{"id":5856,"date":"2003-12-01T00:00:53","date_gmt":"2003-11-30T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5856"},"modified":"2022-07-26T13:18:13","modified_gmt":"2022-07-26T11:18:13","slug":"jetzt-helfen-wir-uns-selbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/12\/jetzt-helfen-wir-uns-selbst\/","title":{"rendered":"Jetzt helfen wir uns selbst"},"content":{"rendered":"<p>Auf der Demonstration und der Abschlusskundgebung auf dem Gendarmenmarkt waren ATTAC und ver.di stark vertreten. In der Presse sind sie als die Organisatoren genannt, obwohl sie anfangs nicht bereit waren, den Aufruf zu einer bundesweiten Demonstration gegen Sozialkahlschlag zu unterst\u00fctzen. F\u00fcr ATTAC wurde diese Veranstaltung erst interessant, als Untergruppen ver.dis, wie z.B. die Bezirksgruppen Stuttgart und Berlin, bereit waren mitzumachen. Das anf\u00e4ngliche Desinteresse hat ATTAC damit begr\u00fcndet, dass sie sich ausschlie\u00dflich f\u00fcr Globalisierungsthemen interessiere. Ihr Umschwenken begr\u00fcndet ATTAC mit der Aussage des Bundeskanzlers, der Grund f\u00fcr seine Agenda 2010 sei der Globalisierungsdruck. Dass die gro\u00dfen Gewerkschaften sich mit der Beteiligungsfrage am Aufruf zu der Protestdemonstration in eine heikle Situation gebracht haben, liegt auf der Hand, weil sie durch gef\u00e4llige Tarifvertr\u00e4ge die Gesetzes\u00e4nderungen der Regierung unterst\u00fctzen und sogar \u00fcberbieten. Bei genauerem Hinsehen war die Gro\u00dfdemo also eine Offensive von ganz unten.<\/p>\n<p><em>In unserem Interview sprechen wir mit Angelika. Sie geh\u00f6rt zum B\u00fcndnis gegen Sozialabbau und Billigl\u00f6hne. <\/em><\/p>\n<p><strong>Graswurzelrevolution: Wie siehst du die Anf\u00e4nge der Protestveranstaltung?<\/strong><\/p>\n<p>Angelika: Im Juli hatten wir ein bundesweites Treffen aller B\u00fcndnisse gegen die Agenda 2010 und den Sozialabbau. Dort haben dann vier Leute, darunter ich, spontan und aus unserer Intuition heraus gesagt: Es muss etwas passieren. Wir m\u00fcssen das Risiko eingehen, eine Demo zu wagen, auch wenn sie ins Wasser fallen k\u00f6nnte. Dann haben wir beschlossen, dass wir im August in Frankfurt eine Aktionskonferenz machen und alle m\u00f6glichen B\u00fcndnisse und Parteien dazu einladen, um zu beratschlagen, ob man sich auf einen gemeinsamen Nenner f\u00fcr eine Demonstration einigen kann. Schlie\u00dflich muss man ja wissen, wof\u00fcr oder wogegen man demonstriert. Diese Veranstaltung hat einen ganzen Tag lang gedauert, jeder konnte sich am Mikrofon \u00e4u\u00dfern, und wir sind mehr oder weniger einhellig zu dem Ergebnis gekommen, dass wir eine Demonstration wollen, und zwar in Berlin, weil das ja unsere Hauptstadt ist (lacht). Dann hat sich eine Vorbereitungsgruppe gebildet, die zun\u00e4chst aus mindestens vier Leuten bestand. Dazu haben sich dann immer mehr Menschen gesellt, zum Beispiel die AG &#8222;Faxen dicke&#8220;, eine kleine Erwerbsloseninitiative aus Norddeutschland, die SAV, ein paar Leute von ATTAC, einzelne Gr\u00fcppchen von ver.di, ein paar Leute von der IG Metall, Vertrauensleute von Hoesch. Dazu Leute von der DKP, vom Arbeiterbund und von einigen Arbeitsloseninitiativen. Kurz, die Gruppe, die sich dann zur Vorbereitung der Demo in Hannover getroffen hat, war sehr gemischt &#8211; was die Sache nicht einfacher gemacht hat, weil wir zuerst einen gemeinsamen Nenner finden mussten, unter dem wir \u00fcberhaupt demonstrieren konnten. Immerhin: Wir waren alle einhellig der Auffassung, dass Agenda 2010, R\u00fcrup und Hartz nur zu Lasten der Arbeitslosen und der sozial Schwachen gehen, und wir waren der Meinung, dass dagegen was unternommen werden muss.<\/p>\n<p><strong>GWR: Gab es au\u00dfer diesem Hauptthema weitere Vorschl\u00e4ge der einzelnen Str\u00f6mungen, die auf der Demo h\u00e4tten eingebracht werden sollen, die aber aufgrund dessen, dass man einen gemeinsamen Nenner finden wollte, au\u00dfen vor bleiben mussten?<\/strong><\/p>\n<p>Angelika: Ja, es mussten einige Dinge au\u00dfen vor bleiben, weil wir uns nicht verzetteln wollten und konnten. Die Teilnehmer der Vorbereitungsgruppe haben auch gewechselt, es war also nicht immer dieselbe Zusammensetzung. Die Zusammenarbeit musste auf pragmatischer Ebene laufen. Beim letzten Treffen wurde dann konkret die Demo geplant, es wurden Konten eingerichtet, Transparente gemacht, der B\u00fchnenaufbau besprochen und die Demo im eigentlichen Sinne organisiert, es wurde eine Demoleitung bestimmt, mit der Polizei verhandelt usw., um all die ordnungspolizeilichen Auflagen zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p><strong>Wie viele Leute waren es denn bei dem ersten bundesweiten Treffen am 19. Juli in Frankfurt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich sch\u00e4tze, so etwa 30 Leute.<\/p>\n<p><strong>Und wie entwickelte sich das bei den weiteren Treffen in Hannover? Sind es mehr oder weniger Teilnehmer geworden?<\/strong><\/p>\n<p>Das hat geschwankt, aber im Durchschnitt waren wir immer so 15, 20 Leute. Ich selbst war auf allen Treffen.<\/p>\n<p>Hannover ist zum Treffpunkt der Vorbereitungsgruppe geworden, weil die Leute, die die Demonstration planen wollten, von \u00fcberallher kamen, und jeder sollte einen \u00e4hnlichen Anfahrtsweg haben. Auf dieser Basis haben wir Hannover &#8222;errechnet&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Nun zur Demonstration selbst. Laut Polizei sollen ja \u00fcber 300 Busse nach Berlin gekommen sein. Wie sind denn diese Busse organisiert worden, wie kam das zustande?<\/strong><\/p>\n<p>Hier in Frankfurt hat ver.di S\u00fcdhessen den Bus bezahlt, was ich wirklich loben muss und was uns sehr geholfen hat, denn die meisten Arbeitslosen haben naturgem\u00e4\u00df kein Geld, um eine solche Reise zu bezahlen und wom\u00f6glich noch mit \u00dcbernachtung. Wie gesagt: Manche Teile gro\u00dfer Gewerkschaften haben sich tats\u00e4chlich dahingehend beteiligt, dass sie Busse bezahlt haben. Insofern haben sie auch ein St\u00fcck zum Gelingen der Demo beigetragen, obwohl sie nicht selbst aufgerufen haben.<\/p>\n<p><strong>Ist das nicht ein widerspr\u00fcchliches Handeln der gro\u00dfen Gewerkschaften? Selbst rufen sie nicht dazu auf, aber finanzieren dann Busse, damit Leute hinkommen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Busfinanzierung wurde von der Basis in die Wege geleitet. Die Gewerkschaften bestehen aus der Basis und der F\u00fchrung. Die F\u00fchrung macht eine v\u00f6llig andere Politik als die Basis, und es ist der Basis der etablierten Gewerkschaften hoch anzurechnen, dass sie so mutig waren, sich da zu engagieren und die Gewerkschaftsspitzen, die meiner Meinung nach schon gar nicht mehr zu den Gewerkschaften geh\u00f6ren, einfach au\u00dfen vor zu lassen.<\/p>\n<p><strong>Zur Demo selbst: Wie hoch waren denn anfangs eure Erwartungen, wie viele Leute kommen w\u00fcrden?<\/strong><\/p>\n<p>Kritische Stimmen haben gesagt: Mehr als 5.000 Leute bringt ihr sowieso nicht auf die Stra\u00dfe. Manche haben \u00fcberhaupt nicht spekuliert, sondern sich einfach \u00fcberraschen lassen. Zu der Gruppe habe ich geh\u00f6rt. Aber die Skeptiker haben uns eine Blamage vorhergesagt. F\u00fcr uns war es schon ein Risiko. Mit 100.000 hat jedenfalls keiner gerechnet.<\/p>\n<p><strong>So dass du die Demonstration als Erfolg wertest?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, die Demonstration war ein Erfolg. Vor allem ist es beruhigend, dass Menschen von sich aus, durch ihr eigenes Gerechtigkeitsgef\u00fchl angetrieben, f\u00e4hig sind, selber was zu organisieren, und nicht immer nach oben zu den Politikern und Gewerkschaftsspitzen gucken, was die denn sagen, und dann einfach hinterher latschen oder eben auch nicht. Das hat mich sehr gefreut.<\/p>\n<p><strong>100.000 Leute &#8211; das ist sehr viel. Wahrscheinlich kamen Leute aus den unterschiedlichsten Str\u00f6mungen. Was waren deine Beobachtungen?<\/strong><\/p>\n<p>Es kamen wie gesagt Leute aus den etablierten Gewerkschaften; Leute, die in mehreren Gruppen Mitglied sind, z.B. sowohl in den etablierten Gewerkschaften als auch in Arbeitsloseninitiativen; Leute aus den kommunistischen Gruppen; Leute aus dem anarchosyndikalistischen Spektrum &#8211; die haben immerhin 1.000 Leute mobilisieren k\u00f6nnen; Autonome waren da; und ich habe geh\u00f6rt, dass sich Passanten, nachdem sie erfahren hatten, wogegen wir demonstrieren, kurz entschlossen eingereiht haben.<\/p>\n<p><strong>Ja, das habe ich auch beobachtet. Es gab Leute, die mit vollen Einkaufstaschen mitmarschiert sind. Das ist toll.<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Und zugleich hei\u00dft das: Wir m\u00fcssen noch sehr viel mehr und besser informieren. Weil die Leute mit den Einkaufstaschen ja offensichtlich erst am 1.11. von der Demo \u00fcberhaupt was mitgekriegt haben. Und das nur, weil sie auf der Stra\u00dfe waren. Die waren ja teilweise ganz \u00fcberrascht und haben gefragt: Worum geht&#8217;s hier eigentlich?<\/p>\n<p><strong>So dass ihr sp\u00e4teres Hinzukommen nicht in Desinteresse oder geringer Motivation begr\u00fcndet ist, sondern in mangelnder Information, mangelndem \u00d6ffentlichmachen der Veranstaltung.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, so habe ich das empfunden. Es gab so viele \u00fcberraschte Gesichter.<\/p>\n<p><strong>Hat es eigentlich schon ein Nachbereitungstreffen zur Auswertung der Demo gegeben?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Am 23. November1 gibt es ein Nachbereitungstreffen, und f\u00fcr den 13. Dezember wird bereits zu einer weiteren Aktionskonferenz eingeladen, denn wir haben vor, noch eine zweite Demo zu organisieren.<\/p>\n<p><strong>Das hei\u00dft, die gro\u00dfe Demonstration am 1. November war erst der Anfang?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das haben wir von Anfang an so gesehen, dass das erst der Auftakt sein kann f\u00fcr einen breiten Widerstand, denn mit einer Demonstration haben wir noch nichts gewonnen. Das war sozusagen ein Test, wie die Stimmung hier in Deutschland zum Thema Agenda 2010 und Hartz ist.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Breiter Widerstand&#8220; &#8211; hei\u00dft das auch, dass sich ein breites Spektrum sammeln soll, um f\u00fcr eine Sache zu k\u00e4mpfen?<\/strong><\/p>\n<p>Die unterschiedlichen Gruppen, die ich vorhin erw\u00e4hnt habe, m\u00fcssen \u00fcber ihren Schatten springen und ihre Selbstdarstellung hintanstellen, damit wir etwas bewirken k\u00f6nnen. Wenn sich bestimmte Gruppen in den Vordergrund spielen und jeder sich die Erfolge ans Revers heften will, werden wir scheitern. Das ist doch im Grunde dasselbe Gebaren, das die Politiker an den Tag legen. Ich hoffe, dass die betreffenden Gruppen noch an sich arbeiten werden und den Gemeinschaftssinn entdecken, der hier dringend n\u00f6tig ist, um die Sache zum Erfolg zu f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Glaubst du an diese M\u00f6glichkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, weil die Menschen lernf\u00e4hig sind. Wir m\u00fcssen uns ja nur das anschauen, was wir schon haben, um zu sehen, wie es nicht funktioniert. Denn es liegt ja klar auf der Hand, dass wir im Grunde ein anderes System brauchen. Wir brauchen keine Imitatoren der Politiker, die wir schon haben.<\/p>\n<p><strong>Ihr ruft auf zum Aufbruch.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, zum Aufbruch in ein anderes System und in ein anderes Denken. Ein nicht hierarchisches. Ich bin der Meinung, dass das Parteiensystem, das wir seit Jahrzehnten haben, f\u00fcr die Zukunft nicht mehr funktionieren wird. Ich pl\u00e4diere f\u00fcr ein anderes Modell: Wir sollten uns abgew\u00f6hnen, immer nach oben zu schauen und andere daf\u00fcr zu bezahlen, dass sie unsere Interessen vertreten, denn was dabei rauskommt, sehen wir eigentlich schon seit Jahrzehnten. Der Kapitalismus basiert immer auf Ausbeutung. Ausbeutung von Menschen, Ausbeutung von Ressourcen, Ausbeutung der Natur. Wir sind eigentlich immer die Verlierer, und wir m\u00fcssen unsere Sache nichthierarchisch selbst in die Hand nehmen.<\/p>\n<p><em>Nachsatz: Die Aktionen von unten gehen weiter. In Frankfurt hatte Peter Hartz f\u00fcr den 5. November einen Vortrag an der Goethe-Universit\u00e4t angek\u00fcndigt. Sein Auftritt konnte verhindert werden, indem gen\u00fcgend Leute vor Ort lautstark deutlich machten, dass sie dem ehemaligen VW-Manager kein Forum f\u00fcr die Propagierung seiner Ideen bieten w\u00fcrden.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Demonstration und der Abschlusskundgebung auf dem Gendarmenmarkt waren ATTAC und ver.di stark vertreten. In der Presse sind sie als die Organisatoren genannt, obwohl sie anfangs nicht bereit waren, den Aufruf zu einer bundesweiten Demonstration gegen Sozialkahlschlag zu unterst\u00fctzen. 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