{"id":588,"date":"1996-10-01T00:00:54","date_gmt":"1996-09-30T22:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=588"},"modified":"2011-10-23T14:13:08","modified_gmt":"2011-10-23T12:13:08","slug":"algerisches-manifest-gegen-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/10\/algerisches-manifest-gegen-gewalt\/","title":{"rendered":"Algerisches Manifest gegen Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>Assia Djebar ist laut Klappentext die &#8222;bedeutendste&#8220; Schriftstellerin Algeriens &#8211; und noch dazu Feministin. Weil Leute wie sie heute von islamistischem Terror bedroht und auch vor der eigenen Regierung nicht sicher sind, wenn sie deren Repression kritisieren, lebt und schreibt sie im Exil in Paris. Doch sie leidet in jedem Absatz, jeder Zeile mit den Opfern des algerischen B\u00fcrgerkrieges, deren Zahl von 1992 bis heute auf ca.60 000 gesch\u00e4tzt wird.<\/p>\n<p>Die laizistische Frauenbewegung Algeriens glaubte lange, sich durch Beteiligung am bewaffneten antikolonialen Kampf eigene Freiheiten gesichert zu haben, die jedoch von der institutionalisierten Befreiungsarmee im unabh\u00e4ngigen Algerien schnell zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wurden. Wenn algerische Feministinnen heute von den zweifellos brutalen und patriarchalen islamistischen M\u00f6rdern reden, verdammen sie deren Gewalt entschieden und zu Recht, ohne jedoch dabei zu einer grunds\u00e4tzlichen Kritik der Gewalt vorzudringen. Die antikoloniale Gewalt bleibt tabu. Die Kontinuit\u00e4t der Gewalt wird nicht benannt, aus welcher eine korrupte Machtclipue hervorging, die sich heute gegen die IslamistInnen richtet und diese immerhin massenhaft foltert und hinrichtet &#8211; u.a. im selben ber\u00fcchtigten Gef\u00e4ngnis Barberousse, wie Assia Djebar betont, in dem schon die franz\u00f6sische Kolonialarmee folterte und mordete. Die Scheu vor radikaler Gewaltkritik l\u00e4\u00dft die laizistischen Feministinnen trotz gelegentlicher Kritik der Regierungsgewalt in den Augen der IslamistInnen zum f\u00fcnften Rad am Wagen der Herrschenden werden. Zuweilen kommt aus den Reihen dieser Frauen auch die Forderung nach noch kompromi\u00dfloserem Vorgehen der Regierung. Eine \u00e4hnliche Struktur offenbart sich bei den ebenfalls von islamistischen Mordkommandos bedrohten SchriftstellerInnen, JournalistInnen und LehrerInnen Algeriens. In der Nachfolge von Frantz Fanons ethischer Rechtfertigung der Gewalt von Unterdr\u00fcckten k\u00f6nnen sie nicht kritisieren, was einst ihre Identit\u00e4t ausmachte und nun auch die unterdr\u00fcckten IslamistInnen wie selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr sich in Anspruch nehmen. Assia Djebar ist nun die erste laizistische algerische Intellektuelle, die die Verselbst\u00e4ndigung der Gewalt in Algerien vom antikolonialen Krieg bis heute in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellt.<\/p>\n<p>Und sie macht dies auf eine nachdenkliche, im besten Sinne literarische Weise. Djebar erinnert auf sehr pers\u00f6nliche Art an 19 algerische Personen des \u00f6ffentlichen Lebens (AktivistInnen, SchriftstellerInnen oder JournalistInnen), die seit Beginn des ersten algerischen Krieges eines unnat\u00fcrlichen Todes gestorben sind. Im Zentrum steht der Tag ihres Todes &#8211; von Krankheiten dahingerafft, durch Unf\u00e4lle aus dem Leben gerissen, meist jedoch wurden sie ermordet, entweder von der franz\u00f6sischen Kolonialarmee bzw. ihrem Geheimdienst (OAS), oder von der algerischen nationalen Befreiungsbewegung (FLN), oder von den IslamistInnen heute. Assia Djebar beschreibt das gesellschaftliche Klima in den Tagen vor dem Tod dieser 19 Personen, erinnert sich an eigene Gespr\u00e4che mit ihnen oder an wichtige Inhalte ihres Schaffens. Sie breitet die bedr\u00fcckende Atmosph\u00e4re des allt\u00e4glichen Lebens in Angst aus, welche sowohl f\u00fcr den ersten wie den zweiten algerischen Krieg kennzeichnend ist. Immer wieder stehen Beer- digungssequenzen im Mittelpunkt und es wird die Funktionalisierung der Totenfeiern f\u00fcr die Regierung deutlich, welche die Gefallenen zu M\u00e4rtyrern des Vaterlands erkl\u00e4rt. Beispielhaft etwa schildert Djebar den Mord an Abane Ramdane, einem Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfer, der den Generalstreik gegen Frankreich Anfang 1957 organisiert und vor der Eskalation der Mittel innerhalb der FLN noch Skrupel hat te. Er wurde Ende 1957 von FLN-Leuten um Krim Belkacem ermordet, die einen militanteren Kurs durchsetzten. Einige Jahre nach der Unabh\u00e4ngigkeit wurde Ramdane in sein kabylisches Heimatdorf umgebettet und posthum zum &#8222;Helden&#8220; erkl\u00e4rt. Die Rede am umgebetteten Grab hielt &#8211; Krim Belkacem. Djebar schildert die Situation:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Da trat ein junger Mann aus dem Halbkreis ganz hinten, in dem sich die b\u00e4uerliche Zuh\u00f6rerschaft gesammelt hatte, die bis dahin scheinbar gehorsam, aufmerksam und gehorsam, gewesen war. Mit fester Stimme, in der die zur\u00fcckgehaltene Wut mitschwang, unterbrach er die Rede von Krim. (&#8230;) &#8218;H\u00f6r auf, meinen Bruder mit Lob zu bedenken! Ihr habt ihn doch get\u00f6tet, und jetzt besitzt ihr die Unversch\u00e4mtheit, an seinem Grab Tr\u00e4nen zu vergie\u00dfen! Das ist der Gipfel!'&#8220; (S.141)<\/p><\/blockquote>\n<p>Krim Belkacem wurde schlie\u00dflich auf Befehl des n\u00e4chsten Milit\u00e4rherrschers, Boumedienne, ermordet. Nachdem Boumedienne 78 gestorben war, wurde 1984 in Algier ein prunkvolles &#8222;Grabmal der M\u00e4rtyrer&#8220; gebaut. Abane Ramdane wurde erneut umgebettet:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Diesmal (&#8218;der Gipfel!&#8216; w\u00fcrde der Bruder von Abane sagen) bestattete man ihn ganz in der N\u00e4he von &#8230; Krim Belkacem, seinem M\u00f6rder, und dieser ruhte nicht weit von Boumediennes gewaltigem Grab, welcher im Grunde der M\u00f6rder des M\u00f6rders war.&#8220; (S. 143)<\/p><\/blockquote>\n<p>Der f\u00fcr algerische Intellektuelle neue, konsequente Blick auf die Kontinuit\u00e4t der Gewalt erm\u00f6glicht Assia Djebar auch einen Bezug auf Albert Camus, der in Algerien lange Zeit so nicht m\u00f6glich war. Djebar rehabilitiert ihn als den algerischen Camus, der den Antikolonialismus, nicht aber die Gewalt bef\u00fcrwortet hatte. Sie erinnert auf eindrucksvolle Weise an Camus&#8216; von allen Seiten angefeindete Rede in Algier Anfang 1956. Bei einem Gelingen des von Camus geforderten Waffenstillstands w\u00e4re nach Djebar zu dieser Zeit noch eine L\u00f6sung nach dem heutigen Vorbild der unblutigen Apartheid- Zur\u00fcckdr\u00e4ngung in S\u00fcdafrika m\u00f6glich gewesen. Es war eine Hoffnung, die schnell in der Eskalation der Gewalt zerstob, einer Eskalation, die zwar von der franz\u00f6sischen Armee ausging, in welcher aber &#8211; das macht Djebar unmi\u00dfverst\u00e4ndlich klar &#8211; die Methoden der Folter, der Hinrichtung und des politischen Mords an Rivalen auch von der eigenen Seite sehr schnell eingef\u00fchrt und dann kontinuierlich angewandt wurden. Frantz Fanon wird von Djebar nicht direkt kritisiert, dazu ist er wohl noch zu sehr Ikone, zudem kannte Djebar seine Frau Josie sehr gut. So erinnert sie nur an Josie&#8217;s Kommentar nach dem Massaker der Regierung an 600 Jugendlichen im Jahre 1988, da\u00df man\/frau gegen diese Regierung im Sinne Fanons neu rebellieren m\u00fcsse. Doch in dem Kapitel \u00fcber die &#8222;Prozession von vier Toten&#8220;, in denen auch Fanon auftaucht, wird von Djebar als am beeindruckendsten gerade Camus&#8216; Rede hervorgehoben:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Denn wir haben heute niemanden wie den anr\u00fchrenden Camus im Januar 56, denn heute ist niemand zu finden, der sich mitten in die Arena begeben w\u00fcrde und noch einmal diese Worte einer Ohnmacht ausspricht, die nicht vollkommen machtlos ist, diese Worte eines Leidens, das ein letztes Mal zu hoffen wagt &#8230; angesichts der Tatsache, da\u00df das scheu\u00dfliche Gorgonenhaupt des Bruderkrieges weiterlebt, nicht aufzuhalten ist. (Vielleicht war Camus von allen Teilnehmern in dieser Prozession der Schriftsteller der erste, der diesen seltsamen und feinen Ri\u00df gesp\u00fcrt hat: einen Krieg, der zwar kolonialer Natur war, jedoch als B\u00fcrgerkrieg erlebt wurde, eine herz- zerrei\u00dfende Zwietracht!).&#8220; (S.127)<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr diejenigen, die sich bisher noch nicht mit Algerien, algerischer franz\u00f6sischsprachiger Literatur (drei Romane von Djebar sind bereits ins Deutsche \u00fcbersetzt) befa\u00dft haben, mag der Zugang zu diesem Buch ein wenig schwierig sein &#8211; viele Namen tauchen auf, Tote, Ermordete, die Djebar nicht immer ausf\u00fchrlich vorstellt. Doch der traurige Zauber literarisch-politischer Bilder, den Djebar entfalten kann, hat mich sp\u00e4testens nach der Schil- derung der Exekution der ersten Algerier durch die Guillotine in Barberousse nicht mehr losgelassen. Zabana und Ferradj wurden von der Kolonialmacht hingerichtet, Zabana starb mit den Worten: &#8222;Ich sterbe, meine Br\u00fcder, aber Algerien wird leben!&#8220; und gilt seither als nationaler Heros, Ferradj starb in Verzweiflung: &#8222;Sie wollen mich t\u00f6ten! Ich m\u00f6chte nicht sterben! Nein! Nein!&#8220;, und gewisse Leute &#8211; so Djebar ver\u00e4chtlich &#8211; f\u00fcgen noch heute hinzu: &#8222;Besser, er w\u00e4re wie ein echter Algerier gestorben!&#8220; (S.40) Assia Djebar stellt sich auf die Seite von Ferradj und kritisiert dadurch ein Sterben f\u00fcr nationales Pathos und die darauffolgende patriarchale Heldenverehrung. Sterben ist immer sinnlos, und die verzweifelte und gleichzeitig gegen den Tod rebellierende Haltung Ferradjs ist f\u00fcr Djebar die Haltung der Lebendenwollenden, der Gewaltlosigkeit und der Kritik des Nationalismus. Djebars tiefe literarische \u00dcbereinstimmung mit Camus in der Rebellion gegen einen sinnlosen Tod wird hier noch einmal deutlich. Assia Djebars Utopie ist ein &#8222;wei\u00dfes Algerien&#8220; &#8211; &#8222;wei\u00df&#8220; steht f\u00fcr das wei\u00dfe Tuch bei Bestattungen eines nat\u00fcrlichen Todes Gestorbener. Assia Djebar w\u00fcnscht sich nat\u00fcrliche, &#8222;wei\u00dfe&#8220; Tode, keine abrupten Tode und keine unvollendeten Leben. Im unvollendeten Leben offenbart sich Gewalt &#8211; insofern ist der Tod Camus&#8216; durch Autounfall ebenso Gewalt wie die Morde an den anderen Personen von Djebars literarischer Totenprozession. Dieser gemeinsame Ausgangspunkt ist der Aufh\u00e4nger f\u00fcr ein ganz besonderes, beeindruckendes literarisches Manifest gegen Gewalt in jeder Form, ob durch den Staat oder durch die von ihm Unterdr\u00fcckten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Assia Djebar ist laut Klappentext die &#8222;bedeutendste&#8220; Schriftstellerin Algeriens &#8211; und noch dazu Feministin. Weil Leute wie sie heute von islamistischem Terror bedroht und auch vor der eigenen Regierung nicht sicher sind, wenn sie deren Repression kritisieren, lebt und schreibt sie im Exil in Paris. 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