{"id":5858,"date":"2003-12-01T00:00:12","date_gmt":"2003-11-30T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5858"},"modified":"2022-07-26T14:15:10","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:10","slug":"helmut-kirschey-1913-2003","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/12\/helmut-kirschey-1913-2003\/","title":{"rendered":"Helmut Kirschey (1913-2003)"},"content":{"rendered":"<p>Ich lernte Helmut im Sommer 1983 kennen. Er besuchte damals einen alten Freund und Genossen in Wuppertal, den Ulrich Klan und ich im Zuge unserer Recherchen zum Anarchosyndikalismus im Rheinland kennen gelernt hatten. Ich erinnere mich noch genau an diese erste Begegnung, die \u00fcber die Frage, warum Helmut, der als Anarchosyndikalist fast ein Jahr in Spanien von Stalinisten inhaftiert worden war, Mitglied der Kommunistischen Partei Schwedens geworden war, in eine lautstarke Diskussion m\u00fcndete.<\/p>\n<p>Bis zu seinem Tode haben wir \u00fcber diese Frage oft privat und auf vielen \u00f6ffentlichen Veranstaltungen diskutiert; zuletzt im Mai 2003 in Wuppertal. Als ehemaliger Emigrant war Helmut von der Stadt Wuppertal eingeladen worden. Diese Einladung hatte f\u00fcr Helmut einen hohen symbolischen Wert. Es bedeutete f\u00fcr ihn die offizielle Anerkennung seines Widerstands gegen das NS-Regime.<\/p>\n<p>Helmut wurde am 22. Januar in Elberfeld geboren. Sein Vater, ein aktiver Sozialdemokrat, fiel 1917 an der Front. Was dann folgte, schilderte der damals vierj\u00e4hrige Helmut folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p>&#8222;Eine Erinnerung, die so weit zur\u00fcckreicht, ist der Hunger und ihre Konsequenzen. Nachdem der Vater gefallen war in Frankreich, musste meine Mutter Arbeit suchen, um ihre sechs Kinder zu versorgen. Sie bekam eine Arbeit auf dem Viehhof und ich sehe heute noch das Bild, wenn sie manchmal von der Arbeit kommend aus dem BH [B\u00fcstenhalter) ein St\u00fcck Fleisch herausholte, dass sie nat\u00fcrlich gestohlen hatte.&#8220;<\/p>\n<p>Aber kleine &#8218;Diebst\u00e4hle&#8216; waren nicht die einzige Antwort von Auguste Kirschey auf die katastrophalen Lebensbedingungen w\u00e4hrend des Krieges, von denen vor allem die kinderreichen Familien betroffen waren. Sie wurde zun\u00e4chst Mitglied der Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und Ende 1920 der KPD. Zugleich war sie Referentin des &#8222;Internationalen Bundes der Opfer des Krieges und der Arbeit&#8220;, der sich um die Renten- und Versorgungsanspr\u00fcche der Kriegsopfer und -witwen k\u00fcmmerte. Im Mai 1924 wurde sie zur Stadtverordneten der KPD in Elberfeld gew\u00e4hlt. Am 23. August 1924 starb sie an den Folgen einer Blinddarmoperation im Alter von 40 Jahren.<\/p>\n<p>Es war au\u00dfergew\u00f6hnlich, das eine Frau mit sechs Kindern \u00f6ffentliche Funktionen in der KPD \u00fcbernahm. Vom politischen Engagement der Mutter erz\u00e4hlte Helmut immer mit gro\u00dfem Stolz. Er f\u00fchrte sein eigenes und das politische Engagement seiner Geschwister vor allem auf das Vorbild der Mutter zur\u00fcck. Sein Bruder Willi (geb. 1906) arbeitete seit 1931 hauptamtlich f\u00fcr die KPD in Berlin, sein Bruder Walter (geb. 1908) war seit 1931 Mitglied des Zentralkomitees des Kommunistischen Jugendverbandes und sein Bruder Alfred (geb. 1911) Unterbezirkssekret\u00e4r des KJVD in Wuppertal. Aufgrund dieser Familientradition war es selbstverst\u00e4ndlich, dass Helmut und sein j\u00fcngerer Bruder Hans (geb. 1915) innerhalb der kommunistischen Bewegung aufwuchsen. Als 6j\u00e4hriger wurde Helmut Roter Pionier und mit 14 Jahren Mitglied des KJVD.<\/p>\n<p>Aber im Unterschied zu seinen Br\u00fcdern, die kommunistische Funktion\u00e4re wurden, verlie\u00df Helmut 1931 den KJVD. Beeinflusst von einem Onkel schloss er sich der Syndikalistisch-Anarchistischen Jugend (SAJD) und der Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) an. &#8222;Der Grund daf\u00fcr, dass ich die kommunistische Bewegung verlie\u00df, war also der, den man immer wieder diskutiert hat: der Zentralismus und wie Stalin seine Macht missbrauchte. (&#8230;) Die Atmosph\u00e4re in der anarchosyndikalistischen Bewegung gefiel mir ausnehmend gut. Sie war antiautorit\u00e4r und das genaue Gegenteil des autorit\u00e4ren Geistes innerhalb der kommunistischen Bewegung, au\u00dferdem konnte man verschiedenen Meinung sein und offen diskutieren, ohne deswegen als Verr\u00e4ter angesehen zu werden.&#8220;<\/p>\n<p>Die Wuppertaler Anarchosyndikalisten waren nicht sehr zahlreich aber daf\u00fcr sehr aktiv und militant, vor allem die Gruppe der SAJD, die f\u00fcr Helmut auch eine Art Familienersatz wurden, denn nach einem Streit mit seiner Schwester war er 1931 aus deren Wohnung ausgezogen.<\/p>\n<p>Helmut lebte seit 1932 im Hause der Familie Benner, deren S\u00f6hne Fritz, Willi und Eugen Aktivisten der SAJD und FAUD waren. Als Reaktion auf die in Wuppertal besonders gewaltt\u00e4tige Nazi-Bewegung hatten die Anarchosyndikalisten eine antifaschistische Kampfgruppe, die &#8222;Schwarze Schar&#8220; gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Die Gruppe kaufte einige Waffen, die auch in Notwehr gegen die Nazis eingesetzt wurden. Bei Helmut wurde nach einer Razzia der Polizei eine der Waffen gefunden und deshalb verb\u00fc\u00dfte er 1932 eine mehrmonatige Haftstrafe.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1933 wurde er auf offener Stra\u00dfe verhaftet. SA-Leute hatten ihn erkannt und nur den lauten Schreien der Mutter der Genossen Benner verdankte er, dass sich sofort eine Menschenmenge ansammelte, die SA-M\u00e4nner ihn deshalb nicht abf\u00fchren konnten und er &#8222;nur&#8220; in Polizeigewahrsam genommen wurde. Helmut war dann bis November 1933 in einem alten Gef\u00e4ngnis in Dinslaken, das als KZ umfunktioniert wurde, inhaftiert. Da er nach seiner Entlassung von der Gestapo beobachtet wurde, floh er nach Amsterdam. Dort arbeitete er in der Gruppe &#8222;Deutsche Anarchosyndikalisten im Ausland&#8220; (DAS), der offiziellen Auslandsleitung der FAUD. In den Niederlanden lebten die anarchosyndikalistischen Emigranten unter miserablen Bedingungen. Sie wurden sehr solidarisch von niederl\u00e4ndischen Syndikalisten, die zu dieser Zeit nur ca. 3000 Mitglieder hatten, die zumeist arbeitslos waren, aber dennoch zehn illegal lebende deutsche Emigranten unterst\u00fctzten. Helmut verwies immer wieder auf die dort erfahrene Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p>Als die DAS-Mitglieder vom Ausbruch des Krieges erfuhren, war sofort klar, dass sie dorthin wollten. In Spanien konnten sie endlich nachholen, was f\u00fcr sie in Deutschland nicht m\u00f6glich war: Der bewaffnete Aufstand gegen den Faschismus! Zusammen mit Fritz Benner, der 1935 emigrieren musste, und zwei weiteren Genossen fuhr Helmut mit gef\u00e4lschten Papieren nach Spanien. An der Grenze wurden sie von anarchistischen Milizion\u00e4ren \u00fcberschw\u00e4nglich empfangen. In Barcelona wohnten sie zun\u00e4chst in einem kollektivierten Luxushotel, wo Helmut den ersten Pyjama seines Lebens trug. Sp\u00e4ter zogen sie in die Villa des ehemaligen Landesleiters der NSDAP in Spanien, eines Prokuristen der Firma Merck. Der kleinen Gruppe DAS, die zu diesem Zeitpunkt rund 40 Mitglieder z\u00e4hlte, war von der m\u00e4chtigen CNT\/FAI in Barcelona die Kontrolle \u00fcber alle deutschsprachigen Ausl\u00e4nder in Katalonien \u00fcbertragen worden.<\/p>\n<p>In diese Arbeit wurde Helmut mit eingebunden. Als Anarchist versah er die Funktion eines &#8222;Ausl\u00e4nderpolizisten&#8220;, wie er das sp\u00e4ter ausdr\u00fcckte. Nach internen Querelen in der Gruppe DAS ging Helmut im Februar im Februar 1937 an die Front; er k\u00e4mpfte in der Internationalen Kompanie der Kolonne Durruti. Bei K\u00e4mpfen bei Tardienta im April 1937 wurde die Internationale Kompanie aufgerieben. Fast die H\u00e4lfte der 102 Angeh\u00f6rigen fiel oder wurde schwer verletzt. Obwohl Helmut immer wieder die Notwenigkeit des bewaffneten Kampfes immer wieder betont hat, lag es ihm fern, diesen Kampf zu glorifizieren. Im Gegenteil: Noch in seinen Erinnerungen wirkt die Ersch\u00fctterung \u00fcber die Erlebnisse nach: &#8222;Ich hatte noch nie in meinem Leben solche Angst gehabt, ich war so entsetzt, dass ich mir schlicht und einfach in die Hosen schi\u00df. Trotzdem k\u00e4mpfte ich weiter, aber ich schob alles beiseite, solange der Kampf andauerte.&#8220;<\/p>\n<p>Am 2. Mai 1937 begannen die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Stalinisten und Anarchisten in Barcelona. Die danach folgende Repression richtete sich vor allem gegen die POUM und auch gegen die ausl\u00e4ndischen Sympathisanten der CNT\/FAI. Helmut wurde mit anderen Anarchosyndikalisten verhaftet und sa\u00df zun\u00e4chst in kommunistischen Geheimgef\u00e4ngnissen in Barcelona und Valencia und bis April 1938 in einem staatlichen Gef\u00e4ngnis in Segorbe.<\/p>\n<p>Nach seiner Entlassung konnte er nicht in Spanien bleiben. Helmut lebte zun\u00e4chst einige Monate in Frankreich und den Niederlande und gelangte schlie\u00dflich Anfang 1939 nach G\u00f6teborg. Dort lebte er zusammen mit seinen Wuppertaler Genossen Fritz Benner und Hans Vesper, einem Seemann, der in der Internationalen Transportarbeiterf\u00f6deration organisiert war, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine gro\u00dfe Bedeutung hatte. In Zusammenarbeit mit der ITF war Helmut w\u00e4hrend des Krieges illegal t\u00e4tig in Schweden.<\/p>\n<p>1940 lernte er seine sp\u00e4tere Frau in G\u00f6teborg kennen. Wie wichtig dies f\u00fcr sein Leben war, schreibt er in seinen Erinnerungen: &#8222;Gerade in diesem Jahr, 1940, ging es mir psychisch und finanziell besonders dreckig. In dieser Situation war es wunderbar, einem Menschen zu begegnen, der sich f\u00fcr mich interessierte.&#8220;<\/p>\n<p>In den 50er Jahren trennte sich Helmut von der syndikalistischen Bewegung; politische Gr\u00fcnde aber auch Entt\u00e4uschungen \u00fcber ihm nahe stehende Genossen waren daf\u00fcr ma\u00dfgeblich. Er schloss sich 1968 wieder der Kommunistischen Partei in Schweden an, nachdem diese Stellung gegen den Einmarsch der Sowjetunion in die Tschechoslowakei bezogen hatte.<\/p>\n<p>Dennoch hat Helmut seine anarchistischen Wurzeln nie verleugnet und seit den 90er Jahren hatte er wieder enge Kontakte zur SAC.<\/p>\n<p>In den letzten 15 Jahren seines Lebens wurde Helmut in Schweden eine Figur des \u00f6ffentlichen Lebens. Als deutscher Antifaschist und Spanienk\u00e4mpfer genoss er gro\u00dfes \u00f6ffentliches Ansehen und er war ein gefragter Zeitzeuge in Schulen, Universit\u00e4ten und bei politischen Jugendorganisationen. 1998 erschienen seine von dem Journalisten Richard J\u00e4ndel verfassten Erinnerungen, f\u00fcr die er den Kulturpreis des schwedischen Arbeiterbildungsvereins erhielt.<\/p>\n<p>Als wir uns im Mai in Wuppertal verabschiedeten, sprach er davon, dass es vermutlich ein Abschied f\u00fcr immer sei. Er sah seinem Tod gelassen entgegen. Halb ernst, halb spa\u00dfhaft sagte er immer, jeder Tag, den er Hitler \u00fcberlebt habe, sei f\u00fcr ihn ein Geschenk.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich lernte Helmut im Sommer 1983 kennen. Er besuchte damals einen alten Freund und Genossen in Wuppertal, den Ulrich Klan und ich im Zuge unserer Recherchen zum Anarchosyndikalismus im Rheinland kennen gelernt hatten. 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