{"id":5924,"date":"2004-01-01T00:00:42","date_gmt":"2003-12-31T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5924"},"modified":"2022-07-26T14:24:37","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:37","slug":"ich-kauf-mir-eine-bessre-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/01\/ich-kauf-mir-eine-bessre-welt\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich kauf&#8216; mir eine bess&#8217;re Welt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Barcelona ist und bleibt umflort vom Nimbus der ewigen Aufm\u00fcpfigkeit. Als im Fr\u00fchjahr und Sommer 2003 nach Presseberichten ca. 93% der wahlberechtigten Spanierinnen und Spanier ihren erzreaktion\u00e4ren Regierungschef Jos\u00e9 Maria Aznar zum Teufel h\u00e4tten jagen wollen, tobte vor allem in der nationalen Peripherie &#8211; also in Galizien, im Baskenland und eben in Barcelona &#8211; lautstark der Widerstand gegen ihn, und in sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit marschieren, rollen, knattern oder qualmen auch heute beeindruckende Demonstrationsz\u00fcge durch die Stra\u00dfen. Das macht beliebt bei den Linken. Selbst der jugendlich-krause katalanische Nationalismus bewirkt keine ernsthafte Rufsch\u00e4digung. W\u00fcrde jemand auf den naheliegenden Gedanken kommen, ein B\u00fcro f\u00fcr den boomenden linksalternativen Reisemarkt zu er\u00f6ffnen &#8211; jenen Kapuzenpulli-Tourismus, der gelegentlich mit genau dergleichen Blindheit geschlagen ist wie seine gro\u00dfen Br\u00fcder von Neckermann &amp; Co. &#8211; m\u00fc\u00dfte er unvermeidlich Barcelona auf die Titelseite seiner Prospekte setzen, in Vier-Farb-Druck auf Hochglanzpapier.<\/p>\n<h3>Barcelona not cool!<\/h3>\n<p>Tats\u00e4chlich ist an Barcelona nur &#8222;wunderbar&#8220;, wie rasend sich die Folgen der neoliberalen Deregulierung offenbaren. Die Mieten sind in astronomische H\u00f6hen geschnellt. F\u00fcr ein licht &#8211; und luftloses Kabuff von der Gr\u00f6\u00dfe einer mittleren Telefonzelle sind 400 bis 600 Euro heute Standard; und das, obwohl Barcelona in den letzten Jahren mehr als 300.000 Einwohnerinnen und Einwohner verloren hat. Die Folgen, Obdachlosigkeit, Armut, Kriminalit\u00e4t und eine wachsende Segregation der betuchteren Schichten von der &#8222;\u00dcberschu\u00dfbev\u00f6lkerung&#8220;, sind \u00fcberall sichtbar. Reichere Stadtviertel wie beispielsweise die Eixample \u00e4hneln belagerten Festungen, in denen sich das traditionell wohlhabende katalanische B\u00fcrgertum verschanzt. Barcelona ist ein El Dorado f\u00fcr private Sicherheitsfirmen geworden. Noch vor dem kleinsten Buchladen kann man mittlerweile die b\u00e4rtigen Herren in ihren phantasievollen Uniformen finster dreinblicken sehen, ganz, als sei man noch in den sp\u00e4ten Siebzigern, und mit vier (!) verschiedenen Polizeibrigaden ist das Chaos der Stadt perfekt. Die g\u00e4ngige Polizeistaatsmoral der Stadtverwaltung wurde j\u00fcngst auf erheiternde Weise deutlich, als vor der Fiesta de la Merc\u00e9, der Fiesta Mayor von Barcelona, laut in der katalanischen Presse dar\u00fcber nachgedacht wurde, eine Sondereinheit der Polizei mit weitgehenden Befugnissen zum Kampf gegen den sogenannten &#8222;Piss-Vandalismus&#8220; zusammenzustellen. Der chronischen Stehpisserei in den engen Gassen der Altstadt sollte endg\u00fcltig mit Feuer und Schwert Einhalt geboten werden. Erst nach der siebent\u00e4gigen Feier, zu der tausende von Menschen angereist waren, gab man kleinlaut zu, ein paar \u00f6ffentliche Toiletten h\u00e4tten es wom\u00f6glich auch getan.<\/p>\n<h3>Die verkaufte andere Welt<\/h3>\n<p>Wie sehr man sich unter den Verantwortlichen dabei M\u00fche macht, Barcelona (und Katalonien) als fortschrittliche, weltoffene Alternative zum hinterw\u00e4ldlerischen Mutterland Spanien zu pr\u00e4sentieren und den Mythos Barcelona eintr\u00e4glich lebendig zu erhalten, wird gegenw\u00e4rtig an den Vorbereitungen f\u00fcr das Forum Barcelona 2004 deutlich, mit dem sich Jordi Pujol, seines Zeichens Multimillion\u00e4r, Pressezar und ewiger Pr\u00e4sident der Generalitat, vor seinem politischen Abgang im kommenden Jahr ein Denkmal setzen m\u00f6chte. Die Ank\u00fcndigung dieses vom 9. Mai bis zum 26. September 2004 geplanten Massenspektakels hat es in sich. Man kann sich kaum retten vor den vielen, vielen bunten Werbeheftchen. Mitten in der Stadt ist ein Museum (!) eingerichtet worden, in dem man &#8211; kostenlos &#8211; mittels virtueller Displays und allerhand anderen hochmodernen Krimskrams \u00fcber eine animierte &#8222;Stadt der Zukunft&#8220; hinsegeln darf, oder sie auf einer wei\u00dfen Magnetplatte als dreidimensionales Hologramm erstehen lassen kann. \u00dcber all dem prangt das Logo des Unternehmens: zwei H\u00e4nde, die sich auf wei\u00dfem Grund einander n\u00e4hern, und darunter steht: &#8222;Eine Begegnung, die die Welt ver\u00e4ndern wird&#8220;.<\/p>\n<p>Die Welt ist schon ver\u00e4ndert. Denn die katalanischen Baul\u00f6wen und St\u00e4dteplaner, die hinter dem Forum stehen, haben, gesch\u00e4ftst\u00fcchtig wie \u00fcblich und vermutlich als erste, etwas Wichtiges erkannt: die Zugkraft und das Potential von Parolen der Anti-Globalisierungsbewegung f\u00fcr den kapitalistischen Markt. Wer sich die M\u00fche macht, die \u00fcberall herumfliegenden Werbezettel tats\u00e4chlich einmal zu lesen, mu\u00df unweigerlich den Eindruck gewinnen, man wolle an der K\u00fcste Barcelonas eine zweite Causse Larzac erstehen lassen: &#8222;Ein Treffen f\u00fcr nachhaltige Entwicklung, kulturelle Vielfalt und Frieden [&#8230;] ein Treffen von Menschen aller Kontinente, die helfen wollen, eine bessere Welt zu schaffen [&#8230;] ein Treffen, miteinander zu reden und zu feiern [&#8230;] ein unerh\u00f6rtes Ereignis [&#8230;] von internationaler Tragweite&#8220;. Barcelona, so soll man dieses Programm wohl verstehen, m\u00f6chte der transnationalen Protestlergemeinde ein heimeliges Nest bauen. F\u00fcr fast ein Jahr sollen Treffen, Diskussionsforen und Kongresse abgehalten werden, auf denen \u00fcber eine bessere Welt beraten wird, und die Stadt erkl\u00e4rt sich bereit, f\u00fcr diese gro\u00dfen und zukunftsweisenden Aufgaben den geeigneten Rahmen zu schaffen. Die Bauvorhaben, die dem Forum vorausgehen sollen, sind gigantisch. Man hat, sehr zeitgem\u00e4\u00df, erkannt, da\u00df Barcelona als &#8222;Hauptstadt einer humanen Globalisierung&#8220; im Stadtmarketing ein Schlager w\u00e4re. Und selbst beim Schulterschlu\u00df mit wirklichen Gegnerinnen und Gegnern der kapitalistischen Globalisierung &#8211; denn es ist kaum wahrscheinlich, da\u00df zumindest die Stars der Bewegung eine Einladung nach Barcelona ausschlagen werden &#8211; ist wenig zu verlieren.<\/p>\n<h3>Das Ende des Poble Nou<\/h3>\n<p>Tats\u00e4chlich handelt es sich bei dem von zwei Architekten entworfenen Projekt des Forum 2004 um nichts als eine der \u00fcblichen, sprunghaften Stadtentwicklungen Barcelonas, bei denen eine zutiefst korrupte Bauwirtschaft, gl\u00fccklich verfilzt mit politischen Honoratioren der autonomen Verwaltung Kataloniens, die Kasse klingeln l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Ganz wie zu Zeiten der Weltausstellungen von 1888 und 1929, die Mendoza in &#8222;Die Stadt der Wunder&#8220; beschreibt, profiliert sich eine Clique von Spekulanten und Investoren, die sich ihre Traumstadt basteln und sich an Gro\u00dfauftr\u00e4gen gesund sto\u00dfen. Soziales spielt dabei nur insofern eine Rolle, als man es werbewirksam vermarkten kann; als es dem freigeistigen und progressiven Ruf Barcelonas Rechnung tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Die Einwohnerinnen und Einwohner des Poble Nou, eines der wenigen noch weitgehend proletarischen Stadtviertels zwischen dem Meer und der Sagrada Familia im Osten der Stadt, werden die &#8222;weltver\u00e4ndernde [&#8230;] Tragweite&#8220; des Forums zu sp\u00fcren bekommen. Die Planer brauchen Platz f\u00fcr &#8222;12 Kongresss\u00e4le, ein Pressezentrum und eine Produktionsst\u00e4tte des staatlichen Fernsehens&#8220;. Der gesamte S\u00fcdosten soll eingestampft und neubebaut werden, und gut ein Drittel der alten, dicht bewohnten Geb\u00e4ude des Poble Nou wird die Abrissbirne zu schmecken bekommen. Damit verschwindet freilich eines der letzten innenstadtnahen Viertel, in denen sich auch bei schmalerem Geldbeutel einigerma\u00dfen leben lie\u00df. Man merke: &#8222;Nachhaltigkeit&#8220;.<\/p>\n<p>Die &#8222;Umgestaltung von Poble Nou&#8220; hat noch einen weiteren, gar nicht &#8222;weltbewegenden&#8220; Hintergrund. Denn wie eine Wand, die das Viertel mit seinen alten Lagerhallen, Mietskasernen und dem Gef\u00e4ngnis vom Meer trennt, zieht sich eine moderne Betonpromenade mit Jachth\u00e4fen und Luxushotels an der K\u00fcste entlang: der Passeig Maritim. W\u00e4hrend der letzten Olympiade begonnen, ist diese Flaniermeile der Reichen und Sch\u00f6nen nie fertiggestellt worden. Sie endet gut anderthalb Kilometer vor dem Riu Bes\u00f3s, einem der zwei Barcelona gleichsam einrahmenden Fl\u00fcsse, in einer enormen Industriebrache.<\/p>\n<p>Dort soll nun ein moderner Park entstehen, bescheidene 25 Hektar gro\u00df, in dem die zum Forum erwarteten Massen begr\u00fc\u00dft und &#8222;abgefertigt&#8220; werden. Das Forum wird Barcelona endg\u00fcltig zu einem durchgehenden Spazierweg in Meeresn\u00e4he verhelfen. So etwas schreibt man nat\u00fcrlich lieber nicht ins Programm.<\/p>\n<h3>R\u00e4umung f\u00fcr die &#8222;Stadt der Zukunft&#8220;<\/h3>\n<p>Gleichzeitig und gleichsam als Begleitprogramm sollen die vier \u00e4ltesten besetzten H\u00e4user der Stadt, darunter die traditionsreiche Casa de la Muntanya, bis Mai der neuen Welt des Forums weichen. Sie liegen \u00fcber die gesamte Stadt verteilt und werden offensichtlich eher als imagesch\u00e4digend denn als l\u00e4stig im Weg stehende, bewohnbare Bausubstanz angesehen. Schon jetzt wird in Katalonien die Repressionsschraube gegen Hausbesetzerinnen und Hausbesetzer angezogen. Blutiger H\u00f6hepunkt war die brutale R\u00e4umung des in Valencia besetzten Teatre Princesa, das die Polizei w\u00e4hrend einer angemeldeten Feier durch die Fenster mit Gasgranaten bescho\u00df. Einer der Besetzer, der versuchte, vor den Tr\u00e4nengasschwaden zu fliehen, wurde auf dem Treppenabsatz von der Guardia Civil gestellt &#8211; und erschlagen. Bei den sich anschlie\u00dfenden Massenprotesten kam es zu weiteren Gewaltt\u00e4tigkeiten und zahlreichen Festnahmen. Drei valenzianische Anarchisten wurden sechs Monate in Haft gehalten, bis ein Gericht kleinlaut zugeben mu\u00dfte, die Anklage, sie h\u00e4tten eine &#8222;bewaffnete Gruppe&#8220; bilden wollen, sei an den Haaren herbeigezogen. Daf\u00fcr ist nun ganz Spanien \u00fcbers\u00e4ht mit Graffitis, die die Freilassung der &#8222;Gefangenen von Valencia&#8220; fordern. Ganz offensichtlich meinen die Macher des Forum 2004, wenn sie von Kultur reden, nicht eigenverantwortliche und selbstgestaltete Kultur von unten, und auch der soziale Friede der Stadt kann kaum gemeint sein, wenn immer wieder von &#8222;la paz&#8220; die Rede ist. Die neue Welt des Forums ist eine Mischung aus Glamour, Geld, Beton und Polizei.<\/p>\n<p>Der Widerstand gegen den architektonischen Gro\u00dfangriff formiert sich gleichwohl nur zaghaft und wird selbst im Poble Nou von der enormen Propagandawelle davon gesp\u00fclt. Bemerkenswert bleibt, da\u00df Werbung, Bauwut und das gro\u00dfe Geld mit der Sympathie, die viele Menschen der Anti-Globalisierungsbewegung und ihren Zielen entgegenbringen, bereits schwunghaft Gesch\u00e4fte machen. Als die Tupamaros in den sechziger Jahren mit spektakul\u00e4ren und weiten teils unblutigen Aktionen der Staatsmacht Uruguays auf der Nase herumtanzten, brachte VW Deutschland einen knatschgr\u00fcnen K\u00e4fer, &#8222;Modell Tupamaros&#8220;, heraus, der zum Verkaufsschlager des Konzerns avancierte.<\/p>\n<p>Will man dergleichen bei Kernbegriffen des Anti-Globalisierungsprotestes verhindern, sollte schleunigst ein Copyright auf linke Parolen beantragt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Barcelona ist und bleibt umflort vom Nimbus der ewigen Aufm\u00fcpfigkeit. 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