{"id":5928,"date":"2004-01-01T00:00:27","date_gmt":"2003-12-31T22:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5928"},"modified":"2022-07-26T14:15:09","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:09","slug":"fur-eine-gewaltfreie-herrschaftslose-gesellschaft-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/01\/fur-eine-gewaltfreie-herrschaftslose-gesellschaft-2\/","title":{"rendered":"F\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<h3>Teil 2: Interview mit Wolfgang<\/h3>\n<p><strong>GWR: Lieber Wolfgang, wie hast Du dich politisiert? Was waren wichtige Ereignisse in Deinem politischen Leben?<\/strong><\/p>\n<p>Wolfgang: Ich bin recht fr\u00fch an politischen Fragen interessiert gewesen. Dazu vielleicht etwas \u00fcber meinen famili\u00e4ren Hintergrund. Meine Eltern waren Bauern. Ihre Familien hatten bis zum Ende des 1.Weltkrieges in Westpreu\u00dfen gelebt, das mit dem Versailler Vertrag von 1919 polnisch wurde. Da meine Gro\u00dfeltern die polnische Staatsangeh\u00f6rigkeit nicht annehmen wollten, mu\u00dften sie Polen verlassen und siedelten Mitte der 20er Jahre in der Uckermark. Dort heirateten meine Eltern und mein Vater f\u00fchrte den Hof seiner verstorbenen Eltern fort. Im Zusammenhang mit dem Interessenverband der Siedler kam mein Vater in Kontakt mit rechten Gruppen und war schlie\u00dflich sehr angetan von den Nationalsozialisten, wenn er auch nicht mit allen Aspekten einverstanden war. So war eine seiner Thesen Ende der 30er Jahre, da\u00df die eigentliche Revolution erst noch kommt, n\u00e4mlich die Sozialisierung der Betriebe und vor allem die Kollektivierung der Landwirtschaft, die ihm als Bauer besonders am Herzen lag. Die &#8222;Zinsknechtschaft&#8220; brachte die Bauern damals in gro\u00dfe Bedr\u00e4ngnis und mein Vater erhoffte sich von der Kollektivierung eine L\u00f6sung dieser und weiterer Probleme b\u00e4uerlicher Arbeit. Bei Familienzusammenk\u00fcnften gab es mitunter lebhafte Diskussionen. Da waren unterschiedliche Positionen &#8211; christliches Engagement, linke Positionen und mein Vater mit seiner Naziposition, was meine Mutter nicht sonderlich gerne sah und was sicher auch zu der sp\u00e4teren Entfremdung zwischen meinen Eltern beigetragen hat. Diese Diskussionen faszinierten mich und ich erinnere mich, da\u00df noch gegen Ende der 30er Jahre einer meiner Onkel meinen Vater gelegentlich mit &#8218;Heil Moskau&#8216; und &#8218;Rot Front&#8216; begr\u00fc\u00dfte, worauf meiner Vater &#8218;Rot Front verrecke&#8216; zu erwidern pflegte.<\/p>\n<p>1939 kam ich mit 10 Jahren zum Jungvolk. Aber da wir auf einem Dorf lebten, passierte eigentlich wenig, au\u00dfer vielleicht mal ein Zeltlager im Sommer. In drei Jahren gab es einmal ein Wochenende mit Nachtmarsch, Liedersingen und \u00e4hnlichen Aktivit\u00e4ten. Ich ging zur Schule in die Kreisstadt und kam nachmittags kaum vor 15 Uhr nach Hause, was Teilnahme an Zusammenk\u00fcnften beim Jungvolk praktisch ausschlo\u00df. Die Indoktrinierung mit Nazi-Ideen geschah zu Hause durch meinen Vater. Allerdings waren da auch andere Einfl\u00fcsse. Ich ging zu einem Gymnasium, dessen Sch\u00fcler praktisch nur aus b\u00fcrgerlichen und adligen Kreisen kamen. Der &#8222;P\u00f6ks&#8220;, wie Jungvolk und Hitlerjugend ver\u00e4chtlich genannt wurde, war nicht beliebt. Die Jungen, die im Internat lebten, pflegten sich vor dem Dienst von Jungvolk und Hitlerjugend mittwochs und sonnabends zu dr\u00fccken, wo sie nur konnten, vor allem dann, wenn &#8222;Besuch&#8220; von Eltern oder Verwandten da war und der kam oft, in Wirklichkeit fast nie (Im Jungvolk war man von 10-14, in der Hitlerjugend von 14-18 Jahren).<\/p>\n<p>Mein Vater hatte Anfang der 30er Jahre einen Arbeitsunfall und verlor dabei ein Bein bis zum Knie. Da er die Arbeit auf dem Hof nicht mehr machen konnte, wurde meine Mutter Hebamme und mein Vater war Hausmann, eine v\u00f6llig ungew\u00f6hnliche Familienkonstellation zu der Zeit. 1942 zogen wir nach Brandenburg\/Havel. Auch dort war ich Fahrsch\u00fcler. Durch die vielen Fliegerangriffe hatten die Z\u00fcge viel Versp\u00e4tung und ich war oft erst am sp\u00e4ten Nachmittag zu Hause. Dienst bei der Hitlerjugend war l\u00e4ngst nicht immer m\u00f6glich, auch hatte ich zu manchen Aktivit\u00e4ten keine Lust. So nahm ich lange Zeit am Dienst nicht teil. Im Herbst 1944 schlie\u00dflich erwischten sie mich und steckten mich mit vielleicht 30 anderen in so etwas wie eine Strafeinheit. Wir waren an einem Sonntag in die HJ-Dienststelle beordert worden, wo wir unsere Gr\u00fcnde f\u00fcr unser Nichterscheinen darlegen mu\u00dften. Ich war einer der wenigen, dessen Erkl\u00e4rung von den HJ-F\u00fchrern akzeptiert wurde. Andere hatten es da viel schwerer und manche wurden im Verlauf des Verh\u00f6rs sogar geschlagen. Wir mu\u00dften von nun an sonntags vormittags Dienst tun, der aus Marschieren im Gel\u00e4nde und Schie\u00dfen auf dem Schie\u00dfstand bestand. Bemerkenswert dabei war, da\u00df keiner dieser 30 eine Uniform trug, was v\u00f6llig ungew\u00f6hnlich war, von den F\u00fchrern aber kritiklos hingenommen wurde &#8211; auch das ungew\u00f6hnlich. Der Dienst war gleichzeitig Dienst f\u00fcr den Volkssturm und bei Feindalarm sollten wir uns auf der Dienststelle melden. Als gegen Ende April 1945 die Russen vor Brandenburg standen und Feindalarm gegeben wurde, kam es mir \u00fcberhaupt nicht in den Sinn, da\u00df ich mich zu melden hatte. Nach einer kurzen Unterredung mit meinen Eltern habe ich mich aufs Fahrrad gesetzt und bin nach Westen gefahren. Meine Eltern gaben mir den Rat nach Westdeutschland zu Verwandten zu fahren. Ich war dann zwei Tage etwa 30 km westlich von Brandenburg und bin dann noch mal zur\u00fcckgefahren und wollte meine Eltern dazu bewegen mitzukommen. Wegen der Schie\u00dferein bin ich aber am Stadtrand wieder umgekehrt. Dort traf ich auf einen der h\u00f6heren HJ-F\u00fchrer Brandenburgs, der mich zwar kannte, aber nicht wu\u00dfte, wo er mich hinstecken sollte. Er hat vielleicht zehn Minuten versucht, etwas aus mir herauszukriegen und mir klarzumachen, da\u00df es meine Aufgabe sei, f\u00fcr F\u00fchrer und Vaterland zu k\u00e4mpfen, immerhin war ich 16 Jahre alt und die meisten meiner Klassenkameraden waren bereits Flakhelfer oder Soldaten. Ich habe mich aber so verhalten, da\u00df er nichts mit mir anfangen konnte und mich vielleicht auch geistig f\u00fcr etwas minderbemittelt hielt. Schlie\u00dflich hat er mich mit ungef\u00e4hr den Worten verabschiedet: &#8222;Wer nicht mit dem ganzen Herzen bei der Sache ist, den k\u00f6nnen wir nicht gebrauchen.&#8220; Mit gro\u00dfer Erleichterung habe ich mich aufs Rad geschwungen und bin eilig davongefahren. 30 km westlich traf ich auf meine Eltern und Schwester, die gerade noch rechtzeitig die Stadt mit dem Auto verlassen hatten. Als Hebamme geh\u00f6rte meine Mutter zu den Wenigen, die noch Auto fahren durften. Wir sind bis zur Elbe gefahren, haben das Auto dort stehen lassen und sind mit kleinen K\u00e4hnen \u00fcber die Elbe gesetzt, wo uns amerikanische Soldaten empfingen und uns zur\u00fcckschicken wollten. Meine Schwester, ihre Freundin und ich haben all unsere geringen Englischkenntnisse hervorgekramt und die Soldaten schlie\u00dflich dazu bewegen k\u00f6nnen, uns nicht zur\u00fcckzuschicken.<\/p>\n<p>Dies mag den Eindruck erwecken, als h\u00e4tte ich bei Kriegsende den Glauben an die Ideen des Nationalsozialismus aufgegeben. Das war keineswegs der Fall. Nat\u00fcrlich gab es Erfahrungen, die Zweifel m\u00f6glich machten. Auf der anderen Seite gab es jedoch massive Einflu\u00dfnahmen von vielen Seiten, nicht zuletzt die propagandistische Darstellung vom &#8222;heldenhaften&#8220; Kampf &#8222;unserer&#8220; Soldaten, die Begegnung mit Ritterkreuztr\u00e4gern, die Beeinflussung im Geschichts- oder Deutschunterricht u.\u00e4. Es gab in den letzten Kriegsjahren noch eine Reihe anderer Erfahrungen, die r\u00fcckblickend eigentlich einen fr\u00fcheren Bruch mit der Naziideologie h\u00e4tten zur Folge haben k\u00f6nnen. Gegen Ende 1943 habe ich zum ersten Mal von Konzentrationslagern erfahren, von Fremdarbeitern und Zwangsarbeitern, die der Sabotage verd\u00e4chtigt wurden, in Lager kamen, wo sie geschlagen oder sogar zu Tode gefoltert wurden. Im Fr\u00fchjahr 1944 hatten drei von uns eine Unterhaltung \u00fcber die Frage, ob der Krieg noch zu gewinnen sei und was ein verlorener Krieg wohl f\u00fcr uns bedeuten k\u00f6nnte. Im Winter sah ich die ukrainischen Frauen in Wattejacken und -hosen barfu\u00df in Holzschuhen durch die Stadt gehen und in M\u00fclltonnen nach Essensresten suchen. Das verursachte ganz unangenehme, fast schmerzhafte Gef\u00fchle. Verunsicherung war da, aber keine ernsthafte Infragestellung der Naziideologie. Ein wenig Opposition war auch da. Viele von uns h\u00f6rten die Feindsender, nicht so sehr wegen der Informationen, die da gegeben wurden, sondern wegen der Jazzmusik, die wir liebten und bewunderten und die von HJ-Seite verp\u00f6nt und verboten war. Auch erreichten uns Nachrichten \u00fcber die Edelwei\u00dfpiraten, wenn wir auch nicht alle Einzelheiten kannten, so war doch Bewunderung f\u00fcr sie da.<\/p>\n<p>Diese Erfahrungen w\u00e4hrend der Nazizeit waren von ganz entscheidender Bedeutung f\u00fcr mich. Eine bewu\u00dfte und systematische Auseinandersetzung damit setzte etwa drei bis vier Jahre nach Kriegsende ein. In den letzten Monaten unserer Schulzeit hatten wir einen Lehrer, der uns dazu brachte, unsere Besch\u00e4ftigung mit der Philosophie im sokratischen Gespr\u00e4ch zu f\u00fchren. Diese Methode bietet die M\u00f6glichkeit zur gewalt- und herrschaftsfreien Diskussion philosophisch-politischer Fragen. Sie erfordert viel Bereitschaft zu aktiver Mitarbeit, zum Sich-\u00d6ffnen f\u00fcr die Argumente der anderen und Infragestellen der eigenen Denkgewohnheiten. Das alles war f\u00fcr uns, die wir die Nazizeit recht bewu\u00dft erlebt und in lebhafter Erinnerung hatten, eine enorme Herausforderung. Der Altersunterschied in der Klasse betrug \u00fcber 10 Jahre. Die \u00c4lteren waren Soldat und zwei sogar Offizier gewesen, einer davon in der Waffen-SS. Vor allem durch diesen Lehrer sind wir alle unsere &#8222;Nazi-Hangups&#8220; gr\u00fcndlich losgeworden. Von ihm h\u00f6rten wir zum ersten Mal von einem Sozialismus freiwilliger Zusammenschl\u00fcsse, von gegenseitiger Hilfe, von der Notwendigkeit von Gewerkschaften ohne Hierarchie und B\u00fcrokratie, damit die Kontrolle \u00fcber die Entscheidungen durch die Arbeitenden gew\u00e4hrleistet ist. Er beteiligte sich, wie ich sp\u00e4ter erfuhr, an der Arbeit der Freien B\u00fcchergilde. Eine wichtige Frage, die wir mit ihm diskutierten, war die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Ein Aspekt dabei war die Sache, da\u00df zu Hause und in der Schule M\u00e4dchen klar gemacht wurde, da\u00df ihre St\u00e4rke im gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfigen Bereich liegt. In der Schule, so wurde erz\u00e4hlt, liege ihre St\u00e4rke im Sprachlichen, die Sache der exakten und Naturwissenschaften dagegen sei mehr eine Sache der M\u00e4nner. Solche Ansichten zu \u00fcberpr\u00fcfen, dazu hatten wir in der Klasse gute Gelegenheit, denn zu den Besten in Mathematik, Physik und Chemie geh\u00f6rten Frauen.<\/p>\n<p>Zwischen 1960 und 1965 lebte ich in Hannover und kam durch den Ostermarsch gegen Atomwaffen in Kontakt mit einem kleinen Freundeskreis, der sich um die Kriegsdienstverweigerung herum gebildet hatte. Die Besch\u00e4ftigung mit den Atomwaffen, der Kriegsdienstverweigerung, der R\u00fcstung, dem Pazifismus f\u00fchrte uns zu Gandhi, dessen Technikkritik uns ansprach und die wir durch G\u00fcnter Anders best\u00e4tigt und im westlichen Kontext vertieft sahen. Die These der Organisatoren des Ostermarsches, die damals die friedliche Nutzung der Atomspaltung bef\u00fcrworteten, fand bei uns nicht viel Zustimmung, was auf viel Unverst\u00e4ndnis, ja sogar Mi\u00dftrauen stie\u00df. Das Mi\u00dftrauen war auch an anderer Stelle da, beispielsweise bezogen auf den Kommunismus-Antikommunismus. Noch etwa 15 Jahre sp\u00e4ter, als der Gewaltlose Marsch f\u00fcr Entmilitarisierung in Deutschland stattfand, sagte mir ein Freund aus Italien, der an der Organisierung des Marsches beteiligt war, da\u00df die emotional aufgeladene Atmosph\u00e4re in Bezug auf den Ost-West Konflikt in Deutschland, auch innerhalb der Friedensbewegung, ihn \u00fcberrascht h\u00e4tte. Er meinte, da\u00df sie es in der Friedensbewegung in Italien auch nicht gerade leicht h\u00e4tten angesichts der St\u00e4rke der italienischen Kommunistischen Partei und deren Friedensableger, er also einiges gewohnt sei. Anfang der 60er Jahre war dieses Problem noch viel st\u00e4rker und das bekamen wir bei jeder Veranstaltung und den Infotischen zu sp\u00fcren, die wir zur Vorbereitung der Osterm\u00e4rsche durchf\u00fchrten, zu Hiroshima- und Nagasaki-Gedenktagen, zum Antikriegstag und \u00e4hnlichen Gelegenheiten. Bei Infotischen auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen bildeten sich Menschentrauben, in denen wild durcheinander diskutiert wurde und kaum jemand auf den anderen h\u00f6rte. Ja, es kam vor, da\u00df Menschen sich anschrieen und beleidigten. Ich denke, da\u00df das ein wenig die Probleme unserer damaligen Arbeit kennzeichnet.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie kamst Du zum gewaltfreien Anarchismus?<\/strong><\/p>\n<p>Wolfgang: Durch viele und sehr unterschiedliche Anregungen &#8211; Landauer, Kropotkin, Tolstoi um nur einige Namen zu nennen -, n\u00e4herten wir uns allm\u00e4hlich dem Anarchopazifismus. Als wir dann zum Ostermarsch 1965 die erste Nummer der vervielf\u00e4ltigten Zeitschrift Direkte Aktion (1) herausbrachten, war das schon praktisch am Ende meiner Hannoverschen Zeit. Wir kamen auch in Kontakt zu anderen Anarchisten. So nahmen einige von uns an einer Tagung in B\u00fcckeburg teil, wo wir Genossen aus Belgien und den Niederlanden kennen lernten.<\/p>\n<p>Durch die Arbeit in den Organisationen der Kriegsdienstverweigerer kam ich in Kontakt mit deren Internationale, der War Resisters&#8216; International (WRI) (2) und nahm im Sommer 1963 an einer Studienkonferenz \u00fcber Gewaltlosigkeit und sozio-\u00f6konomische Ver\u00e4nderung teil. Dort traf ich auf Satish Kumar und E.P. Menon, die auf einem Marsch von Neu-Delhi nach Washington waren, um unterwegs Menschen zu treffen und mit ihnen \u00fcber die Gefahren von Krieg und Atomwaffen zu sprechen. Au\u00dfer in der Bundesrepublik Deutschland und in Frankreich trafen sie auch mit Ministerpr\u00e4sidenten oder Mitgliedern der Regierung der L\u00e4nder zusammen, die sie durchwanderten. In Frankreich planten sie w\u00e4hrend der Konferenz eine Demonstration vor dem Palais Elis\u00e9e, dem Amtssitz des franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten. Ole Bach aus D\u00e4nemark und ich erkl\u00e4rten uns bereit, daran teilzunehmen. Die Ausgangsfrage der Konferenz war, ob Abr\u00fcstung Frieden schaffen kann oder ob auch grundlegende Ver\u00e4nderungen in der Gesellschaft dazu erforderlich sind. Dabei wurde dann diskutiert, welche Rolle Gewaltlosigkeit f\u00fcr grundlegende politische, soziale und \u00f6konomische Ver\u00e4nderungen spielen kann.<\/p>\n<p>Die Erkl\u00e4rung, die bei der Konferenz herauskam, war umfassend, aber auch etwas allgemein. An einem Punkt war es dann aber doch sehr konkret. Lanza del Vasto, der Gr\u00fcnder der Arche, einer kommuneartigen religi\u00f6sen Gemeinschaft, nahm an der Konferenz teil und lud uns ein, die Archegemeinschaft, die sich damals in der N\u00e4he von Boll\u00e8ne, n\u00f6rdlich von Avignon, etwas oberhalb der Rhone befand, zu besuchen. Ole Bach und ich fuhren gemeinsam hin und erlebten eine eigenartige, fremdartige und doch anziehende Gemeinschaft. Unter dem Einflu\u00df Gandhis waren Technikkritik, Handarbeit und Selbstversorgung wesentliche Aspekte ihres Lebens. Einer meiner ersten Eindr\u00fccke war, da\u00df ich mich um etwa 200 Jahre zur\u00fcckversetzt f\u00fchlte. So wurde beispielsweise Elektrizit\u00e4t nicht benutzt. Ein anderer Aspekt dieser Gemeinschaft war ihre politische Ausstrahlung. Sie hatten einen wichtigen Beitrag zum Widerstand gegen den Algerienkrieg geleistet &#8211; und spielten 15 Jahre sp\u00e4ter eine \u00e4hnliche Rolle im Widerstand gegen den Truppen\u00fcbungsplatz auf dem Larzac.<\/p>\n<p>Dies waren Dinge, die uns in Hannover interessierten. Anschlie\u00dfend an den Besuch in der Arche fuhren Ole und ich nach Lyon und nahmen an einem Wochenendseminar teil, bei dem ich zum ersten Mal ein Rollenspiel erlebte, wobei Lanza del Vasto die Rolle eines Demonstranten spielte, der von Polizei festgenommen wurde. Das war f\u00fcr uns eine Art Vorbereitung f\u00fcr die Demo in Paris. Dort trafen wir vier unsere letzten Vorbereitungen bei Freunden der Arche und fuhren mit einem Transparent zum Palais Elisee. Wir hatten uns kaum vor dem Geb\u00e4ude aufgestellt, als wir auch schon eingeladen wurden, ins Geb\u00e4ude zu kommen und wurden nach einem etwa zweist\u00fcndigen Gespr\u00e4ch mit einem hohen Beamten ins Gef\u00e4ngnis gebracht, wo wir drei Tage und N\u00e4chte auf stinkenden, verpi\u00dften Matratzen verbrachten, unterbrochen von t\u00e4glichen Verh\u00f6ren. Nach drei Tagen wurden Ole und ich in Handschellen mit dem Zug \u00fcber Stra\u00dfburg nach Deutschland gebracht. In Verbindung damit ereignete sich eine kleine Begebenheit etwa 13 Jahre sp\u00e4ter am gleichen Grenz\u00fcbergang. Wir wollten zu dritt mit dem Auto einreisen, um in Paris an einer Gerichtsverhandlung eines franz\u00f6sischen Totalverweigerers teilzunehmen. Wir wurden kontrolliert und sie hatten eine klitzekleine Karteikarte von mir, kaum gr\u00f6\u00dfer als ein Spickzettel. Da es um Mitternacht war, mu\u00dften wir mehrere Stunden warten, bis die Grenzer gegen Morgen Kontakt mit dem Innenministerium bekamen, um zu erfahren, da\u00df ich einreisen durfte.<\/p>\n<p>Anfang 1964 war ich drei Monate in Gro\u00dfbritannien und erhielt Kontakt zu einer Reihe von Gruppen und Organisationen in London, Wales, Birmingham und Schottland. In Glasgow arbeitete ich eine Weile in der Factory for Peace. Nat\u00fcrlich war ich auch einige Tage im B\u00fcro der WRI und beim Komitee der Hundert, dem radikalen Fl\u00fcgel mit direkten gewaltlosen Aktionen der Bewegung gegen Atombomben. Eine Weile nach diesem Aufenthalt bekam ich die Anregung, mich f\u00fcr eine freie Stelle bei der WRI zu bewerben.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie hast Du Helga kennen und lieben gelernt?<\/strong><\/p>\n<p>Im Sommer 1964 fand in Offenbach eine Studienkonferenz der WRI zum Thema Gewaltlose Konfliktl\u00f6sung statt, besonders bezogen auf Deutschland und Berlin. Dort lernte ich Helga kennen und f\u00fchlte mich augenblicklich zu ihr hingezogen. Am dritten Tag der Konferenz war eine Fahrt nach Heidelberg auf dem Plan, und dort, besonders bei einer Besichtigung des Heidelberger Schlosses, kamen wir uns sichtbar n\u00e4her. Ich habe sie dann ein oder zwei Wochen sp\u00e4ter bei ihren Eltern in Kassel besucht. Lebhaft erinnere ich mich an einen Besuch der Documenta (Weltausstellung der Gegenwartskunst). Dort ist mir zum ersten Male aufgefallen, welche Ver\u00e4nderungen in der Konzeption von Kunst stattfanden. 1977 als wir die Koordinationsarbeit f\u00fcr die Gewaltfreien Aktions- und Graswurzelgruppen machten, hatten wir Gelegenheit, an einer Documenta aktiv teilzunehmen. In der B\u00fcrgerinitiative gegen Atomkraftwerke hatten wir eine Freundin von Beuys kennen gelernt, die den Vorschlag machte, da\u00df wir in Beuys&#8216; Raum mit der Honigpumpe an mehreren Tagen das Programm gestalten k\u00f6nnten. Dazu kamen dann einige FreundInnen aus den GA-Gruppen nach Kassel und zusammen haben wir zu den verschiedenen Aspekten Gewaltloser Revolution diskutiert. Die Veranstaltungen waren recht gut besucht und Beuys sa\u00df im Hintergrund auf einer Leiter, h\u00f6rte aufmerksam zu und war sehr beeindruckt.<\/p>\n<p>Im Oktober 1965 ging ich nach London, um im B\u00fcro der War Resisters&#8216; International zu arbeiten. Die n\u00e4chsten acht Jahre in England wurden zu den wichtigsten Erfahrungen meines Lebens. Sie brachten eine enorme \u00d6ffnung meines Lebenshorizontes. Sie f\u00fchrten aus der Enge und Dumpfheit und konfrontativen Atmosph\u00e4re deutscher Gesellschaft in eine viel offenere und freiere Gesellschaft, die zwar auch ihre Grenzen und Vorurteile hatte, wo aber ein gro\u00dfer Unterschied sofort sp\u00fcrbar war. Jahre sp\u00e4ter habe ich Popper gelesen &#8211; Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde &#8211; und sah, da\u00df Popper einige Jahrzehnte vorher \u00e4hnliche Erfahrungen gemacht hatte.<\/p>\n<p>Die Arbeit in der WRI brachte mir neue Einsichten in die Entwicklung des Pazifismus und der Gewaltlosigkeit, und ich lernte Pers\u00f6nlichkeiten kennen, die f\u00fcr die Entwicklung von Ideen und Aktionen eine wichtige Rolle gespielt haben. Das will ich an ein oder zwei Beispielen deutlich machen.<\/p>\n<p>Die Kriegsdienstverweigerer des 1. Weltkrieges, die in der WRI eine gro\u00dfe Rolle spielten, und von denen ich noch einige kennen lernte, stehen am Anfang einer neuen Widerstandsbewegung gegen Krieg. Bis dahin war Kriegsdienstverweigerung vor allem an religi\u00f6se Gruppen und Inhalte gekoppelt. Jetzt erhielt Kriegsdienstverweigerung einen universellen Anspruch. Sie stand allen Menschen offen. Kriegsdienstverweigerung wurde zu einer politischen Kraft.<\/p>\n<p>Die KDVer des 1.Weltkrieges sagten von sich, &#8222;Kriegsdienstverweigerer sind dagegen die hartn\u00e4ckigsten K\u00e4mpfer, welche die Welt je gesehen hat. Nicht Frieden wollen sie, sondern Revolution &#8211; eine Revolution des Geistes, die eine neue Gesellschaftsordnung herbeif\u00fchren und eine Welt schaffen wird, in der alle Menschen gemeinsam f\u00fcr das Wohl aller arbeiten.&#8220; (aus Der Durchbruch von Runham Brown, War Resisters&#8216; International 1930). Die Kriegsdienstverweigerer des 1. Weltkrieges legten den Grundstein zu einer Entwicklung, die in den sp\u00e4ten 60er Jahren konkretere Formen annahm, n\u00e4mlich der Entwicklung hin zur Aufnahme der Kriegsdienstverweigerung in den Menschenrechtskatalog der Vereinten Nationen.<\/p>\n<p>Eine andere Frage, auf die ich aufmerksam wurde, war die Beziehung zwischen Gandhis Ideen der Gewaltlosigkeit und dem Pazifismus. Generalsekret\u00e4r der WRI war Devi Prasad, der die letzten Jahre vor Gandhis Tod in Gandhis Ashram gelebt hatte. Er half Ideen Gandhis in die Arbeit der WRI und damit auch in den Pazifismus des Westens einzubringen. So beispielsweise die Frage grunds\u00e4tzlicher gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen als Herausforderung f\u00fcr die Anh\u00e4nger der Gewaltlosigkeit und als notwendiges Element f\u00fcr eine Welt ohne Krieg. Diese Entwicklung fand einen ersten H\u00f6hepunkt auf der Internationalen WRI-Konferenz 1969, auf der ein Manifest f\u00fcr eine Gewaltlose Revolution ins Auge gefa\u00dft wurde. Der &#8222;Entwurf f\u00fcr ein Manifest f\u00fcr eine Gewaltlose Revolution&#8220; wurde dann der Internationalen WRI-Konferenz 1972 von George Lakey vorgelegt.<\/p>\n<p>Dies alles hatte bereits eine 20j\u00e4hrige Vorgeschichte. Gandhi selbst hatte ein Treffen mit f\u00fchrenden Pazifisten Europas und der USA vorgeschlagen, das ein Jahr nach Gandhis Tod in Indien als Weltkonferenz der Pazifisten stattfand.<\/p>\n<p>Kriegsdienstverweigerer des 2. Weltkrieges in den USA haben in den Gef\u00e4ngnissen und Lagern Gandhi studiert und diskutiert, wie sie diese Ideen sp\u00e4ter umsetzen k\u00f6nnten. Im Gef\u00e4ngnis selbst haben sie sogar damit angefangen und Aktionen durchgef\u00fchrt, um die Lebensbedingungen f\u00fcr die Gefangenen zu verbessern.<\/p>\n<p>Ich entdeckte, da\u00df die Entwicklung im Pazifismus in den USA und Gro\u00dfbritannien, besonders mit der Praxis von Gewaltloser (Direkter) Aktion und Zivilem Ungehorsam, der Entwicklung in Deutschland und vielen anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern um Jahrzehnte voraus war. Literatur zu diesen Fragen war in Deutschland, aber auch anderen L\u00e4ndern Europas nur wenigen bekannt. Menschen, die sich mit solchen oder verwandten Fragen befa\u00dften, wie Nikolaus Koch in Dortmund in den 50er und 60er Jahren, fanden nur wenig Resonanz.<\/p>\n<p><strong>GWR: Als die Graswurzelrevolution 1972 in Augsburg gegr\u00fcndet wurde, hast Du mit Helga in London f\u00fcr die War Resisters&#8216; International gearbeitet. Wie seid Ihr zur Graswurzelrevolution gekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Wolfgang: 1972 auf der Internationalen WRI-Konferenz in England sahen wir die erste Nummer der Graswurzelrevolution und lernten den Redakteur Wolfgang Hertle kennen. Die Zeitung gefiel uns, und als Helga und ich ein Jahr sp\u00e4ter nach Deutschland zur\u00fcckkehrten, stellten wir bald die Kontakte her. 1974 fingen wir mit der Arbeit in der Graswurzelwerkstatt an, der Koordinierungsarbeit f\u00fcr die GAs und Graswurzelgruppen. Und solange die Redaktion der GWR in Berlin war, sind wir immer mal nach Berlin gefahren, um an der Redaktionsarbeit teilzunehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teil 2: Interview mit Wolfgang GWR: Lieber Wolfgang, wie hast Du dich politisiert? Was waren wichtige Ereignisse in Deinem politischen Leben? Wolfgang: Ich bin recht fr\u00fch an politischen Fragen interessiert gewesen. Dazu vielleicht etwas \u00fcber meinen famili\u00e4ren Hintergrund. Meine Eltern waren Bauern. 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