steht in einem schr\u00e4gen Balken auf der Titelseite des Buches. Der Kommunistische Bund Westdeutschland (KBW) war ein wichtiger Konkurrent des KB und noch dogmatischer und bizarrer als Letzterer. Also ein Grund mehr f\u00fcr den einen Bund auf den anderen Bund ver\u00e4chtlich herabzublicken. Die zw\u00f6lf im Anhang des Buches abgedruckten Karikaturen zeigen deutlich, mit welch primitiven Mitteln der KB Konkurrenten oder auch nur Andersdenkende propagandistisch niedergemacht und \u00f6ffentlich in die Pfanne gehauen hat. Dass der Kommunistische Bund zu einer Verrohung der Umgangsformen innerhalb der Linken einen guten Teil mit beigetragen hat, ist f\u00fcr Steffens kein sonderlich wichtiger Kritikpunkt, wird aber unfreiwilliger Weise an einigen Stellen dokumentiert.<\/p>\n<p>Themen wie die Haltung des KB zur Politik Chinas oder die absurde Faschisierungsdiskussion zwischen KB und KBW in den 70er Jahren interessieren heute kaum noch jemanden und werden von Steffens trotzdem ausf\u00fchrlich und hingebungsvoll dargestellt. Es gibt Wichtigeres im Leben.<\/p>\n<p>Auffallend wohltuend ist der k\u00fchl-distanzierte Schreibstil und die Analyse des Autors. Allerdings nur auf den ersten Blick. Nachdem mensch sich durch mehrere hundert Seiten seines Werkes geradezu gequ\u00e4lt hat und s\u00e4mtliche Unversch\u00e4mtheiten, die dieser Bund sich im Laufe seiner Geschichte geleistet hat, noch einmal Revue passieren l\u00e4sst, empfinde ich den Grundton, der diese Arbeit durchzieht, nicht nur als unangemessen, sondern auch als \u00e4rgerlich. Genauso wie f\u00fcr das &#8222;Leitende Gremium&#8220; Mitglieder, SympathisantInnen und andere Menschen zu hin- und herschiebbaren Schachfiguren in seinem Machtspiel verkamen, genauso bleibt Steffen n\u00fcchtern und mechanistisch-formalistisch mit seinem Politikbegriff an der Oberfl\u00e4che. Er \u00fcbt keine grunds\u00e4tzliche Kritik daran , wie sich Menschen bedr\u00e4ngt oder benutzt f\u00fchlten, wenn sie Opfer der Machtpolitik dieses Bundes wurden. Kein Wort dar\u00fcber, wie sie sich f\u00fchlten, wenn sie auf Versammlungen oder in den KB-Medien ideologisch an den Pranger gestellt wurden, sie daran gehindert wurden, ihre eigene politische Arbeit zu tun, weil durchgeknallte Politkommissare r\u00fccksichtslos und mit Ellenbogenmentalit\u00e4t auf ihren Nerven herumtrampelten! Stattdessen wird von ihm ML-immanente und KB-interne N\u00f6rgelei an &#8222;schematischen Arbeitsanweisungen&#8220; des sogenannten Leitenden Gremiums aus alten Protokollen wiedergek\u00e4ut.<\/p>\n<p>Dieses Buch baut im Nachhinein einen Mythos von einer zumindest tempor\u00e4r erfolgreichen und zum Teil akzeptablen ML-Gruppe auf und verschweigt, dass dieser Bund vorrangig das widerst\u00e4ndige Potential in der B\u00fcrgerinitiativ-Bewegung an seiner Arbeit gehindert hat, anstatt ihm eher zur\u00fcckhaltend und selbstlos unterst\u00fctzend unter die Arme zu greifen. Nur dann sich wirklich zu engagieren, wenn handfeste Vorteile und Erfolge zu erwarten sind, ist die politische Leitlinie des KB gewesen. Die besten Tr\u00fcffel f\u00fcr sich selbst zu sichern und sich damit implizit \u00fcber das &#8222;naive&#8220; Engagement anderer Menschen in angeblich aussichtslosen Situationen lustig zu machen ist weder bei einem Bund noch bei einem Menschen ein besonders liebenswerter Charakterzug. Er hat aber gerade in der jetzigen Situation durchaus Konjunktur, was zum Teil den relativen Erfolg dieses Buches erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>In den ersten Ausgaben der anarchosyndikalistischen Zeitung &#8222;Direkte Aktion&#8220; und nat\u00fcrlich in der &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; der Jahre 1976 bis 1978 wurde die Politik des KB gr\u00fcndlich und grundlegend kritisiert. Obwohl Steffen nach eigenen Angaben aus dem autonomen Lager &#8211; was immer das bei ihm hei\u00dfen mag &#8211; kommt, geht er auf unsere damalige Kritik nicht ein. Die Einsch\u00e4tzung in der GWR Nr. 34\/35 aus dem Jahre 1978 erweist sich auch jetzt noch als korrekt: &#8222;Der KB ist und bleibt eine leninistische Organisation, die nach dem Revolutionsmodell der Bolschewiki ihre Politik macht und voraussichtlich auch weiter machen wird. Zu diesem Modell z\u00e4hlte eben nicht nur die Unterst\u00fctzung der R\u00e4te in der russischen Revolution, sondern auch deren sp\u00e4tere Entmachtung sowie deren Ersetzung durch die Diktatur der Partei. Und diese Diktatur ist alles andere als undogmatisch gewesen.&#8220; &#8211; Und die Moral von der Geschicht?<\/p>\n<p>ML-Futter ist f\u00fcr freie Schweine nichts!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Heraus zum 1. Mai gegen Kapital und Atomkraft!&#8220; &#8211; In der etwas verschlafenen Gro\u00dfstadt am Rande des Ruhrgebietes prangten im Jahre 1977 hunderte von \u00fcbergro\u00dfen Plakaten mit einem abgebildeten apokalyptischen Reiter an den Mauerw\u00e4nden. 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