{"id":5691,"date":"2003-10-01T00:00:03","date_gmt":"2003-09-30T22:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5691"},"modified":"2022-07-26T13:33:43","modified_gmt":"2022-07-26T11:33:43","slug":"bombengeschafte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/10\/bombengeschafte\/","title":{"rendered":"Bombengesch\u00e4fte"},"content":{"rendered":"<p>Seit einiger Zeit ist eine diskursive Wucherung auszumachen, die den Krieg zum Gegenstand hat: Nicht nur, dass sich im Februar diesen Jahres die gr\u00f6\u00dfte Antikriegsbewegung aller Zeiten gegen den Irak-Krieg formierte.<\/p>\n<p>Die Kunstwelt widmet dem Thema gro\u00dfe Ausstellung, so in Graz, der gegenw\u00e4rtigen &#8222;Kulturhauptstadt Europas&#8220; (&#8222;M_ARS&#8220;), oder in der Wiener Kunsthalle &#8222;(Attack!&#8220;), die Popkritik beschreibt den &#8222;Krieg als Massenkultur&#8220; (Holert\/ Terkessidis), und in den Sozialwissenschaften macht der Terminus der &#8222;Neuen Kriege&#8220; (Mary Kaldor, Herfried M\u00fcnkler) die Runde. Es stellt sich also die Frage: Was ist los im Kriegswesen? Haben wir es hier mit einer historischen Ver\u00e4nderung wie im 17. Jahrhundert zu tun, als die Armeen in ihren Strukturen wie in ihren Kampfformen nach rationalen und humanistischen Kriterien umstrukturiert wurden? Oder sind die so genannten Stellvertreterkriege des Kalten Krieges einfach von einer noch gr\u00f6\u00dferen Reihe von hei\u00dfen Kriegen abgel\u00f6st worden, ohne dass sich am Krieg selbst etwas ge\u00e4ndert h\u00e4tte?<\/p>\n<p>Entgegen der g\u00e4ngigen These von irrationalen Gewaltausbr\u00fcchen und einer zunehmenden Anzahl ethnischer Ursachen f\u00fcr kriegerische Konflikten gehen die Herausgeber von &#8222;Das Unternehmen Krieg. Paramilit\u00e4rs, Warlords und Privatarmeen als Akteure der Neuen Kriegsordnung&#8220; davon aus, es mit einer &#8222;Neuen Kriegsordnung&#8220; zu tun zu haben. In dieser Ordnung sind nicht Staatszerfall und &#8222;schwache Staaten&#8220; die Ursachen f\u00fcr die Eskalation der Gewalt, sondern in ihr werden &#8222;private milit\u00e4rische Akteure von Staaten und Eliten gezielt eingesetzt, um Herrschaft zu sichern&#8220; (8). Nicht nur die Allgegenwart einer kriegerischen Symbolik, wie noch bei Holert\/Terkessidis, bringt die Herausgeber zu der Aussage, die Grenzen von Krieg und Frieden w\u00fcrden zunehmend zerflie\u00dfen. Der wirtschaftliche Aufschwung von Privatarmeen, die enorme Zunahme milit\u00e4rischer Ausstatter und die alte und neue Verquickung von Staat und Paramilit\u00e4rs bzw. Mafia sind die handfesten Beispiele, die Azzellini und Kanzleiter von einer Ausweitung des Krieges sprechen lassen. Aber nicht als die zuf\u00e4llige Erweiterung kriegerischer Aktivit\u00e4ten sei die Neue Kriegsordnung zu verstehen, sondern als &#8222;ein Ausdruck gegenw\u00e4rtiger Entwicklungstendenzen des Kapitalismus&#8220; (12). Indem sie die Neue Kriegsordnung in den Kontext der neoliberalen Umstrukturierungen von \u00d6konomie, Politik und Sozialem stellen, heben sie sich auch von den anderen SozialwissenschaftlerInnen wie Kaldor und M\u00fcnkler ab. Auf verschiedene Weisen gehen die versammelten Aufs\u00e4tze auf die Zusammenh\u00e4nge von Krieg und \u00d6konomie ein, ohne dass damit eine homogene Entwicklung suggeriert werden k\u00f6nnte oder sollte.<\/p>\n<p>Vor allem in den Beitr\u00e4gen zu Lateinamerika stellt sich z.B. der Paramilitarismus als eine dominante Entwicklung der Privatisierung von Kriegsf\u00fchrung dar. Die Ausbildung und Finanzierung von paramilit\u00e4rischen Einheiten erweist sich dabei als eine politisch und \u00f6konomisch lohnenswerte Strategie, Herrschaft zu sichern. Paramilit\u00e4rs zielen zum einen, wie in Kolumbien, auf die &#8222;physische Vernichtung jeglicher Opposition&#8220; (Azzellini) (40), und dar\u00fcber hinaus zum anderen auf eine &#8222;Reorganisierung des Raumes und des Ged\u00e4chtnisses&#8220; (87), wie Matilde Gonzales und Stefanie Kron am Beispiel Guatemala auf eindringliche Weise zeigen. W\u00e4hrend der Paramilitarismus innenpolitisch als eine Art und Weise der &#8222;sozialen Organisierung&#8220; (Azzellini) (71) fungiert, zu deren Standardprogramm wohl nicht nur in Guatemala auch sexuelle Gewalt und geschlechtsspezifische Repression geh\u00f6ren, weist er ebenso eine au\u00dfenpolitische Funktion auf. Der Staat stellt sich dabei in der \u00d6ffentlichkeit in (neo-)kolonialer Manier als Schlichter vorgeblicher Stammesfehden dar. Am erfolgreichsten funktioniert dieses Modell in letzter Zeit vermutlich in Mexiko, wo nach der Abwahl der langj\u00e4hrigen Regierungspartei PRI alle Zeichen auf Demokratisierung zu stehen scheinen, die Strategie der &#8222;Aufstandsbek\u00e4mpfung&#8220;, wie Azzellini belegt (76), mit Hilfe von Paramilit\u00e4rs im S\u00fcden aber fortbesteht. Diese au\u00dfenpolitische Funktion hat die Paramilitarisierung mit der in anderen Weltgegenden gel\u00e4ufigeren Auslagerung einzelner Bereiche der staatlichen Kriegsf\u00fchrung an private Milit\u00e4runternehmen gemein. Durch den Einsatz so genannter &#8222;Private Military Companies&#8220; (PMC) wird mit den Auftr\u00e4gen f\u00fcr Logistik \u00fcber das Training bis hin zur Kampfhandlung auch die politische Verantwortung abgegeben. Kanzleiter analysiert das vermehrte Auftreten der PMCs auf den regionalen Schlachtfeldern der Welt als eine Vermarktwirtschaftlichung des Krieges, die letztlich nur eine konsequente Einl\u00f6sung des neoliberalen Imperativs der Privatisierung sei (176). In verschiedenen Kriegsgebieten sind so Kriegs\u00f6konomien entstanden die die Gefechte selbst \u00fcberdauern und deren Existenz &#8211; ob im Kosovo oder im Kongo &#8211; in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung von ethnifizierenden Diskursen \u00fcberlagert ist. Dass im Kongo mittlerweile das Kriegf\u00fchren zum Selbstzweck geworden ist, wie Bj\u00f6rn Aust schildert, ist letztlich nur auf der Grundlage einer Analyse zu verstehen, die die lokalen Kriegswirtschaften als eingebunden in die Waren- und Kapitalstr\u00f6me der Weltwirtschaft (146) ausmacht. Umgekehrt l\u00e4sst sich allerdings keiner der Beitr\u00e4ge zu einem deterministischen Modell verleiten, das in jeder Privatisierung schon den k\u00fcnftigen Krieg sieht. Dennoch erscheint die Forderung nach einem Paradigmenwechsel plausibel, die kriegerischen Ph\u00e4nomene der Gegenwart nicht mehr als partielle Ausnahmen eines eigentlichen Gesamtfriedens zu betrachten. Sie ordnen sich vielmehr ein in eine &#8222;\u00d6konomie des sozialen Krieges&#8220; (Thomas Seibert) (20). Diese f\u00fchrt unter Mitwirkung und nicht, wie oft angenommen, unter dem Zusammenbruch des Nationalstaates zu systematischen Ausschlie\u00dfungen von &#8222;\u00dcberschussbev\u00f6lkerungen&#8220;. Die dann entstehenden Formen sozialer Organisierung sind nat\u00fcrlich zu differenzieren. Die Unterschiede zwischen metropolitanem Bandenwesen und Mafia, Paramilit\u00e4rs oder Privatarmeen sind den AutorInnen des Sammelbandes allerdings keineswegs entgangen. Wie nah sie bei Zeiten bei einander liegen, ist jedoch selten so detailreich demonstriert worden. Diese Einzelheiten wiederum sind es, die der These von der grundlegenden Transformation des Krieges Plausibilit\u00e4t verleihen. Dass die Darstellung konkreter Auswirkungen neoliberaler Politiken auch die Regulationsfunktion des Staates und die Rolle suprastaatlicher Institutionen nicht ausklammert, sondern zu einem zentralen Thema macht, ist dem Band hoch anzurechnen. Entstanden ist dabei ein kleines Horrorkonvolut: eine Ansammlung geschilderter Gr\u00e4ueltaten und systematischer Grausamkeiten, widerlicher Gesch\u00e4ftemacherei und m\u00f6rderischer Korruption, dass es kaum auszuhalten ist. Ein gutes Buch also.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einiger Zeit ist eine diskursive Wucherung auszumachen, die den Krieg zum Gegenstand hat: Nicht nur, dass sich im Februar diesen Jahres die gr\u00f6\u00dfte Antikriegsbewegung aller Zeiten gegen den Irak-Krieg formierte. 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