{"id":5742,"date":"2003-11-01T00:00:28","date_gmt":"2003-10-31T22:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5742"},"modified":"2022-07-26T14:24:38","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:38","slug":"die-welt-verandern-ohne-die-macht-zu-erobern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/11\/die-welt-verandern-ohne-die-macht-zu-erobern\/","title":{"rendered":"Die Welt ver\u00e4ndern, ohne die Macht zu erobern"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Graswurzelrevolution: <\/strong><\/em><strong>John, Du warst innerhalb eines Jahres zweimal als Diskutant auf Podien in der Bundesrepublik: bei der BUKO 2002 und bei der attac-Sommerakademie 2003. Dies ist ein Beleg daf\u00fcr, da\u00df Du mit Deinem Buch &#8222;Die Welt ver\u00e4ndern, ohne die Macht zu erobern&#8220; bei linken Akademikerinnen und Akademikern in der Bundesrepublik offene T\u00fcren einrennst. Und wenn Du sprichst, dauert es nicht lange, bis der Saal kocht &#8211; ganz \u00fcberwiegend vor Begeisterung! Liegt das daran, da\u00df in dem entpolitisierten Raum der Wissenschaft endlich wieder jemand begonnen hat, von &#8222;Revolution&#8220; zu sprechen, also eine Perspektive f\u00fcr Ver\u00e4nderung zu formulieren? Und was verstehst Du unter &#8222;Revolution&#8220;?<\/strong><\/p>\n<p><em>John Holloway:<\/em>Als das Buch im letzten Jahr erschien, wu\u00dfte ich nicht, wie die Reaktion darauf sein w\u00fcrde. Vielleicht habe ich mehr in akademischen Kategorien als in politischen gedacht.<\/p>\n<p>Was w\u00fcrden die Adorno- und Foucault-Expertinnen und Experten dar\u00fcber sagen?<\/p>\n<p>Wie w\u00fcrden die Leute auf die Interpretation der Wertform reagieren?<\/p>\n<p>Aber die wirkliche \u00dcberraschung kam, als ich im vergangenen Oktober nach Argentinien reiste, um dort die spanischsprachige Ausgabe vorzustellen. Es waren sehr viele Leute auf den Buchvorstellungen, die dort einen gewaltigen Diskussionsbedarf \u00e4u\u00dferten. Ich sp\u00fcrte unter vielen Altlinken eine gewisse Feindseligkeit (aber nicht durchg\u00e4ngig, denn ebensoviele r\u00e4umten ein, da\u00df sie sich in einer Krise bef\u00e4nden, und da\u00df \u00fcber neue Wege zu diskutieren sei, die vorw\u00e4rts weisen), unter den j\u00fcngeren aber einen sehr weitverbreiteten Enthusiasmus, insbesondere bei jenen, die in den Stadtteilversammlungen und in der Bewegung der Piqueteros ((1))\u00a0engagiert sind. In Mexiko hatte ich sehr \u00e4hnliche Reaktionen, allerdings von geringerer Intensit\u00e4t, da die Situation hier eine andere ist. In Deutschland konnte ich \u00fcberhaupt nicht einsch\u00e4tzen, wie die Reaktion sein w\u00fcrde, aber letztes Jahr auf der BUKO und dieses Jahr bei der attac-Sommerakademie war es wundervoll.<\/p>\n<p>Ich denke, da\u00df es tats\u00e4chlich bedeutet, da\u00df die Leute wieder \u00fcber Revolution reden wollen. Sie m\u00f6gen dabei vielleicht nicht das Wort &#8222;Revolution&#8220; benutzen, aber beinahe jeder ist sich bewu\u00dft, da\u00df der Kapitalismus ein Desaster ist, das die Menschlichkeit bzw. die Menschheit ((2))\u00a0zerst\u00f6rt, und da\u00df es droht, dies vollst\u00e4ndig zu tun. Mehr und mehr Menschen k\u00e4mpfen f\u00fcr eine andere Welt, und nichts anderes meint Revolution.<\/p>\n<p>Nun ist das Problem, was wir mit Revolution meinen. Offensichtlich bedeutet es, eine andere Gesellschaft anstelle des Kapitalismus zu schaffen, aber ich denke, da\u00df es wichtig ist zu sagen, da\u00df wir nicht wissen, wie wir das erreichen k\u00f6nnen. Sicher haben wir viele K\u00e4mpfe, die bereits eine Richtung angeben, und viele K\u00e4mpfe zeigen uns, welchen Weg wir nicht gehen sollten, aber Revolution kann nur gedacht werden als ein Herausfinden, als eine Frage. Mehr und mehr bin ich davon \u00fcberzeugt, da\u00df das Problem nicht darin liegt, den Kapitalismus zu zerst\u00f6ren, sondern vielmehr darin, aufzuh\u00f6ren, ihn st\u00e4ndig selbst hervorzubringen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Mit dem Titel Deines Buches gibst Du einen weiteren Hinweis: Es geht Dir nicht um die Macht, zu regieren, also um Parlamentarismus, sondern darum, da\u00df &#8222;wir&#8220; uns auf den Weg machen, uns selbst zu organisieren, um unsere eigene Macht zu entdecken. Du verwendest hierbei den einschlie\u00dfenden Begriff &#8222;wir&#8220;, was mir gef\u00e4llt. Geht es bei dem &#8222;Herausfinden&#8220; auch darum, ein starkes &#8222;wir&#8220; (wieder) zu finden? Und kann dies der Begriff der &#8222;Multitude&#8220; leisten, wie Hardt\/Negri ihr &#8222;revolution\u00e4res Subjekt&#8220; umschreiben?<\/strong><\/p>\n<p><em>J.H.:<\/em>Ja, ich beginne mit einem &#8222;Wir&#8220;, denn ich finde es schwierig, mit etwas anderem zu beginnen. Mit einem &#8222;sie&#8220; anzufangen, wie auch immer dieses &#8222;sie&#8220; definiert ist &#8211; ob als &#8222;Arbeiterklasse&#8220; oder als was auch immer -, bedeutet bereits unsere Distanzierung von der Frage nach der Ver\u00e4nderung der Welt. Das &#8222;Wir&#8220; ist die zentrale Kategorie, da das Problem die Ver\u00e4nderung der Welt ist, und das verlangt subjektives Handeln, und schlie\u00dflich sind Wir das kollektive Subjekt. Aber von einem &#8222;Wir&#8220; zu sprechen, wirft eine offene Frage auf. Wer sind Wir? Wir sind die Arbeiterklasse, aber das ist keine Antwort, nur eine Weiterentwicklung der Frage.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft es, von der Arbeiterklasse als Subjekt statt als Objekt zu reden? Nur Objekte k\u00f6nnen definiert werden, keine Subjekte. Ein Subjekt ist notwendigerweise eine offene Frage, ein Aufbegehren gegen Verdinglichung, ein Aufbegehren gegen Definition. Revolution ist keine Antwort auf die Frage, aber es ist eine Artikulation der Frage, eine explizite Artikulation eines Wir: wie in Arbeiterr\u00e4ten.<\/p>\n<p>Von Subjekten zu reden hei\u00dft vom Tun zu reden: Subjekte tun. Deshalb ist das Konzept der Arbeiterklasse so wichtig: weil es die Art und Weise ins Zentrum stellt, wie Tun im Kapitalismus organisiert wird, die Art und Weise, wie Kapitalismus das Tun in entfremdete Arbeit verwandelt. Das Konzept der Arbeiterklasse verdeutlicht auch die Abh\u00e4ngigkeit des Kapitals von uns, weil die Existenz des Kapitals von der Entfremdung und Ausbeutung unseres Tuns abh\u00e4ngt. Das ist wichtig, weil das Verst\u00e4ndnis dar\u00fcber, da\u00df die Herrschenden von den Beherrschten abh\u00e4ngig sind, der Anfangspunkt f\u00fcr die Bef\u00e4higung ist, \u00fcber Revolution zu sprechen. All das geht in dem Konzept der &#8222;Multitude&#8220; verloren, welches nichts \u00fcber das Tun und nichts \u00fcber die Abh\u00e4ngigkeit des Kapitals von uns aussagt.<\/p>\n<p><strong>Du wurdest bei der attac-Sommerakademie im August 2003 als Marxismus-Forscher vorgestellt, aber die Frage, ob Du Dich als Anarchist oder als Kommunist bezeichnen w\u00fcrdest, verbietet sich aufgrund Deiner Statements zum Thema Identit\u00e4t. Bei Deinen &#8222;Auftritten&#8220; fiel der Begriff der &#8222;anti-identit\u00e4ren Politik&#8220; &#8211; oder auch der der &#8222;Anti-Politik&#8220;. Du schreibst, revolution\u00e4res Handeln solle nicht mehr auf Organisationen orientieren, sondern in einer Reihe von Ereignissen stattfinden bzw. entstehen, wie z.B. bei den Anti-WTO-Protesten 1999 in Seattle oder derzeit in Canc\u00fan\/M\u00e9xico. Wieso?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, Du hast recht, ich w\u00fcrde es vorziehen, mich nicht selbst zu etikettieren. Es gibt eine schreckliche Tradition der Linken, Menschen zu etikettieren, damit man ihnen nicht zuh\u00f6ren mu\u00df, oder um ihre Argumente einfach abtun zu k\u00f6nnen. Ich denke, wir m\u00fcssen mit diesen Gewohnheiten brechen.<\/p>\n<p>Mit &#8222;Anti-Politik\u201d meine ich eine Art von Politik, von Praxis, die nicht an die Strukturen des Staates ankn\u00fcpft oder sich an diese anpa\u00dft. Das Ziel von Revolution sollte bereits in unseren Aktions- und Organisationsformen enthalten sein. Das Kapital versucht best\u00e4ndig, uns auf sein Terrain zu ziehen, um uns zu zwingen, es auf eine Weise in Anspruch zu nehmen, die es selbst festlegt. Unser Kampf besteht immer darin, die K\u00e4mpfe auf unser eigenes Terrain zu dr\u00fccken, um in eine andere Dimension vorzudringen.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Aspekt ist diesbez\u00fcglich die Frage der Identit\u00e4t. Das Kapital besch\u00e4ftigt sich mit Identit\u00e4ten, mit Definitionen.<\/p>\n<p>Wenn es ihm gelingt, einen Kampf zu definieren, so hat es wenig M\u00fche, ihn auch zu gewinnen. Uns selbst zu definieren bedeutet also, unsere K\u00e4mpfe bereits auf ein Terrain zu stellen, das leicht in die Reproduktion des Kapitals eingegliedert werden kann. Somit hat das Kapital wenig Probleme mit K\u00e4mpfen von Schwarzen oder Frauen oder Schwulen, solange diese K\u00e4mpfe in der Behauptung einer Identit\u00e4t verbleiben. Was f\u00fcr das Kapital Probleme verursacht, sind die K\u00e4mpfe, die nicht in einer Definition einged\u00e4mmt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Schau\u2019 Dir zum Beispiel die Zapatistas an. Von Anfang an hat die mexikanische Regierung versucht, mit ihrem Kampf so fertig zu werden, indem sie ihn als indigenen Kampf oder als chiapanekischen Konflikt hinstellte. Ein wichtiger Teil des zapatistischen Kampfes bestand darin, solche Definitionen zu unterlaufen bzw. zu \u00fcberfliegen, indem sie sagten: &#8222;Ja, wir sind indigen, aber wir sind mehr als das, unser Kampf ist f\u00fcr die Menschheit bzw. Menschlichkeit.&#8220; Konsequenterweise haben sie nicht nach unserer <em>Solidarit\u00e4t<\/em> gefragt, stattdessen forderten sie uns auf, ebenfalls den selben Kampf aufzunehmen, so, wie wir es verm\u00f6gen. Es ist dieser undefinierte Kampf, mit dem das Kapital nicht umgehen kann, weil es ihn nicht integrieren kann, es kann noch nicht einmal vorgeben, seine Forderungen zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Wenn ich sage, da\u00df wir vielleicht \u00fcberlegen sollten, nicht auf Organisationen beschr\u00e4nkt zu k\u00e4mpfen, sondern an Ereignissen orientiert, so meine ich nicht, da\u00df organisieren nicht wichtig w\u00e4re. Offensichtlich k\u00f6nnten diese Ereignisse ohne Organisation gar nicht stattfinden, ebenso wie jede gute Party Organisation ben\u00f6tigt. Aber die Organisation ist nicht der Zweck des Ereignisses. Im besten Fall er\u00f6ffnen diese Ereignisse (wie Seattle, wie Canc\u00fan, aber auch wie 1968 oder der zapatistische Aufstand vom 1. Januar 1994) eine neue Welt und versetzen uns in eine neue Dimension. Sie brechen die Zeit, sie brechen Kontinuit\u00e4ten, sie versetzen uns in die Lage, in neuen Bahnen zu denken, sie zeigen uns einen neuen Sinn unserer M\u00f6glichkeiten. Und ich denke, der einzige Weg, \u00fcber Revolution nachzudenken, ist auf eine Weise, die Zeit bricht, die Kontinuit\u00e4t bricht &#8211; vor allem die Kontinuit\u00e4t unserer Unterordnung unter das Kapital.<\/p>\n<p><strong>John, ich danke Dir f\u00fcr das Gespr\u00e4ch und f\u00fcr die vielen Anregungen!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: John, Du warst innerhalb eines Jahres zweimal als Diskutant auf Podien in der Bundesrepublik: bei der BUKO 2002 und bei der attac-Sommerakademie 2003. Dies ist ein Beleg daf\u00fcr, da\u00df Du mit Deinem Buch &#8222;Die Welt ver\u00e4ndern, ohne die Macht zu erobern&#8220; bei linken Akademikerinnen und Akademikern in der Bundesrepublik offene T\u00fcren einrennst. 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