{"id":5860,"date":"2003-12-01T00:00:29","date_gmt":"2003-11-30T22:00:29","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5860"},"modified":"2022-07-26T14:15:10","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:10","slug":"fur-eine-gewaltfreie-herrschaftslose-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/12\/fur-eine-gewaltfreie-herrschaftslose-gesellschaft\/","title":{"rendered":"F\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<h3>Teil 1: Interview mit Helga<\/h3>\n<p><strong>GWR: Liebe Helga, wie hast Du Dich politisiert? Was waren wichtige Ereignisse in Deinem politischen Leben?<\/strong><\/p>\n<p>Helga: Wie ich politisiert wurde oder ob ein Ereignis ein wichtiges im politischen Leben war, wurde mir oft erst im R\u00fcckblick deutlich. Es fing ja ganz unpolitisch an, wollte ich grad sagen &#8211; und merke gleich, da\u00df das schon zu kurz greifen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Als ich knapp 15 war, zogen wir 1949 nach Krieg und Evakuierung zur\u00fcck nach Kassel. Meine Eltern hatten zu ihren alten Freunden aus der Vorkriegs-Arbeiterjugend noch Kontakt und haben ganz bewu\u00dft daf\u00fcr gesorgt, da\u00df ich mich deren Tochter bei der Naturfreundejugend anschlo\u00df. Ganz sicher war das der erste Schritt in die &#8222;linke Richtung&#8220; &#8211; von meinen Eltern aus ihrer eigenen Sozialisierung her so gewollt, ohne da\u00df ich damals absch\u00e4tzen konnte, welche Bedeutung das hatte.<\/p>\n<p>Diese alten Freunde und wir wohnten ziemlich nah beieinander, alle in selbstgebauten winzigen Behelfsh\u00e4uschen mitten in intensiv betriebenen Gem\u00fcseg\u00e4rten, mit langen Wegen bis zum \u00f6ffentlichen Nahverkehr. Es war toll, so schnell Anschlu\u00df zu finden.<\/p>\n<p>Wandern, singen, tanzen, Theater spielen, Musik aus anderen L\u00e4ndern, und am Wochenende mit Rad und Zelt &#8222;auf Fahrt gehen&#8220; &#8211; wenn ich nicht grad Tr\u00fcmmersteine sauberklopfen mu\u00dfte f\u00fcr unser n\u00e4chstes Zimmer. Diese Selbstversorgung und das Haus Marke Eigenbau waren, wenn auch unter leichtem elterlichem Zwang (denn lieber w\u00e4r ich an allen Wochenenden auf Fahrt gegangen), auch eine Pr\u00e4gung, die mich nicht mehr losgelassen hat. Dazu kamen sp\u00e4ter die Erkenntnisse aus der \u00d6kologie- und 3.Welt-Bewegung, die das noch festigten: Gem\u00fcse und Obst f\u00fcr sich selbst und ohne Gift anbauen, die Welt nicht durch den eigenen Lebensstil belasten.<\/p>\n<p>Es dauerte nicht lang, bis die Naturfreundejugend anfing mit der Aufarbeitung der Nazizeit. Wir waren in den St\u00e4dten noch umgeben von Tr\u00fcmmern, die Familien trauerten um Vieles: Gefallene, im Konzentrationslager Umgekommene, zerbombte H\u00e4user, verlorene Heimat, vergewaltigte T\u00f6chter, Verlust von Hab und Gut, keine Arbeit. Wir Jugendlichen mu\u00dften begreifen lernen, wieso es dazu gekommen war.<\/p>\n<p>Die Naturfreunde, wie so viele w\u00e4hrend des &#8222;Dritten Reiches&#8220; verbotene Organisationen, entwickelten eine Jugendarbeit von einer tollen Bandbreite: Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Nazizeit, den Krieg und alles, was damit zu tun hatte. Fahrten zu den Konzentrationslagern Buchenwald und Auschwitz &#8211; das hat uns sehr mitgenommen, gepr\u00e4gt, Alptr\u00e4ume verursacht. Meine Eltern waren knapp verschont geblieben, wenn sie auch als fr\u00fchere Mitglieder der KPD und des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes immer wieder bespitzelt worden waren und in Angst gelebt hatten. Viele ihrer Freunde hatten es nicht \u00fcberlebt. Wir begriffen: das alles darf nie wieder passieren. Aber auch Literatur, Kunst, alles was w\u00e4hrend der Nazizeit unterdr\u00fcckt war oder sich eben in der Nachkriegszeit entwickelte, war Teil unserer Gruppenarbeit. Ich denke immer noch mit Bewunderung daran zur\u00fcck. Nicht nur an das Programm, sondern an diese jungen M\u00e4nner und Frauen, die fast ihre ganze Freizeit daf\u00fcr gaben. So scheint es mir im R\u00fcckblick zumindest. Sie fuhren nach der Arbeit, auch bei Schnee und Eis, z.B. von Frankfurt nach Kassel und wieder zur\u00fcck, um zu organisieren, politische Ideen vorzustellen, \u00fcber Gruppendynamik oder sexuelle Erziehung zu referieren, \u00fcber Nachtwanderungen oder Sportfeste &#8211; oder einfach nur, um mit uns zu singen. Was alles so dazu geh\u00f6rt, zur Jugendleiterausbildung. Ich kam aus dieser kleinen Zwergschule. 15 Kinder gabs im Dorf, einschlie\u00dflich der Fl\u00fcchtlinge und Evakuierten, alle Jahrg\u00e4nge gleichzeitig in einer Klasse! Und konnte nun meinen Horizont erweitern, obwohl ich zu keiner &#8222;H\u00f6heren&#8220; Schule hatte gehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Viele dieser Jugendlichen, die wie ich durch diese Gruppenarbeit solidarisches Gemeinschaftsgef\u00fchl entwickelten, wurden zwar auf der politischen Schiene, aber auch auf ganz viel anderen unterschiedlichen Empfindungsebenen ber\u00fchrt, was vielleicht dazu gef\u00fchrt hat, da\u00df ich jetzt nach rund 50 Jahren noch immer viele von ihnen aktiv in sozialen Bewegungen oder auch noch direkt bei den Naturfreunden sehe.<\/p>\n<p>Und zu einer Zeit, als wir lernten, da\u00df sich Krieg und Faschismus nicht wiederholen d\u00fcrfen, begannen bereits die Planungen f\u00fcr die Wiederaufr\u00fcstung. Die Naturfreundejugend schien immer mit zu den Aktiven und den Machern zu geh\u00f6ren, zumindest in Hessen. Sie war intensiv beteiligt am Widerstand gegen die Remilitarisierung. Bei einer der Demos in Frankfurt bin ich voll Emp\u00f6rung und tief bewegt auf offener Stra\u00dfe der Gruppe der Kriegsdienstverweigerer beigetreten, indem ich die WRI-Erkl\u00e4rung unterschrieb:<\/p>\n<p>&#8222;Krieg ist ein Verbrechen gegen die Menschheit. Ich bin daher entschlossen, keine Art von Krieg zu unterst\u00fctzen und f\u00fcr die Beseitigung seiner Ursachen zu k\u00e4mpfen.&#8220;<\/p>\n<p>Ich sehe noch den Freund aus einer der s\u00fcdhessischen Gruppen vor mir, der mich &#8222;geworben&#8220; hat, obwohl ich keine Ahnung von der WRI hatte und kein eigenes Theoriegeb\u00e4ude im Hinterkopf. Es war der Zorn dar\u00fcber, da\u00df DIE schon wieder anfingen, die Leute auf Kriege einzustimmen.<\/p>\n<p>Also, so eine Unterschrift ist ja nichts Weltbewegendes. Den Text h\u00e4tte ich u.U. sogar vergessen, wenn ich nicht viel sp\u00e4ter so eng mit der WRI zu tun gehabt h\u00e4tte. Aber es war ein ganz eigenst\u00e4ndiger Schritt f\u00fcr mich, au\u00dferhalb der Gruppe und in einer Zeit, da es ja noch die sogenannten &#8222;Ohnemichel&#8220; gab, diejenigen, die nie wieder etwas unterschreiben wollten, wenn ihre Unterschrift f\u00fcr die Nazis ihnen so \u00fcbel genommen w\u00fcrde. Daraus haben viele abgeleitet, sich nie mehr f\u00fcr etwas zu engagieren. So eine Selbstverpflichtung hat schon eine eigene unsichtbare Dynamik &#8211; ich kann sie nicht mehr ungeschehen machen. Ja, und auch heute noch, mehr als 45 Jahre sp\u00e4ter, piekst sie mich st\u00e4ndig, weil ich nicht mehr tue gegen alle diese Kriege &#8211; und gegen vieles andere.<\/p>\n<p>Welchen Platz ich dabei einnahm? In meiner Erinnerung immer beim &#8222;Fu\u00dfvolk&#8220;: Infost\u00e4nde vor Ort, argumentieren lernen gegen den immerw\u00e4hrenden Spruch &#8222;Geht doch nach Dr\u00fcben, wenn&#8217;s Euch hier nicht pa\u00dft!&#8220;, Flugbl\u00e4tter verteilen (nicht von mir geschrieben), Spenden sammeln, Mitstreiter finden, Protokolle und Gruppenrundbriefe schreiben, Abzeichen verkaufen. Ich war nie bei den Ma\u00dfgebenden und Ideenschmiedern. Aber so ganz einfach d\u00fcrfte es f\u00fcr Frauen damals auch bei den Kriegsdienstverweigerern und dem Ostermarsch nicht gewesen sein, in die &#8222;Chefetage&#8220; aufzusteigen. Nie habe ich vergessen, wie einer der jungen M\u00e4nner bez\u00fcglich einiger schon etwas \u00e4lterer, aber sehr aktiver Frauen herablassend meinte, sie wollten sich nur abreagieren, weil sie keine M\u00e4nner h\u00e4tten. Und Frauen und M\u00e4dchen wurden einerseits kritisiert, weil sie angeblich in den KDVer Organisationen nur als Freundinnen mitkamen, und andererseits, weil viele nicht sahen, was ein weibliches Wesen in so einer m\u00e4nnlichen Gruppe von KDVern zu suchen hat. Es gab ja f\u00fcr Frauen keine Wehrpflicht. Ich hoffe, diese Ansichten sind heute Schnee von gestern.<\/p>\n<p>Ich war trotzdem mit \u00dcberzeugung dabei, immer aus der Gruppenarbeit der Naturfreundejugend heraus: bei landesweiten Demos der ersten Anti-Atombewegung, mit nur wenigen hundert Teilnehmern, die in gro\u00dfen Abst\u00e4nden liefen, damit&#8217;s nach mehr aussah. Bei den Osterm\u00e4rschen der fr\u00fchen 60er Jahre waren wir dann 15.000 zum Schlu\u00df am Frankfurter R\u00f6mer &#8211; das MUSS doch Einflu\u00df haben auf die Politiker, gab einer der Redner damals seiner Hoffnung Ausdruck.<\/p>\n<p>Alle diese Aktivit\u00e4ten bewirkten, da\u00df ich mich nach au\u00dfen nur dar\u00fcber und nie \u00fcber Beruf und Arbeitsplatz definierte. \u00dcber die tieferen Gr\u00fcnde l\u00e4\u00dft sich nur spekulieren. Vielleicht lag es daran, da\u00df ich von meiner Ausbildung her ja &#8222;nur&#8220; Stenotypistin war. Viel sp\u00e4ter, Anfang der 90er, war ich einige male Abteilungssekret\u00e4rin. Das klang besser, war aber nur mehr Arbeit, nicht mehr Ehre. Ich glaube, als Arbeiterkind wollte ich in normalen Firmen nicht so mitziehen und &#8222;das kapitalistische System unterst\u00fctzen&#8220;. Auch dies ein Teil der Politisierung. M\u00f6glicherweise sogar eine Sp\u00e4tfolge der Schulungen \u00fcber Marx, Engels und Mehrwert. Eine Unlust am normalen Gesch\u00e4ftsbetrieb, der von mir immer als kapitalistisch und damit verwerflich eingesch\u00e4tzt wurde. Jetzt bin ich schon lange Rentnerin und darf das mal so \u00f6ffentlich preisgeben, da ich keine Stelle mehr suche und sicher auch trotz Verl\u00e4ngerung der Lebensarbeitszeit nicht mehr zwangsverpflichtet werde.<\/p>\n<p>Ich hatte schon 14 Berufsjahre in der ganz gew\u00f6hnlichen Arbeitswelt, bei kleinen Krautern, gro\u00dfen Konzernen, einem Verein und einer Beh\u00f6rde hinter mir, als der &#8222;Umschwung&#8220; kam. Ohne diese Berufserfahrungen in der Ein\u00f6de von Diktate aufnehmen und tippen h\u00e4tten meine sp\u00e4teren &#8222;Arbeitgeber&#8220; kaum Verwendung f\u00fcr mich gehabt. Denn zum Gl\u00fcck geh\u00f6rt es auch zu den wichtigen Ereignissen in meinem Leben, da\u00df mir einige interessante Arbeitspl\u00e4tze in den Scho\u00df gefallen sind, sie wurden an mich herangetragen: die Jahre 1964 bis 1966 in Offenbach f\u00fcr den Ostermarsch und in der Bundesgesch\u00e4ftsstelle beim Verband der Kriegsdienstverweigerer (VK). Und ebenso die f\u00fcnf Jahre im WRI-B\u00fcro in London wie auch sp\u00e4ter die acht Jahre Arbeit f\u00fcr die Gewaltfreien Aktionsgruppen in der Graswurzelwerkstatt.<\/p>\n<p>Die Zeit im WRI B\u00fcro und in England \u00fcberhaupt brachte mich mit so viel unbekannten Ideen in Ber\u00fchrung. Wie sehr uns das bewegte und bereicherte, geht aus dem hervor, was Wolfgang dazu sagt. Au\u00dfer den WRI-Leuten lernten wir z.B. John Papworth kennen, den Mitbegr\u00fcnder der Zeitschrift Resurgence. Schon damals sprach er dar\u00fcber, da\u00df es eines Tages Kriege um knapper werdende Wasservorr\u00e4te geben werde &#8211; ein Thema, das hier erst jetzt langsam ins Bewu\u00dftsein dringt.<\/p>\n<p>Als wir nach unserer R\u00fcckkehr f\u00fcr die Gewaltfreien Aktionsgruppen zu arbeiten begannen, hatte ich vorher keine Vorstellung davon, welch aufregende Zeiten wir vor uns hatten. Viele gwr-LeserInnen sind ja mit der Zeit ab 1974 selbst noch vertraut. Was wir als besonders weitreichend empfanden waren die Selbstorganisation der Gruppen, das Bem\u00fchen um Gleichberechtigung, um gemeinsam erarbeitete Entscheidungsprozesse, die Erkenntnis, da\u00df es sich bei Abstimmungen nicht um demokratisches Vorgehen handelt, wenn die Mehrheit mal grad aus 51 % besteht, die sorgf\u00e4ltige Vorbereitung und \u00f6ffentliche Bekanntmachung von Aktionen &#8211; das waren Entwicklungen, f\u00fcr die wir sehr gern gearbeitet und das B\u00fcro in unsere kleine K\u00fcche gequetscht haben.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie habt Ihr Euch kennen und lieben gelernt?<\/strong><\/p>\n<p>Helga: Ganz romantisch. Wir scherzen gern und sagen: Wir haben unser Herz in Heidelberg verloren, auf dem ber\u00fchmten Schlo\u00df. Das war 1964 durch meine Arbeit beim VK, der f\u00fcr die WRI eine Studienkonferenz in Offenbach organisierte (mit Ausflug nach Heidelberg). Wolfgang war einer der Teilnehmer. Er war nicht nur am Thema, sondern &#8211; f\u00fcr mich unerwartet &#8211; auch an mir interessiert, und das mit einem ganz besonderen Charme, dem ich mich nicht verschlie\u00dfen konnte. Aber viele seiner politischen Vorstellungen waren v\u00f6llig anders als meine, so da\u00df bei stundenlangen Diskussionen meine Antworten alle mit &#8222;Ja, aber&#8230;&#8220; anfingen &#8211; kein Wunder, vom Anarchismus hatte ich bis dahin noch nichts geh\u00f6rt. Die Jahre im B\u00fcro der WRI in London und das Bekanntwerden mit der weltweiten gewaltfreien Bewegung haben dann auf meine Vorstellungen einen gro\u00dfen Einflu\u00df gehabt &#8211; und dabei die Anzahl meiner &#8222;Ja, aber&#8220; betr\u00e4chtlich verringert. Und lieben gelernt? Abgesehen von dem anf\u00e4nglichen Verliebtsein erfahre ich das als einen lebenslangen Proze\u00df, der sich zum Gl\u00fcck bisher st\u00e4ndig wiederbelebt hat. Eine der ganz sch\u00f6nen Erfahrungen, die hoffentlich noch lange anh\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>GWR: Ihr habt gerade ein neues Buch verlegt: &#8222;Ziviler Widerstand im Kosovo&#8220; von Howard Clark (siehe Kasten auf dieser Seite). Welche Motivation hattet Ihr, dieses Werk zu produzieren?<\/strong><\/p>\n<p>Helga: Wir kennen Howard seit Jahrzehnten und wu\u00dften, da\u00df er durch seine Arbeit bei der WRI und mit dem Balkan Peace Team sehr viel Zeit im Kosovo verbracht hatte. Und diese intime Kenntnis der Geschehnisse, der M\u00f6glichkeiten und Vers\u00e4umnisse, von M\u00fchen und Erfolgen sollte recht vielen Menschen zug\u00e4nglich sein, dachten wir, besonders auch f\u00fcr die gewaltlose Bewegung. Auf deutsch gab es bisher zum Kosovo keine Ver\u00f6ffentlichung, die uns die Details und M\u00f6glichkeiten solch \u00fcberw\u00e4ltigender Mobilisierung h\u00e4tte vermitteln k\u00f6nnen. Und auch, wenn wir die Internationale Politik und die NATO schon immer mit Mi\u00dftrauen betrachtet haben, ist es hilfreich, hier nochmal aufgelistet zu finden, was an welchen Stellen ganz anders h\u00e4tte laufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dazu kamen einige Beobachtungen bei der Dreijahreskonferenz der WRI in Kroatien. Wir h\u00f6rten Berichte von einem Student aus dem Kosovo, von M\u00e4nnern und Frauen aus Kroatien und einigen anderen jugoslawischen L\u00e4ndern. In Arbeitsgruppen und Plena wurde hei\u00df diskutiert, sogar der Wunsch, die NATO m\u00f6ge endlich eingreifen &#8211; und das bei einer Konferenz von Pazifisten! Die Diskussionen waren sehr hitzig. Die Jugoslawen vor allem hatten auf ein solidarisches Signal aus der Konferenz gehofft. So schien es manchem, ein solcher Beschlu\u00df h\u00e4tte den Kosovo retten k\u00f6nnen. Welche Fehleinsch\u00e4tzung. Nat\u00fcrlich konnte hier nicht f\u00fcr einen Krieg votiert werden. Es blieben zahllose Fragen offen, wie dieser Krise beizukommen w\u00e4re, obwohl so viele der Teilnehmer aus \u00e4hnlichen Krisengebieten kamen oder jahrzehntelange Erfahrungen in sozialen Bewegungen und mit gewaltfreier Gesellschaftsver\u00e4nderung hatten.<\/p>\n<p>Und viele der jugoslawischen Teilnehmer &#8211; verletzt und aufgew\u00fchlt von ihren Kriegserlebnissen &#8211; sind wohl sehr frustriert nach Hause gefahren. Das schmerzte alle.<\/p>\n<p>Zwar versuchte ich danach, so viel wie m\u00f6glich zu verstehen \u00fcber die Situation im Kosovo, auch im Vorfeld der Bombardierungen und nat\u00fcrlich danach. Obwohl ich u.a. die gelegentlichen Berichte von Howard Clark zum Kosovo las und viele Informationen hatte durch Gespr\u00e4che mit einem guten Freund, der sich sehr im und f\u00fcr den Kosovo einsetzte, blieb das Gef\u00fchl, nicht genug zu verstehen.<\/p>\n<p>Als wir nach dem Krieg h\u00f6rten, da\u00df Howards schon vorher geschriebenes Buch jetzt erscheinen sollte, dachten wir, da\u00df es gut in unser Programm passen w\u00fcrde. Um ganz besonders die Jahre des Zivilen Widerstands im Kosovo auch ein paar Jahre danach noch mal nachlesen, f\u00fcr die Zukunft aufbewahren und auch anwendbar machen zu k\u00f6nnen. Das schien uns ganz wichtig.<\/p>\n<p>Ich finde es toll, da\u00df es jetzt erh\u00e4ltlich ist, da\u00df wir dank dem Institut f\u00fcr Friedensarbeit und gewaltfreie Konfliktaustragung finanzielle Unterst\u00fctzung erhielten von der Deutschen Stiftung Friedensforschung, die uns bei den Druck- und \u00dcbersetzungskosten unter die Arme griff. So ist uns die Entscheidung, das Buch \u00fcbersetzen zu lassen, auch leicht gefallen. F\u00fcr Menschen in sozialen Bewegungen, besonders in der gewaltfreien Bewegung, enth\u00e4lt es eine solche F\u00fclle von Details, die einem die Augen \u00f6ffnen f\u00fcr die Einsch\u00e4tzung dessen, was in einer Gesellschaft mit wessen Hilfe entgegen allen Unkenrufen leistbar, vielleicht sogar ver\u00e4nderbar ist.<\/p>\n<p>Ein besonderer und folgenreicher Aspekt ist dabei die Kampagne zur Beendigung der Blutfehden, wovon ich nichts gewu\u00dft hatte. Howard schreibt, da\u00df die Blutrache der Fluch des Kosovo war, da\u00df noch Ende der 1980er Jahre das Leben von 17.000 M\u00e4nnern davon bedroht war, da\u00df viele von ihnen f\u00fcr Jahrzehnte ihre H\u00e4user nicht mehr verlie\u00dfen aus Angst, ermordet zu werden oder morden zu m\u00fcssen. Wenn es keine M\u00e4nner mehr gab in einer Familie, mu\u00dften die Frauen die Blutrache fortf\u00fchren. Man k\u00f6nnte sich denken, da\u00df alle den Wunsch hatten, das abzuschaffen. Aber es bedurfte vieler Diskussionen und guten Zuredens von Familie zu Familie, von Dorf zu Dorf, um eine Atmosph\u00e4re zu schaffen, in der sich die Betroffenen gegenseitig verzeihen konnten.<\/p>\n<p>Das Jahr 1990 war zum Jahr der Auss\u00f6hnung erkl\u00e4rt worden. An den Wochenenden reisten Anton Cetta und viele andere in die D\u00f6rfer zu betroffenen Familien. Ein Jahr lang ist die Photographin und Hochschullehrerin Lala Meredith-Vula mit ihm umhergereist. Ihr Umschlagbild zeigt eine Versammlung von einigen tausend Menschen in Xhonaj im Kosovo am 2. Mai 1990. Am gleichen Tag an anderer Stelle waren es fast 500.000, nach Sch\u00e4tzung von Anton Cetta, Leiter der Kampagne, von der die Leute nur vom H\u00f6rensagen wu\u00dften. Sie kamen tagelang vorher, in langen Fu\u00dfm\u00e4rschen, ohne vorherige Anzeigen, Einladungen oder Rundbriefe, ohne zu wissen, wo genau sie hin m\u00fc\u00dften. Alle kamen als Betroffene und als Zeugen. Die beiden Vertreter von je zwei verfeindeten Familien traten vor und versprachen sich \u00f6ffentlich in die Hand, &#8222;dem Blut zu verzeihen&#8220;, d.h. die Blutfehde zu beenden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich pr\u00e4sentiert Howard auch Situationen, Vorg\u00e4nge und Ideen, denen nicht gleich das Herz zufliegt, sondern die beachtliche Herausforderungen darstellen. Aber ich glaube, besonders sein letztes Kapitel, die \u00dcberlegungen zum zivilen Widerstand, wird immer wieder gelesen werden. Er sagt dort u.a., da\u00df vor allem ein Gef\u00fchl der Bef\u00e4higung notwendig ist, also das Gef\u00fchl, da\u00df man etwas zur Gestaltung der Gesellschaft, in der man lebt, beitragen und den Verlauf der Auseinandersetzung, in die man verwickelt ist, ver\u00e4ndern kann. Hier scheint mir die wesentliche Herausforderung und vor allem die Chance f\u00fcr die Zukunft zu liegen, den Menschen dieses Gef\u00fchl der Bef\u00e4higung vermitteln zu k\u00f6nnen &#8211; egal wo auf dieser Erde. Und diese weitreichende Wirkung w\u00fcnsche ich dem Buch und uns allen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Herzlichen Dank!<\/strong><\/p>\n<p>Helga: Ja, lieber Bernd, ganz unsererseits. Dir auch herzlichen Dank, da\u00df Du uns die Chance gegeben hast, selber noch ein bi\u00dfchen \u00fcber all diese Fragen nachzudenken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teil 1: Interview mit Helga GWR: Liebe Helga, wie hast Du Dich politisiert? Was waren wichtige Ereignisse in Deinem politischen Leben? Helga: Wie ich politisiert wurde oder ob ein Ereignis ein wichtiges im politischen Leben war, wurde mir oft erst im R\u00fcckblick deutlich. 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