{"id":5788,"date":"2003-11-01T00:00:15","date_gmt":"2003-10-31T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5788"},"modified":"2022-07-26T13:56:53","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:53","slug":"rosenstrase-als-kinofilm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/11\/rosenstrase-als-kinofilm\/","title":{"rendered":"Rosenstra\u00dfe als Kinofilm"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem Tod ihres Mannes besinnt sich die New Yorkerin Ruth Weinstein auf die Aus\u00fcbung j\u00fcdisch-orthodoxer Kulte. Eine nach religi\u00f6sen Riten organisierte Familienfeier verl\u00e4uft jedoch nicht reibungslos. Denn Ruths erwachsene Tochter Hannah rebelliert gegen das angeordnete religi\u00f6se Fest. Sie fragt herausfordernd, warum die Mutter pl\u00f6tzlich diese Anwandlungen aufgesetzter Fr\u00f6mmigkeit hat.<\/p>\n<p>Haben sie vielleicht mit dem k\u00fcrzlich verstorbenen Vater zu tun?<\/p>\n<p>Doch da besteht eigentlich kein logischer Zusammenhang. Beide Eltern hatten, soweit sich Hannah erinnern kann, noch nie eine orthodoxe Position vertreten und waren religi\u00f6s stets tolerant eingestellt gewesen. Als die Mutter Hannah auch noch die Heirat mit ihrem langj\u00e4hrigen Freund verbietet, weil der &#8222;kein Jude&#8220; ist, reicht es der Tochter endg\u00fcltig.<\/p>\n<p>Sie beginnt nachzuforschen, warum sich ihre Mutter pl\u00f6tzlich so abschottet und auf interessierte Nachfragen mit eisernem Schweigen reagiert. \u00dcber einen verwandtschaftlichen Kontakt und entsprechende Ausk\u00fcnfte der New Yorker j\u00fcdischen Gemeinde erf\u00e4hrt Hannah, dass ihre Mutter vor ihrer Emigration in die USA in Berlin gelebt hatte, bei einer &#8222;arischen&#8220; Frau namens Lena Fischer. Diese hatte im M\u00e4rz 1943 das damals siebenj\u00e4hrige M\u00e4dchen Ruth zu sich genommen. Ruths Mutter Miriam S\u00fc\u00dfmann war in den ersten M\u00e4rztagen 1943 von den Nazis nach Auschwitz deportiert worden.<\/p>\n<p>Handelt es sich bei diesem Film nun vorrangig um die Recherchen einer jungen Frau, die wichtige Bestandteile aus dem Leben der eigenen Mutter und den damit verbundenen Ereignissen in der Zeit des Nationalsozialismus aufdecken m\u00f6chte? Das lassen zumindest die Anfangsszenen dieses Films vermuten. Hannah Weinstein entschlie\u00dft sich dazu, selbst nach Berlin zu reisen, um dort die 90-j\u00e4hrige Lena Fischer anzutreffen. Sie will n\u00e4here Informationen \u00fcber die Situation der Mischehen im &#8222;Dritten Reich&#8220; erhalten. Die beiden Frauen geh\u00f6ren unterschiedlichen Generationen an, doch ihre Begegnung verl\u00e4uft offen und unverstellt. Sie k\u00f6nnen \u00fcber die bedr\u00fcckenden Ereignisse von damals sprechen und in der Person von Lena Fischer lernt Hannah jemanden kennen, die im Gegensatz zu ihrer Mutter bereit ist zu erz\u00e4hlen. Lena Fischer berichtet jedoch zur \u00dcberraschung Hannahs weniger vom Leben ihrer Mutter, sondern vor allem von den Ereignissen um den Widerstand der Frauen in der Rosenstra\u00dfe.<\/p>\n<p>Die damals 33-j\u00e4hrige, mit einem j\u00fcdischen Musiker verheiratete Pianistin geh\u00f6rte zu den Mitinitiatorinnen dieser gewaltlosen Aktion &#8222;arischer&#8220; Frauen und der sich dem Protestb\u00fcndnis zugesellenden Kinder. Die mehrere Tage dauernde Widerstandsaktion gegen die Nazis ereignete sich mitten in Berlin vom 27. Februar bis zum 6. M\u00e4rz 1943.<\/p>\n<p>Margarethe von Trottas Filmdrama zeigt meines Erachtens keine naiv geschilderte HeldInnengeschichte einer ausgew\u00e4hlten Schar &#8222;arischer&#8220; Frauen, die ihre j\u00fcdischen Ehem\u00e4nner aus dem NS-Sammellager der Rosenstra\u00dfe 2-4 retten wollen. Die entsprechenden Filmszenen schildern realistisch, wie sich die am Widerstand beteiligten Menschen mit ihren Gef\u00fchlen der Angst und Verzweiflung auseinander setzten. Der anf\u00e4ngliche Zustand der Vereinzelung wird \u00fcberwunden, indem die Suche nach den von Gestapo und SS verhafteten j\u00fcdischen Ehepartnern sich zu einer gemeinsamen politischen Aktion enger Verb\u00fcndeter entwickelt.<\/p>\n<p>In der Rosenstra\u00dfe 2-4, einem von der SS beschlagnahmten Beh\u00f6rdenhaus der Berliner j\u00fcdischen Gemeinde, werden seit Ende Februar 1943 2000 Menschen j\u00fcdischer Herkunft Frauen, M\u00e4nner, Kinder tagelang zusammengepfercht gefangengehalten. Die Panik der drau\u00dfen bei Frost und K\u00e4lte wartenden Frauen nimmt zu, als zu ihnen die Nachricht durchdringt, dass bereits mehrere Verhaftete nach Auschwitz deportiert worden sind. Auch Ruth Weinsteins Mutter geh\u00f6rte zu diesen Menschen, f\u00fcr die \u00fcberhaupt keine Aussicht mehr auf Rettung bestand. Ihr so genannter arischer Ehemann hatte sich aus Karrieregr\u00fcnden von ihr scheiden lassen. Ihre Geschichte ist nur ein Beispiel daf\u00fcr, dass es f\u00fcr Juden und J\u00fcdinnen keinen Schutz vor Verfolgung gab, auch wenn sie einen so genannten arischen Ehepartner hatten. Die b\u00fcrokratisch organisierte Todesspirale des nationalsozialistischen Systems zerst\u00f6rte bewusst jede Art der Bindung aus Freundschaft oder Liebe. Die Wirklichkeit des Protests in der Rosenstrasse verk\u00f6rpert hingegen das Gegenteil zu dieser gewollten Aufl\u00f6sung von Netzen sozialer Beziehungen. Die zum Widerstand entschlossenen Frauen berufen sich nicht auf ein angebliches &#8222;Arierinnentum&#8220;, wenn sie geschlossen und mit lauter Stimme die Freilassung ihrer M\u00e4nner fordern. Und sie lassen sich auch nicht durch Warnsch\u00fcsse aus den von SA-Soldaten auf sie gerichteten Maschinengewehren einsch\u00fcchtern. Diese historische Tatsache der widerstehenden Kraft der Menschen bewirkt schlie\u00dflich die Entscheidung der SS-Beh\u00f6rden, ab dem 6. M\u00e4rz 1943 die Inhaftierten der Rosenstrasse St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck freizulassen.<\/p>\n<p>Die verschiedenen, miteinander kommunizierenden Zeitebenen im Film erm\u00f6glichen der \/ dem Zuschauer\/in eine bestimmte Form der distanzierten Betrachtung. Andererseits wird man\/frau aufgrund der Intensit\u00e4t der Dramatik stark emotional angesprochen. Der Weg zur\u00fcck in eine schwer lastende Vergangenheit des &#8222;Dritten Reiches&#8220; wird der einzelnen Zuschauerin nicht erspart. Gleichzeitig wird sie mit in den Sog der Ereignisse um den Widerstand in der Rosenstra\u00dfe gerissen.<\/p>\n<p>Vermisst habe ich in diesem Film die Darstellung der konkreten Lebenssituation j\u00fcdischer Menschen im Berlin der 40er Jahre. Zudem erf\u00e4hrt man\/frau nur wenig \u00fcber die so genannte &#8222;Fabrikaktion&#8220;, deren Ziel es war, die j\u00fcdischen ZwangsarbeiterInnen in den Berliner R\u00fcstungsbetrieben nach Auschwitz zu deportieren. Betroffen waren nicht nur die &#8222;Geltungsjuden&#8220;, wie sie genannt wurden, die mit so genannten arischen Partnern verheiratet waren. Bis zum Jahresende 1943 wurden an die 10000 Berliner Juden und J\u00fcdinnen deportiert, bis zum 6. M\u00e4rz waren es bereits \u00fcber 7000 gewesen. Obwohl der Film einige Einblicke in die Lage der Verfolgten gibt also durchaus in zweiter Linie ein Film \u00fcber die Vernichtung der Juden\/J\u00fcdinnen ist &#8211; , bleibt er in diesem wichtigen Bereich vorwiegend auf einer Klischeeebene.<\/p>\n<p>Nach den politischen Ursachen der Ausl\u00f6schung j\u00fcdischer Existenz wird nicht weiter gefragt. Ein positiver Charakterzug dieses Films ist hingegen, dass man\/frau dazu motiviert wird, selbst Stellung zu beziehen und sich mit dem Gesehenen unausweichlich auseinandersetzen muss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Tod ihres Mannes besinnt sich die New Yorkerin Ruth Weinstein auf die Aus\u00fcbung j\u00fcdisch-orthodoxer Kulte. Eine nach religi\u00f6sen Riten organisierte Familienfeier verl\u00e4uft jedoch nicht reibungslos. Denn Ruths erwachsene Tochter Hannah rebelliert gegen das angeordnete religi\u00f6se Fest. 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