{"id":5831,"date":"2003-12-01T00:00:24","date_gmt":"2003-11-30T22:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5831"},"modified":"2022-07-26T13:56:53","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:53","slug":"eliten-antisemitismus-in-nazi-kontinuitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/12\/eliten-antisemitismus-in-nazi-kontinuitat\/","title":{"rendered":"Eliten-Antisemitismus in Nazi-Kontinuit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst belie\u00df man es bei einer blo\u00dfen R\u00fcge. Vielleicht w\u00e4re man damit sogar durchgekommen, wenn der Skandal nicht durch einen Brief des KSK-Generals Reinhard G\u00fcnzels und dessen prompten Rauswurf eine neue Dynamik bekommen h\u00e4tte. Ausgestanden ist dieser neue Antisemitismus-Skandal damit allerdings l\u00e4ngst nicht.<\/p>\n<p>Da die Rede in der \u00d6ffentlichkeit meist nur unter Erw\u00e4hnung einzelner Details thematisiert wurde und da selbst nach dem Beschluss der CDU-F\u00fchrung in der Fraktion noch Stimmen laut wurden, denen zufolge die Kritiker Hohmanns Rede missverstanden h\u00e4tten, lohnt ein genauerer Blick auf den kompletten Text. So werden zum einen rhetorische Finten Hohmanns deutlich, zum anderen erlauben Analyse und Kontextualisierung, den in der Rede zum Ausdruck kommenden Antisemitismus pr\u00e4ziser zu bestimmen.<\/p>\n<p>&#8222;Gerechtigkeit f\u00fcr Deutschland&#8220; ist das Thema der am 3. Oktober in Neuhof gehaltenen Rede. So widmet sich Hohmann eingangs der Sozialpolitik, genauer angeblichem Sozialmissbrauch. Hier schon setzt er eine deutliche Duftmarke, spricht er doch von einem &#8222;Einzelne[n], den man fr\u00fcher Schmarotzer genannt h\u00e4tte&#8220;, was alles andere als eine sprachgeschichtliche Nebenbemerkung ist. Hohmann setzt das Individuum gegen die Gemeinschaft: &#8222;Wie viele Menschen in Deutschland klopfen ihre Pl\u00e4ne und Taten auch darauf ab, ob sie nicht nur eigenn\u00fctzig, sondern auch gemeinschaftsn\u00fctzig sind [, ob &#8211; Erg\u00e4nzung von AS] sie der Gemeinschaft n\u00fctzen, ob sie unser Land voranbringen?&#8220; Ist das schlecht eingedeutschter Kennedy? Oder geht Hohmann im Kampf gegen Parasiten am Volksk\u00f6rper &#8222;Gemeinnutz immer vor Eigennutz&#8220;, wie es im 25-Punkte-Programm der NSDAP hie\u00df? Vor dem Begriff &#8222;Volksgemeinschaft&#8220; schreckt Hohmann zur\u00fcck. Aber er meint: &#8222;Das Wir-Denken, die Gemeinschaftsbezogenheit, m\u00fcssen [&#8230;] zweifellos gest\u00e4rkt werden.&#8220; Das geht bekanntlich am besten durch Abgrenzung gegen vermeintlich Fremdes.<\/p>\n<p>Hohmann hegt den &#8222;Verdacht, da\u00df man als Deutscher in Deutschland keine Vorzugsbehandlung zu [sic] genie\u00dft&#8220;. Er belegt ihn unter R\u00fcckgriff auf seine parlamentarische Arbeit und erw\u00e4hnt einige Anfragen an die Bundesregierung, deren Beantwortung ihn &#8222;nachdenklich&#8220; gemacht habe.<\/p>\n<p>&#8222;Nachdenklich&#8220; macht Hohmann u.a., dass die Bundesregierung sich nicht f\u00fcr die Entsch\u00e4digung deutscher Zwangsarbeiter einsetzen wolle. Schlie\u00dflich macht ihn &#8222;nachdenklich&#8220;, dass die Bundesregierung nicht dem Vorschlag folgen wolle, &#8222;angesichts der Wirtschaftsentwicklung und des R\u00fcckgangs der Steuereinnahmen [&#8230;] ihre Entsch\u00e4digungszahlungen nach dem Bundesentsch\u00e4digungsgesetz (also an &#8211; vor allem j\u00fcdische &#8211; Opfer des Nationalsozialismus) der gesunkenen Leistungsf\u00e4higkeit des deutschen Staates anzupassen&#8220;. Der von der Bundesregierung bekundete &#8222;Respekt vor dem damaligen Leiden dieser Menschen&#8220;, der es &#8222;gebiete, das Entsch\u00e4digungsniveau uneingeschr\u00e4nkt aufrechtzuerhalten&#8220;, macht Hohmann &#8222;nachdenklich&#8220;.<\/p>\n<p>Er sieht da wohl eine &#8222;Schieflage&#8220;, w\u00fcnscht er sich doch &#8222;einen Konsens [&#8230;], wie er in vielen anderen L\u00e4ndern&#8220; bestehe, n\u00e4mlich: &#8222;Der eigene Staat mu\u00df in erster Linie f\u00fcr die eigenen Staatsb\u00fcrger da sein.&#8220; Dieser Wunsch verweist auf die Parole des Front National von der pr\u00e9f\u00e9rence nationale, einem &#8222;Kernbegriff des Rassismus&#8220; ((1)), und auf die Parole Eigen volk eerst! des neorassistischen und separatistischen Vlaams Blok. Dass diese Maxime in der Bundesrepublik Deutschland nicht gelte, f\u00fchrt Hohmann auf die deutsche Geschichte zur\u00fcck. So ergibt sich zugunsten sozialpolitischer Gerechtigkeit die Notwendigkeit geschichtspolitischer Operationen. Zwar bekr\u00e4ftigt Hohmann, &#8222;kein Kundiger und Denkender&#8220; k\u00f6nne &#8222;ernsthaft den Versuch unternehmen, deutsche Geschichte wei\u00dfzuwaschen oder vergessen zu machen&#8220;. Doch das ist lediglich Rhetorik, um desto heftiger daf\u00fcr zu streiten, dass diese deutsche Vergangenheit keine moralischen und politischen Konsequenzen mehr haben m\u00f6ge. Und k\u00e4mpfen m\u00fcsse man, denn: &#8222;Immer wieder erfahren wir, wie stark die 12 Jahre der NS-Vergangenheit bis in unsere Tage wirksam sind.<\/p>\n<p>Das Treiben der Neonazis meint Hohmann damit nicht: Ganz umgehen kann er dieses Thema allerdings auch nicht. Immerhin war kurz zuvor in M\u00fcnchen eine neonazistische Terrorgruppe aufgeflogen, die laut Bundesanwaltschaft mit Planungen zu einem Anschlag am 9. November befasst war. Doch als Pflicht\u00fcbung f\u00fchrt das Thema beim vormaligen BKA-Mitarbeiter Hohmann zu halsbrecherischen Formulierungen: &#8222;Das H\u00e4ufchen seiner [Hitlers] Adepten am rechtsextremen Rand der politischen Szene ist nicht zu verharmlosen.&#8220; Schlimm genug, dass der Satz sich \u00fcber die verharmlosende Rede vom &#8222;H\u00e4ufchen&#8220; selbst dementiert. Der Terrorismus-Experte Hohmann setzt noch eins drauf: &#8222;Nicht die braunen Horden, die sich unter den Symbolen des Guten sammeln, machen tiefe Sorgen.&#8220;<\/p>\n<p>Man lese den Satz ruhig noch ein zweites Mal: &#8222;Nicht die braunen Horden, die sich unter den Symbolen des Guten sammeln, machen tiefe Sorgen.&#8220; Es mag zwar sein, dass man gelegentlich But und G\u00f6se leicht verwechseln kann. Hohmanns Rede gibt aber Anlass zu der Bef\u00fcrchtung, dass er manche Transparente j\u00fcngerer Nazi-Aufm\u00e4rsche, bei denen auch der Kopf der festgenommenen M\u00fcnchner Gruppe in Erscheinung trat (&#8222;Opi war kein Verbrecher&#8220;), tats\u00e4chlich f\u00fcr &#8222;Symbole des Guten&#8220; h\u00e4lt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Hitler- und Strasser-Jungs Hohmann keine Sorgen bereiten, macht ihm &#8222;eine allgegenw\u00e4rtige Mutzerst\u00f6rung im nationalen Selbstbewu\u00dftsein, die durch Hitlers Nachwirkungen ausgel\u00f6st wurde&#8220;, allerdings &#8222;schwere Sorgen&#8220;. Die &#8222;Schuld von Vorfahren&#8220; an den &#8222;Menschheitsverbrechen&#8220; habe &#8222;fast zu einer neuen Selbstdefinition der Deutschen gef\u00fchrt&#8220;. Deren Zentrum sei &#8222;der Vorwurf: die Deutschen sind das &#8218;T\u00e4tervolk'&#8220;. An diesem Bild werde mit &#8222;neurotischem Eifer&#8220; gearbeitet. Oder aber f\u00fcr ein deftiges Autorenhonorar &#8211; als besonders schlimmes Beispiel daf\u00fcr nennt Hohmann einen &#8222;amerikanische[n] Junior-Professor (Daniel Jonah Goldhagen)&#8220;.<\/p>\n<p>Hohmann h\u00e4tte auch gleich &#8218;der Jude Goldhagen&#8216; sagen k\u00f6nnen, denn im folgenden schl\u00e4gt er exakt diesen Ton an und heftet den auftretenden historischen Personen mehrfach ein Substitut des gelben Sterns an (&#8222;der Jude Felix Teilhaber&#8220; usw.).<\/p>\n<p>Gegen all die, die &#8222;fast neurotisch auf der deutschen Schuld beharren&#8220; (wie Hohmann Pfarrer Joachim Gauck zitiert) stellt er &#8222;die provozierende Frage: Gibt es auch beim j\u00fcdischen Volk, das wir ausschlie\u00dflich in der Opferrolle wahrnehmen, eine dunkle Seite in der neueren Geschichte oder waren Juden ausschlie\u00dflich die Opfer, die Leidtragenden?&#8220; Zur Beantwortung greift Hohmann ausgerechnet auf Henry Fords Buch &#8222;The International Jew&#8220; zur\u00fcck. &#8222;Darin&#8220;, so Hohmann, &#8222;prangert Ford die Juden generalisierend als &#8218;Weltbolschewisten&#8216; an. [&#8230;] Ford brachte in seinem Buch eine angebliche &#8218;Wesensgleichheit&#8216; von Judentum und Kommunismus bzw. Bolschewismus zum Ausdruck.&#8220;<\/p>\n<p>Hohmann wei\u00df, dass er hier auf ideologischen Sprengstoff gesto\u00dfen ist. Er spricht von &#8222;Thesen, die f\u00fcr unsere Ohren der NS-Propaganda vom &#8218;j\u00fcdischen Bolschewismus&#8216; \u00e4hneln&#8220;. Statt aber den Kampfmittelr\u00e4umdienst zu verst\u00e4ndigen, hantiert Hohmann mit seinem Fund herum. Zum Zweck m\u00f6glichst risikofreier Entsch\u00e4rfung und Entsorgung der explosiven Altlast h\u00e4tte der Kampfmittelr\u00e4umdienst zun\u00e4chst festgestellt, dass der Sprengsatz der NS-Propaganda nicht nur \u00e4hnelt: Fords Buch, das international erheblich zur Popularisierung jener ber\u00fcchtigten &#8222;Protokolle der Weisen von Zion&#8220; beitrug, geh\u00f6rte zu den Quellen, aus denen sich in den 20er Jahren der NS-Antisemitismus speiste. &#8222;Der Internationale Jude. Ein Weltproblem&#8220; erschien 1921 im Leipziger Hammer-Verlag, der 1902 von Theodor Fritsch gegr\u00fcndet worden war. ((2)) Fritsch war Verfasser des in etlichen, immer wieder \u00fcberarbeiteten Neuauflagen erschienenen &#8222;Antisemiten-Katechismus&#8220;. Per Publikation in diesem antisemitischen Verlag erreichte Fords Buch in zahlreichen Neuauflagen sein Zielpublikum und entfaltete Wirkung.<\/p>\n<p>Deutliche Spuren der Hetzschrift Fords finden sich in Dietrich Eckarts 1924 publizierter Schrift &#8222;Der Bolschewismus von Moses bis Lenin&#8220;. An zwei Stellen des &#8222;Zwiegespr\u00e4ch zwischen Adolf Hitler und mir&#8220; legt Eckart Hitler Behauptungen Fords in den Mund: &#8222;&#8218;Wenn&#8217;s nach mir ginge, m\u00fc\u00dften in allen Schulen, an allen Stra\u00dfenecken, in jeder Gastst\u00e4tte Plakate h\u00e4ngen, auf denen weiter nichts st\u00fcnde, als das Wort von Schopenhauer \u00fcber die Juden: &#8218;Gro\u00dfe Meister im L\u00fcgen!&#8216; Es gibt kein besseres. Und ausnahmslos trifft es zu, auf jeden Juden, ganz gleich, ob hoch oder niedrig, B\u00f6rsianer oder Rabbiner, getauft oder beschnitten. [&#8230;] Henry Ford erz\u00e4hlt, in seiner Heimat werde allgemein behauptet, die Vereinigten Staaten h\u00e4tten mehr Gold als jedes andere Land. Aber wo sei es? &#8218;Seit wann hast du kein Goldst\u00fcck mehr gesehen?&#8216; Die Regierung sei \u00fcberschuldet, versuche verzweifelt zu sparen, nicht einmal die Kriegsinvaliden k\u00f6nne sie bezahlen, in Amerika sei das Gold zweifelsohne, aber es geh\u00f6re nicht den Amerikanern.'&#8220; Sp\u00e4ter hei\u00dft es: &#8222;Ganz Israel steht offen im britischen Lager!&#8216; verk\u00fcndete 1916 der F\u00fchrer der amerikanischen Sozialdemokraten Samuel Gompers. S\u00e4mtliche Juden der Welt also. Auch der Amerikaner Ford wu\u00dfte das. Er spricht von der Untreue der &#8217;sogenannten&#8216; deutschen Juden gegen das Land, wo sie wohnten; und da\u00df sie sich mit den \u00fcbrigen Juden zum Sturze Deutschlands vereinigt haben&#8220;. ((3))<\/p>\n<p>Heinrich Himmler bemerkte 1924 in einem Brief, Ford sei &#8222;einer der wertvollsten, gewichtigsten und geistreichsten Vork\u00e4mpfer&#8220;. ((4)) In seiner Aussage beim N\u00fcrnberger Prozess erinnerte sich Reichsjugendf\u00fchrer Baldur von Schirach wie folgt an seine Ford-Lekt\u00fcre: &#8222;Das ausschlaggebende antisemitische Buch, das ich damals las und das Buch, das meine Kameraden beeinflu\u00dfte &#8230; war das Buch von Henry Ford &#8218;Der internationale Jude&#8216;. Ich las es und wurde Antisemit. Dieses Buch hat damals auf mich und meine Freunde einen so gro\u00dfen Eindruck gemacht, weil wir in Henry Ford den Repr\u00e4sentanten des Erfolgs, den Repr\u00e4sentanten aber auch einer fortschrittlichen Sozialpolitik sahen.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Aufschlussreich zur Verbreitung der Wahnvorstellung vom &#8222;j\u00fcdischen Bolschewismus&#8220; unter den Nazis, wie sie insbesondere durch Fords Bestseller popularisiert worden war, ist ein Gutachten, das der Historiker Reinhard Maurach f\u00fcr die Verteidigung im Prozess gegen die Einsatzgruppen vorlegte. Maurach behauptete, es k\u00f6nne &#8222;\u00fcberhaupt kein Zweifel&#8220; bestehen, dass &#8222;es dem Nationalsozialismus vollst\u00e4ndig gelungen ist, die \u00f6ffentliche Meinung in Deutschland und dar\u00fcber hinaus die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit des deutschen Volkes von der Identit\u00e4t zwischen Bolschewismus und Judentum zu \u00fcberzeugen.&#8220; ((6))<\/p>\n<p>Auch im Neonazismus ist Fords Buch weiterhin beliebte Lekt\u00fcre. So erschien 1976 ein deutschsprachiger Reprint. Die Verlagsangabe lautet: White Power Publications, Liverpool, VA in den USA. Spuren f\u00fchren indes nach Deutschland: So wird u.a. das Versandantiquariat Berg im norddeutschen Toppenstedt empfohlen, gefolgt von dem Hinweis: &#8222;Die angef\u00fchrten Firmen haben mit dem Druck dieses Heftes nichts zu tun!&#8220;. Das &#8222;Vorwort zur ersten Neuauflage nach dem Zweiten Weltkrieg in deutscher Sprache&#8220; macht erst gar nicht den Versuch, den Band als Quellenedition zu wissenschaftlichen Zwecken auszugeben: &#8222;Die Welt befindet sich am Rande des Abgrundes, entweder das Judenproblem wird von dieser Generation gel\u00f6st, oder dieser Planet wird im Morast der Unsitte und Unmoral, der bewu\u00dft gesteuerten und gef\u00f6rderten Dekadenz versinken.<\/p>\n<p>Das Problem ist durch dieses Buch analysiert &#8211; es gilt jetzt endlich zu handeln.<\/p>\n<p>Es besteht heute ein j\u00fcdischer Staat, alle Juden, die sich nicht integrieren wollen, m\u00fc\u00dften nach dort verfrachtet werden. Nur durch die physische Separation, durch komplette Entflechtung der Juden aus den Volksk\u00f6rpern, ist wirklicher Friede m\u00f6glich. Die einzige andere Alternative ist die undenkliche Ausrottung der Juden in einer weltweiten Kristallnacht, wenn das Ma\u00df der V\u00f6lker \u00fcbervoll sein sollte.&#8220; F\u00fcr Horst Mahler ist Fords antisemitische Paranoia seit einigen Jahren eine Quelle krudester Weltanschauung: Datiert auf den 15. Oktober 2000 erschien auf Mahlers Homepage &#8222;Werkstatt Neues Deutschland&#8220; eine vom Deutschen Kolleg verantwortete &#8222;Ausrufung des Aufstandes der Anst\u00e4ndigen&#8220;, in der es nach Verneigungen vor Martin Walser und Norman G. Finkelstein wie folgt hie\u00df: &#8222;Wir gedenken der unbekannten Verfasser der &#8218;Protokolle der Weisen von Zion&#8216;, die hellsichtige Betrachtungen \u00fcber die Mittel und Wege f\u00fcr die Begr\u00fcndung der j\u00fcdischen Weltherrschaft angestellt haben, die uns als Warnung dienen sollten. Wir meinen: &#8218;Der internationale Jude&#8216;, Henry Fords Streitschrift gegen die Weltherrschaft des j\u00fcdischen Bankkapitals ist Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr jeden Deutschen.&#8220; ((7)) In einer einschl\u00e4gigen Mailing-Liste fand sich der Hinweis, dass Fords Buch &#8222;vor kurzem in der &#8218;Archiv&#8216;-Reihe eines rabiat-ludendorffschen Verlages erschienen&#8220; sei &#8222;und weit gestreut unaufgefordert &#8218;zur Ansicht&#8216; versandt wurde&#8220;. ((8))<\/p>\n<p>Es handelt sich also um mehr als blo\u00dfe \u00c4hnlichkeit der Thesen Fords mit der NS-Propaganda vom &#8222;j\u00fcdischen Bolschewismus&#8220;. Hohmann ist allerdings geschickt genug, sich bei seinen folgenden Aussagen nicht unmittelbar auf Ford zu st\u00fctzen. Er h\u00e4lt sich an eine Veredelung des Stoffs, die der Bielefelder Bibliothekar und Historiker Johannes Rogalla von Bieberstein vorgelegt hat. ((9)) Rogalla von Biebersteins Buch erschien in der Dresdener Edition Antaios. Das ist sozusagen der Hausverlag des der rechtsextremen Wochenzeitung Junge Freiheit nahe stehenden Instituts f\u00fcr Staatspolitik (INSTAPO). Die INSTAPO-Gr\u00fcnder hantierten zur Selbstbeschreibung mal mit der Formulierung &#8222;Reemtsma-Institut von rechts&#8220;, das Vorbild mit umgekehrtem Vorzeichen ist das Hamburger Institut f\u00fcr Sozialforschung und insbesondere die \u00f6ffentliche Wirkung der Ausstellung &#8222;Vernichtungskrieg &#8211; Verbrechen der Wehrmacht&#8220;. ((10))<\/p>\n<p>Eine Darlegung des angeblichen &#8222;j\u00fcdischen Bolschewismus&#8220; passt da vortrefflich ins Programm. Eine entsprechende Aufnahme in der Publizistik des v\u00f6lkischen Nationalismus war garantiert, wie beispielsweise die Rezension des Milit\u00e4rpfarrers a.D. Lothar Groppe und ein Aufsatz des Ex-Milit\u00e4rs Reinhard Uhle-Wettler zeigen. ((11))<\/p>\n<p>Gest\u00fctzt auf Rogalla von Bieberstein breitet Hohmann seitenlang vermeintliche Belege f\u00fcr die antisemitische These vom &#8222;j\u00fcdischen Bolschewismus&#8220; aus und kommt zu folgendem Ergebnis: &#8222;Mit einer gewissen Berechtigung k\u00f6nnte man im Hinblick auf die Millionen Toten dieser ersten Revolutionsphase nach der &#8218;T\u00e4terschaft&#8216; der Juden fragen. Juden waren in gro\u00dfer Anzahl sowohl in der F\u00fchrungsebene als auch bei den Tscheka-Erschie\u00dfungskommandos aktiv. Daher k\u00f6nnte man Juden mit einiger Berechtigung als &#8218;T\u00e4tervolk&#8216; bezeichnen.&#8220;<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt freilich zu Hohmanns demagogischem Geschick, dass er hier nur, grammatisch korrekt im Konjunktiv, ein hypothetisches Zwischen-Ergebnis formuliert. Der zweimalige Konjunktiv &#8222;k\u00f6nnte man&#8220; steht im Kontrast zur wiederholten Betonung der &#8222;Berechtigung&#8220; der Bezichtigung &#8222;T\u00e4tervolk&#8220;. Es geht, aller kontextueller Einbettung und allen sp\u00e4ter nachgeschobenen Ausfl\u00fcchten zum Trotz, sehr wohl um die Bezichtigung &#8222;der Juden&#8220; als &#8222;T\u00e4tervolk&#8220;. Daf\u00fcr spricht auch die Dimensionierung dieses Teils der Rede: die betreffende Passage umfasst zirka ein Viertel des gesamten Redetextes. (Zu ber\u00fccksichtigen ist zudem, dass es sich um eine m\u00fcndlich vorgetragenen Text handelt, dessen grammatische Feinheiten wie die Konjunktivformulierungen bei vielen Zuh\u00f6rern vermutlich &#8218;\u00fcberh\u00f6rt&#8216; werden.)<\/p>\n<p>Allerdings tut Hohmann im folgenden so, als habe es sich in der langen Redepassage \u00fcber den &#8222;j\u00fcdischen Bolschewismus&#8220; nur um ein Gedankensspiel gehandelt &#8211; man kennt diese Schreibtechnik von Ernst Nolte, der \u00fcbrigens auch das Vorwort zum Buch Rogalla von Biebersteins verfasst hat. ((12)) Hohmann pr\u00e4sentiert abschlie\u00dfend ein &#8222;T\u00e4tervolk&#8220;, das aus (in gro\u00dfer Zahl j\u00fcdischen, von Gott abgefallenen) Bolschewisten und Nazis bestehe. Als &#8222;verbindendes Element&#8220; macht Hohmann ihre &#8222;religionsfeindliche Ausrichtung und die Gottlosigkeit&#8220; aus. &#8222;Die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien, sie waren das T\u00e4tervolk des letzten, blutigen Jahrhunderts.&#8220;<\/p>\n<p>Hohmanns Rede von der &#8222;Gottlosigkeit&#8220; der Nazis ist historischer Humbug und dient dem katholischen Fundamentalisten als Entlastungspropaganda. Gewiss gab es innerhalb des Nazismus dem Christentum feindlich gesonnene Ideologen. Doch findet sich gerade bei herausragenden Naziideologen und insbesondere in ihren antisemitischen Tiraden positive Bez\u00fcge auf das Christentum. In der Nachbemerkung zu Dietrich Eckarts unvollendet gebliebener Schrift &#8222;Von Moses bis Lenin&#8220; spricht der Hoheneichen-Verlag von diesem &#8222;Zwiegespr\u00e4ch&#8220; mit Hitler als einem &#8222;f\u00fcr die christliche Einstellung der v\u00f6lkischen Bewegung zeugenden, hochbedeutsamen Werk[.]&#8220; und hofft, dass &#8222;Adolf Hitler nach der Beendigung des gegenw\u00e4rtig gegen ihn in M\u00fcnchen anh\u00e4ngigen Hochverratsproze\u00df die Liebensw\u00fcrdigkeit haben wird, die Vollendung dieses unmittelbar vor seinem Abschlu\u00df stehenden Werkes zu \u00fcbernehmen&#8220;. Hitler schrieb in der Haft stattdessen &#8222;Mein Kampf&#8220;, an dessen Schluss er sich unter der Kopfzeile &#8222;Unseren Toten als Mahnung zur Pflicht&#8220; vor Eckart als &#8222;M\u00e4rtyrer&#8220; der NS-Bewegung verneigte. ((13)) Passend zu dieser Ehrung des f\u00fcr die christliche Einstellung der v\u00f6lkischen Bewegung zeugenden Autors hei\u00dft es in &#8222;Mein Kampf&#8220; u.a.: &#8222;Indem ich mich des Juden erwehre, k\u00e4mpfe ich f\u00fcr das Werk des Herrn.&#8220; ((14)) Gemeint war der christliche Gott. Entsprechend zitierten auch katholische Nazis diesen Kernsatz Hitlers; verwiesen sei hier nur auf Carl Schmitts Er\u00f6ffnungsrede und sein Schlusswort bei der Tagung &#8222;Das Judentum in der Rechtswissenschaft&#8220; Anfang Oktober 1936 in Berlin. ((15)) Statt sich also wie Hohmann christlich selbstgef\u00e4llig reinzuwaschen, t\u00e4ten Christen gut daran, einen religionspolitologischen Hinweis zu reflektieren (oder meinetwegen auch zu beherzigen): &#8222;Wer den d\u00fcnnen Faden christlicher Glaubensgewi\u00dfheit aush\u00e4lt, wird aber ohne Scheu, nicht stolz auf dem Unterschied [zwischen Nazismus und Christentum &#8211; AS] bestehen, sondern auch danach fragen, in welchen Hinsichten, ob einige oder gar viele, \u00c4hnlichkeiten festgestellt werden k\u00f6nnen. Die L\u00f6sung der Aufgabe, was an der &#8218;Religionsideologie der Nationalsozialisten christlich, h\u00e4retisch oder genuin neu ist, mu\u00df k\u00fcnftiger Forschung \u00fcberlasen bleiben.&#8220; ((16))<\/p>\n<p>Gegen &#8222;das B\u00f6se&#8220; sieht Hohmann Gott auf seiner Seite. Dabei handelt es sich um einen Gott mit nationaler Pr\u00e4ferenz: &#8222;Mit Gott in eine gute Zukunft besonders f\u00fcr unser deutsches Vaterland!&#8220; Hohmanns auf Deutschland zentrierte christlich-abendl\u00e4ndische Akzentuierung der Totalitarismusthese Ernst Noltes kann allerdings nicht dar\u00fcber hinweg t\u00e4uschen, dass die CDU in Gestalt ihres Abgeordneten Hohmann und seiner Getreuen in der Partei ein massives Antisemitismus-Problem hat. Hohmanns Antisemitismus weist im Vergleich mit den vorhergehenden antisemitischen Ausf\u00e4llen deutscher Eliten eine neue Qualit\u00e4t auf: Diese besteht nicht allein in ihrer systematischen Geschlossenheit, wobei die Systematik wohlgemerkt die eines Wahnsystems ist. Das erschreckende Novum ist, dass ein Bundestagsabgeordneter (unter Beifall eines der wichtigsten Gener\u00e4le der Bundeswehr) einen zentralen ideologischen Komplex des Nazi-Antisemitismus reproduziert. Man k\u00f6nnte fast versucht sein zu behaupten, nicht das Treiben der Neonazis, sondern der neue Eliten-Antisemitismus bereitete tiefe Sorgen; doch hie\u00dfe dies, einer falschen Denk-Alternative aufzusitzen und das Ineinandergreifen von rechtem Rand und Mitte der Gesellschaft zu \u00fcbersehen: die harte Naziszene sieht sich durch Hohmanns Rede best\u00e4tigt und angefeuert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst belie\u00df man es bei einer blo\u00dfen R\u00fcge. Vielleicht w\u00e4re man damit sogar durchgekommen, wenn der Skandal nicht durch einen Brief des KSK-Generals Reinhard G\u00fcnzels und dessen prompten Rauswurf eine neue Dynamik bekommen h\u00e4tte. Ausgestanden ist dieser neue Antisemitismus-Skandal damit allerdings l\u00e4ngst nicht. 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