{"id":584,"date":"1996-10-01T00:00:50","date_gmt":"1996-09-30T22:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=584"},"modified":"2022-07-26T13:57:01","modified_gmt":"2022-07-26T11:57:01","slug":"hitlers-willige-henker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/10\/hitlers-willige-henker\/","title":{"rendered":"Hitlers willige Henker"},"content":{"rendered":"<p>Seit dem Fr\u00fchjahr &#8218;tobt&#8216; ein neuer (Historiker-)Streit in bundesdeutschen und internationalen Medien. Wie bereits vor 10 Jahren, als die Kontroverse \u00fcber die Singularit\u00e4t des Holocaust und dessen Vergleichbarkeit mit anderen Menschheitsverbrechen hohe Wellen schlug, wird nun erneut lautstark und anhaltend \u00fcber die NS-Vergangenheit gestritten.<\/p>\n<p>Den Anla\u00df f\u00fcr die j\u00fcngste Debatte bietet das soeben \u00fcbersetzte Buch des US-amerikanischen Politologen Daniel Jonah Goldhagen, Associate Professor an der Havard University: &#8222;Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gew\u00f6hnliche Deutsche und der Holocaust&#8220; (Siedler Verlag, Berlin 1996, 730 S., 59,80 DM). &#8222;Hitlers willing executioners&#8220; (Hitlers willige Henker), so lautet Goldhagens Buchtitel im Original. Die an einigen Stellen gegl\u00e4ttete deutsche \u00dcbersetzung macht z.B. aus &#8218;Scharfrichtern&#8216; bzw. &#8218;Henkern&#8216; (executioners) im Titel &#8218;Vollstrecker&#8216; (executors). Der Autor r\u00fcckt das zentrale Anliegen der Nazis in den Mittelpunkt seiner Untersuchung: die Vernichtung des europ\u00e4ischen Judentums. Hierbei interessieren ihn weniger die NS-Ideologie und die Beweggr\u00fcnde der damaligen Funktionstr\u00e4ger als vielmehr das Alltagsdenken und Verhalten der nichtj\u00fcdischen deutschen (Mehrheits-)Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<h3>Die drei Fallstudien Goldhagens<\/h3>\n<p>Goldhagens Forschungen basieren auf drei Fallstudien: die erste Fallstudie untersucht den Anteil der Polizeibataillone beim Holocaust, deren Aufgabe darin bestand, in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten s\u00e4mtliche Juden und J\u00fcdinnen zu erschie\u00dfen. Insgesamt &#8222;w\u00fcteten&#8220; rund vierzig Polizeibataillone in Polen und Ru\u00dfland und ermordeten weit mehr als eine Million Juden und J\u00fcdinnen. Diese Mordeinheiten setzten sich aus allen Teilen der Bev\u00f6lkerung zusammen: Arbeiter, Angestellte, Bauern, Beamte, Akademiker. Nur ein Drittel war Mitglied der NSDAP, nicht einmal jeder Drei\u00dfigste geh\u00f6rte der SS an. Das Durchschnittsalter betrug 36 Jahre, die meisten hatten Familien und Kinder (hierzu Goldhagen, S.219ff.). \u00dcber die Polizeibataillone forschten bereits Heiner Lichtenstein und Christopher R. Browning. ((1)) Allerdings gelangen beide Autoren zu entgegengesetzten Schlu\u00dffolgerungen: W\u00e4hrend f\u00fcr Browning die Mitglieder des von ihm untersuchten Polizeibataillons 101 bei der &#8222;Endl\u00f6sung&#8220; in Polen Juden und J\u00fcdinnen nur widerwillig umgebracht h\u00e4tten, attestiert ihnen Goldhagen aufgrund ihres antisemitischen Affektes Vergn\u00fcgen am Qu\u00e4len und T\u00f6ten, das ihnen zugleich durchaus sinnvoll erschien. W\u00e4hrend Goldhagen den Grund, warum &#8222;ganz normale Deutsche&#8220; zu Massenm\u00f6rdern wurden, in deren \u00dcberzeugungen, sprich: virulentem Antisemitismus, ansiedelt, sind es f\u00fcr Browning die damaligen Umst\u00e4nde. Das Reserve-Bataillon 101 bestand aus mehreren Hunderten von zumeist aus Hamburg stammenden M\u00e4nnern &#8211; die Einheitsf\u00fchrer waren Berufspolizisten, die Mannschaftsdienstgrade h\u00e4ufig Hafenarbeiter, Lastwagenfahrer, Bauarbeiter, Seeleute, in der Mehrzahl durchaus keine NS-\u00dcberzeugungst\u00e4ter, sondern &#8222;ganz normale Deutsche&#8220;. 1942 in den polnischen Distrikt Lublin abkommandiert, hatte diese Einheit bis Ende 1943 38 000 Juden und J\u00fcdinnen ermordet und 45 000 weitere j\u00fcdische Menschen in die Deportationsz\u00fcge Richtung Vernichtungslager Treblinka verladen.<\/p>\n<p>Die zweite Fallstudie Goldhagens behandelt die &#8222;Arbeits&#8220;lager f\u00fcr Juden und J\u00fcdinnen. Insgesamt gab es mehr als 10 000 Lager, davon 1 000 f\u00fcr Juden und J\u00fcdinnen allein in Polen. Sie erf\u00fcllten, so Goldhagen, nur einen einzigen Zweck, n\u00e4mlich deren rasche Vernichtung durch Arbeit. Die dritte Fallstudie schlie\u00dflich bietet Informationen \u00fcber die von Goldhagen erstmals systematisch untersuchten Todesm\u00e4rsche der Konzentrations- und Vernichtungslagerinsassen kurz vor Kriegsende, als die Wachmannschaften von den 750 000 Lagerh\u00e4ftlingen zwischen 250 000 und 375 000 Menschen ermordeten &#8211; nachdem Himmler wegen Verhandlungen mit den Alliierten die Einstellung der Ausrottung befohlen hatte!<\/p>\n<h3>Der Holocaust als Produkt aus der Mitte der deutschen Gesellschaft<\/h3>\n<p>Hochinteressant ist hierbei, da\u00df Goldhagen &#8211; und dies begr\u00fcndet die erregte Abwehrhaltung vor allem deutscher Rezensenten gegen dessen Thesen &#8211; einige langgepflegte Tabus offen anspricht: n\u00e4mlich, da\u00df die Zustimmung zur NS-Politik in der Bev\u00f6lkerung au\u00dferordentlich hoch war und eine weit verbreitete Bereitschaft vorherrschte, Juden und J\u00fcdinnen zu stigmatisieren, zu dem\u00fctigen, auszugrenzen und schlie\u00dflich zu ermorden. Der Holocaust wurde als ein Produkt aus der Mitte der deutschen Gesellschaft von einem Gro\u00dfteil der deutschen Bev\u00f6lkerung zumindest gebilligt bzw. durch Hunderttausende von Deutschen tatkr\u00e4ftig unterst\u00fctzt. Die Zahl der mittel- und unmittelbar an der Shoah Beteiligten (Reichssicherheitshauptamt, dem die Gestapo, die Kriminalpolizei und der Sicherheitsdienst &#8222;SD&#8220; unterstanden; SS; Einsatzgruppen), ging weit \u00fcber den Personenkreis derer hinaus, die in den Einsatzkommandos Hunderttausende von Juden und J\u00fcdinnen erschossen bzw. in den Vernichtungslagern umbrachten. Und schlie\u00dflich war auch das Wissen \u00fcber den Massenmord am europ\u00e4ischen Judentum in der deutschen Bev\u00f6lkerung verbreiteter als bisher angenommen. ((2)) So hatten sich beispielsweise die Massenerschie\u00dfungen von 33 771 Juden und J\u00fcdinnen in Babi-Yar bei Kiew am 29.\/30.9.1941 &#8211; eines der grauenhaftesten Massaker w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges &#8211; bereits nach wenigen Tagen bis in die deutschen Offizierskasinos in Paris herumgesprochen. Hannah Arendt schrieb in ihrem 1944 verfa\u00dften Artikel &#8222;Organisierte Schuld&#8220;:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;W\u00e4hrend die Verbrechen, die seit Beginn des Regimes in den Konzentrationslagern zur t\u00e4glichen Routine geh\u00f6ren, fr\u00fcher ein eifers\u00fcchtig geh\u00fctetes Monopol der SS und der Gestapo waren, werden zu den Massenmorden heute beliebige Wehrmachtangeh\u00f6rige abkommandiert. Die Berichte \u00fcber diese Verbrechen, welche am Anfang m\u00f6glichst geheimgehalten wurden &#8230;, wurden erst auf dem Weg der von den Nazis selbst inszenierten Fl\u00fcsterpropaganda verbreitet, und sie werden heute von ihnen v\u00f6llig offen als Liquidationsma\u00dfnahmen zugestanden, um diejenigen &#8218;Volksgenossen&#8216;, welche man aus organisatorischen Gr\u00fcnden nicht hat in die &#8218;Volksgemeinschaft&#8216; des Verbrechens aufnehmen k\u00f6nnen, wenigstens in die Rolle der Mitwisser und Komplizen zu dr\u00e4ngen.&#8220; ((3))<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Massenmord am europ\u00e4ischen Judentum in Osteuropa geschah in aller \u00d6ffentlichkeit: &#8222;Deutsche Landser nahmen mitunter lange Wege in Kauf, um beim blutigen &#8218;Sch\u00fctzenfest&#8216; die besten Pl\u00e4tze zu ergattern. Mitunter mu\u00df man schon von Hinrichtungs-Tourismus sprechen.&#8220; (zit. nach Ernst Klee u.a. (Hrsg.): &#8222;Sch\u00f6ne Zeiten&#8220;. Judenmord aus der Sicht der T\u00e4ter und Gaffer, 1988, S.7.) Sie fotografierten diese Greuel und schickten Fotoaufnahmen ebenso an ihre Angeh\u00f6rigen daheim wie Feldpostkarten und -briefe, in denen sie offen von den Erschie\u00dfungen berichteten &#8211; zumeist ohne eine Spur von Mitleid. Unter den T\u00e4tern fanden sich nicht nur Mitglieder der SS, sondern auch zahlreiche deutsche Wehrmachtsangeh\u00f6rige. Gemordet wurde indes ohne unmittelbaren Zwang. Ein Befehlsnotstand lag f\u00fcr diese M\u00f6rder nicht vor. Es war durchaus m\u00f6glich, sich dem T\u00f6tungsauftrag ohne strafrechtliche Konsequenzen zu widersetzen. Kein SS- oder Wehrmachtsangeh\u00f6riger kam deshalb in ein KZ oder wurde erschossen, weil er sich weigerte, Juden und J\u00fcdinnen zu ermorden. Im Gegenteil: H\u00e4ufig waren die meisten bis auf wenige Ausnahmen &#8222;gerne bereit, bei Erschie\u00dfungen von Juden mitzumachen. Das war f\u00fcr sie ein Fest! (&#8230;) Da hat keiner gefehlt. Ich betone nochmals, da\u00df man sich heute ein falsches Bild macht, wenn man glaubt, die Judenaktionen wurden widerwillig durchgef\u00fchrt. Der Ha\u00df gegen die Juden war gro\u00df, es war Rache, und man wollte Geld und Gold. Wir wollen uns doch nichts vormachen, bei den Judenaktionen gab es etwas zu holen.&#8220; (so ein Kriminalangestellter bei Grenzpolizeikommissariat Neu Sandez, Distrikt Krakau, Generalgouvernement, zit. nach Klee u.a., S.78) ((4)) Auch Frauen nahmen an den T\u00f6tungsaktionen teil &#8211; als Ehefrauen und Freundinnen der T\u00e4ter, Zuschauerinnen, Krankenschwestern usw. (hierzu Goldhagen, S.285ff).<\/p>\n<h3>Eliminatorischer Antisemitismus<\/h3>\n<p>F\u00fcr Daniel Jonah Goldhagen stellt sich aufgrund dieser ersch\u00fctternden Befunde die zentrale Frage: Wie war es m\u00f6glich, da\u00df sogenannte normale B\u00fcrger w\u00e4hrend des Nationalsozialismus zu Massenm\u00f6rdern wurden? Wie kam es, da\u00df die Mehrheit der deutschen Bev\u00f6lkerung zumindest passiv den Holocaust hinnahm und kein Mitgef\u00fchl f\u00fcr die Ermordeten entwickelte? Jean Am\u00e9ry, \u00dcberlebender von Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen, litt lebenslang unter diesem Mangel an Empathie:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Mir schien, ich h\u00e4tte die Untaten als kollektive erfahren: Vor dem braungewandeten NS-Amtswalter mit Hakenkreuzbinde hatte ich auch nicht mehr Angst gehabt als vor dem schlichten feldgrauen Landser. Auch wurde ich den Anblick der Deutschen auf einem kleinen Bahnsteig nicht los, wo man aus den Viehwaggons unseres Deportationszuges die Leichen aufgeladen und aufgeschichtet hatte, ohne da\u00df ich auch nur auf einem der steinernen Gesichter den Ausdruck des Abscheus h\u00e4tte lesen k\u00f6nnen.&#8220; (Jean Am\u00e9ry: Jenseits von Schuld und S\u00fchne, 1977, S.106)<\/p><\/blockquote>\n<p>Zur Erkl\u00e4rung des Holocaust und der Beweggr\u00fcnde der T\u00e4ter r\u00fcckt Goldhagen den bereits im 19. Jahrhundert offenkundigen &#8222;eliminationist antisemitism&#8220; (Vernichtungsantisemitismus) in den Blickpunkt. Nicht hierarchische Befehlsstrukturen, blinder Gehorsam, Autorit\u00e4tsgl\u00e4ubigkeit, sozialpsychologischer Gruppendruck oder wirtschaftliche Not sind f\u00fcr ihn die zentralen Triebkr\u00e4fte der Shoah; allein die &#8222;antisemitischen Auffassungen der Deutschen &#8230; lieferten nicht nur den zentralen Beweggrund f\u00fcr Hitlers Entschlu\u00df, die europ\u00e4ischen Juden auszul\u00f6schen, &#8230; auf ihnen beruhte auch die Bereitschaft der T\u00e4ter, Juden brutal zu mi\u00dfhandeln und zu t\u00f6ten.&#8220; (Goldhagen, S.22) Den Vernichtungsantisemitismus des Nationalsozialismus beschreibt Goldhagen als tief in der Mentalit\u00e4t und Kultur Deutschlands bereits vor 1933 angelegt. Vom antisemitischen Rufmord zum Massenmord in Auschwitz war der Weg so gewunden nicht. Zweifelsohne ist ohne die zweitausendj\u00e4hrige antijudaistische Tradition die t\u00f6dliche Auswirkung des Antisemitismus nach 1933 nicht zu erkl\u00e4ren. Die v\u00f6lkische NS-Ideologie besa\u00df einen christlich-religi\u00f6sen Kern &#8211; so betonte Hitler mehrfach, er sei von der Vorsehung beauftragt, die Juden zu beseitigen, und Goebbels setzte &#8218;den Juden&#8216; wiederholt mit dem &#8218;Antichrist&#8216; gleich. ((5))<\/p>\n<p>\u00dcber den Zusammenhang zwischen Antisemitismus vor 1933 und dem Holocaust der NationalsozialistInnen kann also \u00fcberhaupt kein Zweifel bestehen. Zuzustimmen ist Goldhagen auch hinsichtlich der Beantwortung der Frage, warum die eliminatorischen Motive des nicht nur in Deutschland nachzuweisenden Antisemitismus allein in Deutschland zur Shoah f\u00fchrten. Geschehen konnte dies nur, weil mit Hitler und den Nationalsozialisten Anfang 1933 Extremisten in einer industriell und b\u00fcrokratisch hochentwickelten Massengesellschaft an die Macht gelangten, die zum ersten Mal mit allen dem Staat zur Verf\u00fcgung stehenden Herrschaftsinstrumenten (Partei, Wehrmacht, B\u00fcrokratie, Wirtschaft) die systematische T\u00f6tung des europ\u00e4ischen Judentums vorbereiteten und industriell durchf\u00fchrten. Hierbei stie\u00dfen sie, so Goldhagen, auf breite Zustimmung innerhalb der deutschen Bev\u00f6lkerung. Wie tief der Antisemitismus damals in Deutschland verankert war, l\u00e4\u00dft sich auch daran bemessen, da\u00df selbst bis in die Kreise der deutschen zivilen und milit\u00e4rischen Opposition gegen Hitler antisemitische Grundhaltungen weit verbreitet waren. Das in der Pogromnacht vom November 1938 vielen Juden zugef\u00fcgte Leid &#8211; Ermordung, Deportation, Zerst\u00f6rung von Synagogen, Gesch\u00e4ften und Wohnungen &#8211; f\u00fchrte zu keinem moralischen Aufschrei seitens der nichtj\u00fcdischen Deutschen: &#8222;Die Pogromnacht war wohl das aufschlu\u00dfreichste Ereignis der gesamten NS-Zeit. In diesen Stunden h\u00e4tte das deutsche Volk Gelegenheit gehabt, Solidarit\u00e4t mit seinen j\u00fcdischen Mitb\u00fcrgern zu bekunden. Statt dessen besiegelte es das Schicksal der Juden, indem es die Herrschenden wissen lie\u00df, da\u00df es mit dem eliminatorischen Unternehmen einverstanden war&#8230;&#8220; (Goldhagen, S.132)<\/p>\n<p>Die NS-F\u00fchrung konnte also, um die Shoah in Gang zu setzen, nicht nur mit der Zustimmung eines Gro\u00dfteils der deutschen Bev\u00f6lkerung rechnen &#8211; auch passives Verharren angesichts des Verbrechens an J\u00fcdinnen und Juden kommt aus der Sicht der Opfer letztendlich einem Einverst\u00e4ndnis mit der NS-Politik gleich -, sondern &#8222;eine gro\u00dfe Anzahl von Leuten dazu bewegen, an der Vernichtung aktiv mitzuwirken.&#8220; (Goldhagen, S.23) Da\u00df die ethischen und emotionalen Schranken fielen, die Voraussetzung daf\u00fcr sind, da\u00df Menschen andere Menschen t\u00f6ten k\u00f6nnen, daf\u00fcr lieferte das NS-Regime die ideologische und institutionelle Grundlage. Die T\u00e4ter handelten, so Goldhagen, aus individueller Entscheidung und damit aus eigener \u00dcberzeugung. Ihrer Ansicht nach hatten es &#8218;die Juden&#8216; verdient, get\u00f6tet zu werden.<\/p>\n<p>Ganz zentral innerhalb des Prozesses der Vernichtung des Judentums ist f\u00fcr Goldhagen das Moment der Grausamkeit der T\u00e4ter: &#8222;Die Initiative beim T\u00f6ten, der Eifer, mit dem die T\u00e4ter ihre nationalsozialistische \u00dcberzeugung unter Beweis stellten, stehen in Einklang mit der Grausamkeit der T\u00e4ter gegen ihre Opfer und wurden von dieser m\u00f6glicherweise noch \u00fcbertroffen. Die Grausamkeit, mit der die Juden in den Ghettos und Lagern von den Deutschen behandelt wurden, war immer und \u00fcberall pr\u00e4sent. (&#8230;) F\u00fcr den ganz normalen Deutschen waren Juden ein Auswurf, entsprechend war mit ihnen umzugehen.&#8220; (Goldhagen, S.451f.) Diese Bestialit\u00e4t ergab sich, so Goldhagen, nicht aus einer wie auch immer gearteten Notwendigkeit heraus, sondern &#8222;aufgrund eines Systems von \u00dcberzeugungen, durch das die Juden so definiert waren, da\u00df sie zur Vergeltung leiden mu\u00dften. Dieses System f\u00fchrte zu einem tiefsitzenden Ha\u00df, wie ihn kaum jemals ein Volk einem anderen gegen\u00fcber empfunden haben d\u00fcrfte.&#8220; (Goldhagen, S.455f)<\/p>\n<h3>Solidarische libert\u00e4re Kritik: &#8222;Vernunftantisemitismus&#8220;<\/h3>\n<p>Zweifelsohne liefert Goldhagens Forschungsansatz, den Holocaust nicht allein aus funktionalen Motiven der NS-Diktatur heraus zu erkl\u00e4ren, sondern prim\u00e4r die Beweggr\u00fcnde der T\u00e4ter in den Blick zu r\u00fccken, neue wertvolle Erkenntnisse. Zudem war es l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig, die Geschichte des Nationalsozialismus mit dem Holocaust im Zentrum eingehend aus der Perspektive der &#8222;ganz gew\u00f6hnlichen Deutschen&#8220; zu schreiben und hierbei den Auswirkungen des Judenhasses in der deutschen Bev\u00f6lkerung im Hinblick auf die Shoah nachzusp\u00fcren. Der heftige \u00c4rger vieler hiesiger Historiker h\u00e4ngt sicherlich auch damit zusammen, da\u00df Goldhagen laut fragt, warum sich die Geschichtswissenschaft in Deutschland bisher diesen &#8218;wei\u00dfen Flecken&#8216; nur unzureichend zugewendet hat. Goldhagens Sprache dagegen ist eindeutig: Den Massenmord am europ\u00e4ischen Judentum w\u00e4hrend des Nationalsozialismus benennt er als deutsches Verbrechen. K\u00fcnftig zwischen Nazis und &#8222;gew\u00f6hnlichen Deutschen&#8220; zu unterscheiden, ist f\u00fcr ihn unakzeptabel. Gleichwohl stellt sich die Frage, ob der Holocaust allein durch die Virulenz des Antisemitismus und der Grausamkeit der T\u00e4ter charakterisiert werden kann. Zwar stellte der Judenha\u00df die entscheidende Voraussetzung f\u00fcr den NS- Vernichtungsantisemitismus dar, doch lie\u00df sich der industrielle Verwaltungsmassenmord in Auschwitz nur begrenzt mit Antijudaismus und Grausamkeit bewerkstelligen.<\/p>\n<p>Um Millionen Menschen in k\u00fcrzester Zeit ermorden zu k\u00f6nnen, reichten die bisherigen Mittel eines pogromistischen Antisemitismus keineswegs aus. Anf\u00e4nglich wu\u00dften auch die Nazis nicht, wie sie die Vernichtung des europ\u00e4ischen Judentums \u00fcberhaupt praktisch umsetzen sollten. Deportationspl\u00e4ne (Madagaskar), der geplante Hungertod in den Ghettos, die Massenerschie\u00dfungen der Sondereinsatzkommandos oder die Ermordung in den Gaswagen mit Kohlenmonoxid erwiesen sich angesichts der Vielzahl zur Vernichtung anstehender Menschen als unzureichend. Erst der Einsatz des industriell produzierten Giftgases Zyklon B (Blaus\u00e4ure) schuf die M\u00f6glichkeit, den Massenmord in k\u00fcrzester Zeit (1942-44) durchzuf\u00fchren. Verbindet mensch aber mit dem Holocaust allein den Antisemitismus und die Grausamkeit judenfeindlicher T\u00e4terInnen, so erkl\u00e4rt sich das Kernereignis des Nationalsozialismus, der &#8218;Zivilisationsbruch&#8216; in den Gaskammern von Auschwitz, nicht (vgl. GWR 136, S.1 &amp; 18: &#8222;Da\u00df Auschwitz nicht sich wiederhole&#8220;). Indem sie zu einer neuen, vernichtenden Qualit\u00e4t fanden, gingen die NationalsozialistInnen weit \u00fcber antisemitische Ressentiments hinaus. W\u00e4hrend der Antisemitismus bis hin zu den Pogromen als rein gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfige Aggression bezeichnet werden kann, zielten die NS-Machthaber auf einen sogenannten &#8222;Vernunftantisemitismus&#8220;, also nicht auf erregte, grausame Menschen, sondern auf Institutionen der Gewalt und damit den gesamten Staatsapparat. \u00dcberdies setzte der Holocaust eine ver\u00e4nderte Organisation der Vernichtung voraus: n\u00e4mlich deren Verwandlung in industrielle Arbeit.<\/p>\n<p>Antisemitismus ist ein struktureller Bestandteil der bestehenden b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, die ohne die Entstellung des Individuums durch Ausgrenzungen (Rassismus, Sexismus usw.) nicht existieren kann. Sie lebt vom nichtreflexiven Denken, von der K\u00e4lte des b\u00fcrgerlichen Subjekts, &#8222;ohne die Auschwitz nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re&#8220; (Adorno). Dies bedeutet gesellschaftlich erzeugte Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber den Opfern (und T\u00e4terInnen). Die Shoah stellt eine extreme Abstrahierung der Individualit\u00e4t von Opfern dar und bedeutet eine weitgehende Versachlichung des T\u00f6tens. Die besondere Qualit\u00e4t des Nationalsozialismus lag in der Losl\u00f6sung des Antisemitismus von den AntisemitInnen, d.h. der Holocaust erfolgte nicht mehr aus der antisemitischen Tradition heraus, sondern markierte eine Ver\u00e4nderung im Charakter der Herrschaft selbst. Statt einem lebendigen, wenn auch gequ\u00e4lten Gegen\u00fcber ben\u00f6tigten die Nazis nur noch die Objektivierung des &#8218;Feindes&#8216;: &#8222;Die Vernichtungspraxis zerrei\u00dft den Zusammenhang von b\u00fcrgerlicher Gesellschaft und Antisemitismus. Die Voraussetzung der Vernichtung besteht nicht in dem fanatischen manifesten Antisemitismus in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, sondern in der unterst\u00fctzenden Gleichg\u00fcltigkeit der Massen gegen\u00fcber den designierten Feinden. In der Vernichtungspraxis verliert der Antisemitismus seine Spezifik; es wird objektiv fragw\u00fcrdig, das Geschehen in den Lagern als Antisemitismus zu begreifen.&#8220; (Detlev Claussen: Grenzen der Aufkl\u00e4rung, 1987, S.43)<\/p>\n<p>Indem Goldhagen diese Transformation des Antisemitismus im Nationalsozialismus hin zu einer Versachlichung des T\u00f6tens und damit einer Ver\u00e4nderung im Charakter der Herrschaft selbst nicht ber\u00fccksichtigt, bleibt ihm letztendlich auch das wechselseitige Verh\u00e4ltnis von Individuum und Gesellschaft, von pers\u00f6nlicher Verantwortung (die er zu einseitig betont) und strukturellen Bedingungen (die er untersch\u00e4tzt) w\u00e4hrend des Nationalsozialismus weitgehend fremd.<\/p>\n<p>Trotz dieses grundlegenden Einwandes erweist sich Goldhagens Forschungsarbeit in vieler Hinsicht als eine ersch\u00fctternde Lekt\u00fcre, als empfehlenswerte Studie und zugleich als Anla\u00df, um \u00fcber Entstehung und Ausma\u00df des Holocaust und die Mitwirkung vieler &#8222;gew\u00f6hnlicher&#8220; Deutscher ebenso nachzudenken wie \u00fcber das Weiterwirken von dessen Bedingungsfaktoren &#8211; auch wenn sich die Shoah an der Grenze des Begreifbaren bewegt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit dem Fr\u00fchjahr &#8218;tobt&#8216; ein neuer (Historiker-)Streit in bundesdeutschen und internationalen Medien. 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