{"id":5866,"date":"2003-12-01T00:00:15","date_gmt":"2003-11-30T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5866"},"modified":"2022-07-26T13:56:53","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:53","slug":"ig-farben-die-totale-vernichtung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/12\/ig-farben-die-totale-vernichtung\/","title":{"rendered":"IG Farben &#8211; die totale Vernichtung"},"content":{"rendered":"<p>Auf der Hauptversammlung am 17. September 2001 wurde durch den Liquidator und Bundestagsabgeordneten der CDU Otto Bernhardt das Jahr 2003 als Zeitpunkt bekannt gegeben, bis zu dem das Unternehmen vollst\u00e4ndig abgewickelt sein sollte (dpa, 17.09.2001). Das lie\u00df hoffen, da\u00df das Restverm\u00f6gen endlich den Opfern der Zwangsarbeit zuteil wird. Denn bisher versuchte die Abwicklungsgesellschaft, die Liquidation hinauszuz\u00f6gern, solange Masse vorhanden ist. Das Verm\u00f6gen schrumpfte ohnehin von Jahr zu Jahr, indem Pensionen an ehemalige leitende Angestellte bezahlt wurden, obwohl diese Angestellten teils Angeklagte der N\u00fcrnberger Prozesse waren.<\/p>\n<p>Noch vor zwei Jahren betrug das Verm\u00f6gen mehrere Millionen Euro. Und jetzt kommt die unglaubliche Pressemeldung: Das Unternehmen IG Farben in Abwicklung ist zahlungsunf\u00e4hig. Die IG Farben hat ihr Restverm\u00f6gen endg\u00fcltig vernichtet und damit die Zwangsarbeiter ein weiteres Mal betrogen. Damit haben die Liquidatoren, die Aufsichtsr\u00e4te und die Aktion\u00e4re ihr lang angestrebtes Ziel erreicht.<\/p>\n<p>Nachdem die Alliierten Anfang der f\u00fcnfziger Jahre den weltgr\u00f6\u00dften Chemiekonzern IG Farben in seine anf\u00e4nglichen Bestandteile Agfa, BASF, BAYER, H\u00f6chst usw. zur\u00fcckgef\u00fchrt hatten, ist f\u00fcr die Abwicklung des Restverm\u00f6gens und weiterer Beteiligungen die IG Farben in Abwicklung gegr\u00fcndet worden. Sie ist der Rechtsnachfolger des ehemaligen Chemiekonzerns IG Farben &#8211; eines der kriminellsten Unternehmen \u00fcberhaupt. Und dieses Unternehmen befindet sich schon seit f\u00fcnf Jahrzehnten in Abwicklung, obwohl es schnellstens aufgel\u00f6st werden sollte. Seine Hauptversammlungen fanden in den vergangenen Jahren nur noch unter gro\u00dfem Protest und dem m\u00e4chtigen Aufgebot der Polizei statt. W\u00e4hrend bis in die 80er Jahre die Hauptversammlungen in den gro\u00dfen, schicken Frankfurter Hotels abgehalten wurden, will inzwischen der IG Farben in Abwicklung kein Hotelier mehr R\u00e4umlichkeiten zur Verf\u00fcgung stellen. Mit diesem Unternehmen will au\u00dfer den sch\u00e4bigsten Profiteuren niemand mehr etwas zu tun haben.<\/p>\n<p>In Auschwitz beteiligte sich die IG Farben an dem Programm &#8218;Vernichtung durch Arbeit&#8216;, indem sie tausende Zwangsarbeiter ausbeutete. Viele der Zwangsarbeiter haben das Zwangsarbeiterlager nicht mehr lebend verlassen. Die IG Farben hatte aber auch Anteil an der Ermordung der Juden, der Sinti und Roma, der Kommunisten, der Homosexuellen: IG Farben geh\u00f6rte eine Beteiligung von mehr als 42 % an der Firma Degesch. Degesch produzierte das Gift Zyklon B. Mit diesem Gift wurden Millionen Menschen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern vergast.<\/p>\n<p>Als Grund f\u00fcr die bevorstehende Zahlungsunf\u00e4higkeit der IG Farben i.A. und f\u00fcr den damit einhergehenden Insolvenzantrag nennen die Liquidatoren offene Forderungen in H\u00f6he von nicht ganz neun Millionen Euro an den Frankfurter Immobilien- und Beteiligungskonzern WCM. Die Forderung der IG Farben an WCM beruht auf einem Optionsvertrag aus dem Jahr 2001. &#8222;Der Optionsvertrag sicherte I.G. Farben das Recht, ihr in einer Tochtergesellschaft geb\u00fcndeltes Immobilienverm\u00f6gen von 479 Wohnungen an die WCM zu verkaufen. Der Bilanzwert liege bei 38,4 Millionen Euro, gemindert durch 28,2 Millionen Euro Kredite. Auf den Rest von 10,2 Millionen Euro habe WCM bereits einen Abschlag von 1,261 Mio. Euro gezahlt. Ein zweiter versprochener Abschlag sei aber bis vergangenen Freitag nicht eingegangen.&#8220; (Oltner Tagblatt, 11.11.2003) Doch WCM sieht das anders und bezeichnet die Forderung der Liquidatoren als \u00fcberh\u00f6ht, weil sich der Zustand der Wohnungen verschlechtert habe. Zum andern behauptet WCM, f\u00fcr den Kauf dieser Immobilien existiere kein ausf\u00fchrlicher Vertrag, sondern nur eine grunds\u00e4tzliche Vereinbarung. Dagegen h\u00e4lt der Anwalt und IG-Farben-Liquidator Volker Pollehn ein an ihn gerichtetes Schreiben der WCM vom April 2001, worin laut der Nachrichtenagentur Reuters WCM erkl\u00e4rt: &#8222;Die WCM Beteiligungs- und Grundbesitz AG hat sich Ihnen gegen\u00fcber unwiderruflich bereit erkl\u00e4rt, 94 Prozent der Gesellschaftsrechte der AWM Verwaltungsgesellschaft mbH &amp; Co Wohn- und Gewerbebauten KG von Ihnen bzw. von der Gesellschafterin Ammoniakwerke Merseburg GmbH bis sp\u00e4testens zum 1. Januar 2003 zu erwerben&#8220;.<\/p>\n<p>Die in dem zitierten Brief benannten Gesellschaften unter dem Namen &#8218;Ammoniakwerk Merseburg&#8216; (AWM) m\u00fcssen in einem engen Verh\u00e4ltnis zu den IG Farben stehen. Das l\u00e4\u00dft sich historisch so erkl\u00e4ren: Das Ammoniakwerk Merseburg wurde 1916 von BASF gegr\u00fcndet und geh\u00f6rte ab 1925 zur IG Farben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses Werk enteignet und zun\u00e4chst in die Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) \u00fcberf\u00fchrt. Das Werk bekam sp\u00e4ter den Namen Leuna-Werke. Die Orte Leuna und Merseburg liegen in unmittelbarer Nachbarschaft. Zu Zeiten der DDR waren die Leuna-Werke Volkseigener Betrieb, bis sie nach der Vereinigung Deutschlands 1990 in den Besitz der Treuhandanstalt \u00fcbergingen. Dadurch brachte die Wiedervereinigung Bewegung in das Geschehen der IG-Farben-Abwicklungsgesellschaft, indem diese ihre Aktivit\u00e4t auf Ma\u00dfnahmen zur R\u00fcckgewinnung ihres einst enteigneten Ostverm\u00f6gens richtete und die R\u00fcckgabe von Liegenschaften in der ehemaligen DDR forderte. Diese Forderungen sind aber gerichtlich abgewiesen worden.<\/p>\n<p>Firmen mit dem Namen &#8218;Ammoniakwerk Merseburg&#8216; gibt es aber auch im Westen Deutschlands. Dabei handelt es sich um Gesellschaften des b\u00fcrgerlichen Rechts im K\u00f6lner Raum. Wenn sie den Namen &#8218;Ammoniakwerk Merseburg&#8216; nicht ausgeschrieben tragen, so haben sie die Abk\u00fcrzung AWM. Otto Bernhardt ist nicht nur Liquidator der IG Farben i.A. und Bundestagsabgeordneter der CDU, sondern auch Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der beiden IG-Farben-T\u00f6chter AWM Verwaltungsgesellschaft mbH und Ammoniakwerk Merseburg GmbH (junge Welt, 29.09.2001). Die Gesellschaften &#8218;Ammoniakwerk Merseburg&#8216; (AWM) m\u00fcssen Immobiliengesellschaften der IG Farben sein. Demnach sollten 94 Prozent der Gesellschaftsrechte der AWM Verwaltungsgesellschaft mbH und damit das letzte Verm\u00f6gen der IG Farben i.A. unter das Dach der WCM gebracht werden.<\/p>\n<p>Der Name &#8218;AWM&#8216; ist bereits Bestandteil einer zu WCM geh\u00f6renden Firma. Laut Gesch\u00e4ftsbericht der WCM f\u00fcr 1999 sieht die Verflechtung folgenderma\u00dfen aus: Die GLADBAU Baubetreuungs- und Verwaltungs-Gesellschaft mbH h\u00e4lt 99,6 % an der AWM Grundst\u00fccksgesellschaft mbH in M\u00f6nchengladbach und hat administrative Aufgaben, insbesondere die Bewirtschaftung, Instandhaltung und Pflege des M\u00f6nchengladbacher Bestands. W\u00e4hrend GLADBAU wiederum zu 100 % der Gladbacher Aktienbaugesellschaft AG (GAB) geh\u00f6rt, fungiert die GAB als Zwischenholding unterhalb der WCM, indem die WCM mit 99,5 % an der GAB beteiligt ist. WCM \u00fcbernahm 1991 die Mehrheit an der Gladbacher Aktienbaugesellschaft AG und gr\u00fcndete damit ihren Einstieg in die Wohnungswirtschaft.<\/p>\n<p>Damit stellt sich die Frage, ob die AWM Grundst\u00fccksgesellschaft mbH in M\u00f6nchengladbach fr\u00fcher zu IG Farben geh\u00f6rte und die Abk\u00fcrzung &#8218;AWM&#8216; f\u00fcr den Namen &#8218;Ammoniakwerk Merseburg&#8216; steht. Abwegig ist diese Frage auch deswegen nicht, weil zumindest fr\u00fcher auch IG Farben i.A. und WCM miteinander verflochten waren. Die WCM Beteiligungs- und Grundbesitz-AG, aus der &#8218;W\u00fcrttembergischen Cattunmanufactur&#8216; entstanden, war einst eine Tochtergesellschaft der IG Farben. Anfang der 90er Jahre wechselte das Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis, WCM stieg bei IG Farben als Gro\u00dfaktion\u00e4r ein und &#8222;hielt 1994 rund 76 % der IG Farben i.L. in H\u00e4nden&#8220; (Der Tagesspiegel, 31.12.1999), nachdem 1993 &#8222;drei Viertel der damaligen Aktion\u00e4re der IG Farben ihre Aktien in WCM-Papiere umtauschen konnten&#8220; (Antifaschistische Nachrichten 13\/1999). Als Grund f\u00fcr die Insolvenz der IG Farben i.A. wurde auf der Pressekonferenz noch ein weiteres Ereignis aus diesem Zeitraum genannt: &#8222;Mitverantwortlich f\u00fcr die prek\u00e4re Situation der IG Farben sei eine Transaktion aus dem Jahr 1993, erkl\u00e4rten die Liquidatoren. Unter anderem durch eine Kapitalaussch\u00fcttung sei damals das Verm\u00f6gen der IG Farben von 80 Millionen Euro auf 13 Millionen Euro verringert worden. Profitiert habe davon vor allem der damalige Hauptaktion\u00e4r WCM. Diese Transaktion sei zwar legal gewesen, an ihrer Legitimit\u00e4t habe er jedoch Zweifel, erkl\u00e4rte Pollehn.&#8220; (Reuters, 10.11.2003) Eines ist offensichtlich: Bewu\u00dft wurde in der Vergangenheit das Verm\u00f6gen der IG Farben i.A. an den Immobilien- und Beteiligungskonzern WCM verschoben. Von der jetzigen Insolvenz der IG Farben i.A. wird WCM nicht betroffen sein, denn sie hat ihre IG-Farben-Aktien l\u00e4ngst verkauft. 1996 hatte der K\u00f6lner Immobilienh\u00e4ndler Dr. G\u00fcnter Minninger 43 Prozent der Anteile erworben und auch bald wieder ver\u00e4u\u00dfert (analyse + kritik, Nr. 421 \/ 17.12.1998). Im Gesch\u00e4ftsbericht der WCM f\u00fcr das Jahr 1999 und das Jahr 2002 gibt es keinen Hinweis auf eine IG-Farben-Beteiligung. W\u00e4re WCM mit mehr als 5 % an IG Farben beteiligt, h\u00e4tte sie diese Beteiligung im Gesch\u00e4ftsbericht ausweisen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Mit Blick auf die jetzige Pleite ist die H\u00e4ufung zusammenh\u00e4ngender Ph\u00e4nomene im Jahr 2001 auff\u00e4llig: Der Optionsvertrag zwischen IG Farben i.A. und WCM, das an den Liquidator gerichtete Schreiben der WCM vom April 2001 und im September 2001 die Bekanntgabe des Jahres 2003 als Zeitpunkt f\u00fcr die endg\u00fcltige Abwicklung der IG Farben. W\u00e4hrend der Pressekonferenz zur Insolvenz am 10. November 2003 sahen die beiden Liquidatoren, Volker Pollehn und Otto Bernhardt, den Grund f\u00fcr die Pleite allerdings in Vorg\u00e4ngen, die in die Zeit vor ihrem Amtsantritt im Herbst 1998 fallen.<\/p>\n<p>Eines ist erreicht, was die Firma IG Farben i.A. wollte, ihr aber gerichtlich verboten worden war: den Namen zu \u00e4ndern. Das Verm\u00f6gen der IG Farben arbeitet jetzt unter anderem Namen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Hauptversammlung am 17. September 2001 wurde durch den Liquidator und Bundestagsabgeordneten der CDU Otto Bernhardt das Jahr 2003 als Zeitpunkt bekannt gegeben, bis zu dem das Unternehmen vollst\u00e4ndig abgewickelt sein sollte (dpa, 17.09.2001). Das lie\u00df hoffen, da\u00df das Restverm\u00f6gen endlich den Opfern der Zwangsarbeit zuteil wird. Denn bisher versuchte die Abwicklungsgesellschaft, die Liquidation &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/12\/ig-farben-die-totale-vernichtung\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"IG Farben - die totale Vernichtung - graswurzelrevolution","description":"Auf der Hauptversammlung am 17. 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