{"id":5897,"date":"2004-01-01T00:00:26","date_gmt":"2003-12-31T22:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5897"},"modified":"2022-07-26T14:24:37","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:37","slug":"samtene-revolution-in-georgien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/01\/samtene-revolution-in-georgien\/","title":{"rendered":"Samtene Revolution in Georgien?"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr kurze Zeit schaffte es Georgien, im Westen in die Nachrichten zu kommen. Wahlbetrug, die Gefahr eines B\u00fcrgerInnenkrieges und eine popul\u00e4re samtene Revolution schufen die Mischung, die dieses fast vergessene Land auf die Titelseiten der westlichen Nachrichtenmedien katapultierte. Die Tatsache, dass die Person, der Wahlbetrug vorgeworfen wurde, Eduard Schewardnardze war, ehemaliger sowjetischer Au\u00dfenminister unter Mikhail Gorbatschov und daher beteiligt an der deutschen &#8222;Wiedervereinigung&#8220; sowie an Abr\u00fcstungsvereinbarungen &#8211; das Ende des Kalten Krieges -, mag dabei auch eine Rolle gespielt haben. Jetzt, nur wenige Wochen sp\u00e4ter, ist Georgien bereits wieder vergessen.<\/p>\n<p>Ein detaillierter Blick auf die Ereignisse in Georgien zeigt eine wesentlich komplexere Situation, mit wesentlich mehr AkteurInnen als nur Schewardnardze, Saakaschvili und den B\u00fcrgerInnen Georgiens.<\/p>\n<h3>Was geschah?<\/h3>\n<p>Die Fakten sind bekannt. Nach den Parlamentswahlen vom 2. November wurden diese von der Opposition als gef\u00e4lscht verurteilt. Parallel zu den Wahlen haben zwei Gruppen an den Wahllokalen W\u00e4hlerInnenbefragungen durchgef\u00fchrt: eine Gruppe mit dem Namen &#8222;Fair Elections&#8220; und eine US-Firma namens &#8222;The Global Strategy Group&#8220; ((1)). Nach den vorl\u00e4ufigen Ergebnissen, die von der staatlichen Wahlkommission vorgelegt wurden, h\u00e4tten die Regierungsparteien die Wahlen gewonnen. Die beiden parallelen Umfragen zeigten jedoch einen Sieg der Oppositionsparteien, und Mikhael Saakaschvili proklamierte den Sieg noch am gleichen Tag ((2)). Er rief au\u00dferdem zu Protestaktionen und Demonstrationen auf &#8211; die am Ende zur Abdankung Eduard Schewardnardzes am 23. November 2003 f\u00fchrten ((3)). Schewardnardzes Abdankung folgte auf seinen Versuch, die Opposition mit der Ausrufung des &#8222;Ausnahmezustandes&#8220; zu zerschlagen.<\/p>\n<p>Es wurde jedoch offensichtlich, dass seine eigenen Sicherheitskr\u00e4fte ihn nicht mehr unterst\u00fctzten.<\/p>\n<h3>Ein Sieg f\u00fcr die Menschen?<\/h3>\n<p>Hinter den Kulissen sieht es anders aus. Die Wahlbeobachtung durch Fair Elections wurde zum Teil von der Soros Open Society Georgia Foundation finanziert, wie auch die Global Strategy Group ((4)). Es gibt auch noch mehr Probleme mit den Wahlbeobachtungen. Auch wenn es ziemlich offensichtlich ist, dass es bei den Wahlen &#8222;Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten&#8220; gab &#8211; die OSZE-Beobachtermission ver\u00f6ffentlichte am 3. November eine Erkl\u00e4rung, die &#8222;ernsthafte Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten am Wahltag, wenn auch in einer relativ kleinen Zahl von Wahllokalen, beinhalteten die direkte Beobachtung und Behauptungen von gef\u00fcllten Wahlurnen, vorausgef\u00fcllten Stimmzetteln, mehrfaches W\u00e4hlen sowie die Zerst\u00f6rung von Wahlurnen&#8220; anmerkte, sowie &#8222;nicht plausible Wahlbeteiligungszahlen in einigen Distrikten, mit potentiellen Auswirkungen auf das landesweite Wahlergebnis&#8220;. Die OSZE-Mission stellte abschlie\u00dfend fest, dass die Wahlen &#8222;eine Anzahl von OSZE-Verpflichtungen und internationalen Standards f\u00fcr demokratische Wahlen nicht erf\u00fcllten&#8220; ((5)). Selbst die offizielle staatliche Wahlkommission erkl\u00e4rte am Abend des 2. November, dass die Wahlen in mindestens acht Wahllokalen annuliert wurden. Die Vorsitzende der Wahlkommission, Nana Devdariani, beschrieb die Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten als &#8222;Verfahrensfehler und auch krimineller Natur&#8220; ((6)). Doch waren die vorl\u00e4ufigen Wahlergebnisse nicht wesentlich verschieden von den Wahlbefragungen &#8211; wahrscheinlich innerhalb des Fehlermarge von Umfragen, insbesondere da diese Umfragen als politisch motiviert betrachtet wurden (mit der Ausnahme von Schewardnardzes &#8222;F\u00fcr ein neues Georgien&#8220;, das in den Wahlen 6% mehr erhielt, als in den beiden Umfragen). \u00dcberraschend waren dann die offiziellen endg\u00fcltigen Wahlergebnisse vom 20. November. Pl\u00f6tzlich hatte die Erneuerungspartei des adjarischen F\u00fchrers Aslan Abashidze 18,8% gewonnen, anstatt der 8% in den vorl\u00e4ufigen Wahlergebnissen. Adjaria ist auch die Region, aus der erhebliche Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten und Einsch\u00fcchterungen berichtet wurden.<\/p>\n<p>Auch wenn Abashidze formal zur Opposition geh\u00f6rte, so gelang es Schewardnardze vor den Wahlen, seine Unterst\u00fctzung zu erhalten.<\/p>\n<h3>Einfluss von au\u00dfen<\/h3>\n<p>Das Open Society Institute, das die W\u00e4hlerInnenbefragungen teilweise finanzierte, ist auch einer der Hauptgeldgeber des Liberty Institute, einer Organisation mit engen Verbindungen zu Mikhael Saakaschvili und einer der Hauptorganisatoren der Stra\u00dfenproteste. Soros finanzierte auch einige der Medien, die die Opposition unterst\u00fctzten ((7)), und hat &#8211; nach Berichten in georgischen Medien &#8211; die georgische StudentInnenorganisation Kmara (Genug!) mit 500.000 US$ Anschubfinanzierung unterst\u00fctzt. Open Society finanzierte auch den Austausch von Erfahrungen zwischen serbischen Otpor-AktivistInnen, die eine Rolle bei der \u00dcberwindung des Milosevic-Regimes spielten, und Kmara- sowie Liberty Institute AktivistInnen ((8)). Im Mai 2003 reisten Mikhael Saakaschvili und Zurab Zhvania nach Serbien, um sich mit F\u00fchrungspersonen der dortigen Demokratiebewegung zu treffen. Sie luden diese zu einem Besuch nach Georgien ein, um dort 1.500 Mitglieder der Nationalen Bewegung in zweit\u00e4gigen Trainingskursen in politischem Aktivismus zu unterweisen. Auch Kmara, erst im April 2003 gegr\u00fcndet, trainierte ungef\u00e4hr 2.000 StudentInnen ((9)). Mikhael Saakaschvili verwies bei einer Diskussion im Nixon Center im April 2003 wiederholt auf Serbien, wenn er die Situation in Georgien beschrieb ((10)). Im Jahr 2002 erhielten Mikhael Saakaschvili und Zurab Zhvania &#8211; derzeit Staatsminister und daher Kopf der \u00dcbergangsregierung &#8211; den Open Society-Preis der von Soros finanzierten Central European University in Budapest ((11)).<\/p>\n<p>Ein interessanter Aspekt am Rande ist, dass Richard Miles, US-Botschafter in Georgien, von 1996 bis 1999 &#8222;Chief of Mission&#8220; (effektiv Botschafter) in Jugoslawien war ((12)) und dort die Vorarbeit f\u00fcr den Sturz Milosevic&#8216; leistete ((13)). Ein weiterer Zufall: das serbische Center for Free Elections and Democracy (CESiD), das Wahlen in Serbien beobachtet, wurde seit 1997 von USAid finanziert, \u00fcber den Umweg des National Democratic Institute for International Affairs (NDI) ((14)). CESID verurteilte die jugoslawischen Wahlen von 2000 als gef\u00e4lscht und &#8211; \u00dcberraschung &#8211; war am Training von AktivistInnen von Fair Election in Georgien im Vorfeld der Wahlen 2003 beteiligt ((15)).<\/p>\n<h3>Interne Faktoren<\/h3>\n<p>Es ist klar, dass Schewardnardze in Georgien nach mehr als 10 Jahren an der Spitze des unabh\u00e4ngigen Georgiens und mehr als 30 Jahren Dominanz georgischer Politik nicht mehr popul\u00e4r war. Die Wirtschaft des Landes hat sich nie vom B\u00fcrgerInnenkrieg zu Beginn der 1990er Jahre erholt. Im Mai 2003 erkl\u00e4rte der Internationale W\u00e4hrungsfond (IWF) seine Besorgnis, dass sich Georgien &#8222;am Rande des Bankrotts&#8220; befinde und forderte wiederholt Haushaltsk\u00fcrzungen von der georgischen Regierung ((16)). Die Auslandsschulden des Landes summieren sich auf 1,7 Mrd US$, wovon 40% von der Weltbank, dem IWF und der Europ\u00e4ischen Bank f\u00fcr Wiederaufbau und Entwicklung gehalten werden. Die verbleibenden 60% der Auslandsschulden verteilen sich auf bilaterale Vereinbarungen mit anderen GUS-Staaten ((17)), mit Turkmenistan als gr\u00f6\u00dften Schuldner. Die Arbeitslosenrate ist offiziell bei 30%, das monatliche Durchschnittsgehalt &#8211; f\u00fcr die, die eins haben &#8211; liegt bei 20 US$ ((18)). Eine Verbesserung der Lage ist nicht in Sicht.<\/p>\n<p>Korruption ist im Lande weit verbreitet, und sichtbar. PolizeibeamtInnen halten routinem\u00e4\u00dfig Autos an und verlangen 2-5 Lari (1-2,50\u20ac), Wehrpflichtentziehung ist im wesentlichen \u00fcber den Weg der Bestechung m\u00f6glich und weit verbreitet. Auch in h\u00f6heren Verwaltungsebenen ist Korruption eher die Regel als die Ausnahme.<\/p>\n<p>Die Konflikte um Abchasien und S\u00fcdossetien wurden bisher nicht gel\u00f6st und verharren in einem Zustand des &#8222;weder Krieg noch Frieden&#8220;. Inlandsfl\u00fcchtlinge &#8211; ethnische GeorgierInnen aus diesen beiden Regionen &#8211; machen Druck f\u00fcr eine gewaltsame &#8222;L\u00f6sung&#8220; dieser Konflikte. Insbesondere GeorgierInnen aus Abchasien haben bis heute keine Chance auf R\u00fcckkehr in ihre Heimatd\u00f6rfer. Schwardnardze wurde als nicht stark genug angesehen, auch wenn seine moderatere Politik wahrscheinlich eine Eskalation der Konflikte vermieden und ihm im Westen Unterst\u00fctzung eingebracht hat.<\/p>\n<p>Genug Gr\u00fcnde f\u00fcr weit verbreitete Frustration und mehr als genug Karten, mit denen die ehemalige Opposition spielen konnte &#8211; und sie spielte diese Karten erfolgreich.<\/p>\n<h3>Energie in Georgien<\/h3>\n<p>Georgien grenzt im Norden an Russland (einschlie\u00dflich einer Grenze mit Tschetschenien) und im S\u00fcden an Armenien und Azerbaidschan. Auch wenn es in Georgien selbst nicht viel \u00d6l gibt, so f\u00fchrt doch die Baku (Azerbaidschan) &#8211; Ceyhan (T\u00fcrkei) Pipeline, die derzeit gebaut wird, \u00fcber Tbilisi in Georgien. Das macht Georgien zu einem bedeutenden Transitland f\u00fcr die kaukasischen und zentralasiatischen \u00d6lreserven (insbesondere Azerbaidschans und Kazachstans), die derzeit nur unter Nutzung des russischen Pipeline-Systems exportiert werden k\u00f6nnen. Das gleiche gilt f\u00fcr Erdgasreserven, und eine neue Pipeline soll von Baku nach Erzurum in der T\u00fcrkei f\u00fchren ((19)), wiederum unter Umgehung Russlands und in Konkurrenz zu einer bestehenden Pipeline des russischen Energiekonzerns Gazprom nach Samsun in der T\u00fcrkei, die im Fr\u00fchjahr diesen Jahres den Betrieb einstellte, da die T\u00fcrkei bessere Bedingungen aushandeln will ((20)).<\/p>\n<p>Der Energiemarkt Georgiens befand sich bis zum Sommer diesen Jahres in US-Hand. Am 6. August kaufte der russische Strommonopolist RAO Unified Energy Systems 75% der Anteile in Georgiens AES Telasi, ein Tochterunternehmen des US-Konzerns AES Corp ((21)). Im Mai unterzeichneten Georgien und der russische Gaskonzern Gazprom eine strategische Partnerschaft, unter der Gazprom das georgische Pipeline-System entwickeln soll und die Kontrolle \u00fcber die Gasverteilung in Georgien erhalten w\u00fcrde ((22)). Dieser Deal alarmierte die USA, und George W. Bush entsandte seinen Sonderbotschafter f\u00fcr kaspische Energiefragen, Steven Mann, nach Georgien, um davor zu warnen, dass &#8222;das vorgeschlagene Kooperationsabkommen im Gassektor zwischen Georgien und Gazprom die Aussichten f\u00fcr die Ausbeutung des azerbaidschanischen Shah Deniz, des kaspischen Gasfeldes und den Export des Gases durch eine Pipeline von Baku via Tbilisi nach Erzurum unterminieren k\u00f6nnte&#8220; ((23)). Andererseits hat die damalige Opposition und jetzige Regierung dieses Abkommen verurteilt ((24)) &#8211; Zufall?<\/p>\n<h3>NATO<\/h3>\n<p>Georgien ist auch ein Schwerpunkt f\u00fcr die NATO. Es ist Teil der &#8222;Partnership for Peace&#8220; der NATO, und sowohl die alte ((25)) als auch die \u00dcbergangsregierung ((26)) haben erkl\u00e4rt, dass Georgien die NATO-Mitgliedschaft so schnell wie m\u00f6glich anstrebt. Bereits jetzt ist Georgien an der NATO-Operation im Kosovo (KFOR) beteiligt ((27)). Mikhail Saakaschvili, der wahrscheinliche zuk\u00fcnftige Pr\u00e4sident Georgiens, schrieb in einem Gastkommentar in der Financial Times vom 2. Dezember 2003: &#8222;Unter Herrn Shewardnadze hat sich Georgien am Partnership-for-peace-Programm der NATO beteiligt, und das wird fortgesetzt, doch die Zeit ist gekommen, diese Beziehung weiterzuentwickeln&#8220; ((28)).<\/p>\n<p>Ein Artikel auf gasandoil.com (Global Energy and Security Analysis) beschreibt die Interessen der NATO wie folgt: &#8222;Von der K\u00fcste des \u00f6stlichen Balkans ist die Allianz jetzt gut positioniert um direkt nach Georgien und in das energiereiche kaspische Becken, die zu den neuen Nachbarn des Westens wurden, auszugreifen. Die NATO muss daher dringend eine Strategie entwickeln, die permanent die westlichen Interessen im S\u00fcdkaukasus und Zentralasien garantiert. Diese Interessen beinhalten: direkter Zugriff auf Energieressourcen durch Pipelines Richtung Westen, west-\u00f6stliche Handelskorridore; Basen f\u00fcr Operationen der Allianz gegen terroristische Gruppen und Staaten, die zur Proliferation von Massenvernichtungswaffen beitragen.&#8220; ((29))<\/p>\n<h3>USA<\/h3>\n<p>Nach dem Ende des Kalten Krieges wandten sich die USA sehr fr\u00fch Georgien zu. Georgien ist der zweitgr\u00f6\u00dfte Empf\u00e4nger von US-Hilfe nach Israel. Zwischen 1992 und 2000 erhielt Georgien Hilfe in H\u00f6he von 778 Millionen US$, das f\u00fcnffache dessen, was das Nachbarland Azerbaidschan erhielt. Doch am 24. September k\u00fcndigten die USA an, dass die US-Hilfe f\u00fcr 2004 geringer sein w\u00fcrde als die 100 Millionen US$, die Georgien in 2003 erhalten w\u00fcrde. Interessanterweise wurde die Hilfe f\u00fcr Energieprojekte um 34 Millionen US$ gek\u00fcrzt, als Folge des Gazprom-Abkommens ((30)). Jetzt, nach der &#8222;samtenen Revolution&#8220;, erh\u00f6hen die USA ihre Hilfe wieder ((31)).<\/p>\n<p>Neben Finanzhilfe suchten die USA schon fr\u00fch die Milit\u00e4rkooperation mit Georgien. Seit 1994 erh\u00e4lt Georgien Ausbildungshilfen ((32)). Im April 2002 starteten die USA und Georgien das &#8222;Georgia Train and Equip Program&#8220; (GTEP), das das Training von georgischem Milit\u00e4r die US-Sondereinheiten beinhaltet. Das baut auf fr\u00fchere Milit\u00e4rhilfen auf, insbesondere Unterst\u00fctzung f\u00fcr Grenzschutztruppen zur Kontrolle der Grenze zwischen Georgien und Tschetschenien ((33)).<\/p>\n<p>Im August 2003 wurden 60 georgische Milit\u00e4rs in den Irak entsandt, als Teil der US\/britischen Besatzungstruppen dort. Die USA stellen daf\u00fcr Transport, Verpflegung und die Logistik bereit, w\u00e4hrend Georgien den Sold f\u00fcr die Soldaten abdeckt &#8211; stark erh\u00f6ht im Vergleich zu Geh\u00e4ltern in Georgien ((34)). Das Land soll im Jahr 2004 ein weiteres Kontingent von 500 Soldaten entsenden ((35)).<\/p>\n<h3>Russland<\/h3>\n<p>Sowohl Russland als auch die USA sind wichtige Akteure in Georgien &#8211; Europa zu einem wesentlich geringerem Ausma\u00df.<\/p>\n<p>Russland unterh\u00e4lt noch immer einige Milit\u00e4rbasen in Georgien, die es nach dem Vertrag \u00fcber konventionelle Streitkr\u00e4fte in Europa eigentlich abziehen sollte. Dies wurde durch eine Vereinbarung zwischen Georgien und Russland vom November 1999 best\u00e4tigt. Russland spielt auch die Rolle des &#8222;Friedensstifters&#8220; an der Grenze zwischen der selbsterkl\u00e4rten unabh\u00e4ngigen georgischen Republik Abchasien und Georgien selbst. Russland unterst\u00fctzt au\u00dferdem Armenien, im S\u00fcden Georgiens.<\/p>\n<p>Die russischen Basen in Georgien sind nicht nur unbeliebte Milit\u00e4rbasen. Sie spielen in der komplexen Dynamik der Beziehungen zwischen dem georgischen Zentralstaat und den Regionen, insbesondere des abtr\u00fcnnigen Abchasiens und Adjaria, das bis vor kurzem Schewardnardze unterst\u00fctzte, eine wichtige Rolle. Russisches Milit\u00e4r wird als Machtressource gegen den Zentralstaat genutzt, auch wenn es selbst nicht aktiv beteiligt ist. Dadurch wird die Autorit\u00e4t Tbilisis unterminiert ((36)).<\/p>\n<h3>Die &#8222;samtene Revolution&#8220; und die Konflikte in Georgien<\/h3>\n<p>Die &#8222;samtene Revolution&#8220; hat die zentrifugalen Kr\u00e4fte in Georgien verst\u00e4rkt. Adjaria hat nach der &#8222;Revolution&#8220; seine Grenzen zum restlichen Georgien geschlossen und der Regierungschef Adjarias, Aslan Abashidze hat k\u00fcrzlich seine Gegnerschaft zur Schlie\u00dfung der russischen Basis in Batumi erkl\u00e4rt und seinen Boykott der Pr\u00e4sidentschaftswahlen am 4. Januar 2004. Abchasien hat seine Truppen sofort nach dem Bekanntwerden der Abdankung Schewardnardzes in Alarmbereitschaft versetzt. Der Premierminister sowie der Au\u00dfenminister Abchasiens reisten nach Moskau, wo sie vermutlich die Regierungschefs Adjarias und S\u00fcdossetiens, Abashidze und Eduard Kokoity, getroffen haben. Diese wiederum hatten bereits am 26. November Gespr\u00e4che gef\u00fchrt ((37)). Die St. Petersburg Times berichtete, dass alle drei untereinander Gespr\u00e4che gef\u00fchrt h\u00e4tten und auch mit dem russischen Au\u00dfenminister, Igor Ivanov ((38)). Adjaria erkl\u00e4rte, dass es mit Russland ein \u00e4hnliches Visaregime anstrebt, wie es zwischen Russland und Abchasien und S\u00fcdossetien bereits existiert ((39)).<\/p>\n<p>Saakaschvili und Bujarnadze sind beide NationalistInnen und Unterst\u00fctzerInnen einer harten Haltung gegen\u00fcber Abchasien. Bei einer Gedenkveranstaltung in Tbilisi am 27. September, zur Erinnerung an den abchasisch-georgischen Krieg, erkl\u00e4rte Saakaschvili, dass seine nationale Bewegung zur nationalen Einheit Georgiens beitragen w\u00fcrde ((40)). Nach der &#8222;samtenen Revolution&#8220; haben sie jedoch ihre Rhetorik entsch\u00e4rft &#8211; vielleicht ein Zeichen dass sie jetzt &#8211; an der Macht &#8211; eine vers\u00f6hnlichere Politik einschlagen.<\/p>\n<h3>Res\u00fcmee<\/h3>\n<p>&#8222;Das war keine Revolution des Menschen. Es war ein Putsch, verdeckt durch das gr\u00f6\u00dfte Strassenfest, das es in Tbilisi je gab&#8220;, schreibt Charlotte Keatley in einem Kommentar im Guardian vom 6. Dezember ((41)). Sie sieht die Menschen Georgiens als die gr\u00f6\u00dften Verlierer der &#8222;samtenen Revolution&#8220;. In vielerlei Hinsicht ist das wahrscheinlich wahr. Saakaschvili, Zhvania, Burdzhanadze und Co. kamen mit Unterst\u00fctzung der USA an die Macht, und an der Macht werden sie noch mehr von US-Unterst\u00fctzung abh\u00e4ngig sein, da das Land im wesentlichen bankrott ist.<\/p>\n<p>Das l\u00e4sst ihnen wenig Spielraum, was nicht nur schlecht ist. Es mag von Vorteil sein, wenn es um die regionalen Konflikte innerhalb Georgiens geht, da die USA wenig Interesse an einer Eskalation dieser Konflikte haben und wahrscheinlich st\u00e4rker an einer verhandelten L\u00f6sung, die eine Teilung der Macht beinhalten k\u00f6nnte, interessiert sind, als Saakaschvili und Co. Gleichzeitig sind die regionalen Konflikte innerhalb Georgiens ein Trumpf f\u00fcr Russland &#8211; und machen Georgien zur B\u00fchne einer harten Konkurrenz zwischen den USA und Russland um Einfluss in Georgien.<\/p>\n<p>Demokratie geh\u00f6rt nicht unbedingt zu den Gewinnern in Georgien. Nicht nur war die &#8222;samtene Revolution&#8220; nicht Teil des verfassungsgem\u00e4\u00dfen Prozesses in Georgien, auch wenn sie im wesentlichen ohne Gewalt ablief. Schwerer wiegen Berichte \u00fcber Racheakte und Gewalt gegen ehemalige Regierungsmitarbeiter und gegen unabh\u00e4ngige Medien, die Saakaschvili und Co. nicht unterst\u00fctzen ((42)).<\/p>\n<p>Es gibt jedoch auch Hoffnung. Auch wenn es keine Revolution der Menschen war, so hing der Putsch doch von der Unterst\u00fctzung der Menschen in Georgien ab. Ghia Nodia, politischer Analyst des Caucasus Institute for Peace, Democracy, and Development brachte diese Hoffnung zum Ausdruck: das die Zivilgesellschaft, die einen Anteil an den Ereignissen hatte, auch weiterhin die neue Regierung, die sie mit an die Macht gebracht hat, beobachten und kritisieren wird ((43)). Diese Hoffnung ist vielleicht nur ein Strohhalm, an dem man sich festhalten kann. Denn n\u00e4chstes Mal werden die Menschen in Georgien vielleicht nicht die Unterst\u00fctzung von Soros und der US-Regierung haben<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr kurze Zeit schaffte es Georgien, im Westen in die Nachrichten zu kommen. Wahlbetrug, die Gefahr eines B\u00fcrgerInnenkrieges und eine popul\u00e4re samtene Revolution schufen die Mischung, die dieses fast vergessene Land auf die Titelseiten der westlichen Nachrichtenmedien katapultierte. 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