{"id":5894,"date":"2004-01-01T00:00:05","date_gmt":"2003-12-31T22:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5894"},"modified":"2022-07-26T14:24:37","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:37","slug":"zehn-jahre-zapatistischer-aufstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/01\/zehn-jahre-zapatistischer-aufstand\/","title":{"rendered":"Zehn Jahre Zapatistischer Aufstand"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr alle, die diesen Moment verpasst haben oder schon immer wissen wollten, was es mit dem Zapatismus eigentlich auf sich hat, hier der Versuch einer kurzen Zusammenfassung.<\/p>\n<h3>Der Aufstand<\/h3>\n<p>Nur zw\u00f6lf Tage dauerte die milit\u00e4rische Auseinandersetzung zwischen der bis dahin unbekannten Guerilla EZLN (Ejecito Zapatista de Liberaci\u00f3n Nacional &#8211; Zapatistisches Heer zur Nationalen Befreiung) und dem mexikanischen Bundesheer. F\u00fcr BeobachterInnen aller Couleur \u00fcberraschend hatten die Gueriller@s einige gr\u00f6\u00dfere Orte und St\u00e4dte besetzt und mit ihrem Motto &#8222;Ya Basta!&#8220; (Es reicht!) die Welt\u00f6ffentlichkeit auf die Situation im S\u00fcden Mexikos aufmerksam gemacht: Die extreme Armut und die rassistische Ausgrenzung der indigenen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Aber nicht nur die regionale Ungerechtigkeit war gemeint. Symbolisch gut gew\u00e4hlt, begannen die Zapatistas ihren Aufstand am Tag des Inkrafttretens des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) und formulierten damit eine Gegnerschaft gegen ein polit\u00f6konomisches Modell, der sich weltweit viele anschlie\u00dfen sollten: den Neoliberalismus.<\/p>\n<h3>Der Zapatismus<\/h3>\n<p>Zwar besteht die Guerilla bis heute zum Gro\u00dfteil aus Ind\u00edgenas, der Zapatismus aber ist nicht nur die EZLN. Benannt ist die Bewegung nach Emiliano Zapata (1873-1919), der in der mexikanischen Revolution (1910-1920) unter der Losung &#8222;Land und Freiheit&#8220; (&#8222;Tierra y Libertad&#8220;) eine Bauernmiliz anf\u00fchrte und den links-libert\u00e4ren Fl\u00fcgel der Revolution repr\u00e4sentierte (vgl. GWR 187). Dennoch nicht nur eine subversive Bezugnahme in Mexiko: bis zur Abschaffung des Zehn-Peso-Scheins prangte darauf sein Konterfei. Den Zapatismus als solchen aber, das wurde immer wieder betont, gibt es nicht. Er konstituiert sich weder durch eine konkrete Gruppe, noch durch ein bestimmtes politisches Programm. Angesprochen sind Marginalisierte in aller Welt, ausgesprochen sind die Ziele Freiheit, W\u00fcrde, Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden.<\/p>\n<h3>Die Wortergreifung<\/h3>\n<p>Ein Avantgarde-Anspruch wie von fr\u00fcheren Guerilla-Gruppen wurde von der EZLN bewusst nicht formuliert. Viele Dogmen der 60er und 70er Jahre hinter sich lassend, betraten die Zapatistas die politische B\u00fchne stattdessen mit einer poetischen Sprache, die ihnen Sympathien weit \u00fcber linksradikale Kreise hinaus eintrug und sie auch als &#8222;Diskursguerilla&#8220; in die Geschichte eingehen lie\u00df. Das Wort ist eins der wichtigsten Kampfmittel der Zapatistas, seit dem Waffenstillstand vom Januar 1994 fiel von ihrer Seite kein Schuss mehr. In ihren Erkl\u00e4rungen, den cominicados, mit denen sie ihre Wege und Ziele erl\u00e4utern, und auch durch ihr outfit, den charakeristischen pasamontanas (Skim\u00fctzen), w\u00e4hlen die Zapatistas betont symbolische Formen der Politik.<\/p>\n<p>So halten sie mit ihrer Vermummung der Gesellschaft den Spiegel vor und machen auf all diejenigen aufmerksam, die bis dahin in der sozialen und medialen Welt unsichtbar waren und nicht wahrgenommen wurden.<\/p>\n<h3>Das Politikverst\u00e4ndnis<\/h3>\n<p>Um ihren prozessorientierten Weg der Ver\u00e4nderungen zu betonen, gaben die Zapatistas sich das Motto &#8222;preguntando caminamos&#8220; (&#8222;fragend schreiten wir voran&#8220;), die von der Guerilla bzw. ihren Unterst\u00fctzerInnen kontrollierten Gebiete hei\u00dfen &#8222;Gemeinden in Rebellion&#8220; und wurden mit Namen aus der Geschichte des linken Widerstandes (&#8222;Emiliano Zapata&#8220;, &#8222;Che Guevara&#8220;, &#8222;Tierra y Libertad&#8220;) umbenannt.<\/p>\n<p>Die letzte demokratische Umstrukturierung der autonomen Gemeinden im August 2003 wurde mit so genannten &#8222;Juntas de buen gobiernos&#8220; (&#8222;Juntas der guten Regierung&#8220;) vielleicht nicht so gl\u00fccklich bezeichnet, denn eigentlich sind die Zapatistas in Wort und Tat ausgesprochen antistaatlich &#8211; was die Rede von einer &#8222;guten Regierung&#8220; eigentlich ausschlie\u00dfen m\u00fcsste &#8211; und verzichten im Gegensatz zu den meisten anderen lateinamerikanischen Guerillas auf den Anspruch der Machteroberung.<\/p>\n<p>Ein Preis f\u00fcr das zeitweise gro\u00dfe Medienecho der Zapatistas ist sicherlich der Personenkult um den Sprecher der Guerilla, Subcomandante Marcos. Macht sein Konterfei auf T-Shirts l\u00e4ngst dem von Che Guevara Konkurrenz, wird seine Bedeutung als &#8222;Superstar&#8220; f\u00fcr die wirklichen Prozesse vor Ort sicher oft zu hoch eingesch\u00e4tzt. Dennoch gelingt es auch den SympathisantInnen durchaus nicht immer, den Blick durch die Maske auf die sozialen Realit\u00e4ten zu lenken, wie urspr\u00fcnglich beabsichtigt. Der basisdemokratische Politikanspruch wird dadurch manches mal konterkariert.<\/p>\n<h3>Die Autonomie<\/h3>\n<p>Basisdemokratisch organisiert sind allerdings die autonomen Gemeinden. Sie bilden die politische und personelle Basis der Zapatistas. In \u00fcber drei\u00dfig Landkreisen behaupten sich autonome Gemeinden nach dem Prinzip des &#8222;gehorchend Befehlens&#8220;, auch eine Wortneusch\u00f6pfung, die martialischer klingt, als sie gemeint ist: Sie bedeutet, dass die gew\u00e4hlten VertreterInnen den &#8222;Befehlen&#8220; der Basis verpflichtet sind und, sofern sie sie nicht erf\u00fcllen, abgesetzt werden k\u00f6nnen. Diese Landkreise und D\u00f6rfer, die sich vor, w\u00e4hrend oder nach dem 1.Januar 1994 zu Unterst\u00fctzerinnen der Bewegung erkl\u00e4rten, verwalten sich seitdem selbstverwaltet, unabh\u00e4ngig auch von Almosen der Regierung, und bewirtschaften ihr Land kollektiv. (vgl. GWR 268).<\/p>\n<p>Die Autonomie ist eine der zentralen Forderungen der Zapatistas. Damit wird nicht die Abspaltung vom Zentralstaat in Form eines &#8222;Indianerreservats&#8220; verlangt, sondern die Verf\u00fcgungsrechte \u00fcber das bearbeitete und bewohnte Land. Eine Forderung, die im ressourcenreichen Chiapas auf den vehementen Widerstand von Gro\u00dfgrundbesitzern, Industrie und Regierung st\u00f6\u00dft. Diese Koalition hat letztlich bis heute auch die Umsetzung der Vertr\u00e4ge von San Andr\u00e9s verhindert. Diese Abkommen wurden im Februar 1996 von der Zentralregierung und der EZLN vereinbart, vom Staat jedoch nie umgesetzt. Die Forderung nach Umsetzung der darin vereinbarten Garantien f\u00fcr indigenen Rechte und Kultur ist seitdem immer wieder Anlass zivilgesellschaftlicher Interventionen der Zapatistas.<\/p>\n<h3>Die Zivilgesellschaft<\/h3>\n<p>Ansprechpartner und potentielle Unterst\u00fctzung treffen die Zapatistas in der sogenannten Zivilgesellschaft. Die Zivilgesellschaft wird v.a. verstanden als von Parteien, Verb\u00e4nden und staatlichen Institutionen unabh\u00e4ngige Gruppen und Personen, sorgte aber als Begriff immer wieder f\u00fcr Diskussionen und Irritationen (weil er nicht identisch ist mit den eher gel\u00e4ufigen Bedeutungen des Begriffes bei Habermas oder bei Gramsci).<\/p>\n<p>Die zivilgesellschaftlichen Initiativen, die die Zapatistas immer wieder ergriffen, sind somit auch &#8211; neben den autonomen Gemeinden &#8211; das zentrale Politikfeld des Zapatismus. In Mexiko initiierten die Zapatistas eine gro\u00dfe Diskussionsplattform, den Demokratischen Konvent (CND) (1994) und sie unternahmen verschiedene Versuche, die Zivilgesellschaft auch organisatorisch zu b\u00fcndeln: mit der Gr\u00fcndung einer Bewegung zur Nationalen Befreiung (1995) oder der Zapatistischen Front (FZLN, 1997). Mit der nationalen Befragung \u00fcber die Zustimmung zu den Zielen der Bewegung, genannt Consulta 1999, brachten sie ihr Eintreten f\u00fcr Demokratie zum Ausdruck. Die letzte gro\u00df angelegte Aktion war La Marcha, eine von 2000 SympathisantInnen und MenschenrechtsbeobachterInnen begleitete Buskarawane der Comandancia in die Hauptstadt im Fr\u00fchjahr 2001 (vgl. GWR 258).<\/p>\n<p>Nicht zu untersch\u00e4tzen sind auch die zivilgesellschaftlichen Initiativen auf transnationaler Ebene. Die beiden intergalaktischen Treffen gegen den Neoliberalismus und f\u00fcr die Menschlichkeit\/ Menschheit, die mit TeilnehmerInnen aus vielen Regionen der Welt 1996 in Chiapas und 1997 in Spanien (vgl. GWR 221) stattfanden, haben die globalisierungskritische Bewegung angesto\u00dfen und k\u00f6nnen getrost als Vorl\u00e4ufer der Weltsozialforen betrachtet werden. Die Zapatistas initiierten damit auch, wie es ein Buchtitel so sch\u00f6n wiedergibt, eine &#8222;Internationale der Hoffnung&#8220;.<\/p>\n<h3>Der Nationalismus<\/h3>\n<p>Widerspr\u00fcchlich wie die milit\u00e4rische Struktur &#8211; obwohl die Zapatistas betonen, Soldaten zu sein, damit es keine Soldaten mehr geben muss &#8211; ist sicherlich auch der Bezug auf die mexikanische Nation. So hat das &#8222;N&#8220; im Namen und das Hochhalten der Nationalflagge immer wieder zu berechtigter Kritik Anlass gegeben. Allerdings ist dabei nicht zu vergessen, dass die Nation in Lateinamerika immer auch in einem antiimperialistischen Deutungsrahmen steht und im besonderen Falle der Zapatistas eine Inklusion statt, wie in Europa Normalit\u00e4t, einen Ausschluss symbolisieren soll: Die Losung &#8222;Nunca m\u00e1s un M\u00e9xico sin nosotr@s!&#8220;, (Nie mehr ein Mexiko ohne uns!) klagt diesen Einschluss ein. Den Tendenzen, nur als indigene Bewegung mit nationalem Anspruch zu erscheinen, begegnen die Zapatistas wiederum mit dem wirklich alle implizierenden Motto &#8222;Hinter unseren Masken sind wir Ihr&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr alle, die diesen Moment verpasst haben oder schon immer wissen wollten, was es mit dem Zapatismus eigentlich auf sich hat, hier der Versuch einer kurzen Zusammenfassung. 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