{"id":5739,"date":"2003-11-01T00:00:21","date_gmt":"2003-10-31T22:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5739"},"modified":"2022-07-26T14:24:38","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:38","slug":"gefangener-aus-gewissensgrunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/11\/gefangener-aus-gewissensgrunden\/","title":{"rendered":"Gefangener aus Gewissensgr\u00fcnden"},"content":{"rendered":"<p><em>F\u00fcr das &#8222;Konzert f\u00fcr Frieden im Nahen Osten&#8220; am 27. September in Paris hat Yoni die folgenden Gru\u00dfworte geschrieben, die von seinem Vater vorgetragen wurden: <\/em><\/p>\n<p>F\u00fcnfzig Jahre sind seit der UN Entscheidung den Konflikt in Pal\u00e4stina durch eine Teilung zu l\u00f6sen vergangen und nichts hat sich ver\u00e4ndert:<\/p>\n<p>Der Konflikt ist so gewaltsam und so bedrohlich, wie er es immer war, und die L\u00f6sung scheint so weit entfernt, wie sie es bereits vor zwei Generationen war. Jedoch sollten wir nie die Hoffnung verlieren. Wir sollten nie den Glauben an die Aussicht auf Frieden verlieren. Unsere Hoffnung auf Frieden entspringt aus einem tiefen Glauben an das grunds\u00e4tzliche Gute aller Menschen und dass sie das Recht dem Unrecht vorziehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele Jahre haben die zwei V\u00f6lker unter Kriegen und Gewaltakten gelitten, die zu Tod, Exil und Leid von Millionen f\u00fchrten. Heute, so glaube ich, ist es an uns, den Israelis, der st\u00e4rkeren Seite, dem Befehl des Dichters des Psalmes zu folgen: &#8222;Suche Frieden und jage ihm nach \u2026&#8220;<\/p>\n<p>Der Staat Israel, der nach dem Holocaust gegr\u00fcndet wurde, hat den Grundrechten auf Gleichheit, Freiheit und Respekt gegen\u00fcber allen seinen Staatsb\u00fcrgerInnen die Treue geschworen. Als eine dieser Freiheiten sollte die Freiheit des Gewissens respektiert werden. Es ist das individuelle menschliche Gewissen, das als grundlegendes Werkzeug unserer Gesellschaft auf der Suche nach moralischer F\u00fchrung dienen sollte.<\/p>\n<p>Inzwischen bin ich seit \u00fcber einem Jahr ein Gefangener aus Gewissensgr\u00fcnden, meiner individuellen Freiheit beraubt &#8211; dies ist nicht einfach. Von meinem eigenen Land wegen meines tiefen Glaubens an Gewaltfreiheit vor ein Milit\u00e4rgericht gestellt zu werden, scheint absurd und sinnlos. Den Kampf f\u00fcr meine Sache werde ich fortf\u00fchren und werde dabei best\u00e4rkt durch meine tiefgr\u00fcndige \u00dcberzeugung, dass Frieden die einzige Hoffnung f\u00fcr mein Land ist und durch das Bewusstsein, dass ich nicht alleine bin. Da sind meine Mitgefangenen aus Gewissensgr\u00fcnden NOAM BAHAT, MATAN KAMINER, ADAM MAOR, HAGGAI MATAR und SHIMRI TZAMERET. Da sind die treuen Unterst\u00fctzerInnen in Israel und im Ausland, Einzelpersonen und Organisationen \u2026 Diese Versammlung und Sie, die Anwesenden, sind das Beste worauf wir hoffen k\u00f6nnen &#8211; als eine Geste der Solidarit\u00e4t mit uns und mit denen die ihrer grundlegenden Menschenrechte beraubt sind, den Pal\u00e4stinensern.<\/p>\n<p>Das letzte Jahr im Gef\u00e4ngnis bot mir ausreichend Gelegenheit zu reflektieren was richtig und was falsch ist, was edel ist und wann man sich f\u00fcr sein Tun oder Mitwirken sch\u00e4men sollte und wie mit diesen ernsten Themen in dem Land, in dem ich geboren wurde, umgegangen wird. Ich habe gelernt meinen pers\u00f6nlichen Groll gegen die Personen, die f\u00fcr meine Inhaftierung verantwortlich sind, zu \u00fcberwinden. Es ist sogar unbedingt erforderlich den weiteren Zusammenhang zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Israel, mein Land, ist ein Land in dem tausende Menschen ohne Gerichtsverfahren und gegen jede menschliche Moral inhaftiert sind und derzeit wird eine Mauer gebaut um ein ganzes Volk einzusperren. Es ist ein Land, welches eine Million seiner Staatsb\u00fcrgerInnen wie ein f\u00fcnftes Rad am Wagen behandelt, die Leben seiner dreieinhalb Millionen pal\u00e4stinensischen NachbarInnen kontrolliert und ihnen so jede erkennbare Hoffnung raubt. Ich stimme mit dem klugen Henry David Thoreau \u00fcberein, der vor 150 Jahren schrieb, dass der einzige Platz, der einer ehrlichen Person heutzutage bleibt, hinter Gef\u00e4ngnismauern ist. Au\u00dferdem, so Thoreau, muss jemand damit er ernsthaft gegen Ungerechtigkeit sein kann, selber Ungerechtigkeit erlitten haben.<\/p>\n<p>Die Ungerechtigkeit in diesem kleinen Land ist in einem solchen Ma\u00df angewachsen, dass fast keine Gerechtigkeit mehr zu finden ist. Man findet nur sehr wenige tugendhafte Menschen, die imstande sind den Gewaltt\u00e4tern zu widerstehen. Gener\u00e4le und Offiziere sind die M\u00e4nner der Stunde. Macht und Rache bestimmen die Politik. Die Menschen, die Millionen gew\u00f6hnlicher Israelis die leben und lieben, arbeiten und ihre Kinder gro\u00dfziehen &#8211; sie sind diejenigen, die sich diesem \u00dcbel h\u00e4tten widersetzen sollen\u2026 Bedauerlicherweise ist dies noch nicht der Fall.<\/p>\n<p>Vor einigen Wochen, wurde in Tel Aviv unter dem Motto einer &#8222;Love Parade&#8220; eine Sommerparade veranstaltet. Fast eine Viertel Million Menschen besuchten diese Parade. Zu etwa derselben Zeit war eine Demonstration, auch in Tel-Aviv: eine Demonstration f\u00fcr Frieden, gegenseitiges Verst\u00e4ndnis, f\u00fcr ein Ende der Gewalt, f\u00fcr <em>Echte <\/em>Liebe &#8211; Liebe zu Mitmenschen, Liebe zum Leben. Nur zweihundert Personen fanden, diese Demonstration sei es wert, an ihr teilzunehmen. Die vielen Tausend auf der so genannten &#8222;Love Parade&#8220; kamen nicht f\u00fcr irgendeine aufrichtige Form von Liebe. Sie waren dort ausschlie\u00dflich zu ihrem eigenen Privatvergn\u00fcgen. Was sie nicht sahen war, dass sie nicht alleine dort waren. Jeder einzelne von ihnen nahm in Kauf, dass nur wenige Kilometer entfernt, Menschen unter Ausgangssperre gestellt wurden. Aber es war einfacher dies zu ignorieren, die Party h\u00e4tte sonst ruiniert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Paraden-G\u00e4nger stellten sich als Repr\u00e4sentanten des gewaltfreien, das Leben liebenden Teils der Gesellschaft dar. Jedoch wurden, um dieses angenehme Selbstbild nicht zu zerst\u00f6ren, die zweihundert anderen DemonstrantInnen, die versuchten unsere Gesellschaft aufzuwecken und zur Betrachtung des \u00dcbels in ihr zu bewegen, ge\u00e4chtet, als Verr\u00e4ter d\u00e4monisiert und daf\u00fcr gehasst, die &#8222;Nationale Moral&#8220; zu unterminieren.<\/p>\n<h3>Was f\u00fcr eine &#8222;Moral&#8220; ist das?<\/h3>\n<p>Es ist die &#8222;Moral&#8220; eines Riesen, einer Bestie mit verbundenen Augen, die versucht ihre Nachbarn zu beherrschen, in dem Glauben sie sei von einer feindlichen Welt umgeben. Wenn sie sich von der Augenbinde befreien w\u00fcrde, s\u00e4he sie eine Welt die bereit ist neben ihr in Frieden zu leben. Doch so lange sie diese Realit\u00e4t nicht erkennt, wird es immer solche geben, die versuchen ihr zerst\u00f6rerisches W\u00fcten zu stoppen, so wie David Goliath besiegte. Zum Ungl\u00fcck f\u00fcr die Menschen dieser Region verlieren viele ihr Leben, und die Augenbinde ist immer noch da, fest und straff \u00fcber den Augen des Riesen.<\/p>\n<p>Je weiter ein Krieg davon entfernt ist die letzte M\u00f6glichkeit zum Schutz der eigenen grundlegenden Menschenrechte zu sein, desto weiter ist er von Gerechtigkeit entfernt. Der Krieg, den Israel seit zwei Generationen k\u00e4mpft ist immer weiter und weiter von Gerechtigkeit abgetrieben, bis zu dem Punkt an dem er ausschlie\u00dflich darauf abzielt, die Privilegien einiger, auf Kosten der Inhaftierung anderer, zu erhalten. Das Privileg, das dieser Krieg versucht aufrecht zu erhalten, ist das alleinige Eigentum des Landes vom Meer bis zum Jordan. Israels F\u00fchrung hat seine j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung manipuliert und zu dem Glauben gebracht, dass ein Teilen dieses Eigentums &#8211; und der demokratischen Rechte &#8211; ihre Existenz gef\u00e4hrden w\u00fcrde. Das Gegenteil ist der Fall &#8211; es ist der einzige Weg zur Selbsterhaltung.<\/p>\n<p>Es gibt letztlich nur einen Weg mit dem Gegner umzugehen: Frieden und Gewaltfreiheit. Wer es schafft einen hohen moralischen Standard anzunehmen, und zwar einen Standard sittlicher Moral anstelle einer &#8222;Moral&#8220; (n\u00e4mlich der Disziplin; im englischen Wortspiel mit &#8222;moral&#8220; und &#8222;morale&#8220;, der \u00dcbersetzer), wird so auf \u00e4u\u00dferst effektive Weise die andere Seite davon \u00fcberzeugen k\u00f6nnen die eigene Augenbinde abzunehmen.<\/p>\n<p>Die Zeit vergeht und mehr und mehr betr\u00fcbt mich die sich abzeichnende Tatsache, dass sich weder der israelische noch der US-amerikanische Riese ihre Augenbinden freiwillig abnehmen werden. So lange sich die Mehrheit der Menschen nicht aktiv an der Suche nach Frieden beteiligt wird dieses Land weiterhin von Krieg geplagt werden. Wie Edmund Burke schrieb: &#8222;F\u00fcr den Triumph des B\u00f6sen gen\u00fcgt es, wenn die guten Menschen nichts tun.&#8220;<\/p>\n<p>Wie die Dinge schlie\u00dflich enden werden? Das wird nur die Zeit zeigen. Doch trotzdem m\u00fcssen wir, die klar sehenden Menschen der Welt, an eine friedliche Zukunft glauben und uns bem\u00fchen diese Zukunft zu bauen. Denn wenn wir dies nicht tun, wird das Blutvergie\u00dfen sicher weitergehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr das &#8222;Konzert f\u00fcr Frieden im Nahen Osten&#8220; am 27. 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