{"id":5877,"date":"2003-12-01T00:00:37","date_gmt":"2003-11-30T22:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5877"},"modified":"2022-07-26T13:11:49","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:49","slug":"interview-mit-anna-kolossova","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/12\/interview-mit-anna-kolossova\/","title":{"rendered":"Interview mit Anna Kolossova"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution: Anna, du warst zum ersten Mal bei den Protesten gegen den Castor-Transport dabei. Was hat dich bewogen zu kommen? <\/strong><\/p>\n<p>Anna Kolossova: Ich bin in Kiew, Ukraine geboren und aufgewachsen und habe Tschernobyl sozusagen live und fast vor Ort miterlebt. Ich finde, dass die Katastrophe schon zu sehr vergessen worden ist, obwohl sie noch gar nicht lange zur\u00fcckliegt und von Bef\u00fcrwortern der Atomkraft oft verharmlost wird, was v\u00f6llig absurd ist. Somit habe ich um so mehr Gr\u00fcnde, gegen die Atomkraft zu protestieren. Ich habe schon viel von den Castor- Protesten geh\u00f6rt und habe vor kurzen endlich Leute kennengelernt, mit denen ich hinfahren konnte.<\/p>\n<p><strong>Welche Auswirkungen hatte die Katastrophe von Tschernobyl auf dich und deine Familie? <\/strong><\/p>\n<p>Ich war erst 5, als es passiert ist, habe also nur sehr vage Erinnerungen. Direkt nachdem der Unfall bekanntgegeben wurde (wie man wei\u00df, mit einiger Verz\u00f6gerung), ist in Kiew eine Massenpanik ausgebrochen, da es nur 100 km von Tschernobyl entfernt liegt. Meine Eltern und ich haben wie viele andere ein Paar Koffer gepackt und sind in den S\u00fcden ans Schwarze Meer gefl\u00fcchtet. Dort haben wir uns dann 3 Monate herumgeschlagen, mussten aber wieder nach Kiew zur\u00fcck, wo die Strahlung noch nicht viel nachgelassen hatte. Die Geigerz\u00e4hler spielten verr\u00fcckt, man sollte keine Milch trinken und keinen Dreck von der Stra\u00dfe an den Schuhen in die Wohnung reinbringen. Einige im Familien- und Freundeskreis sind auch an Krebs erkrankt, auch meine Oma, die dann 1995 daran starb.<\/p>\n<p><strong>Du bist in Hitzacker in eine Bezugsgruppe eingestiegen und hast den ganzen Prozess der Aktionsvorbereitung mitgemacht. Hast du dich danach ausreichend vorbereitet gef\u00fchlt f\u00fcr die gewaltfreie Blockade? <\/strong><\/p>\n<p>Ich habe mich in die Gruppe sehr gut aufgenommen gef\u00fchlt. Wir haben sehr aufeinander geachtet und auch auf mich als einzige &#8222;Anf\u00e4ngerin&#8220; wurde sehr viel R\u00fccksicht genommen. Ich fand die intensive Vorbereitung auf die Aktion auch sehr sinnvoll, wenn auch nach l\u00e4ngerer Zeit etwas anstrengend, aber f\u00fcr so eine Aktion muss man sich auch richtig kennenlernen und sich aufeinander einstimmen.<\/p>\n<p><strong>Die Polizei hat die R\u00e4umung der Blockade damit begonnen, dass sie Menschen in sehr schmerzhafte Polizeigriffe nahm, um sie zum Mitgehen zu zwingen. Wer<\/strong> <strong>trotzdem nicht ging, wurde vom Gleis gezerrt. Was ging in dir vor, als du das gesehen hast?<\/strong><\/p>\n<p>Das war sehr erschreckend. Ich habe eine solche Brutalit\u00e4t noch nie direkt vor mir gesehen. Man hat Schmerzensschreie geh\u00f6rt, konnte aber nur vage erkennen, was die Polizei machte. Immer wieder sagten Leute, die etwas weiter vorne sa\u00dfen, die Polizisten h\u00e4tten jemandem die Arme umgedreht, einen Schlagstock ins Auge gedr\u00fcckt, oder jemanden mit dem Gesicht auf die Steine geknallt. Es hat sich schon eine ziemliche Angst ausgebreitet. Als du neben mir weggezerrt wurdest, musste ich weinen, weil ich das einfach so unfair fand, wie die Polizisten friedliche Menschen misshandelten.<\/p>\n<p><strong>Du hattest dich entschieden, aufzustehen und mitzugehen, wenn du aufgefordert wirst. Was hat dich bewogen, dann doch sitzen zu bleiben?<\/strong><\/p>\n<p>Die Gruppe und das Singen haben mir viel Mut gegeben und ich dachte: &#8222;Ich probier das einfach mal aus, wenn es unertr\u00e4glich wird, kann ich ja immer noch selber gehen.&#8220; Ich wollte den Polizisten zeigen, dass ich mich durch ihre Einsch\u00fcchterungen nicht kleinkriegen lasse.<\/p>\n<p><strong>Du warst die erste von uns, die tats\u00e4chlich von der Polizei getragen wurde. Hast du irgendeine Vermutung, warum diese Ver\u00e4nderung eintrat? <\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, die Presse und die Pastoren haben eine wichtige Rolle gespielt, aber auch der Zusammenhalt der Gruppe und unser positives Auftreten.<\/p>\n<p><strong>Nach der Blockade wurdest du mit vielen anderen nach Neu-Tramm gebracht. Wie hast du die Situation im Gewahrsam erlebt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe alles nur noch im Nebel mitbekommen, weil ich ziemlich erk\u00e4ltet und \u00fcberm\u00fcdet war. Ich finde, die Gruppe hat immer noch ganz gut zusammengehalten und wir haben uns umeinander gek\u00fcmmert. Z.B. hat man gemeinsam beschlossen, darauf zu verzichten, zum Richter zu gehen, damit eine Freundin und ich, die v\u00f6llig fertig waren und es nicht mehr aushielten, die Gelegenheit bekamen, fr\u00fcher rauszukommen.<\/p>\n<p><strong>Bist du beim n\u00e4chsten Mal wieder dabei?<\/strong><\/p>\n<p>Sehr gerne!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Anna, du warst zum ersten Mal bei den Protesten gegen den Castor-Transport dabei. Was hat dich bewogen zu kommen? Anna Kolossova: Ich bin in Kiew, Ukraine geboren und aufgewachsen und habe Tschernobyl sozusagen live und fast vor Ort miterlebt. 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