{"id":5875,"date":"2003-12-01T00:00:22","date_gmt":"2003-11-30T22:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5875"},"modified":"2022-07-26T13:11:50","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:50","slug":"150-mit-dem-wendlandpass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/12\/150-mit-dem-wendlandpass\/","title":{"rendered":"150 mit dem Wendlandpass"},"content":{"rendered":"<p>Am Dienstag um 9.45 Uhr trafen im kleinen Ort Rohstorf bei Dahlenburg dutzende von Autos der Aktionsgruppe gleichzeitig ein. Nach kurzem Sammeln machten wir uns auf den Weg zum Gleis. Polizei war zwar vor Ort, machte aber nicht den ohnehin aussichtslosen Versuch, uns am Betreten der Gleise zu hindern. Nachdem auch einige Nachz\u00fcglerInnen angekommen waren, sa\u00dfen wir als komplette Aktionsgruppe mit 150 Leuten auf dem Castorgleis. Und das Timing war gut: der Castorzug verlie\u00df um 10.24 Uhr L\u00fcneburg und musste dann vor unserer Blockade halten.<\/p>\n<p>Luftballons und Seifenblasen symbolisierten die Sch\u00f6nheit und Lebensfreude, die uns immer wieder Kraft zum Widerstand gegen die Pl\u00e4ne der Atomindustrie geben. Fr\u00f6hliche und ruhige Lieder pr\u00e4gten die Stimmung. Vor laufenden Fernsehkameras begann dann die Polizei mit einer R\u00e4umung, die in keinem st\u00e4rkeren Kontrast zu dieser ruhigen und friedlichen Stimmung h\u00e4tte stehen k\u00f6nnen. Die bayerischen Polizisten des USK der 15. Bereitschaftspolizeihundertschaft behaupteten, in Bayern werde grunds\u00e4tzlich niemand getragen, der laufen k\u00f6nne. Leuten, die nicht das Gleis auf die polizeiliche Aufforderung hin verlie\u00dfen, f\u00fcgten die Beamten mit Griffen ins Gesicht und durch \u00dcberdehnen der Handgelenke massive Schmerzen zu. Einem Demonstranten wurde das Bein so verdreht, dass die Sanis vor Ort einen Bruch oder B\u00e4nderriss nicht ausschlie\u00dfen konnten.<\/p>\n<p>Aber wenn die Polizei auf Eskalation hoffte, hatte sie sich verrechnet: Das h\u00e4ufige Muster &#8222;einen misshandeln, dann springen alle auf, es gibt ein Gew\u00fchl und die Presse hat ihre Bilder von gewaltt\u00e4tigen Protesten&#8220; funktionierte hier nicht. Innerhalb der Gruppen sprachen wir uns ab, wie wir mit dieser Situation umgehen wollten. Wir blieben sitzen, sangen Lieder, die uns Kraft gaben, und sprachen ruhig aber eindringlich auf die Polizisten ein. Es war gut, zu sehen, wie innerhalb unserer Gruppe niemand unter dem Druck stand, aus Solidarit\u00e4t mit den anderen sitzen bleiben zu m\u00fcssen: wer aufstehen wollte, tat das eben. Aber viele wuchsen in diesen Minuten \u00fcber sich selbst hinaus: eben noch entschlossen, der Konfrontation aus dem Weg zu gehen, merkten sie pl\u00f6tzlich, als neben ihnen jemand misshandelt wurde, dass sie sich solcher Gewalt nicht beugen wollten.<\/p>\n<p>So kam die Polizei mit ihrer Eskalationsstrategie nicht besonders schnell voran. Nach einer Weile gingen die Polizisten &#8211; auch auf das Eingreifen der beobachtenden PastorInnen hin &#8211; dazu \u00fcber, die BlockiererInnen wegzutragen. Um 12 Uhr konnte der Castor weiterfahren.<\/p>\n<p>Viele von uns f\u00fchrten nachher Gespr\u00e4che mit denen, die sie misshandelt hatten. Dabei fiel durchg\u00e4ngig auf, dass die meist sehr jungen Polizisten \u00fcberhaupt kein Unrechtsbewusstsein hatten. Der Grundsatz der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit schien ihnen v\u00f6llig fremd zu sein, sie waren \u00fcberzeugt dass ihr Verhalten rechtm\u00e4\u00dfig war. Sie waren auch nicht aggressiver Stimmung, sondern hatten ganz &#8222;cool&#8220; ihren Auftrag ausgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Bei der Personalienfeststellung wiesen sich ganz viele von uns mit dem Pass der Freien Republik Wendland aus, um zu zeigen, dass uns mit einem Staat, der unsere Rechte eklatant verletzt, nichts verbindet. Nach anf\u00e4nglichen Irritationen akzeptierte die Polizei den Pass als Ausweisdokument. Es dauerte viele Stunden, bis wir &#8211; teilweise mit auf den R\u00fccken gefesselten H\u00e4nden &#8211; in Busse verfrachtet und in die Gefangenensammelstellen (GeSa) in L\u00fcneburg und Neu-Tramm gebracht wurden. Die Richter in L\u00fcneburg hatten ihre Hausaufgaben gemacht: als auch nach 6 1\/2 Stunden die Polizei dem Gericht noch keine Akten vorgelegt hatte, beschlossen sie kurzerhand, dass alle 55 in der GeSa befindlichen Leute unverz\u00fcglich zu entlassen sind.<\/p>\n<p>Anders lief es in Neu-Tramm: die RichterInnen lie\u00dfen uns dort in den Zellen warten, w\u00e4hrend sie zwei Polizeispitzel ausf\u00fchrlich vernahmen. Anni und Tobi, zwei baden-w\u00fcrttembergische PolizistInnen, hatten sich &#8211; freilich ohne etwas \u00fcber ihren Auftrag und Beruf zu sagen &#8211; in eine Bezugsgruppe aufnehmen lassen. Seit Sonntag hatten sie den Entscheidungs- und Vorbereitungsprozess mitgemacht. So waren sie auch dabei, als jemand vorschlug, wir k\u00f6nnten uns doch alle nach der Aktion wieder treffen und dann gemeinsam zu WiderSetzen fahren. Sie behaupteten, dieser Vorschlag sei ein Beschluss des Plenums gewesen. Dies nahmen einige der RichterInnen in Neu-Tramm zum Anlass, nicht mehr im Einzelnen zu pr\u00fcfen, was jemand vor hatte, sondern pauschal anzunehmen, dass alle nur darauf warten, zur Blockade von WiderSetzen zu fahren. Allerdings war auch das keine durchgehende Linie &#8211; die verschiedenen RichterInnen entschieden unterschiedlich. So wurde z.B. eine Frau entlassen, die zwar gerne noch zu WiderSetzen wollte, aber darauf bestand, nur zu gehen, wenn alle mitgehen. Begr\u00fcndung: sie habe glaubhaft gemacht, dass sie ohne den Rest der Gruppe nicht gehen werde, deshalb bestehe keine Gefahr, dass sie zur Blockade fahren w\u00fcrde. Einer der M\u00e4nner sagte seiner Richterin auf die Frage nach seinen Pl\u00e4nen klipp und klar, dass er in der GeSa bleiben wolle, bis alle drau\u00dfen seien. Die Richterin war zun\u00e4chst irritiert, denn wie sollte sie da eine Gefahrenprognose abgeben? Schlie\u00dflich vermerkte sie in dem Bescheid, der Betreffende solle &#8222;auf eigenen Wunsch&#8220; in Gewahrsam bleiben.<\/p>\n<p>Auch wenn nicht alle so gelassen mit der Einschr\u00e4nkung ihrer Freiheit umgehen konnten oder wollten &#8211; die Situation in der GeSa war nicht nur von Polizei und Gericht bestimmt, sondern ganz viel auch von uns selber. So sorgten wir z.B. daf\u00fcr, dass diejenigen von uns, die wirklich dringend raus mussten, vor allen anderen zum Gericht gehen konnten. Wir Frauen hatten mehrerer Sprecherinnenr\u00e4te und gaben aus dem Gewahrsam eine Pressemitteilung heraus. Als um 4.55 Uhr das Gericht verk\u00fcndete, dass jetzt alle Rohstorf-BlockiererInnen zu entlassen seien, hatten mindestens 14 von uns noch keine\/n RichterIn zu Gesicht bekommen. Es wurde 6 Uhr, bis die letzten von uns den Knast verlie\u00dfen. Eine wichtige Unterst\u00fctzung haben in dieser Situation die PastorInnen geleistet, die sich unerm\u00fcdlich f\u00fcr uns einsetzten und in manchen H\u00e4rtef\u00e4llen f\u00fcr Erleichterung sorgen konnten. Auch die Pr\u00e4senz der Anw\u00e4ltInnen in Neu-Tramm war hilfreich.<\/p>\n<p>Bei der Auswertung der Aktion wurde kritisch reflektiert, wie es kam, dass wir die Spitzel nicht rechtzeitig enttarnt haben und dass sie an zentrale Informationen \u00fcber die geplante Aktion kommen konnten. Dabei stie\u00df die \u00c4u\u00dferung &#8222;lieber zwei Spitzel dabei als die ganze Zeit misstrauisch miteinander umgehen&#8220; auf gro\u00dfe Zustimmung &#8211; denn schlie\u00dflich hat auch die Anwesenheit der Spitzel die Aktion nicht verhindert. In Bezug auf den Gewahrsam kam der Wunsch auf, \u00fcber unseren Umgang damit im Voraus schon mehr Klarheit zu haben und dann mit gr\u00f6\u00dferer Leichtigkeit agieren zu k\u00f6nnen. Insgesamt war die Zufriedenheit gro\u00df, und f\u00fcr die meisten ist klar:<\/p>\n<p>Wir kommen wieder!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Dienstag um 9.45 Uhr trafen im kleinen Ort Rohstorf bei Dahlenburg dutzende von Autos der Aktionsgruppe gleichzeitig ein. Nach kurzem Sammeln machten wir uns auf den Weg zum Gleis. Polizei war zwar vor Ort, machte aber nicht den ohnehin aussichtslosen Versuch, uns am Betreten der Gleise zu hindern. 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