{"id":5961,"date":"2004-02-01T00:00:49","date_gmt":"2004-01-31T22:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5961"},"modified":"2022-07-26T14:24:36","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:36","slug":"gewaltloser-widerstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/02\/gewaltloser-widerstand\/","title":{"rendered":"&#8222;Gewaltloser Widerstand&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Im Januar vorigen Jahres versammelten sich Tausende von uns aus der ganzen Welt im brasilianischen Porto Alegre und erkl\u00e4rten: &#8222;Eine andere Welt ist m\u00f6glich.&#8220; Ein paar tausend Meilen weiter n\u00f6rdlich dachten in Washington George Bush und seine Berater das gleiche. Unser Projekt war das Weltsozialforum. Ihr Ziel war es, das voranzubringen, was viele &#8222;Das Projekt f\u00fcr das neue amerikanische Jahrhundert&#8220; nennen.<\/p>\n<p>In gro\u00dfen St\u00e4dten Europas und Amerikas, wo solche Dinge noch vor ein paar Jahren nur gefl\u00fcstert worden w\u00e4ren, sprechen Menschen nun offen von den guten Seiten des Imperialismus und von der Notwendigkeit eines starken Imperiums, um eine aufs\u00e4ssige Welt zu \u00fcberwachen. Die neuen Missionare wollen Ordnung auf Kosten von Gerechtigkeit. Disziplin auf Kosten von W\u00fcrde. Und \u00dcberlegenheit um jeden Preis. Gelegentlich werden einige von uns eingeladen, das Problem auf &#8222;neutralen Plattformen zu debattieren&#8220;, die von Medienkonzernen gestellt werden. Imperialismus debattieren ist ein bisschen wie das F\u00fcr und Wider von Vergewaltigung abzuw\u00e4gen. Was k\u00f6nnen wir dazu sagen? Dass uns so was wirklich fehlt?<\/p>\n<p>Jedenfalls ist ein neuer Imperialismus bereits \u00fcber uns gekommen. Es ist eine umgemodelte, modernisierte Fassung dessen, was wir einst kannten. Erstmals in der Geschichte hat ein einziges Imperium mit einem Waffenarsenal, das die Welt an einem Nachmittag ausl\u00f6schen kann, die vollst\u00e4ndige, unipolare wirtschaftliche und milit\u00e4rische Hegemonie. Es wendet verschiedene Waffen an, um unterschiedliche M\u00e4rkte aufzubrechen. Es gibt kein Land auf Erden, das sich nicht im Fadenkreuz amerikanischer Marschflugk\u00f6rper und IWF-Scheckb\u00fccher befindet. Argentinien ist das Modell f\u00fcr die Titelfigur des neoliberalen Kapitalismus, Irak hingegen das schwarze Schaf.<\/p>\n<p>Arme L\u00e4nder, die geopolitisch von strategischem Wert f\u00fcr das Imperium sind oder einen &#8222;Markt&#8220; haben, der privatisiert werden kann, oder wertvolle nat\u00fcrliche Ressourcen wie \u00d6l, Gold, Diamanten, Kobalt, Kohle besitzen, m\u00fcssen sich wie angeordnet verhalten, oder sie werden zu milit\u00e4rischen Zielen. Jene mit den gr\u00f6\u00dften nat\u00fcrlichen Reicht\u00fcmern sind am meisten gef\u00e4hrdet. Sollten sie nicht bereitwillig ihre Ressourcen der Konzernmaschinerie ausliefern, werden zivile Unruhen initiiert oder Kriege vom Zaun gebrochen. In diesem neuen Zeitalter des Imperiums, da nichts mehr so ist wie es scheint, d\u00fcrfen Manager interessierter Firmen au\u00dfenpolitische Entscheidungen beeinflussen. Das Zentrum f\u00fcr \u00d6ffentliche Integrit\u00e4t in Washington fand heraus, dass neun von 30 Mitgliedern des Ausschusses f\u00fcr Verteidigungspolitik der US-Regierung mit Unternehmen verbandelt waren, denen zwischen 2001 und 2002 Auftr\u00e4ge im Verteidigungssektor in H\u00f6he von 76 Milliarden Dollar zugeschanzt wurden.<\/p>\n<p>George Shultz, der fr\u00fchere US-Au\u00dfenminister, war Vorsitzender des Komitees f\u00fcr die Befreiung Iraks. Er sitzt auch im Aufsichtsrat der Bechtel-Gruppe. \u00dcber einen Interessenkonflikt im Kriegsfall gegen Irak befragt, sagte er: &#8222;Ich wei\u00df nicht, ob Bechtel daraus besonderen Nutzen ziehen w\u00fcrde. Aber wenn dort Arbeit verrichtet werden muss, dann ist Bechtel der Firmentyp, der das machen k\u00f6nnte. Aber niemand betrachtet das als etwas, von dem man profitiert.&#8220; Nach dem Krieg schloss Bechtel einen Vertrag \u00fcber 680 Millionen Dollar f\u00fcr den Wiederaufbau im Irak ab.<\/p>\n<p>Diese brutale Blaupause ist immer wieder verwendet worden &#8211; quer durch Lateinamerika, Afrika, Mittel- und S\u00fcdostasien. Das hat Millionen Menschenleben gekostet. Nat\u00fcrlich wird jeder Krieg des Imperiums zum gerechten Krieg erkl\u00e4rt. Das h\u00e4ngt zum gro\u00dfen Teil von der Rolle der Medienkonzerne ab. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Medienkonzerne das neoliberale Projekt nicht blo\u00df unterst\u00fctzen. Sie sind das neoliberale Projekt. Das ist keine moralische Position, die sie sich ausgesucht haben, sondern strukturell bedingt. Es ist wesentlich f\u00fcr die \u00d6konomien, wie die Massenmedien arbeiten. Viele Nationen haben &#8211; \u00e4hnlich wie Familien &#8211; entsetzliche Geheimnisse. Deshalb haben es die Medien oft gar nicht n\u00f6tig zu l\u00fcgen. Was betont und was weggelassen wird, z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Nehmen wir zum Beispiel an, Indien w\u00e4re als Ziel f\u00fcr einen gerechten Krieg ausgew\u00e4hlt worden. Die Tatsache, dass 80.000 Menschen seit 1989 in Kaschmir get\u00f6tet worden sind, die meisten von ihnen Muslime, und die meisten von ihnen durch indische Sicherheitskr\u00e4fte (was einen Jahresdurchschnitt von ungef\u00e4hr 6.000 ergibt); die Tatsache, dass im M\u00e4rz 2003 \u00fcber 2000 Muslime auf den Stra\u00dfen in Gujarat ermordet, dass Frauen von Gruppen vergewaltigt, Kinder bei lebendigem Leibe verbrannt und 150.000 Menschen aus ihren H\u00e4usern vertrieben wurden, w\u00e4hrend die Polizei und die Administration zuschauten und sich mitunter aktiv beteiligten; die Tatsache, dass niemand f\u00fcr diese Verbrechen bestraft und die Regierung, die das \u00fcberblickte, wieder gew\u00e4hlt wurde &#8211; all das w\u00fcrde den internationalen Zeitungen perfekte Schlagzeilen zur Vorbereitung eines Krieges liefern. Weiter wissen wir, dass unsere St\u00e4dte von Marschflugk\u00f6rpern dem Erdboden gleichgemacht w\u00fcrden, unsere D\u00f6rfer mit Stacheldraht umz\u00e4unt, US-Soldaten durch unsere Stra\u00dfen patrouillieren w\u00fcrden und Narendra Modi, Pravin Togadia oder irgendein anderer popul\u00e4rer Eiferer zu besten TV-Sendezeiten sich &#8211; wie Saddam Hussein im US-Gewahrsam &#8211; ihr Haar nach L\u00e4usen durchsuchen und ihre Zahnf\u00fcllungen \u00fcberpr\u00fcfen lassen m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Aber solange unsere &#8222;M\u00e4rkte&#8220; offen sind, solange Enron, Bechtel, Halliburton, Arthur Andersen freie Hand gelassen wird, k\u00f6nnen unsere &#8222;demokratisch gew\u00e4hlten&#8220; F\u00fchrer sorglos die Linien zwischen Demokratie und Faschismus verwischen.<\/p>\n<p>Die feige Bereitschaft unserer Regierung, die stolze Tradition der Blockfreiheit aufzugeben, ihr Drang an die Spitze der komplett Gebundenen (die Modephrase lautet &#8222;nat\u00fcrliche Verb\u00fcndete&#8220;, zu denen Indien, Israel und die USA z\u00e4hlen) haben ihr Beinfreiheit gegeben, sich ohne Legitimit\u00e4tsverluste in ein repressives Regime zu verwandeln. Die Opfer einer Regierung sind nicht nur jene, die sie t\u00f6tet und einkerkert. Auch diejenigen m\u00fcssen zu ihnen gerechnet werden, die enteignet, vertrieben und zu einem Leben in Hunger und Entbehrung verurteilt werden. Millionen Menschen sind durch &#8222;Entwicklungsprojekte&#8220; enteignet worden. In den vergangenen 55 Jahren haben in Indien durch Gro\u00dfd\u00e4mme zwischen 33 und 55 Millionen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger ihre Siedlungsgebiete verloren. Sie haben keine Chance auf Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>In den letzten beiden Jahren gab es eine Reihe von Zwischenf\u00e4llen, bei denen die Polizei das Feuer auf friedlich Protestierende, meistens Dalits und Adivasi, er\u00f6ffnete. Die Armen und besonders die Dalits und Adivasi-Gemeinschaften werden get\u00f6tet, weil sie Forstland nutzen, und sie werden get\u00f6tet, wenn sie die Nutzung von Forstland f\u00fcr D\u00e4mme, den Bergbau, Stahlwerke und andere &#8222;Entwicklungsprojekte&#8220; zu verhindern suchen. In nahezu jedem Fall, in dem die Polizei schoss, behauptete die Regierung, die Polizei sei durch Gewaltakte provoziert worden. Jene, auf die geschossen wurde, werden sofort als Militante abgestempelt.<\/p>\n<p>Quer durchs Land hat man unschuldige Menschen, darunter auch Minderj\u00e4hrige, nach dem Gesetz zur Verhinderung von Terrorismus eingesperrt und h\u00e4lt sie ohne Prozess endlos fest. In der \u00c4ra des Krieges gegen den Terror wird Armut hinterh\u00e4ltig mit Terrorismus vermischt. In der \u00c4ra korporativer Globalisierung ist Armut ein Verbrechen. Protest gegen weitere Verarmung ist Terrorismus. Und nun sagt unser h\u00f6chstes Gericht sogar, Streiken ist ein Verbrechen. Kritik an den Gerichten ist selbstverst\u00e4ndlich auch ein Verbrechen.<\/p>\n<p>Wie der alte Imperialismus beruht auch der neue Imperialismus auf einem Netzwerk von Agenten, korrupten lokalen Eliten, die dem Imperium dienen. Wir alle kennen die schlimme Geschichte von Enron in Indien. Die damalige Regierung von Maharashtra schloss ein Abkommen \u00fcber Stromlieferungen, die Enron Profite in H\u00f6he von 60 Prozent des gesamten indischen Budgets f\u00fcr die landwirtschaftliche Entwicklung sicherten. Einem einzigen amerikanischen Unternehmen wurde ein Profit garantiert, der den Mitteln zur Entwicklung der Infrastruktur f\u00fcr etwa 500 Millionen Menschen entspricht!<\/p>\n<p>Anders als in den alten Zeiten muss der neue Imperialist sich nicht durch die Tropen schleppen, Malaria, Durchf\u00e4lle und einen fr\u00fchen Tod riskierend. Der neue Imperialismus kann per E-Mail stattfinden. Die vulg\u00e4ren, klassischen Rassisten des alten Imperialismus sind \u00fcberholt.<\/p>\n<p>Der Eckstein des neuen Imperialismus ist ein neuer Rassismus. (Hier folgt eine ausf\u00fchrliche Passage, in der Arundhati Roy ironisch Truth\u00e4hne, die nicht zum US-Erntedankfest auf dem Festtisch landen, mit den neuen, &#8222;sorgf\u00e4ltig gez\u00fcchteten Truth\u00e4hnen, den lokalen Eliten verschiedener L\u00e4nder, einer Gemeinschaft reicher Immigranten, von Investment-Bankern, Leuten wie Colin Powell oder Condoleezza Rice, einigen S\u00e4ngern und Schriftstellern&#8220; vergleicht, die sie als die im neuen Rassismus Beg\u00fcnstigten einordnet. &#8222;Die Millionen anderen verlieren ihre Jobs, werden aus ihren Wohnungen geworfen, bekommen Wasser und Strom abgedreht und sterben an AIDS&#8220;, sagt sie in diesem Kapitel.)<\/p>\n<p>Teil des Projekts neuer Rassismus ist neuer Genozid. In dieser \u00c4ra neuer wirtschaftlicher Interdependenz kann der neue Genozid durch \u00f6konomische Sanktionen gef\u00f6rdert werden.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, Bedingungen zu schaffen, die zum Massensterben f\u00fchren, ohne dass man Menschen direkt t\u00f6ten muss. Dennis Halliday, von 1997 bis 1998 UN-Koordinator f\u00fcr humanit\u00e4re Angelegenheiten in Irak (danach trat er angeekelt zur\u00fcck), verwendete den Begriff V\u00f6lkermord, um die Sanktionen gegen Irak zu beschreiben. Die Sanktionen, denen eine halbe Million Kinder zum Opfer fielen, stellten alle Bem\u00fchungen Saddam Husseins noch in den Schatten. In der neuen \u00c4ra ist Apartheid als formale Politik antiquiert und unn\u00f6tig.<\/p>\n<p>Internationale Handels- und Finanzinstrumente steuern ein komplexes System von Handelsgesetzen und Finanzabkommen, die die Armen ohnehin in ihren Bantustans festhalten. Ihr ganzer Zweck besteht darin, Ungleichheit zu institutionalisieren. Warum sonst w\u00fcrden die USA das Produkt eines Textilherstellers in Bangladesch zwanzigmal h\u00f6her besteuern als eins aus Gro\u00dfbritannien? Warum sonst produzieren L\u00e4nder mit 90 Prozent des Weltkakaoanbaus nur f\u00fcnf Prozent der Schokolade in der Welt? Warum sonst werden Kakao anbauende L\u00e4nder wie die Elfenbeink\u00fcste und Ghana durch Besteuerung vom Markt gedr\u00e4ngt, wenn sie versuchen, ihren Rohkakao in Schokolade zu veredeln? Warum sonst fordern reiche L\u00e4nder, die t\u00e4glich \u00fcber eine Milliarde Dollar f\u00fcr Agrarzusch\u00fcsse ausgeben, dass arme L\u00e4nder wie Indien alle Agrarsubventionen, einschlie\u00dflich der f\u00fcr Elektrizit\u00e4t, abbauen? Warum sonst stecken ehemalige Kolonien, die \u00fcber mehr als ein Jahrhundert lang von den Kolonialregimes ausgepl\u00fcndert wurden, in der Schuldenfalle genau dieser Regimes und zahlen ihnen 382 Milliarden Dollar pro Jahr zur\u00fcck?<\/p>\n<p>Aus all diesen Gr\u00fcnden war die Entgleisung der Handelsabkommen in Cancun so entscheidend f\u00fcr uns. Auch wenn unsere Regierungen versuchen, sich damit zu r\u00fchmen, wissen wir doch, dass dies das Resultat des Kampfes von vielen Millionen Menschen in sehr vielen L\u00e4ndern \u00fcber Jahre hinweg war. Was uns Cancun lehrte, ist, dass es, um wirklichen Schaden anzurichten und radikalen Wandel zu erzwingen, f\u00fcr lokale Widerstandsorganisationen von essentieller Bedeutung ist, internationale Allianzen zu schmieden.<\/p>\n<p>Von Cancun lernten wir die Bedeutung globalisierten Widerstands. Keine einzelne Nation kann sich dem Projekt der korporativen Globalisierung aus eigener Kraft widersetzen. Immer wieder haben wir erlebt, dass die Helden unserer Zeit schrumpfen, wenn es um das neoliberale Projekt geht. Au\u00dfergew\u00f6hnliche, charismatische M\u00e4nner, Giganten in Opposition, werden machtlos auf der globalen B\u00fchne, wenn sie Staatsoberh\u00e4upter werden. Ich denke hier an Pr\u00e4sident Lula von Brasilien. Lula war der Held des Weltsozialforums letztes Jahr. In diesem Jahr verwirklicht er eifrig die IWF-Richtlinien, reduziert Renten und entschlackt seine Arbeiterpartei von Radikalen. Ich denke auch an S\u00fcdafrikas Expr\u00e4sidenten Nelson Mandela. Innerhalb von zwei Jahren nach seinem Machtantritt machte seine Regierung einen Kniefall vor dem Gott der Marktwirtschaft. Sie f\u00fchrte ein massives Privatisierungs- und Strukturanpassungsprogramm ein, das Millionen Menschen ohne Obdach, arbeitslos, ohne Wasser und Strom hinterl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Warum passiert das? Es macht wenig Sinn, sich das Haar zu raufen und betrogen zu f\u00fchlen. Lula und Mandela sind in jeder Beziehung gro\u00dfartige Menschen. Aber in dem Moment, da sie von der Opposition ins Regierungslager wechselten, wurden sie zu Geiseln eines ganzen Spektrums von Bedrohungen, die \u00fcbelste davon die Drohung mit Kapitalflucht, die jede Regierung \u00fcber Nacht zu Fall bringen kann. Anzunehmen, dass das pers\u00f6nliche Charisma und ein kampferf\u00fcllter Lebenslauf das korporative Kartell anknacksen wird, bedeutet, dass man nicht verstanden hat, wie der Kapitalismus funktioniert und wie Macht ausge\u00fcbt wird. Radikaler Wandel wird nicht durch Regierungen ausgehandelt, er kann nur durch Menschen erzwungen werden.<\/p>\n<p>In dieser Woche werden auf dem Weltsozialforum einige der besten K\u00f6pfe der Welt Ideen dar\u00fcber austauschen, was um uns herum geschieht. Diese Gespr\u00e4che sch\u00e4rfen unsere Vision der Art von Welt, f\u00fcr die wir k\u00e4mpfen. Das ist ein wichtiger Prozess, der nicht untergraben werden darf.<\/p>\n<p>Dennoch besteht das Risiko, wenn auf Kosten wirklicher Aktion alle unsere Energien auf diesen Prozess gerichtet werden, dass das WSF, das eine entscheidende Rolle in der Bewegung f\u00fcr globale Gerechtigkeit gespielt hat, zu einem Guthaben unserer Feinde wird. Wir m\u00fcssen dringend unsere Strategien des Widerstands diskutieren.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen reale Ziele ins Visier nehmen und wirklichen Schaden anrichten.<\/p>\n<h3>Gandhis Salzmarsch war nicht lediglich politisches Theater.<\/h3>\n<p>Als in einem simplen Akt von Ungehorsam Tausende Inder zum Meer marschierten und dort ihr Salz gewannen, brachen sie das Gesetz der Salzsteuer. Das war ein direkter Schlag gegen den \u00f6konomischen Unterbau des britischen Empires. Er war real. Nachdem unsere Bewegung einige wichtige Siege errungen hat, d\u00fcrfen wir gewaltlosen Widerstand nicht zu ineffektivem, wohlgef\u00e4lligem politischem Theater verk\u00fcmmern lassen. Er ist eine sehr kostbare Waffe, die st\u00e4ndig gesch\u00e4rft und justiert werden muss. Es darf nicht zugelassen werden, dass er lediglich zum Spektakel, zu einem Fotomotiv f\u00fcr die Medien wird.<\/p>\n<p>Es war herrlich, als am 15. Februar vorigen Jahres zehn Millionen Menschen auf einer eindrucksvollen Demonstration \u00f6ffentlicher Moral, zehn Millionen Menschen auf f\u00fcnf Kontinenten gegen den Krieg in Irak marschierten. Es war wunderbar, aber es war nicht genug. Der 15. Februar war ein Wochenende. Niemand musste einen Arbeitstag verpassen. Feiertagsproteste stoppen keine Kriege. George Bush wei\u00df das. Die Selbstsicherheit, mit der er die \u00fcberw\u00e4ltigende \u00f6ffentliche Meinung missachtete, sollte uns allen eine Lehre sein. Bush glaubt, Irak kann okkupiert und kolonisiert werden, wie es mit Afghanistan geschieht, mit Tibet geschieht, mit Tschetschenien geschieht, wie es in Osttimor der Fall war und in Pal\u00e4stina noch der Fall ist. Er glaubt, dass er nur sitzen bleiben und warten muss, bis die \u00fcber Krisen berichtenden Medien dieses Thema bis auf die Knochen ausgeschlachtet haben, es fallen lassen und weiterziehen. Bald wird der Kadaver von den Bestseller-Charts rutschen, und wir, alle Emp\u00f6rten werden das Interesse daran verlieren. Das jedenfalls hofft er.<\/p>\n<p>Diese unsere Bewegung braucht einen gro\u00dfen, globalen Erfolg. Es reicht nicht, Recht zu haben. Manchmal ist es wichtig, etwas zu gewinnen, wenn auch nur, um unsere Entschlossenheit zu testen. Um etwas zu gewinnen, m\u00fcssen wir &#8211; alle, die sich hier und dort dr\u00fcben bei Mumbai Resistance versammelt haben &#8211; in einem Punkt \u00fcbereinstimmen: dass es nicht eine \u00fcbergreifende, vorherbestimmte Ideologie braucht, in die wir unsere gesch\u00e4tzten, aufr\u00fchrerischen argumentativen Ichs hineinzw\u00e4ngen. Es bedarf keines bedingungslosen Untertanengehorsams gegen\u00fcber der einen oder anderen Form von Widerstand, die alles andere ausschlie\u00dft. Ein Minimalprogramm k\u00f6nnte reichen.<\/p>\n<p>Wenn alle von uns wirklich gegen Imperialismus und gegen das Projekt des Neoliberalismus sind, dann lasst uns den Blick auf Irak richten. Irak ist die unvermeidliche Kulmination von beidem. Zahlreiche Kriegsgegner haben sich seit der Gefangennahme Saddam Husseins zur\u00fcckgezogen. Ist die Welt nicht besser ohne Saddam Hussein? fragen sie \u00e4ngstlich.<\/p>\n<p>Schauen wir der Sache ein f\u00fcr allemal ins Auge. Der Gefangennahme Saddam Husseins durch die US Army zu applaudieren und damit im Nachhinein ihre Invasion und Okkupation Iraks zu rechtfertigen, ist wie Jack the Ripper zu bewundern, weil er den Boston-W\u00fcrger ausgeweidet hat. Und das nach einem Vierteljahrhundert Partnerschaft, in der Schl\u00e4chter und W\u00fcrger ein gemeinsames Unternehmen betrieben. Es war ein innerbetrieblicher Streit. Sie waren Gesch\u00e4ftspartner, die sich wegen eines schmutzigen Deals entzweiten. Jack war der Chef des Unternehmens.<\/p>\n<p>Wenn wir also gegen den Imperialismus sind, sollten wir uns dann darauf einigen, dass wir gegen die US-Okkupation sind und dass wir glauben, dass die USA sich aus Irak zur\u00fcckziehen und dem irakischen Volk Reparationen f\u00fcr die Kriegssch\u00e4den zahlen m\u00fcssen? Wie beginnen wir unseren Widerstand? Beginnen wir mit etwas wirklich Kleinem. Die Frage ist nicht, den Widerstand in Irak gegen die Besatzung zu unterst\u00fctzen oder zu debattieren, wer genau zum Widerstand in Irak geh\u00f6rt. (Sind sie alte Baath-Killer? Sind sie islamische Fundamentalisten?) Wir m\u00fcssen der globale Widerstand gegen die Besatzung werden.<\/p>\n<p>Unser Widerstand muss mit der Zur\u00fcckweisung der Legitimit\u00e4t der US-Okkupation Iraks beginnen. Das bedeutet Handeln, um es dem Imperium unm\u00f6glich zu machen, seine Ziele zu erreichen. Es bedeutet, Soldaten sollten sich weigern zu k\u00e4mpfen, Reservisten sich weigern, eingezogen zu werden. Arbeiter sollten es ablehnen, Schiffe und Flugzeuge mit Waffen zu beladen. Es bedeutet auch, dass wir in L\u00e4ndern wie Indien und Pakistan die Pl\u00e4ne der US-Regierung, indische und pakistanische Soldaten zum Aufr\u00e4umen nach Irak zu schicken, zum Scheitern bringen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ich schlage vor, dass wir auf einer gemeinsamen Abschlusszeremonie von Weltsozialforum und Mumbai Resistance zwei wichtige Unternehmen ausw\u00e4hlen, die von der Zerst\u00f6rung Iraks profitieren. Wir k\u00f6nnten jedes Projekt, in das sie involviert sind, erfassen. Wir k\u00f6nnten ihre B\u00fcros in jeder Stadt und in jedem Land der Welt ausfindig machen. Wir k\u00f6nnten sie jagen, zur Schlie\u00dfung zwingen. Es ist die Frage, ob wir unsere kollektive Weisheit und Erfahrung aus vergangenen K\u00e4mpfen f\u00fcr ein einzelnes Ziel nutzen. Es ist eine Frage des Wunsches zu siegen.<\/p>\n<p>Das &#8222;Projekt f\u00fcr das neue amerikanische Jahrhundert&#8220; strebt danach, Ungleichheit fortzusetzen und amerikanische Hegemonie um jeden Preis, selbst wenn er apokalyptisch ist, zu errichten. Das Weltsozialforum verlangt Gerechtigkeit und \u00dcberleben.<\/p>\n<p>Aus diesen Gr\u00fcnden m\u00fcssen wir uns als im Krieg befindlich betrachten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Januar vorigen Jahres versammelten sich Tausende von uns aus der ganzen Welt im brasilianischen Porto Alegre und erkl\u00e4rten: &#8222;Eine andere Welt ist m\u00f6glich.&#8220; Ein paar tausend Meilen weiter n\u00f6rdlich dachten in Washington George Bush und seine Berater das gleiche. Unser Projekt war das Weltsozialforum. 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